– Energieverbände fordern schnellere Kraftwerksstrategie und pragmatische GEG-Anpassungen
– Wasserstoff und Biomethan sollen Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit stärken
– Neue Gase sind für eine klimaneutrale und sichere Energieversorgung unverzichtbar
Energieverbände fordern klare Signale für Wasserstoff und Biomethan
Die führenden Energieverbände BDEW, DVGW und Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft setzen sich mit Nachdruck für beschleunigte Marktimpulse und verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen ein. Im Rahmen ihres Gemeinschaftsprojekts "Transformationspfad Neue Gase" fordern sie klare Signale für Wasserstoff, seine Derivate und Biomethan. Diese drei Maßnahmen nennen sie als zentrale Impulse zur Unterstützung der Energie- und Klimapolitik:
- Kraftwerksstrategie beschleunigen: Zügige Ausschreibungen für neue steuerbare Leistung, wobei Bedingungen für H₂-ready-Gaskraftwerke den Markthochlauf von Wasserstoff unterstützen und Investitionssicherheit schaffen müssen
- Erneuerbare und kohlenstoffarme Gase stärken: Senkung von Kostenbelastungen und Schaffung echter Technologieoffenheit als wesentliche Dekarbonisierungsoption für die Industrie
- Gebäudeenergiegesetz (GEG) anpassen: Pragmatische Regeln, die den Einsatz von Wasserstoff und Biomethan ermöglichen, statt ihn durch aktuelle Vorgaben zu behindern
Die Verbände betonen die systemische Bedeutung neuer Gase: "Dass neuen Gasen eine tragende Rolle in einem resilienten Energiesystem der Zukunft zukommt, ist wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Konsens", erklärt Dr. Kirsten Westphal vom BDEW.*
Prof. Dr. Gerald Linke vom DVGW unterstreicht die wirtschaftliche Dimension: "Bezahlbare Energie ist die Voraussetzung für Wachstum, Wohlstand und die Sicherung von Arbeitsplätzen. Neue Gase bieten eine kosteneffiziente Option für die Dekarbonisierung von Industrie und Mittelstand."
Besonders kritisch sieht Dr. Timm Kehler vom Verband Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft die aktuellen Gebäuderegeln: "Das GEG mit seinen detaillierten Wasserstofffahrplänen schränkt die Entwicklung der Verteilnetze und die Wärmewende unnötig ein. Wir brauchen einfache, wettbewerbliche Regeln ohne starre Vorgaben."
Die Forderungen werden im Rahmen der Veranstaltung "Mehr Resilienz, mehr Markt – Neue Gase als Treiber für eine starke Wirtschaft" am 26. November 2025 in Berlin bekräftigt, wo die Verbände ihren gemeinsamen Anspruch zur aktiven Gestaltung der Energietransformation unterstreichen.
Einordnung: Warum neue Gase wichtig sind
Wasserstoff, Biomethan und H2-fähige Kraftwerke bilden das Rückgrat für ein resilientes und klimaneutrales Energiesystem. Sie stabilisieren die Stromversorgung bei Flaute, dekarbonisieren Industrieprozesse und schaffen Flexibilität im Netz. Drei zentrale Bereiche zeigen das Potenzial dieser neuen Energieträger.
Das Potenzial von grünem Wasserstoff wird bis 2030 auf 14 TWh geschätzt.* Diese Menge könnte bedeutende Teile der industriellen Grundstoffversorgung auf klimaneutrale Basis stellen.
Für die Stromerzeugung sind aktuell gut 10 GW an H2-ready-Kraftwerkskapazitäten geplant oder im Bau.* Diese Anlagen springen ein, wenn Wind und Sonne nicht ausreichen, und schaffen gleichzeitig Nachfrage für das wachsende Wasserstoffnetz.
Wasserstoffnetz-Ausbau
Die Infrastruktur für den Wasserstofftransport entwickelt sich dynamisch. Bereits heute sind rund 600 km H2-Pipeline in Betrieb oder im Bau.* Bis 2032 soll das Wasserstoffkernnetz auf ca. 9.700 km anwachsen und damit die Grundlage für einen flächendeckenden Wasserstoffmarkt schaffen.*
Zahlen, Kosten und Speicher: Fakten zur Energieinfrastruktur
Die Diskussion um Wasserstoff und erneuerbare Gase gewinnt durch konkrete Daten an Kontur. Verschiedene Studien und Monitoringberichte belegen das Potenzial dieser Energieträger für ein resilientes Energiesystem. Die folgenden Kennzahlen bieten eine fundierte Basis für die Einordnung von Speicherfähigkeiten, Fördervolumen und Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen.
