Fast 4.000 Ärzte fordern von Klingbeil sofortige Zuckersteuer auf Süßgetränke

Knapp 4.000 Ärztinnen und Ärzte fordern Bundesfinanzminister Lars Klingbeil in einem offenen Brief auf, eine Zuckersteuer auf Süßgetränke einzuführen. Die Mediziner argumentieren, dass ernährungsbedingte Krankheiten wie Übergewicht und Diabetes bei Kindern drastisch zunehmen und das Gesundheitssystem Milliarden kosten. Die Bundesregierung diskutiert derzeit über die Steuer, wobei Finanzminister Klingbeil als zuständig für einen Gesetzesvorschlag gesehen wird. Parallel dazu berät der Bundesrat über einen Antrag aus Schleswig-Holstein für eine solche Abgabe.

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– 4.000 Ärzte fordern eine Zuckersteuer auf stark gezuckerte Getränke.
– Ernährungsbedingte Krankheiten belasten das Gesundheitssystem mit Milliardenkosten.
– Bundesfinanzminister Klingbeil soll einen konkreten Steuervorschlag vorlegen.

Zuckersteuer auf Süßgetränke: Ärzte erhöhen den Druck auf die Bundesregierung

Kurz vor einer möglichen politischen Entscheidung über eine Zuckersteuer auf Süßgetränke wächst der Druck auf die Bundesregierung. Nach Angaben der Initiatoren haben sich bis Mitte April 3.926 Ärztinnen und Ärzte in einem offenen Brief für eine Herstellerabgabe auf stark gezuckerte Getränke ausgesprochen. Hinzu kamen mehr als 1.000 Ernährungsberaterinnen, Diabetesberater und Apothekerinnen. Die Aktion wurde am 25. April 2026 in Berlin öffentlich gemacht.

Aus Sicht der Unterstützer ist die Debatte um eine Abgabe auf zuckerhaltige Getränke vor allem eine Frage wirksamer Prävention. Sie verweisen auf ernährungsbedingte Erkrankungen, die nach ihrer Darstellung seit Jahren zunehmen und im Praxis- und Klinikalltag längst sichtbar sind.

Bundesfinanzministerium steht im Zentrum der Forderung

Adressat des Appells ist vor allem das Bundesfinanzministerium. Die Unterzeichner erwarten, dass Bundesfinanzminister Lars Klingbeil einen konkreten Vorschlag vorlegt.

„Bei der Zuckersteuer ist die Lage klar: Ärzteschaft, Fachwelt und eine Mehrheit der Bevölkerung befürworten eine Abgabe auf stark gezuckerte Getränke. Jetzt liegt es an Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, einen konkreten Vorschlag vorzulegen. Die Bundesregierung sollte diese Chance nutzen – insbesondere zum Schutz der Gesundheit unserer Kinder”, sagte Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer.

Damit verbinden die Initiatoren eine klare gesundheitspolitische Botschaft: Aus ihrer Sicht darf die Diskussion nicht an Zuständigkeitsfragen hängenbleiben, sondern muss in konkrete politische Schritte münden.

Prävention statt Reparaturmedizin

Die Begründung der Unterstützer knüpft an Entwicklungen an, die nach ihrer Darstellung in der medizinischen Versorgung täglich erkennbar sind. Genannt werden Übergewicht, Adipositas im Kindesalter, frühe Stoffwechselstörungen, Typ-2-Diabetes, Fettlebererkrankungen und Karies.

Barbara Bitzer, Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses DANK und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, formulierte den Anspruch der Befürworter so: „Die Ärzteschaft erlebt jeden Tag, welche gesundheitlichen Auswirkungen eine ungesunde Ernährung haben kann. Jetzt muss die Bundesregierung handeln und sich nicht im Zuständigkeitshickhack verzetteln. Wir brauchen weniger Reparatur, sondern wirksame Prävention. Eine Zuckersteuer ist mehr als überfällig“.

Aus Sicht der Initiatoren geht es damit nicht nur um ein fiskalisches Instrument, sondern um eine Maßnahme, die das Ernährungsumfeld verändern und gesundheitliche Belastungen verringern soll.

Kinder und Jugendliche besonders im Fokus

Besonders stark heben die Unterstützer die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche hervor. In ihren Schilderungen aus dem Berufsalltag beschreiben sie, wie regelmäßig zuckerhaltige Getränke im Alltag junger Menschen präsent sind und welche Folgen damit verbunden sein können.

