Eine Berliner Siedlung steht plötzlich im Fokus einer Entscheidung, die weit über die Hauptstadt hinausreicht. In Busan berät das UNESCO-Welterbekomitee darüber, ob die Waldsiedlung Zehlendorf als Teil der Siedlungen der Berliner Moderne anerkannt wird – und damit als weiterer Baustein eines seit 2008 geschützten Welterbes.
Es geht dabei nicht nur um eine einzelne Nominierung. Die Sitzung lenkt den Blick auch auf die Frage, wie das gemeinsame Erbe der Menschheit unter Bedingungen von Klimawandel, Krieg, Städtewachstum und Massentourismus geschützt werden kann.
Warum die Sitzung in Busan mehr ist als Routine
Das UNESCO-Welterbekomitee ist das zentrale Gremium, das die Welterbekonvention praktisch umsetzt. Es entscheidet in der Regel jährlich über neue Kultur- und Naturstätten und befasst sich zugleich mit dem Zustand bereits eingetragener Welterbestätten.
In diesem Jahr sind rund 30 Stätten nominiert. Der Welterbeliste gehören derzeit 1.248 Kultur- und Naturstätten in 170 Ländern an, 53 davon gelten als bedroht. Deutschland zählt aktuell 55 Welterbestätten. Schon diese Größenordnung zeigt, dass die Entscheidung in Busan über den Fall Zehlendorf hinausweist.
Dem Komitee gehören 21 Vertragsstaaten an. Tagungsort ist in diesem Jahr Busan in Südkorea; beraten wird vom 19. bis 29. Juli 2026.
Was für die Waldsiedlung Zehlendorf auf dem Prüfstand steht
Die Waldsiedlung Zehlendorf soll nach den vorliegenden UNESCO-Unterlagen als Erweiterung der Welterbestätte „Berlin Modernism Housing Estates“ aufgenommen werden. In den Unterlagen ist von einer „extension and seventh component“ beziehungsweise einer „significant boundary modification“ die Rede. Vereinfacht heißt das: Die bestehende Welterbestätte würde um ein weiteres Element ergänzt und ihre Grenze entsprechend angepasst.
Es geht also nicht um ein komplett neues Einzelwelterbe, sondern um eine fachlich geprüfte Erweiterung einer bereits eingetragenen Stätte. Die Siedlungen der Berliner Moderne stehen seit 2008 auf der Welterbeliste. Für die Waldsiedlung nennt die UNESCO die Kriterien (ii) und (iv); außerdem empfehlen die Unterlagen die Genehmigung der Grenzänderung im Entwurf der Entscheidung 48 COM 8B.32.
Dass eine solche Erweiterung geprüft wird, ist für den Schutz des Bestands nicht nebensächlich. Es zeigt, dass Welterbe nicht nur als historischer Titel verstanden wird, sondern auch als fortlaufende fachliche Bewertung von Stadtentwicklung, Architektur und Erhaltungszustand.
Welterbe unter Druck
Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, verbindet die Frage um Zehlendorf mit einer grundsätzlichen Warnung. Sie verweist auf Klimawandel, Kriege, schnell wachsende Städte und einen Tourismus, der vielerorts an Grenzen stößt. All das setze Kultur- und Naturerbestätten weltweit unter Druck.
„Der Welterbe-Titel ist mehr als eine Auszeichnung, er ist ein Auftrag für die Zukunft.“
Böhmer ordnet die aktuelle Sitzung außerdem mit Blick auf die Ukraine ein. Die Angriffe auf das Welterbe in Kyjiw und Lwiw hätten erst vor kurzem wieder gezeigt, wie verletzlich solche Stätten sind. Die UNESCO verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Schutz und Monitoring, also der laufenden Beobachtung gefährdeter Orte.
Für Besucherinnen und Besucher mag das weit entfernt wirken. Für die Welterbe-Politik ist es jedoch ein Kernpunkt: Ein Eintrag auf der Liste schützt nicht automatisch vor Konflikten, Bebauungsdruck oder Vernachlässigung. Ob der Schutz im Alltag trägt, entscheidet sich erst daran, wie konsequent Staaten und Kommunen die Auflagen umsetzen.
Auch die Zusammensetzung der Liste steht im Blick
Neben der Berliner Siedlung richtet sich der Blick in Busan auch auf die internationale Zusammensetzung der Welterbeliste. Aus Sicht der Deutschen UNESCO-Kommission ist es bemerkenswert, dass mit den Komoren sowie São Tomé und Príncipe zwei Staaten erstmals auf der Liste vertreten sein könnten.
Das ist nicht nur eine Randnotiz. Die Welterbeliste lebt davon, dass möglichst viele Regionen und Staaten an der gemeinsamen Verantwortung für das Kulturerbe beteiligt sind. Gerade deshalb hat die Zusammensetzung der Liste auch eine politische Dimension: Sie zeigt, wer bislang sichtbar ist – und wer erst noch stärker berücksichtigt werden muss.
Für Deutschland steht in Busan dennoch zunächst die Frage im Vordergrund, ob die Waldsiedlung Zehlendorf den Schritt in das bestehende Welterbe der Berliner Moderne macht. Die Unterlagen sprechen dafür, die endgültige Entscheidung trifft das Komitee selbst.
Jetzt entscheidet die praktische Umsetzung
Am Ende hängt die Bedeutung der Sitzung nicht allein an neuen Namen auf der Liste. Entscheidend ist, ob das Welterbekomitee ein Signal setzt, das den Schutz gefährdeter Stätten ernst nimmt und die Idee der internationalen Zusammenarbeit stärkt.
Für die Berliner Moderne wäre eine Erweiterung um Zehlendorf vor allem dann mehr als ein Symbol, wenn daraus verlässlicher Schutz und eine klare Verantwortung für Erhalt und Pflege folgen. Genau daran wird sich die Entscheidung in den kommenden Tagen messen lassen.
Quellen
- UNESCO: 48. Sitzung des Welterbekomitees in Busan
- UNESCO: Berlin Modernism Housing Estates / Waldsiedlung Zehlendorf
- UNESCO: Schäden an Welterbestätten in Kyjiw und Lwiw
- UNESCO: Neue Welterbekandidaturen 2026