Chemische Industrie kritisiert EU-Regulierung: Strenge Wasserstoffregeln gefährden Wasserstoffwirtschaft und Standort Deutschland

Modernes blau beleuchtetes News-Studio mit runden LED-Podesten und großem Bildschirm mit Schriftzug ‚Verbands‑Monitor eins zu eins‘.
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) kritisiert die gestern von der EU-Kommission beschlossenen Kriterien für kohlenstoffarmen Wasserstoff als zu bürokratisch und praxisfern, da sie dringend notwendige Investitionen in die Wasserstoffproduktion erschweren könnten. VCI-Energieexperte Matthias Belitz fordert deshalb flexiblere Vorgaben bei der Emissionskalkulation und ein praxistaugliches Zertifizierungssystem, das auch Importe anerkennt. Der VCI appelliert an die Bundesregierung, sich in Brüssel für Nachbesserungen einzusetzen, um Deutschlands führende Rolle als Wasserstoffnutzer und die Klimaziele nicht zu gefährden.

Inhaltsverzeichnis

– EU-Kommission verabschiedet Low Carbon Fuels Act mit strengen Kriterien für kohlenstoffarmen Wasserstoff
– VCI kritisiert bürokratischen, unpraktischen Regelungsrahmen als Investitionshemmnis für chemisch-pharmazeutische Industrie
– VCI fordert Bundesregierung zu Brüssel-Nachbesserungen: flexiblere Emissionskalkulation und pragmatisches Zertifizierungssystem

EU-Kriterien für kohlenstoffarmen Wasserstoff stoßen bei Chemiebranche auf Kritik

Die am 8. Juli 2025 von der EU-Kommission veröffentlichten Kriterien für kohlenstoffarme Brennstoffe, darunter Wasserstoff, finden beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) deutliche Ablehnung. Der neue Regelungsrahmen, bekannt als „Low Carbon Fuels Delegated Act“, wird als zu bürokratisch und praxisfern eingestuft. Matthias Belitz, Leiter des Bereichs Energie, Klimaschutz und Nachhaltigkeit im VCI, betont: „Leider sind die Regelungen wieder zu streng und schlicht nicht praxistauglich – ähnlich wie bei den Grünstromkriterien für grünen Wasserstoff.“

Diese strikten Vorgaben erschwerten dringend notwendige Investitionen in die Wasserstoffproduktion oder könnten sie im schlimmsten Fall sogar ganz verhindern. Das trifft vor allem die chemisch-pharmazeutische Industrie, die heute schon der größte Wasserstoffverbraucher in Deutschland ist und deren Bedarf künftig deutlich steigen wird. Trotzdem sieht der Verband in kohlenstoffarmem Wasserstoff einen wichtigen Übergangsbaustein auf dem Weg zu mehr Klimaschutz. Belitz erläutert: „Kohlenstoffarmer Wasserstoff ist ein ‚Übergangs-Wasserstoff‘. Er ist besser fürs Klima als der klassische fossile Wasserstoff – aber nicht ganz so sauber wie der grüne Wasserstoff aus Wind- oder Sonnenstrom. Trotzdem kann er helfen, Emissionen schnell und wirksam zu senken – vor allem in der Industrie.“

Der VCI fordert von der Bundesregierung, sich auf europäischer Ebene für Nachbesserungen einzusetzen, um den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft pragmatischer zu gestalten. Neben dem Abbau unnötiger bürokratischer Hürden müsse es flexiblere Kriterien bei der Berechnung der Emissionen aus dem Strombedarf geben. Auch die Berücksichtigung der Methanemissionen, die bei Erdgas-Förderung und Transport entstehen, dürfe die Wirtschaftlichkeit von gasbasierten Wasserstoffprojekten nicht untergraben. Darüber hinaus verlangt der Verband ein transparentes und praxistaugliches Zertifizierungssystem, das auch Importe von kohlenstoffarmem Wasserstoff anerkennt.