Kosten & Speicherung
Die Speicherfähigkeit für Power-to-Gas im deutschen Untergrund beläuft sich auf rund 200 TWh (Quelle: DVGW, Stand: 2025)*. Diese Kapazität unterstreicht die strategische Bedeutung gasförmiger Energieträger für die Langzeitspeicherung und saisonale Flexibilität.
Für den Infrastrukturausbau stellt die Bundesregierung erhebliche Mittel bereit: Etwa 9 Milliarden Euro sind für den Zeitraum 2024 und 2025 für die Wasserstoffinfrastruktur vorgesehen (Quelle: Bundesfinanzministerium, Stand: Oktober 2025)*.
Vergleichende Betrachtungen zu den CO₂-Vermeidungskosten zeigen unterschiedliche Profile der Dekarbonisierungstechnologien. Grüner Wasserstoff verursacht Kosten zwischen 180 und 320 Euro pro vermiedener Tonne CO₂, während Biomethan mit 50 bis 160 Euro pro Tonne CO₂ und rein elektrische Lösungen ab 100 Euro pro Tonne CO₂ positioniert sind (Quelle: EWI Köln, Stand: 2024)*.
Infrastrukturkonzepte setzen zunehmend auf kombinierte Ansätze. Seekabel plus Pipelines tragen zur Flexibilisierung bei und können die Kosteneffizienz steigern (Quelle: BDEW, Stand: 2025). Als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit und Investitionssicherheit gilt zudem Technologieoffenheit, die auch kohlenstoffarme Optionen wie blauen Wasserstoff einschließt (Quelle: BVEG, Stand: 2023).
| Jahr/Planjahr | Parameter | Wert | Einheit | Quelle/Stand |
|---|---|---|---|---|
| 2025 | Power-to-Gas Speicherfähigkeit | 200 | TWh | DVGW (Stand: 2025)* |
| 10/2025 | Fördermittel H2-Infrastruktur | ca. 9 | Mrd. € | Bundesfinanzministerium (Stand: 10/2025)* |
| 2024 | CO₂-Vermeidungskosten (grüner H₂) | 180–320 | €/t CO₂ | EWI Köln (Stand: 2024)* |
| 2024 | CO₂-Vermeidungskosten (Biomethan) | 50–160 | €/t CO₂ | EWI Köln (Stand: 2024)* |
Neue Gase im Spannungsfeld: Wirtschaftschance oder Klimarisiko?
Der Markthochlauf von Wasserstoff, Biomethan und anderen neuen Gasen wirft grundlegende gesellschaftliche Fragen auf. Welche wirtschaftlichen Potenziale bieten diese Energieträger tatsächlich, und wo liegen die zentralen Konfliktlinien zwischen industrieller Wettbewerbsfähigkeit und ambitionierten Klimazielen? Die Debatte zeigt ein vielschichtiges Bild mit erheblichen Auswirkungen auf Verbraucher, Industrie und politische Gestaltungsspielräume.
Aus wirtschaftlicher Perspektive versprechen neue Gase erhebliche Impulse für den Industriestandort Deutschland. Studien wie die des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) zur Resilienz im klimaneutralen Energiesystem* unterstreichen die systemische Bedeutung molekularer Lösungen. Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft könnte zahlreiche Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette schaffen – von der Anlagenproduktion über den Netzausbau bis zum Betrieb von H₂-ready-Kraftwerken. Gerade für energieintensive Industrien wie Stahl, Chemie oder Zement bieten wasserstoffbasierte Verfahren eine der wenigen praktikablen Optionen zur Dekarbonisierung bei gleichzeitigem Erhalt ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit.
Die zentrale Kontroverse entzündet sich an der Frage der Technologieoffenheit. Auf der einen Seite argumentieren Befürworter, dass die Einbeziehung von blauem und türkisem Wasserstoff – also aus fossilen Quellen gewonnenem, aber CO₂-armem Wasserstoff – den Mengenhochlauf beschleunigen und Übergangslösungen bieten könnte. Diese Position findet sich bei Verbänden wie dem DVGW, die betonen, dass „die Berücksichtigung von kohlenstoffarmen blauem und türkisem Wasserstoff als zulässige Energieträger wichtig ist, um den Mengenhochlauf zu beschleunigen“. Auf der anderen Seite warnen Umweltverbände vor Lock-in-Effekten und fordern strikte Nachhaltigkeitskriterien, die primär auf grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien basieren.
Politisch ergibt sich ein komplexes Spannungsfeld, da sich unterschiedliche Interessen und Zielsetzungen gegenüberstehen. Die Anpassung regulatorischer Hürden, die gezielte Förderung des Netzausbaus sowie marktbasierte Instrumente wie Carbon Contracts for Difference werden dabei diskutiert.
