Wenn es um den Wald der Zukunft geht, streiten die Beteiligten längst nicht mehr nur über einzelne Paragrafen. Es geht um die Grundfrage, woran sich Waldpolitik überhaupt orientieren soll: an historischen Zielbildern oder an einem Wald, der unter Klimastress bestehen kann. Genau an diesem Punkt setzen die deutschen Waldbesitzerverbände nun an und verlangen deutlich mehr als nur Korrekturen.
Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW – Die Waldeigentümer) und weitere Verbände übergaben nach eigener Mitteilung am 24. September 2026 während der Agrarministerkonferenz in Würzburg ein gemeinsames forstpolitisches Positionspapier an die Ressortchefs von Bund und Ländern. Darin fordern sie einen Umsetzungsstopp und eine Überarbeitung der EU-Wiederherstellungsverordnung. Die Konferenz dauert nach Angaben der Verbände noch bis Freitag.
Der Streit um den Maßstab
Die Kritik der Verbände zielt auf den Kern der Verordnung: Sie richte sich zu stark nach Lebensraumtypen und historischen Leitbildern, heißt es. Aus Sicht der Waldbesitzer sollte der Maßstab anders aussehen, nämlich mit Blick auf dynamische Waldentwicklung und Klimaresilienz. Dazu gehöre auch, den Waldumbau so zu gestalten, dass standortgerechte Baumarten in großer Vielfalt möglich bleiben. Für die Verbände ist das kein Detail, sondern die entscheidende Weiche für Wälder, die mit Trockenheit, Hitze und Schädlingen besser zurechtkommen sollen.
AGDW-Präsident Andreas Bitter verlangt zudem, Parlament und Länder stärker am Nationalen Wiederherstellungsplan zur Verordnung zu beteiligen. „Wo eine Beteiligung von Parlament und Ländern bislang fehlt, so beim Nationalen Wiederherstellungsplan (NWP) zur WVO, sollte dies umgehend nachgeholt werden. Denn die Länder sind durch die Auswirkungen derartiger Vorhaben in der Fläche stark betroffen“, sagte Bitter laut Mitteilung. Damit rückt nicht nur die inhaltliche Richtung der Verordnung in den Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wer an ihrer Ausgestaltung mitreden darf.
Mehr Druck als die Minister selbst
Mit ihrem Ruf nach einem Umsetzungsstopp gehen die Waldbesitzerverbände weiter als die zuletzt dokumentierte Mehrheitslinie der Agrarministerkonferenz. Diese hatte am 20. März 2026 bereits einen „Neustart für mehr Praxisnähe und Realisierbarkeit“ verlangt, aber keinen pauschalen Stopp beschlossen. Ein weiterer, schärferer Schritt kam damals aus zehn Ländern: In einer Protokollerklärung forderten sie die vollständige Aufhebung der Verordnung. Der Mehrheitsbeschluss der AMK wiederum setzte auf Abstimmung des Nationalen Wiederherstellungsplans mit den Ländern, angemessene Fristen, Eigentümerbeteiligung bei Kartierungen außerhalb von FFH-Gebieten sowie Finanzierung und Personal.
Auch ein zweiter Konflikt zieht sich durch das Papier der Verbände: der in der Bundesregierung diskutierte Entwurf eines Natürliche-Infrastruktur-Gesetzes. Aus Sicht der Organisationen könnte die neue Flächenkulisse private Waldflächen zusätzlich einschränken. Sie verlangen deshalb, dass solche zusätzlichen Einschränkungen ausgeschlossen werden. Konkrete Folgen für einzelne Flächen nennt die Mitteilung allerdings nicht.
Der Bayerische Waldbesitzerpräsident Bernhard Breitsameter verbindet die Warnung mit einem grundsätzlichen Appell. „Statt mehr Umweltschutz schaffen neue Flächenkulissen mehr Fragezeichen. Was der ländliche Raum jetzt braucht, ist das Vertrauen der Politik in die nachhaltige Waldbewirtschaftung“, sagte er laut AGDW. Genau darum dreht sich der ganze Streit: Wie viel Steuerung braucht der Wald, damit er geschützt wird — und ab wann wird aus Schutz ein Hemmnis für die Bewirtschaftung, auf die viele Eigentümer beim Umbau ihrer Wälder setzen?





