Wenn Schutzfälle im Sport künftig nicht mehr allein in den Verbandsstrukturen behandelt werden, ist das mehr als ein organisatorisches Detail. Mit dem Zentrum für Safe Sport soll in Deutschland erstmals eine eigenständige Stelle entstehen, die Meldungen annimmt, Verfahren führt und Standards für Prävention und Aufarbeitung setzt.
Für Betroffene könnte das den Zugang zu unabhängigen Untersuchungs- und Disziplinarverfahren erleichtern. Für Verbände und Vereine bedeutet der Schritt aber auch: Zuständigkeiten, Regeln und rechtliche Grundlagen müssen neu geordnet werden.
Wie aus einer Idee ein politischer Beschluss wurde
Der Anstoß kam im Frühjahr 2021 von Athleten Deutschland. Nach Angaben der Organisation stieß der Vorschlag damals auf breite Resonanz bei betroffenen Athletinnen und Athleten sowie in Wissenschaft, Fachpraxis, Medien und Politik. Später griff die Ampelregierung das Vorhaben in ihrem Koalitionsvertrag auf.
Jetzt wird daraus eine eigene Struktur: Das Zentrum für Safe Sport soll als eigenständiger Verein mit Sitz in Kassel aufgebaut werden. Nach den vorliegenden Angaben sind dafür im Bundeshaushalt 2026 2,81 Millionen Euro sowie 1,5 Millionen Euro als Verpflichtungsermächtigung für 2027 vorgesehen. Die Arbeitsaufnahme wird bis Herbst 2026 erwartet, der Regelbetrieb ab Mitte 2027.
Die Sportministerkonferenz begrüßte den Aufbau in Kassel und akzeptierte zunächst die Bundesfinanzierung. Eine mögliche Beteiligung der Länder will sie frühestens 2029 prüfen. Das zeigt: Politisch ist das Vorhaben angestoßen, die langfristige finanzielle und organisatorische Verankerung ist aber noch nicht endgültig geklärt.
Welche Aufgabe das Zentrum im Sport erfüllen soll
Das Zentrum soll nicht nur Meldestelle sein, sondern auch Untersuchungs-, Mediations- und Disziplinarverfahren übernehmen. Ergänzend sollen dort Standards für Prävention, Intervention und Aufarbeitung gesetzt werden. Vereinfacht gesagt geht es also um eine unabhängige Stelle, die Vorfälle aufnehmen, bewerten und Verfahren anstoßen kann, wenn es im organisierten Sport zu Grenzverletzungen oder Fehlverhalten kommt.
Gerade dieser Punkt ist für den bisherigen Aufbau im Sport zentral. Viele Verfahren liefen bislang innerhalb der Verbandsstrukturen. Das geplante Zentrum soll hier eine externe Instanz schaffen, die nicht von denselben internen Strukturen abhängig ist, gegen die sich eine Beschwerde richten kann.
Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat mit seinem Safe Sport Code einen Rahmen vorgegeben. Der Code wurde von der DOSB-Mitgliederversammlung im Dezember 2024 verabschiedet. Laut den DOSB-FAQs soll er per Satzung, Vertrag oder Lizenzbindung in den Organisationen verankert werden. Untersuchungs- und Verfahrensführung kann an eine externe Stelle wie das geplante Zentrum abgegeben werden.
Hinzu kommt eine rechtliche Verschärfung: Eine jüngst beschlossene Änderung am Sportfördergesetz macht die Umsetzung des Safe Sport Code zur verbindlichen Fördervoraussetzung. Für Verbände, die Bundesmittel erhalten, ist das mehr als eine formale Frage. Es setzt die Organisationen unter Druck, die neuen Standards tatsächlich in die eigene Praxis zu übernehmen.
Was Verbände und Vereine jetzt vorbereiten müssen
Für den organisierten Sport ist die Gründung deshalb nicht nur eine symbolische Nachricht. Damit Betroffene sich an die neue Stelle wenden können, müssen Verbände ihre Untersuchungs- und Sanktionsbefugnisse an das Zentrum übertragen. Erst dann kann das System so funktionieren, wie es politisch und fachlich vorgesehen ist.