Mit rund 2.300 Mitgliedsunternehmen und einem Umsatz von etwa 240 Milliarden Euro im Jahr 2024 repräsentiert der VCI einen bedeutenden Teil der Chemiebranche, die über 560.000 Beschäftigte zählt. Die Kritik an den neuen EU-Kriterien zeigt, wie stark die politischen Vorgaben die Entwicklung und Investitionsentscheidungen im Energiesektor der Industrie beeinflussen.

Neue Wasserstoffregeln: Risiken und Chancen für Industrie und Gesellschaft

Die Europäische Kommission hat mit dem "Low Carbon Fuels Delegated Act" verbindliche Kriterien für kohlenstoffarmen Wasserstoff festgelegt. Diese sollen den Einsatz von Wasserstoff als klimafreundliche Energiequelle fördern und gleichzeitig seine Umweltauswirkungen streng regeln. In der Praxis sorgt der Regelungsrahmen allerdings für erhebliche Kritik seitens der Industrie. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) bezeichnet die Vorgaben als zu kompliziert und praxisfern, was Investitionen in Wasserstofftechnologien erschweren könnte. Angesichts der wachsenden Bedeutung von Wasserstoff gerade für energieintensive Branchen wie die chemisch-pharmazeutische Industrie wird deutlich, wie wichtig flexible und praktikable Regeln sind, um die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft voranzutreiben.

Wasserstoff gilt als Schlüsseltechnologie im Klimaschutz, denn er kann fossile Brennstoffe in der Industrie, im Verkehr und in der Energieversorgung ersetzen. Dabei ist nicht jeder Wasserstoff gleich klimafreundlich: Es wird unterschieden zwischen grünem Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, und kohlenstoffarmem Wasserstoff, der zwar nicht klimaneutral ist, aber im Vergleich zu fossilem Wasserstoff die Emissionen deutlich reduziert. Der VCI betont, dass dieser kohlenstoffarme Wasserstoff ein wichtiger Übergangsstoff ist, der die Industrie in Kürze wirksam dabei unterstützen kann, ihre Emissionen zu senken.

Warum ist kohlenstoffarmer Wasserstoff ein entscheidender Faktor?

Kohlenstoffarmer Wasserstoff entsteht häufig mit Erdgas, bei dessen Förder- und Transportprozessen bislang unvermeidbare Methanemissionen anfallen. Die neuen EU-Kriterien verlangen eine genaue und strikte Bewertung dieser Emissionen, was Projekte erschwert, die wirtschaftlich oder technisch noch nicht vollständig auf Grünen Wasserstoff umgestellt werden können. Für Unternehmen, die heute bereits die größten Wasserstoffnutzer in Deutschland sind, stellt das eine Herausforderung dar. Der Bedarf an Wasserstoff wird in den kommenden Jahren weiter steigen – sowohl aus klimapolitischen Gründen als auch als Folge industrieller Produktionsprozesse.

Der VCI fordert deshalb eine flexiblere Berücksichtigung der Emissionen und ein praktikables Zertifizierungssystem, das auch Importe von kohlenstoffarmem Wasserstoff anerkennt. So soll der Ausbau einer Wasserstoffwirtschaft pragmatischer gestaltet werden und die Kosten für Wasserstoffprojekte sinken. Ohne solche Anpassungen bestehe die Gefahr, dass notwendige Investitionen ausbleiben oder ins Ausland verlagert werden.

Welche Folgen könnten zu strenge EU-Regeln haben?

