Viele süße Getränke liefern mehr Zucker, als im Alltag auf den ersten Blick sichtbar wird. Nach Angaben der Verbraucherorganisation foodwatch nehmen Menschen in Deutschland im Schnitt 27 Gramm Zucker pro Tag allein über Getränke auf. Kinder und Jugendliche trinken demnach im Durchschnitt mehr als einen halben Liter gesüßte Getränke täglich. Ein 500-Milliliter-Trinkpäckchen Durstlöscher kommt laut foodwatch sogar auf 60 Gramm Zucker.
Genau daran entzündet sich die Debatte um eine Zuckersteuer. Die Abgabe ist inzwischen Teil eines konkreten Gesetzesvorhabens: Das Bundesgesundheitsministerium nennt sie in einem FAQ zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz als Instrument ab 2028, um Prävention zu stärken und die gesetzliche Krankenversicherung zu stabilisieren. Damit geht es nicht mehr nur um eine politische Forderung, sondern um eine Maßnahme, über die im Gesetzgebungsverfahren entschieden werden soll.
Der Bundestag befasste sich am 16. Juni 2026 mit dem Gesetz; die Anhörung im Gesundheitsausschuss war für den 22. Juni terminiert. Zugleich wächst der Druck auf die Bundesregierung aus zwei Richtungen: foodwatch fordert eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe, während die Industrie vor Belastungen für Wirtschaft und Arbeitsplätze warnt.
Was die Bundesregierung jetzt politisch entscheiden muss
foodwatch verlangt, dass die Steuer nicht als pauschale Abgabe ausgestaltet wird, sondern nach dem Zuckergehalt gestaffelt ist. Nach Ansicht der Organisation würde das einen klaren Anreiz schaffen, den Zuckergehalt in Getränken zu senken. Außerdem sollen nach ihrem Modell alle gezuckerten Getränke erfasst werden, auch milchbasierte Produkte und Getränke mit Süßstoffen.
Das unterscheidet sich teilweise von der bisherigen politischen Beschreibung. Das Gesundheitsministerium spricht in seinem FAQ von zuckergesüßten Getränken. Ob der Gesetzgeber die Abgabe am Ende enger oder weiter fasst, ist aus den vorliegenden Angaben noch nicht ersichtlich. Genau diese Ausgestaltung dürfte darüber entscheiden, wie stark die Wirkung im Alltag ausfällt.
Welche Argumente Befürworter anführen
Zur Begründung verweisen Befürworter vor allem auf drei Punkte: gesundheitliche Wirkung, mögliche Entlastung des Systems und internationale Erfahrungen. Nach einer Studie der Technischen Universität München könnte eine Zuckersteuer innerhalb von 20 Jahren gesellschaftliche Kosten in Höhe von 16 Milliarden Euro einsparen, davon rund vier Milliarden Euro im Gesundheitssystem. Die Finanzkommission Gesundheit rechnet zusätzlich mit jährlichen Einnahmen von rund 450 Millionen Euro.
Auch aus Großbritannien kommt Rückenwind für die Abgabe. Die britische Regierung berichtet, die Soft Drinks Industry Levy habe den Zuckergehalt der betroffenen Getränke bis 2024 im Schnitt um 47 Prozent gesenkt. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025, die 38 Einzelstudien auswertet, kommt zudem zu dem Ergebnis, dass die Steuer zu Reformulierungen, geringerem Zuckerkonsum und niedrigeren Kosten im Gesundheits- und Sozialwesen beigetragen habe, während die negativen wirtschaftlichen Effekte vergleichsweise klein geblieben seien.
Eine Studie aus England legt außerdem nahe, dass die Abgabe soziale Unterschiede verringern kann: Sie soll kariesbedingte Krankenhausaufnahmen von Kindern aus unterschiedlichen sozialen Gruppen reduziert haben. Das ist für die Debatte deshalb wichtig, weil zuckerhaltige Getränke gerade in einkommensschwächeren Haushalten häufiger konsumiert werden.
Was sich für Verbraucher und Familien ändern könnte
Für Verbraucherinnen und Verbraucher wäre vor allem entscheidend, welche Produkte tatsächlich unter die Abgabe fallen und wie stark Hersteller ihre Rezepturen anpassen. foodwatch argumentiert, dass das Getränkeangebot in Deutschland bislang stark überzuckert sei und zuckerarme oder ungesüßte Alternativen eher die Ausnahme blieben. Die Organisation verweist darauf, dass der Zuckergehalt von Getränken nach Angaben des Max Rubner-Instituts zwischen 2018 und 2024 nur um gut 9 Prozent gesunken sei.
Besonders relevant ist das aus Sicht von Familien. foodwatch weist darauf hin, dass Kinder und Jugendliche im Schnitt mehr als einen halben Liter gesüßte Getränke pro Tag trinken. Zugleich seien gerade Produkte, die an Kinder vermarktet werden, häufig besonders stark gezuckert. Als Beispiel nennt die Organisation ein 500-Milliliter-Trinkpäckchen mit 60 Gramm Zucker. Nach Angaben von foodwatch ist der Zuckergehalt von Kindergetränken zwischen 2019 und 2024 sogar um 23 Prozent gestiegen.
Offen bleibt allerdings, wie weit die geplante Steuer tatsächlich reicht. Unklar ist vor allem, ob die Einnahmen wie von foodwatch gefordert in Präventionsprogramme und Maßnahmen für gesunde Kinderernährung fließen oder primär zur Stabilisierung der Krankenkassen dienen sollen. Das Ministerium nennt bislang vor allem den Zusammenhang mit Prävention und GKV-Stabilisierung.
Entscheidend wird am Ende die Ausgestaltung
Die Debatte zeigt, dass Gesundheitsziele und Wirtschaftsinteressen hier direkt aufeinandertreffen. Die Getränkeindustrie warnt vor wirtschaftlichen Schäden und Belastungen für Unternehmen. Befürworter verweisen dagegen auf Studien, die eher auf veränderte Rezepturen, sinkenden Zuckerkonsum und begrenzte wirtschaftliche Nebenwirkungen hindeuten.
Für die politische Wirkung der Abgabe wird am Ende weniger die Überschrift als der genaue Gesetzestext entscheidend sein. Eine gestaffelte Steuer kann Hersteller stärker zum Umstellen bewegen als eine pauschale Abgabe. Ob die Bundesregierung diesen Weg im weiteren Verfahren konsequent verfolgt oder die Vorlage abschwächt, bleibt die zentrale Frage der kommenden Wochen.
Quellen
- BMG-FAQ zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz
- Bundestag: Befassung mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und Anhörung im Gesundheitsausschuss
- Britische Regierungsdaten zur Soft Drinks Industry Levy
- Studie der Technischen Universität München zu möglichen Einsparungen
- Max Rubner-Institut: Entwicklung des Zuckergehalts in Getränken 2018 bis 2024
- England-Studie zu kariesbedingten Krankenhausaufnahmen von Kindern