Eine Schulzahnärztin schreibt: „Als Schulzahnärztin sehe ich täglich die falschen Ernährungsgewohnheiten und ihre Auswirkungen. Die Kinder haben häufig zuckerhaltige Getränke mit in der Schule, ein Bewusstsein für die Schädlichkeit ist in der Bevölkerung nicht ausreichend vorhanden. Deswegen bin ich für die Zuckersteuer.“

Auch aus der Kinder- und Jugendmedizin kommen ähnliche Stimmen. Eine Unterzeichnerin berichtet: „Im Rahmen meiner ärztlichen Tätigkeit habe ich täglich mit Kindern und Jugendlichen mit teilweise extremer Adipositas zu tun und sehe durchaus auch bereits dadurch bedingte Folgeerkrankungen bei meinen Patientinnen und Patienten. Maßnahmen zur Prävention von Adipositas müssen dringend stärker im Vordergrund stehen. Ich halte deshalb die Einführung einer Zuckersteuer für sehr wichtig!“

Eine Kinderärztin formuliert es noch deutlicher: „Als Kinderärztin bin ich schockiert über die Zunahme an fettleibigen Kindern. Ich habe Kinder mit Altersdiabetes (Typ II) in meiner Praxis!“

Zuckersteuer rückt politisch auf die Tagesordnung

Der Vorstoß fällt in eine Phase, in der die Bundesregierung über neue Finanzierungs- und Präventionsinstrumente im Gesundheitswesen berät. Hintergrund sind Vorschläge einer Expertenkommission zur Reform des Gesundheitswesens. Dazu gehören laut Pressemitteilung neben höheren Tabak- und Alkoholsteuern auch Abgaben auf zuckerhaltige Getränke.

Die Debatte wird derzeit auf zwei politischen Ebenen geführt. In Berlin hat Bundesgesundheitsministerin Warken die Maßnahme aus Präventionsgründen als sinnvoll bewertet, auch Familienministerin Prien hat Zustimmung signalisiert. Zugleich verwies Warken auf die Zuständigkeit des Finanzministers in Steuerfragen.

Parallel dazu befasst sich auch der Bundesrat mit dem Thema. Dort liegt ein Antrag aus Schleswig-Holstein für eine Zuckersteuer vor. Der Appell der Ärztinnen und Ärzte richtet sich deshalb nicht nur an die Bundesregierung, sondern auch an die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder, die bei der bevorstehenden Abstimmung zustimmen sollen.

Internationale Studien sollen die Forderung stützen

Die Befürworter verweisen zur Begründung ihrer Position auch auf internationale Erfahrungen mit Softdrink-Steuern. Genannt wird unter anderem Großbritannien. Dort führte die 2018 eingeführte Soft Drinks Industry Levy laut einer Literaturübersicht des Wissenschaftlichen Instituts der PKV zu einer Reduktion des Zuckergehalts in Getränken um 30 Prozent.

Eine Auswertung von Dickson und anderen aus dem Jahr 2021, die in einem Kurzbericht des GÖG zitiert wird, kommt ergänzend zu dem Ergebnis, dass der Konsum stark zuckerhaltiger Getränke um 18 Prozent sank, während der Preis um 56 Pence pro Liter stieg.

Breiter gefasst verweisen die Unterstützer auf eine Meta-Analyse von Andreyeva und anderen aus dem Jahr 2022. Nach Angaben der Welthungerhilfe waren Softdrink-Steuern in mehr als 45 Ländern mit einem durchschnittlichen Rückgang der Verkaufszahlen zuckerhaltiger Getränke um 15 Prozent verbunden. Auch eine Literaturübersicht des Wissenschaftlichen Instituts der PKV nennt mit Stand 2026 einen durchschnittlichen Rückgang der Verkäufe um 15 Prozent und verweist für zuckerhaltige Getränke auf eine Preiselastizität von −1,59.

Für Deutschland führen die Befürworter Modellrechnungen des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung an. Demnach würde eine Softdrink-Steuer mit einem 20-prozentigen Aufschlag den Zuckerkonsum pro Tag und Person um 1 Gramm senken. Falls Hersteller zusätzlich den Zuckergehalt ihrer Rezepturen um 30 Prozent reduzierten, läge der Effekt bei 2,3 Gramm weniger pro Tag und Person. Die Studie beziffert die volkswirtschaftlichen Einsparungen für den Zeitraum 2023 bis 2043 auf 16 Milliarden Euro, davon 4 Milliarden Euro für das Gesundheitssystem.