Zu starre Vorgaben können die Entwicklung einer funktionierenden Wasserstoffwirtschaft verzögern und den Industriestandort Deutschland sowie ganz Europa schwächen. Die Auswirkungen lassen sich in mehreren Punkten zusammenfassen:

  • Investitionshemmnisse: Zu komplexe und restriktive Kriterien erschweren das wirtschaftliche Kalkulieren und senken die Innovationsbereitschaft.
  • Verlangsamte Transformation: Die Industrie könnte dann längerfristig auf fossile Brennstoffe angewiesen bleiben, weil der Markthochlauf von Wasserstoff stockt.
  • Gefährdeter Technologievorsprung: Europa droht, im Wettbewerb mit anderen Regionen zurückzufallen, die flexiblere Rahmenbedingungen setzen.
  • Erhöhter bürokratischer Aufwand: Ein kompliziertes Zertifizierungssystem bindet Ressourcen, die besser für technologische Weiterentwicklungen genutzt werden könnten.

Diese Risiken stehen im Kontrast zu den gesellschaftlichen Chancen, die eine beschleunigte Wasserstoffwirtschaft bietet: Klimaschutz, Energiesicherheit und die Schaffung neuer Arbeitsplätze in zukunftsfähigen Industriezweigen. Dafür sind jedoch praktikable und realistische Vorgaben unerlässlich, die den technischen Fortschritt und die wirtschaftlichen Realitäten berücksichtigen.

Der VCI appelliert daher an die Bundesregierung, sich in den anstehenden politischen Debatten auf europäischer Ebene für Nachbesserungen einzusetzen. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Wasserstoffproduktion in Europa gelingt – mit dem Ziel, schnell und effektiv Treibhausgasemissionen zu reduzieren und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu sichern.

Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag stammen aus einer Pressemitteilung des Verbands der Chemischen Industrie (VCI).

9 Antworten

  1. Ich denke auch das es wichtig ist eine Balance zu finden zwischen Vorschriften und Entwicklungsspielraum für neue Technologien.

  2. (…) Es ist klar, dass wir in Europa dringend pragmatische Lösungen brauchen! Die Bürokratie sollte nicht im Weg stehen – wie kann man das besser umsetzen?

  3. Es ist beunruhigend zu sehen, wie solche Regelungen potenziell notwendige Investitionen hemmen könnten. Was denkt ihr über die Idee, dass kohlenstoffarmer Wasserstoff als Übergangslösung fungiert? Ist das wirklich genug?

    1. Gerold71 bringt einen wichtigen Punkt zur Sprache! Kohlenstoffarmer Wasserstoff hat sicher seine Rolle, aber ich bin mir unsicher über seine langfristige Nachhaltigkeit.

    2. (…) ja, es gibt viele Fragen zur Zukunft dieser Technologie! Wie sehen andere Länder ihre Wasserstoffstrategie? Ich denke da an Norwegen oder Japan.

  4. Die strengen Vorgaben für kohlenstoffarmen Wasserstoff könnten in der Tat ein Problem darstellen. Ich hoffe, die Regierung hört auf den VCI und findet einen Mittelweg, um Innovationen nicht abzuwürgen.

  5. Ich finde die Kritik des VCI an den neuen EU-Kriterien sehr nachvollziehbar. Diese bürokratischen Hürden könnten wirklich eine Investitionsbremse sein. Welche konkreten Vorschläge hätte der VCI zur Verbesserung?

    1. Ich stimme Schott zu. Es ist wichtig, dass wir die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft nicht behindern. Ich frage mich, ob es alternative Modelle gibt, die weniger Bürokratie benötigen?

    2. Die Idee von flexiblen Emissionskalkulationen klingt vielversprechend. Hat jemand Informationen darüber, wie andere Länder mit ähnlichen Problemen umgegangen sind?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Über den Autor

Die Redaktion von Verbandsbüro besteht aus vielen unterschiedlichen Experten aus der Verbands- und Vereinswelt. Alle Beiträge beruhen auf eigene Erfahrungen. Damit wollen wir Ihnen unsere professionellen Leistungen für Ihre Organisation präsentieren. Wollen Sie mehr zu diesem Thema erfahren? Nehmen Sie doch einfach mit uns Kontakt auf.​

Aktuelle Pressemeldungen