– Deutscher Tierschutzbund kritisiert die Praxis, gesunde Überschuss-Tiere in Zoos routinemäßig zu töten.
– Verband fordert Kurswechsel: Zucht auf Überschuss beenden, Tierschutz und Lebensräume stärker fördern.
– Jüngste Fälle: zwei Davidshirsche in Schwerin und Löwenjunge in Köln getötet.
Deutscher Tierschutzbund fordert Kurswechsel nach Tötung gesunder Tiere in deutschen Zoos
Nach mehreren aktuellen Fällen, bei denen in deutschen Zoos gesunde Tiere getötet wurden, meldet sich der Deutsche Tierschutzbund mit einer klaren Botschaft zu Wort: Das bisherige Konzept Zoo stößt an seine Grenzen. Die wiederkehrenden Tötungen sogenannter überzähliger Tiere sind für den Verband ein alarmierendes Zeichen dafür, dass das gängige Populationsmanagement überdacht werden muss. Dabei reicht es aus Sicht des Tierschutzbunds nicht aus, lediglich den Schutz bedrohter Arten zu fokussieren. Vielmehr müsse die Verantwortung für das individuelle Tier ebenso stärker ins Zentrum rücken wie der Erhalt seiner natürlichen Lebensräume.
Paulina Kuhn aus dem Fachreferat für Wildtiere formuliert die Kritik deutlich: „Wer Tiere züchtet und vermehrt, hat umso mehr eine Verpflichtung für ihr Wohlergehen! Der Schutz bedrohter Arten ist sinnvoll und wichtig, darf aber nicht den Tierschutz aus dem Blick verlieren.“ Die bisherigen Formen der Tierhaltung in Zoos können demnach nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Wiederauswilderung der meisten Tiere realistischerweise meist gar nicht vorgesehen oder möglich ist. Kuhn beschreibt das Vorgehen, die Arten „so um jeden Preis“ zu erhalten, als fragwürdig und einseitig – „und macht betroffen und traurig!“
Der Verband fordert deshalb einen grundsätzlichen Kurswechsel auf dem Umgang mit den Tieren in Zoos. Die Einrichtungen könnten sich nicht einfach von ihrer Verpflichtung gegenüber den einzelnen Lebewesen lösen. So heißt es in der Stellungnahme: „Zoos können sich der Verantwortung gegenüber den einzelnen Lebewesen in ihrer Obhut nicht einfach entziehen. Wenn nicht gewährleistet werden kann, dass Tiere gut untergebracht werden, sollte auf die Zucht verzichtet werden.“
Gerade die Tötung gesunder Überlebender hat sich in den letzten Jahren offenbar zu einer gängigen Praxis entwickelt. Tiere, die nicht in das Zucht- oder Bestandssystem passen, werden getötet und teilweise direkt an andere Tiere verfüttert. Dies begründen Zoovertreter häufig mit juristischen und ethischen Argumenten, die aus Sicht des Deutschen Tierschutzbunds fragwürdig sind. Stattdessen müsse echter Artenschutz unbedingt den Tierschutz einschließen – und sich daher auf weniger Arten, verbesserte Lebensräume und Schutz der natürlichen Lebensräume vor Ort konzentrieren. Solange diese Lebensräume fehlten, blieben die Zootiere für den Verband nur lebende Museumsstücke. Das vermeintliche Argument des Artenschutzes verliere so seine Substanz.
Aktuell sorgt die Tötung zweier asiatischer Davidshirsche im Schweriner Zoo für Schlagzeilen, die anschließend an Löwen verfüttert wurden. Im Kölner Zoo starben zwei Löwenjunge, nachdem die Mutter sie nicht angenommen hatte – ein Fall, der laut Tierschutzbund die Folgen mangelhafter Zuchtplanung widerspiegelt. Zusätzlich plant der Nürnberger Tiergarten weiterhin den Abschuss von bis zu 20 Pavianen.
Diese Vorfälle werfen grundlegende Fragen zur Praxis und Ethik in Zoos auf und unterstreichen den dringenden Bedarf, das Konzept von Tierschutz und Artenschutz auf nationaler Ebene neu zu justieren. Bildmaterial zu diesem Thema steht hier zur Verfügung.
Zoos im Spannungsfeld: Wenn der Artenschutz an seine ethischen Grenzen stößt
Warum werden in deutschen Zoos und auch international gesunde Tiere getötet? Die Frage führt tief in eine kontroverse Debatte über das Verhältnis von Artenschutz und individuellem Tierschutz, die derzeit wieder stark an Brisanz gewonnen hat. Das Töten sogenannter „Zuchtüberschüsse“ ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem vieler Zoos, die vor komplexen Herausforderungen stehen. Hinter dieser Praxis verbergen sich strittige ethische Fragen: Wie kann der Schutz einer ganzen Art mit dem Wohlergehen einzelner Tiere vereinbart werden? Welche Verantwortung tragen Zoos gegenüber den Individuen in ihrer Obhut? Und welche Alternativen stehen zur Verfügung, um Tötungen zu vermeiden?
