Immer mehr junge Menschen geraten früh in riskanten Drogenkonsum, doch passende Hilfe greift oft erst spät. Das zeigt sich auch in den aktuellen Zahlen: 2025 starben bundesweit 2.150 Menschen infolge von Drogenkonsum, 106 davon unter 20 Jahren. Jeder vierte Drogentote war jünger als 30.
Der Deutsche Caritasverband und die Bundesarbeitsgemeinschaft Caritas Suchthilfe sehen darin ein Warnsignal. Aus ihrer Sicht fallen Jugendliche und junge Erwachsene zu oft durch ein Hilfesystem, das erst reagiert, wenn aus einem Risiko bereits eine schwere Abhängigkeit geworden ist.
Warum die Caritas jetzt mehr altersgerechte Hilfe fordert
Die Caritas fordert deshalb nicht nur mehr Angebote, sondern vor allem passgenaue Unterstützung für Jugendliche und junge Erwachsene. Dazu gehören aus ihrer Sicht auch bessere Hilfen für Eltern sowie eine frühere Erkennung psychischer Belastungen und riskanten Konsums in Schulen.
Der Anlass ist der Internationale Gedenktag für drogengebrauchende Menschen. Die Organisationen nutzen den Tag, um auf Versorgungslücken hinzuweisen, die im Alltag von Familien, Schulen und Jugendhilfe oft wenig sichtbar sind.
Hinter der Forderung stehen die Anfang Juli veröffentlichten Zahlen der Bundesregierung. Demnach wurden für 2025 bundesweit 2.150 Todesfälle infolge von Drogenkonsum gemeldet. Bei den unter 20-Jährigen hat sich die Zahl seit 2021 nach Angaben der Bundesregierung nahezu verdoppelt.
Neue Substanzen, digitale Vertriebswege und Mischkonsum verschärfen das Risiko
Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa verweist darauf, dass neue Substanzen und digital gestützte Vertriebswege die Lage zusätzlich erschweren. Drogen seien leichter verfügbar und zugleich gefährlicher geworden, weil viele Konsumierende nicht wüssten, welche Wirkstoffe sie tatsächlich zu sich nehmen.
Hinzu kommt der Mischkonsum, also der gleichzeitige Konsum mehrerer Substanzen. Nach Angaben der Caritas starben 2025 mehr als vier von fünf Drogentoten im Zusammenhang mit mehreren gleichzeitig konsumierten Substanzen. Das macht Überdosierungen schwerer vorhersehbar und stellt auch Beratungsstellen und Notfallhilfe vor größere Probleme.
Die Forschungslage ist dabei nicht ganz einheitlich. Ein Lagebild nennt 342 Todesfälle mit Fentanyl-Beteiligung, das entspricht rund 16 Prozent der Fälle. Ein anderes Bundesprojekt, RaFT, kam bei 1.405 Fentanyl-Schnelltests in 17 Drogenkonsumräumen aus sieben Städten nicht zu dem Ergebnis, dass Fentanyl-Beimischungen in größerem Umfang nachweisbar wären. Für die Praxis heißt das: Einzelne Warnungen sind wichtig, ersetzen aber kein belastbares bundesweites Lagebild.
Wo junge Menschen im Hilfesystem hängen bleiben
Wie groß die Lücken in der Versorgung sein können, zeigen aus Sicht der Caritas zwei Praxisbeispiele. In München begleitet das Projekt SubPort junge opioidabhängige Menschen zwischen 16 und 21 Jahren. Bundesweit gibt es für diese Altersgruppe nach Angaben der Caritas bislang nur zwei ambulante Angebote dieser Art.
Rüdiger Krause, Leiter der Fachambulanz für substitutionsgestützte Behandlung in München, beschreibt einen engen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und Abhängigkeit. Er verweist auf Angst- und Panikstörungen als mögliche Auslöser und sagt, Minderjährige fänden häufig weder in der Suchthilfe noch in der Jugendhilfe passende Angebote. Hinzu komme, dass kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen vielerorts überlastet seien. Krause fordert deshalb spezialisierte Behandlungs- und Wohnangebote für junge Betroffene.
Ein zweites Beispiel liefert das Berliner Frühinterventionsprojekt HaLT. Es berät Jugendliche und junge Erwachsene bis 21 Jahre mit riskantem Alkohol- oder Drogenkonsum sowie deren Eltern. Sozialpädagogin Magda Bittner beschreibt dort einen „Bewältigungskonsum“: Viele junge Menschen griffen zu Alkohol oder Drogen, weil ihnen andere Strategien fehlten, um mit belastenden Gefühlen umzugehen.
Was frühe Prävention in Schule und Familie bedeuten würde
Die Caritas setzt deshalb auf Prävention, die schon in Kitas und Schulen beginnt. Kinder sollen dort lernen, mit Stress, Ängsten und belastenden Situationen umzugehen. Das ist kein schneller Ausweg, kann aber helfen, Risiken früher zu erkennen und Gespräche überhaupt erst möglich zu machen.
Auch Eltern stehen dabei im Mittelpunkt. Wenn sie belastete Kinder begleiten sollen, brauchen sie selbst Unterstützung und niedrigschwellige Anlaufstellen. Zudem soll der Zugang zur Psychotherapie einfacher und früher möglich sein. Ob das in der Praxis reicht, hängt allerdings nicht nur von Konzepten ab, sondern auch von Personal, Finanzierung und den regionalen Strukturen.
Ein Gedenktag, der auf Versorgungslücken verweist
Der Internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende erinnert am 21. Juli an Menschen, die an den Folgen ihres Konsums gestorben sind. Das Motto 2026 lautet: „Verändern, um Leben zu retten“. In Deutschland beteiligen sich mehr als 100 Städte.
Der Tag bleibt damit mehr als ein stilles Erinnern. Er lenkt den Blick auf eine Frage, die für Jugendhilfe, Schulen, Familien und Suchthilfe zentral ist: Kommt Hilfe schnell genug an, wenn aus gelegentlichem Konsum, psychischer Belastung oder Überforderung ein ernstes Risiko wird? Solange das nicht zuverlässig gelingt, bleibt Erinnerung wichtig – sie ersetzt aber keine erreichbare Versorgung.
Ein Beispiel dafür ist die multimediale Wanderausstellung des Caritasverbands Kleve am 21. Juli. Sie arbeitet mit acht interaktiven Ausstellungswürfeln und Audio-Interviews und will Betroffene, Angehörige und Begleitende sichtbar machen. Der Ansatz zielt auf Erinnerung, Verstehen und Entstigmatisierung. Entscheidend bleibt jedoch, dass sich daraus auch konkrete Wege in die Hilfe ergeben.
Quellen
- Bundesdrogenbeauftragter: Jeder vierte Drogentote ist unter 30 Jahre
- Bundesdrogenbeauftragter: 28. Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende
- Bundesdrogenbeauftragter: Jetzt handeln und Drogenkrise verhindern
- Bundesdrogenbeauftragter: Bericht zu synthetischen Opioiden in Deutschland veröffentlicht
- Bundesgesundheitsministerium: Rapid Fentanyl Tests in Drogenkonsumräumen (RaFT)