Verbraucherschutz und Kritik an freiwilligen Zusagen

Die Unterstützer begründen ihre Forderung nicht nur medizinisch, sondern auch mit Verbraucherschutz. Im Mittelpunkt steht die Auffassung, dass Ernährungsentscheidungen nicht allein Privatsache sind, sondern stark vom verfügbaren Angebot beeinflusst werden.

Ramona Pop vom Verbraucherzentrale Bundesverband sagte dazu: „Die Zuckersteuer ist ein wirksames Mittel der Prävention und eine längst überfällige Entlastung für ein finanziell überfordertes Gesundheitssystem. Wer so tut, als sei gesunde Ernährung allein Privatsache, blendet die Realität aus: Was wir essen und trinken, wird auch maßgeblich vom Angebot geprägt. Deshalb braucht es jetzt die Zuckersteuer auf Süßgetränke.“

Auch foodwatch verbindet die Forderung mit deutlicher Kritik an bisherigen freiwilligen Zusagen der Hersteller. Luise Molling von foodwatch Deutschland sagte: „Deutschland ist Schlusslicht, wenn es um die Vermeidung ernährungsbedingter Krankheiten geht. Die Bundesregierung darf sich nicht länger von den leeren Versprechungen der Industrie einlullen lassen – jetzt muss gelten: Politik für die Menschen statt für die Zuckerlobby!”

Breites Bündnis erhöht den politischen Druck

Getragen wird der Appell von einem breiten Kreis aus Ärzteschaft, Fachverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Zu den Unterstützern gehören neben Klaus Reinhardt unter anderem Susanne Johna vom Marburger Bund, Eckart von Hirschhausen, Berthold Koletzko, Julia Szendrödi, Burkhard Rodeck und Christine Neumann-Grutzeck. Initiiert wurde der Aufruf von der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten, foodwatch und dem Verbraucherzentrale Bundesverband.

Damit ist die Position der Befürworter klar umrissen: Eine Zuckersteuer auf Süßgetränke soll aus ihrer Sicht Prävention stärken, gesundheitliche Folgekosten senken und vor allem Kinder besser schützen. Ob daraus nun konkrete Gesetzgebung wird, entscheidet sich in den anstehenden politischen Beratungen auf Bundes- und Länderebene.

Die vorliegenden Informationen und Zitate entstammen einer Pressemitteilung von foodwatch e.V.

Weiterführende Quellen:

Update: Warum das Thema wichtig bleibt

Eine mögliche Zuckersteuer ist mehr als ein Streit um Steuern: Im Beitrag wird sie als Präventionsinstrument beschrieben, das ernährungsbedingte Erkrankungen adressieren soll, die laut Unterstützern seit Jahren zunehmen und das Gesundheitssystem finanziell belasten. Besonders die genannten Folgen (u. a. Übergewicht, Adipositas im Kindesalter, Typ-2-Diabetes, Fettleber und Karies) machen deutlich, warum die Debatte politisch als Gesundheitsfrage geführt wird.

Für Betroffene, vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch für Politik und Verwaltung, Organisationen sowie Unternehmen der Gesundheits- und Beratungslandschaft entsteht daraus ein Handlungsdruck: Prävention soll stärker priorisiert werden, statt „Reparaturmedizin“. Zugleich spielt Verbraucherschutz eine Rolle, weil das Beitragsthema die Wirkung des verfügbaren Ernährungsangebots in den Mittelpunkt stellt – und deshalb klare Entscheidungen auf Bundes- wie auch Länderebene gefordert werden.

Was Leserinnen und Leser jetzt wissen sollten

Warum richten sich die Forderungen besonders ans Bundesfinanzministerium?
Weil die Unterzeichner erwarten, dass dort ein konkreter Steuervorschlag ausgearbeitet und vorgelegt wird.

Welche Personengruppe wird im Beitrag als besonders betroffen dargestellt?
Kinder und Jugendliche, weil zuckerhaltige Getränke im Alltag präsent seien und als Grundlage für gesundheitliche Folgen dienen.

Worum geht es neben Gesundheitsschutz noch?
Auch Verbraucherschutz: Ernährungsentscheidungen sollen laut Beitrag nicht nur Privatsache sein, sondern vom Angebot mit beeinflusst werden.