Im Kern geht es um ein Dilemma: Zoos züchten Tiere, um bedrohte Arten zu erhalten und dem Aussterben entgegenzuwirken. Doch die natürliche Tragweite dieser Zuchtprogramme überschreitet häufig die Kapazitäten der Einrichtungen. So entstehen Zuchtüberschüsse, also Tiere, deren Aufnahme in den Bestand langfristig nicht möglich oder geplant ist. Laut Deutschem Tierschutzbund ist die Praxis, überzählige, aber gesunde Tiere zu töten, in den letzten Jahren zu einer gängigen Methode geworden. Dort heißt es: „Der Schutz bedrohter Arten ist sinnvoll und wichtig, darf aber nicht den Tierschutz aus dem Blick verlieren.“ Ein heikles Spannungsfeld, das zeigt, dass Artenschutz im Zoo nicht gleichbedeutend mit umfassendem Tierschutz sein kann.
Warum töten Zoos gesunde Tiere?
Die Tötung gesunder Tiere erfolgt meist im Rahmen des sogenannten Populationsmanagements. Dabei sollen genetische Vielfalt und Gruppengröße kontrolliert werden, um die Zuchtprogramme langfristig tragfähig zu gestalten. Allerdings stoßen Zoos dabei an ihre räumlichen, finanziellen und organisatorischen Grenzen. Die Zucht wird teilweise so betrieben, dass nicht alle Nachkommen im Zoo dauerhaft untergebracht werden können. Immer häufiger kommt es daher zu Tötungen „überzähliger“ Tiere, gelegentlich verbunden mit der Verfütterung an Raubtiere im Bestand.
Diese Praxis wird von Zooverbänden mitunter mit natürlichen Verhaltenserklärungen etwa bei Wildpopulationen oder dem Schutz von Arten begründet. Der Deutsche Tierschutzbund warnt jedoch: „Wer Tiere züchtet und vermehrt, hat umso mehr eine Verpflichtung für ihr Wohlergehen.“ Dies schließt ein, dass die Verantwortung gegenüber dem einzelnen Tier nicht hinter dem Gesamtziel Artenschutz zurückstehen darf. Die gängige Tötungspraxis lässt viele Tierfreunde und Fachleute ethisch ratlos zurück und fordert ein Umdenken.
International existieren dabei unterschiedliche Herangehensweisen:
- In einigen Ländern wie Schweden sind Tötungen von Zuchtüberschüssen seit Jahren verboten, das Management erfolgt grundlegend anders.
- Andere Zoos setzen auf Vermittlungen in Wildparks oder zur Forschung, um Tiere nicht töten zu müssen.
- Manche Einrichtungen betonen verstärkt die Rolle moderner Tiergehege und nachhaltiger Haltung, reduzieren aktiv Zuchtprogramme und konzentrieren sich auf wenige Schwerpunkte.
Doch bislang fehlt es an einheitlichen Regelungen oder verbindlichen Standards, die solche Tötungen konsequent verhindern können.
Zukunft des Artenschutzes in Zoos
Das grundlegende Problem vieler Zoos ist, dass zoologische Einrichtungen zumeist keine funktionierenden Lebensräume für eine spätere Wiederauswilderung bieten können. Die Tiere bleiben „lebende Museumsstücke“, solange ihre natürlichen Lebensräume nicht geschützt oder wiederhergestellt sind. Der Deutsche Tierschutzbund fordert daher eine neue Ausrichtung: Artenschutz muss Lebensraumschutz einschließen und den Tierschutz auf alle gehaltenen Individuen ausweiten.
Dies bedeutet unter anderem:
- Eine kritische Überprüfung und Reduzierung der Zuchtprogramme, um keine Überschüsse mehr zu erzeugen.
- Eine verbesserte Planung, die das Wohlergehen der Tiere über reine Erhaltungszucht stellt.
- Mehr Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit über Umgang und Entscheidungen zu Tieren.
- Innovative Konzepte für dauerhafte Unterbringung oder Vermittlung statt Tötung.
Die aktuelle Debatte zeigt: Zoos stehen am Scheideweg zwischen traditioneller Praxis und moderner Tierethik. Die Verantwortung für Einzeltiere darf nicht länger derart hinter den Erhalt ganzer Arten zurückgestellt werden. Zugleich bleibt der Beitrag von Zoos zum Artenschutz wichtig, wenn er sich stärker an nachhaltigen ökologischen und ethischen Kriterien orientiert.
Dass es bei den jüngsten Tötungen etwa in Schwerin oder Köln zu deutlichen öffentlichen Protesten kam, belegt das gesteigerte gesellschaftliche Interesse und den Wunsch nach Veränderungen. Die Diskussion wird auch künftig Zoos, Politik und Öffentlichkeit intensiv begleiten. Entscheidungen in diesem Spannungsfeld können die zukünftige Rolle von Zoos als Schutzorte für Arten und als Akteure im verantwortungsvollen Tierschutz maßgeblich prägen.
Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag basieren auf einer Pressemitteilung des Deutschen Tierschutzbundes e.V.