Das dürfte besonders im Breiten- und Vereinssport Folgen haben. Dort hängen Zuständigkeiten oft an wenigen haupt- oder ehrenamtlich Engagierten. Wenn interne Verfahren künftig mit einer externen Stelle verzahnt werden, entsteht zusätzlicher Abstimmungsbedarf. Wie groß der Aufwand am Ende tatsächlich wird, hängt davon ab, wie klar die Abläufe geregelt und wie gut die Strukturen an die Praxis vor Ort angepasst werden.
Ein weiterer offener Punkt ist der Umgang mit sensiblen Daten. Ein Rechtsgutachten zu dem Vorhaben weist darauf hin, dass die Datenverarbeitung im Safe-Sport-Bereich eine belastbare Rechtsgrundlage braucht. Für den Austausch mit Behörden und Sportorganisationen könnten zusätzliche gesetzliche Regeln nötig sein. Gerade das ist für Verfahren mit Schutzcharakter entscheidend, weil dabei oft sehr persönliche und vertrauliche Informationen verarbeitet werden.
Aus der Mitteilung geht zudem hervor, dass Athleten Deutschland einen Zuständigkeitsrahmen auch für den Breitensport fordert, damit Betroffene nicht nur in den Spitzenstrukturen, sondern auch in kleineren Organisationen von unabhängigen Schutzmechanismen profitieren können. Ob das in der Praxis gelingt, wird sich erst zeigen, wenn die Zuständigkeiten konkret festgelegt und die Abläufe getestet werden.
Warum die Aufbauphase jetzt besonders wichtig wird
Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst nach der Gründung. Athleten Deutschland nennt für die Aufbauphase mehrere Bedingungen, die aus Sicht der Organisation erfüllt sein müssen: hochqualifiziertes und integres Personal, eine eigene gesetzliche Grundlage für den Umgang mit sensiblen Daten, ein unabhängiges externes Schiedsgericht, die Einbindung von Betroffenen sowie klare Zeitpläne mit überprüfbaren Meilensteinen und öffentlichen Zwischenberichten.
Das sind keine Nebensächlichkeiten, sondern zentrale Voraussetzungen dafür, dass das neue System Vertrauen gewinnt. Ohne klare Zuständigkeiten, rechtliche Absicherung und transparente Verfahren könnte die neue Stelle schnell an Grenzen stoßen. Gerade bei Schutzthemen ist das Vertrauen der Betroffenen oft die eigentliche Hürde.
„Die Gründung darf nicht als Abschluss des Prozesses verstanden werden“, sagt Johannes Herber, Geschäftsführer von Athleten Deutschland. Der Aufbau des Zentrums bleibe eine komplexe Aufgabe, die wenig Spielraum für Fehler zulasse.
Diese Einordnung bremst die Erwartungen bewusst. Die Gründung schafft einen institutionellen Rahmen, löst aber keine der praktischen Fragen automatisch. Entscheidend wird sein, ob das Zentrum im Alltag unabhängig arbeiten kann und ob Verbände, Politik und Betroffene die neue Struktur tatsächlich tragen.
Jetzt entscheidet die Umsetzung
Für den Sport in Deutschland beginnt damit eine Phase, in der es weniger um Ankündigungen als um belastbare Verfahren geht. Das Zentrum für Safe Sport soll Schutzstrukturen verbessern, unabhängige Entscheidungen ermöglichen und Standards vereinheitlichen. Ob das gelingt, hängt aber an Details, die in vielen Mitteilungen gern zu kurz kommen: Personal, Zuständigkeiten, Rechtssicherheit und Transparenz.
Für Vereine und Verbände heißt das vor allem, die eigenen Strukturen früh zu prüfen. Wer im organisierten Sport Verantwortung trägt, wird sich mit den neuen Regeln nicht erst dann befassen können, wenn der Regelbetrieb startet. Je klarer die Umsetzung vorbereitet wird, desto eher kann das Zentrum später mehr sein als nur ein neu geschaffener Rahmen.
Die Gründung ist also ein wichtiger Schritt. Der eigentliche Test folgt erst danach.
Quellen
- Berlin.de: Pressemitteilung zur Gründung des Zentrums für Safe Sport
- Bundeshaushalt 2026 (Einzelplan 04, PDF)
- DOSB: FAQs zum Safe Sport Code
- Rechtsgutachten zu den Grundlagen für effektive Aufgabenwahrnehmung beim Zentrum für Safe Sport
- Sportministerkonferenz: Pressemitteilung zur Sitzung auf Norderney