Die Entwicklung in den kommenden Jahren wird zeigen, ob es gelingt, die wirtschaftlichen Chancen neuer Gase mit den klimapolitischen Zielen in Einklang zu bringen. Die aktuelle Diskussion, wie sie auch auf der Veranstaltung „Mehr Resilienz, mehr Markt“ in Berlin geführt wird, markiert dabei eine wichtige Weichenstellung für die künftige Energiearchitektur Deutschlands.
Die in diesem Beitrag enthaltenen Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung des BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft.
Weiterführende Quellen:
- „Bis 2030 rechnet die Bundesregierung gemäß Nationaler Wasserstoffstrategie mit einem Potenzial von 14 TWh grünem Wasserstoff, der in Deutschland erzeugt werden könnte (Stand: 2023).“ – Quelle: https://www.dvgw.de/medien/dvgw/leistungen/publikationen/klimaschutz-resilienz-wasserstoff-dvgw.pdf
- „Power-to-Gas-Lösungen ermöglichen aktuell rund 200 TWh Gasspeicherfähigkeit im deutschen Untergrund, was ein wesentlicher Beitrag zur Resilienz des Energiesystems ist (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.dvgw.de/themen/energiewende/power-to-gas
- „Kombinierte Anschlusskonzepte aus Seekabeln und Pipelines an Strom- sowie Wasserstoff-/Gasnetze tragen zur Flexibilisierung und Kosteneffizienz des Energiesystems bei (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.bdew.de/energie/versorgungssicherheit-resilienz/gas-wasserstoff-biomethan
- „Grüner Wasserstoff wird als zentraler Energieträger im klimaneutralen Energiesystem 2045 bestätigt; ohne ihn drohen gravierende Defizite bei der Resilienz (Stand: 02/2024).“ – Quelle: https://www.ewi.uni-koeln.de/cms/wp-content/uploads/2024/02/Resilienz-im-klimaneutralen-Energiesystem-der-Zukunft.pdf
- „Für H2-ready-Kraftwerke sind in Deutschland bis 2025 gut 10 GW an Kapazitäten geplant oder im Bau (Stand: 11/2025).“ – Quelle: https://www.ewi.uni-koeln.de/cms/wp-content/uploads/2024/02/Resilienz-im-klimaneutralen-Energiesystem-der-Zukunft.pdf
- „Die CO2-Vermeidungskosten liegen für grünen Wasserstoff bei 180–320 €/t CO2, für Biomethan bei 50–160 €/t CO2 und für rein elektrische Lösungen ab 100 €/t CO2 (Stand: 2024).“ – Quelle: https://www.ewi.uni-koeln.de/cms/wp-content/uploads/2024/02/Resilienz-im-klimaneutralen-Energiesystem-der-Zukunft.pdf
- „Die Bundesregierung plant, das Wasserstoffkernnetz bis 2032 auf ca. 9.700 km auszubauen; 2025 sind bereits rund 600 km H2-Pipeline in Betrieb oder im Bau (Stand: 06/2025).“ – Quelle: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Wasserstoff/start.html
- „Für den Ausbau der H2-Infrastruktur stehen Fördermittel von ca. 9 Mrd. € für die Jahre 2024 und 2025 bereit (Stand: 10/2025).“ – Quelle: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Oeffentliche_Finanzen/2025-10-20-wasserstoff-finanzierung.html
- „Technologieoffenheit ist entscheidend für Wettbewerbsfähigkeit und Investitionssicherheit beim Markthochlauf von Wasserstoff, einschließlich blauem Wasserstoff (Stand: 2023).“ – Quelle: https://www.bveg.de/die-branche/beitrag-zur-energieversorgung/technologieoffenheit-jetzt-aber-richtig
5 Antworten
Die Diskussion über neue Gase ist sehr wichtig für unsere Zukunft. Ich hoffe, dass alle Stimmen gehört werden. Es wäre hilfreich zu wissen, wie andere Länder damit umgehen und ob sie ähnliche Strategien verfolgen.
Ich habe von den CO₂-Vermeidungskosten gehört und finde es toll, dass neue Gase eine kosteneffiziente Option sein könnten. Aber sind die bisherigen Maßnahmen genug? Wie können wir schneller vorankommen mit diesen Technologien?
Die Idee, GEG anzupassen, klingt gut! Aber ich mache mir Sorgen um die Umsetzbarkeit. Wie können wir sicherstellen, dass alles nachhaltig bleibt? Was denkt ihr über die Kosten für Biomethan im Vergleich zu anderen Energieträgern?
Wasserstoff scheint wirklich eine große Rolle in der Zukunft zu spielen. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis wir die nötige Infrastruktur dafür haben. Könnten Investitionen in erneuerbare Energien auch helfen?
Ich finde es wichtig, dass über Wasserstoff und Biomethan gesprochen wird. Es ist echt spannend, wie diese neuen Gase unsere Energieversorgung verändern können. Aber was sind die nächsten Schritte in der Umsetzung? Gibt es schon konkrete Pläne?