Einzelhandel vor dem Koalitionsausschuss: Warum der Druck wächst

Mehr als 70.000 verlorene sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse seit 2022 und über 70.000 geschlossene Geschäfte seit 2015 zeigen, wie stark der Einzelhandel unter Druck steht. Vor dem Koalitionsausschuss am 1. Juli 2026 drängt der HDE auf schnellere Reformen – viele seiner Forderungen bleiben politisch umstritten.

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Geschlossene Einzelhandelsgeschäfte an einem Stadtfußweg, mit offenem Laden im Hintergrund.
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Das Wichtigste in Kürze

  • Einzelhandel verliert seit 2022 über 70.000 sozialversicherungspflichtige Jobs und seit 2015 mehr als 70.000 Geschäfte.
  • HDE fordert vor dem Koalitionsausschuss schnellere Reformen, weniger Bürokratie und spürbare Entlastungen.
  • Steigende Kosten für Energie, Miete, Personal und Bürokratie belasten besonders Betriebe mit knappen Margen.
  • HDE lehnt Mehrwertsteuererhöhung ab und warnt vor negativen Folgen für Minijobs und Beschäftigung.
  • Politische Umsetzung entscheidet, ob Entlastungen den Handel entlasten und Leerstände in Innenstädten stoppen.

Leere Schaufenster fallen in vielen Innenstädten schnell auf. Hinter ihnen steht oft ein längerer wirtschaftlicher Druck: Der Handelsverband Deutschland verweist auf mehr als 70.000 verlorene sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse seit 2022 und auf über 70.000 dauerhaft geschlossene Geschäfte seit 2015.

Vor dem Koalitionsausschuss am 1. Juli 2026 will der Verband die Bundesregierung deshalb zu schnelleren Reformen drängen. Für Händler steht dabei vor allem die Frage im Raum, ob Entlastungen bei Kosten und Bürokratie tatsächlich im Alltag ankommen.

Warum der HDE jetzt den Druck erhöht

Der Handelsverband Deutschland, kurz HDE, spricht von einer Branche unter großem wirtschaftlichem Druck. In einer Umfrage unter 600 Händlern bewerten die Befragten die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung mit der Schulnote 5. Es handelt sich dabei um eine Verbandsumfrage, nicht um ein allgemeines Stimmungsbild der gesamten Bevölkerung.

HDE-Präsident Alexander von Preen fordert nach Angaben des Verbands mehr Tatkraft, mehr Tempo und spürbare Entlastungen. Viele angekündigte Maßnahmen würden aus Sicht des Verbands zu langsam oder gar nicht umgesetzt. Vor dem Koalitionsausschuss geht es damit vor allem um politischen Druck auf die Bundesregierung.

Kosten, Nachfrage und Wettbewerb belasten den Handel

Die Probleme im Einzelhandel haben mehrere Ursachen. Der HDE nennt steigende Energie-, Miet-, Logistik- und Personalkosten, dazu Bürokratie und wachsende regulatorische Anforderungen. Besonders Betriebe mit knappen Margen geraten dadurch schnell unter Druck.

Auch offizielle Daten zeigen eine angespannte Lage. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag der reale Umsatz im Einzelhandel im April 2026 um 0,3 Prozent unter dem Vormonat. Im Bereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe lag die Beschäftigung im ersten Quartal 2026 um 81.000 Personen unter dem Vorjahresquartal. Das betrifft nicht den Einzelhandel allein, macht aber deutlich, dass das Umfeld für den Handel weiterhin schwach bleibt.

Hinzu kommen steigende Mieten in den Innenstädten. Das Institut der deutschen Wirtschaft meldete für 16 Großstädte im Schnitt einen 6,0-prozentigen Anstieg der Mieten im innerstädtischen Einzelhandel. Für Geschäfte in zentralen Lagen kann das schnell zum entscheidenden Faktor werden, weil Miete, Personal und Energie gleichzeitig teurer werden.