Welche nächsten Schritte sind politisch relevant?
Der Beitrag nennt Beratungen auf Bundes- und Länderebene sowie einen Bundesratsantrag, der Zustimmung für eine Zuckersteuer ermöglichen soll. Eine passende Anlaufstelle können Fachstellen, Beratungsstellen oder zuständige Behörden sein.

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10 Kommentare

  1. Ich bin neutral aber skeptisch, die Debatte dreht sich viel um Kinder schutz was wichtig ist, aber Regulationen treffen oft die kleinen Händler, gibt es Konzepte wie Steuer sozial gerecht gestaltet werden kann, zB Ermässigungen fuer kleine Geschäfte oder Rückfluss in Kommunale Präventionsprojekte, infos auf /verbraucherschutz/sozialpolitik wären hilfreich, wer hat Ideen?

    1. Das ist ein guter Punkt, oft wird vergessen wie regionale Strukturen betroffen sind, vielleicht könnte ein Teil der Einnahmen lokal reinvestiert werden in Sport und Aufklärung, so entstünde direkte Wirkung, gibt es Beispiele für solche zweckgebundene Nutzung von Steuern, siehe /kommunal/finanzierung, wer kennt konkrete Modelle?

  2. Mir fehlt hier mehr Debatte zu Alternativen zur Steuer, zB Werbung einschränken, Verpackungsgrößen limitieren, oder Kombi massnahmen, Zuckersteuer allein scheint nicht alle Probleme zu lösen, empathisch gesehen versteh ich Ärzteschaft aber frage: reicht das politisch oder brauchen wir breite Präventionspakete auf /gesundheit/praevention und /familie/kinder?

    1. Genau, man kann nicht nur auf fiskalische Mittel setzen, Werbung beeinflusst sehr stark, auch placement in Supermarkt wichtig, und Bildungskampangen müssen her damit Familien wissen warum, kann jemand Beispiele nennen wo kombi massnahme gut funktionierte, vlt aus UK oder aus skandinavien, link zu /international/erfahrungen waere super

  3. Neutral betrachtet find ich die Studien nützlich, aber die Rechnung mit 16 Mrd eur klingt groß aber auch abstrakt, wie kommts zu den Zahlen, und 1 g weniger Zucker pro Tag erscheint wenig, könnten Hersteller nicht einfach die Preise anders strukturieren so das Konsum nicht sinkt, hat jemand die Original studie vom DZD gelesen und link zu /studien/zuckersteuer?

    1. Ich hab kurz reingeschaut die Modellrechnungen sind komplex und viele Annahmen drin, preiselasizität spielt rolle, aber wir müßten auch soziale folgen bedenken, arme Haushalte reagiere anders, wäre nett wenn Politik ergänzende Maßnahmen macht wie Subventionen für Wasserstationen in Schulen, siehe /politik/schulpolitik als vergleich, was meint ihr?

  4. Als Vater von zwei Kindern ich bin teilweise dafuer, Zuckersteuer kann ja Prävention unterstützen, aber warum spricht man so wenig über Zugang zu gesunden Getränken in Schulen, in meiner Stadt gibt es nur kioske mit süssgetränken, wäre froh wenn info auf /schule/ernaehrung verlinkt wird, wie seht ihr das und was macht Klingbeil jetzt genau?

    1. Das Problem ist auch kulturell, viele Eltern wissen wenig über Zuckermengen, die Ärzte sagen ja das es steigt, vielleicht braucht es mehr aufklärung in Schulen und in Ärztpraxen, und klar bessere Kennzeichnung in Supermärkten, siehe /verbraucherschutz/kennzeichnung, aber wer zahlt die Programme wenn Staat nur steuern einsammelt?

  5. Ich find die Idee mit der Zuckersteuer prinzipiel gut, aber es gibt viele sachen die man bedenken muss, zB wie genau besteuert wird und ob arme leute mehr belastet werdn, wird das Geld echt in Prävention gesteckt oder nur in den topf fürs Gesundheitssystem, hat jemand infos zu /politik/zuckersteuer oder /gesundheit/praevention ?

    1. Gute Frage, bin auch unsicher ob das Geld zielgerecht genutzt wird, viele sagen die Steuer hilft kinder zu schützen aber was wenn Hersteller nur preise erhöhen und Rezeptur ändert nicht viel, sehe hier auch Verbraucher schutz probleme, link zu /politik/finanzen könnte helfen, hat jemand studie zu Effekt von SDIL in UK oder Daten von /forschung/zucker?

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