Wenn in einer Schwangerschaft, nach einer Trennung oder in einer Gewaltsituation keine Wohnung verfügbar ist, wird Wohnraummangel schnell zur Sicherheitsfrage. Dann geht es nicht mehr nur um Platz, sondern um Schutz, Stabilität und einen möglichen Neuanfang.
Genau auf diese oft übersehene Seite der Wohnungslosigkeit macht der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) zum Tag der wohnungslosen Menschen am 11. September aufmerksam. Der Verband warnt, dass fehlender bezahlbarer Wohnraum Hilfen in der Jugend-, Familien- und Frauenarbeit schneller an ihre Grenzen bringt, als es offizielle Zahlen auf den ersten Blick zeigen.
Warum der SkF Wohnraum auch als Sozialfrage sieht
„In allen unseren Diensten und Angeboten für Schwangere, junge Mütter und Eltern spüren wir die Wohnungsnot“, sagt Yvonne Fritz, Vorstand des SkF Gesamtverein. Aus Sicht des Verbands ist die Wohnungsfrage deshalb nicht nur ein Thema für die Bau- oder Wohnungspolitik, sondern auch für die soziale Infrastruktur.
Fritz verweist dabei auf mögliche Folgekosten in der Kinder- und Jugendhilfe. Der SkF hält es für denkbar, dass manche Hilfen weniger kostenintensiv oder wirksamer wären, wenn Familien schneller eine geeignete Wohnung fänden. Das ist eine politische Einschätzung des Verbands; wie groß diese Effekte im Einzelfall ausfallen, lässt sich aus der Mitteilung nicht belegen.
Besonders deutlich werde das Problem nach Angaben des SkF in der Schwangerschaftsberatung und in Einrichtungen für Mutter oder Vater mit Kind. Dort steht die Frage nach einer Wohnung für die wachsende Familie häufig ganz oben auf der Liste. Gleichzeitig nehmen solche Einrichtungen immer öfter junge Schwangere auf, die zuvor obdachlos waren oder keinen geeigneten eigenen Wohnraum hatten.
Hinzu kommt: Auszüge aus Mutter- oder Vater-Kind-Einrichtungen verzögern sich, weil keine neue Wohnung gefunden wird. Für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder wird der Weg aus dem belastenden Umfeld dadurch zusätzlich erschwert. Auch der Übergang aus Frauenhäusern scheitert häufig an derselben Hürde: Es fehlt eine Wohnung, in der der Neustart gelingen kann.
„Die geplanten Kürzungen beim Wohngeld und dem Kinderzuschlag könnten dazu führen, dass noch mehr Familien von Wohnungslosigkeit bedroht werden.“
Mit Wohngeld ist ein staatlicher Zuschuss zu den Wohnkosten gemeint. Der Kinderzuschlag ist eine zusätzliche Leistung für Familien mit geringem Einkommen. Ob Kürzungen hier tatsächlich zusätzliche Wohnungslosigkeit auslösen würden, lässt sich aus der Mitteilung nicht belegen; der SkF warnt jedoch vor genau diesem Risiko.
Die Statistik zeigt nur einen Teil des Problems
Wie groß das Problem ist, lässt sich nur teilweise mit einer einzigen Zahl erfassen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren zum Stichtag 31. Januar 2024 rund 439.500 Menschen untergebracht und wohnungslos. Davon waren 43 Prozent Frauen und 40 Prozent jünger als 25 Jahre. Mehr als die Hälfte lebte in Familienhaushalten.
Diese amtliche Zahl bildet jedoch nicht das gesamte Bild ab. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht von mehr als einer Million wohnungslosen Menschen in Deutschland aus. Der Unterschied erklärt sich vor allem durch die Methode: Die Statistik des Bundesamts erfasst nur bestimmte Formen von Wohnungslosigkeit, während die Wohnungslosenhilfe auch verdeckte Wohnungslosigkeit und Menschen ohne Unterkunft mit einbezieht.
Wichtig ist dabei auch eine methodische Grenze: Schutzunterkünfte für gewaltbetroffene Frauen sowie Einrichtungen der Jugendhilfe werden in der amtlichen Statistik nicht mitgezählt, wenn ihr Zweck nicht ausdrücklich die Beendigung von Wohnungslosigkeit ist. Genau deshalb tauchen Frauen und Kinder in der öffentlichen Wahrnehmung oft seltener auf, als sie in der Realität betroffen sind.