Auch der Wettbewerb mit internationalen Plattformen spielt in der Debatte eine Rolle. Die EU hat zuletzt das Vorgehen gegen Shein im Rahmen des Digital Services Act verschärft und gegen Temu eine Geldbuße verhängt. Der HDE verweist auf solche Fälle, um faire Wettbewerbsbedingungen einzufordern. Ob diese Maßnahmen den stationären Handel spürbar entlasten, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

Welche Forderungen politisch besonders umstritten sind

Inhaltlich konzentriert sich der HDE auf mehrere Punkte, die in der Politik besonders konfliktträchtig sind. Der Verband verlangt weniger Bürokratie und die Abschaffung von Auskunfts- und Berichtspflichten. Außerdem fordert er eine spürbare Senkung der Einkommensteuer und eine Abflachung des Tarifs, damit Entlastungen aus seiner Sicht nicht nur bei unteren Einkommen, sondern auch in der breiten Mittelschicht und bei Personenunternehmen ankommen.

Besonders deutlich lehnt der HDE die zuletzt diskutierte Anhebung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent ab. Aus Sicht des Verbands würde das den ohnehin schwachen privaten Konsum zusätzlich belasten. Es bleibt aber eine Interessenposition des Handels, die politisch gegen die Frage steht, wie mögliche Steuersenkungen gegenfinanziert werden könnten.

Auch beim Arbeitsmarkt setzt der Verband klare Grenzen. Der HDE warnt davor, dass die Kosten für den Faktor Arbeit weiter steigen, und kritisiert die aus seiner Sicht drohende de facto Abschaffung der Minijobs. Minijobs, also geringfügige Beschäftigungen, sind in vielen Betrieben wichtig, um Stoßzeiten abzudecken. Der Verband will deshalb mindestens Schüler, Studierende und Rentner ausnehmen.

Wie groß der praktische Effekt solcher Änderungen wäre, hängt stark von der Umsetzung ab. Die Bundesagentur für Arbeit meldete für 2025 bereits einen Rückgang geringfügiger Beschäftigung um 1,5 Prozent insgesamt und um 2,6 Prozent bei ausschließlich geringfügiger Beschäftigung. Das zeigt: Der Spielraum für diese Beschäftigungsform wird ohnehin kleiner. Für Händler kann das die Personalplanung weiter verkomplizieren.

Was die Debatte für Läden und Innenstädte bedeuten könnte

Für den Alltag im Handel geht es bei den Forderungen nicht um abstrakte Zahlen, sondern um sehr konkrete Abläufe. Weniger Bürokratie würde vor allem dort entlasten, wo kleine Teams heute viele Dokumentations- und Meldepflichten neben dem Tagesgeschäft erledigen müssen. Gerade kleinere Betriebe spüren solche Aufgaben schnell, weil sie oft keine eigene Verwaltungsabteilung haben.

Niedrigere Energiekosten und geringere Abgaben könnten den finanziellen Spielraum vergrößern. Ob das tatsächlich bei Investitionen, längeren Öffnungszeiten oder stabileren Beschäftigungsverhältnissen ankommt, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht ableiten. Klar ist nur: Wenn die Kosten weiter steigen, wird es für Händler schwieriger, Personal zu halten und Standorte wirtschaftlich zu betreiben.

Auch für Kundinnen und Kunden hätte das Folgen. Schließen weitere Läden, verändern sich Einkaufswege, Aufenthaltsqualität und die Mischung in den Innenstädten. Umgekehrt reicht eine politische Ankündigung noch nicht aus, um Leerstände oder Umsatzrückgänge zu stoppen. Entscheidend ist, ob Entlastungen schnell genug greifen und ob sie die Betriebe tatsächlich erreichen, die besonders unter Druck stehen.

Jetzt entscheidet die politische Umsetzung

Vor dem Koalitionsausschuss macht der HDE deutlich, dass die Geduld der Branche nach seiner Einschätzung am Ende ist. Gleichzeitig bleibt offen, welche Vorschläge die Bundesregierung tatsächlich aufgreift und in welchem Tempo daraus Beschlüsse werden.

Für den Einzelhandel ist genau das der entscheidende Punkt: Nicht die nächste Forderungsliste zählt, sondern die Frage, ob aus politischen Ankündigungen spürbare Entlastung wird. Erst daran wird sich zeigen, ob der Druck in den Läden irgendwann wieder nachlässt.

Quellen

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