Für die politische Debatte bedeutet das: Wer nur auf eine Zahl schaut, unterschätzt schnell die Vielfalt des Problems. Untergebrachte Menschen, verdeckt wohnungslose Familien, Frauen in Schutzunterkünften und Jugendliche in Hilfseinrichtungen leben in sehr unterschiedlichen Situationen – und brauchen entsprechend unterschiedliche Hilfen.
Welche Hebel gegen Wohnungsverlust am ehesten greifen
Der SkF fordert vor allem mehr Wohnraum für Menschen mit wenig Einkommen. Dazu zählt aus Sicht des Verbands zunächst der soziale Wohnungsbau. Er soll dafür sorgen, dass überhaupt ausreichend Wohnungen mit gedeckelten Mieten zur Verfügung stehen. Laut den vom Bund genannten Rahmenbedingungen fließen dafür von 2025 bis 2028 jährlich 3,5 Milliarden Euro Bundesmittel; seit 2024 beteiligen sich die Länder mit mindestens 30 Prozent der Bundesmittel.
Allein mit Geld ist das Problem damit aber nicht gelöst. Entscheidend bleibt, ob die Wohnungen am Ende tatsächlich dort ankommen, wo sie gebraucht werden, und ob Haushalte die Zugangsvoraussetzungen erfüllen. Gerade kleine und mittlere Familien mit knappem Budget scheitern in vielen Städten nicht am Willen, sondern an knappen Angeboten und hohen Hürden auf dem Wohnungsmarkt.
Als weiteren Baustein nennt der SkF Beratungsstellen, die Wohnraumverlust vorbeugen und bei der Wohnraumvermittlung helfen. Gemeint sind Stellen, die früh ansetzen, bevor eine Kündigung oder Räumung in die Obdachlosigkeit führt. Ergänzend verweist der Verband auf Housing First – ein Ansatz, bei dem zuerst eine eigene Wohnung vermittelt wird und die soziale Unterstützung danach folgt, nicht umgekehrt.
Auch auf Bundesebene gibt es bereits Maßnahmen gegen Wohnungslosigkeit, darunter Modellprojekte zur aufsuchenden Information und Verweisberatung. Ob diese Instrumente ausreichen, hängt jedoch davon ab, wie eng sie mit Wohnungsangeboten, Finanzierung und sozialer Unterstützung verzahnt werden. Ohne diese Verbindung bleibt Prävention oft Stückwerk.
Was von der Ankündigung im Alltag ankommt
Der SkF macht zum Aktionstag vor allem eines deutlich: Für betroffene Frauen, Kinder und Familien ist Wohnungslosigkeit keine abstrakte Sozialstatistik, sondern oft eine existenzielle Zäsur. Sie bringt psychische Belastungen, Unsicherheit und in vielen Fällen einen Bruch im Alltag mit sich. Wer keine passende Wohnung findet, bleibt deshalb nicht nur auf dem Wohnungsmarkt ausgeschlossen, sondern häufig auch von Teilhabe und Planungssicherheit.
Fritz bringt den Kern der Forderung so auf den Punkt: „Vielen Familien wäre schon geholfen, wenn sie eine dauerhaft geeignete, bezahlbare Wohnung finden könnten.“ Für Kinder und Jugendliche sei genau das die Grundlage für Teilhabe und Chancengerechtigkeit, sagt sie. Der Satz macht deutlich, woran viele Hilfesysteme letztlich gemessen werden: daran, ob aus Beratung und Schutzräumen ein verlässlicher Weg in ein dauerhaftes Zuhause wird.
Der SkF selbst arbeitet bundesweit mit rund 120 Ortsvereinen, über 7.500 Mitgliedern, mehr als 10.000 Ehrenamtlichen und über 10.000 beruflichen Mitarbeitenden. Für diese Strukturen ist die Wohnungssuche längst kein Randthema mehr, sondern ein wiederkehrendes Alltagsproblem. Wie viel Entlastung politische Maßnahmen tatsächlich bringen, wird sich daher erst in der Praxis zeigen – dort, wo aus einem Hilfefall eine bezahlbare Wohnung werden muss.
Quellen
- Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein e. V.
- Statistisches Bundesamt: Wohnungslosigkeit in Deutschland
- Statistisches Bundesamt: Thema Wohnungslosigkeit
- Statistisches Bundesamt: Was in der Statistik nicht erfasst wird
- Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe: Zahl der Wohnungslosen
- Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen: Wohnungslosenbericht 2024
- Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen: Sozialer Wohnungsbau





