– BNetzA-Bericht betont hohen Flexibilitätsbedarf ohne ausschließliche Festlegung auf Gaskraftwerke
– Szenario “Zielpfad”: Bis 2035 bis zu 22,4 GW Kraftwerkszubau, verzögerte Wende: 35,5 GW
– BEE mahnt Berücksichtigung von Bioenergie-, Speicher- und Elektrolyse-Potenzialen in Modellen ein
Bundesnetzagentur warnt vor Versorgungslücken – BEE fordert konsequente Nutzung erneuerbarer Flexibilitäten
Die Bundesnetzagentur hat im aktuellen Bericht zur Versorgungssicherheit im Strombereich bis 2035 zwei zentrale Szenarien vorgestellt, die den zukünftigen Kraftwerksneubedarf abbilden. Das Zielszenario kalkuliert mit einem Kraftwerkszubau von bis zu 22,4 Gigawatt, vorausgesetzt, die geplanten Ausbauziele für erneuerbare Energien und die Netzinfrastruktur werden erreicht und alle Flexibilitätspotenziale genutzt. Im Gegensatz dazu erhöht das Szenario der verzögerten Energiewende den erforderlichen Kraftwerkszubau auf bis zu 35,5 Gigawatt, wenn Ausbauziele verfehlt werden. Dabei betont der Bericht unmissverständlich, dass nicht mehr allein der Fokus auf Gaskraftwerke liegt, sondern das Ausschöpfen aller Flexibilitäten essenziell für die Versorgungssicherheit in Deutschland ist.
Der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) begrüßt diese Feststellung, warnt jedoch vor einer zu eingeschränkten Betrachtung vorhandener Potenziale: „Die enorme Bedeutung von Speichertechnologien und steuerbaren erneuerbaren Energien wird weiterhin unterschätzt. Das stellt ein Versäumnis dar und muss behoben werden.“ Während der Bericht eine Weiterentwicklung von einer reinen Kraftwerksstrategie zu einer breiten Flexibilitätsstrategie anmahnt, sieht der BEE insbesondere bei der Modellierung von Bioenergie-, Speicher- und Sektorenkopplungspotenzialen erhebliche Lücken.
In ihren Reaktionen unterstreicht BEE-Präsidentin Dr. Simone Peter: „Je umfassender das dezentrale Backup aus erneuerbaren Flexibilitätsoptionen wie Bioenergie, Kraft-Wärme-Kopplung, Wasserkraft oder Geothermie, Speichern und Sektorenkopplung genutzt wird, desto geringer ist der Bedarf an neuen fossilen Kraftwerken.“ Dies liefere nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern stärke auch die Resilienz des Energiesystems und beschleunige die Marktintegration der erneuerbaren Energien.
Kritisch sieht der BEE, dass beide Szenarien die flexibel steuerbaren erneuerbaren Backup-Potenziale weiterhin nicht angemessen abbilden. Ebenso fehlen in den Berechnungen, die 2024 erstellt wurden, wichtige dynamische Entwicklungen bei Batteriespeichern sowie das große Potenzial heimischer Elektrolyseure zur Systemdienlichkeit. Zudem werde der Effekt eines modernen Strommarktdesigns unterschätzt. Simone Peter fordert deshalb: „Anpassungen bei den Prämissen und Modellen sind dringend notwendig, um im Rahmen einer umfassenden Flexibilitätsstrategie alle Potenziale auszuschöpfen und die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.“
Die Debatte um den Kraftwerksneubau in Deutschland bleibt somit von der zentralen Frage geprägt, wie sich die Ausbauziele der erneuerbaren Energien mit einer realistischen, breiten Flexibilitätsstrategie verzahnen lassen, um Versorgungssicherheit ohne eine stärkere Abhängigkeit von fossilen Gaskraftwerken zu gewährleisten.
Warum Deutschlands Stromversorgung auf kluge Flexibilität setzt
Die Energiewende verlangt von der Stromversorgung in Deutschland mehr als nur den schrittweisen Ausbau erneuerbarer Quellen. Sie erfordert vor allem intelligente Flexibilität, um die Versorgungssicherheit auch bei zunehmendem Anteil von Wind und Sonne dauerhaft zu gewährleisten. Die Bundesnetzagentur hat in ihrem aktuellen Bericht klar gemacht, dass eine reine Ausrichtung auf fossile Kraftwerke wie Gaskraftwerk nicht mehr zeitgemäß ist. Stattdessen geht es um die Integration vielfältiger Flexibilitätsoptionen, die klimafreundlich und wirtschaftlich zugleich sind.
Dies bedeutet, dass dezentrale Anlagen und innovative Speichertechnologien künftig eine zentrale Rolle übernehmen. Bioenergie, Kraft-Wärme-Kopplung, Wasserkraft sowie Elektrolyseure zur Erzeugung von grünem Wasserstoff lassen sich bedarfsgerecht und steuerbar einsetzen. Solche Lösungen erhöhen nicht nur die Resilienz des Stromsystems, sondern minimieren auch die Abhängigkeit von Importen fossiler Energien. Diese Entwicklung birgt Chancen für Verbraucher und die Wirtschaft, da sie neue Geschäftsmodelle und regionale Wertschöpfung ermöglichen.
Gleichzeitig stellt die Flexibilisierung das politische System vor Herausforderungen. Es braucht klare Rahmensetzungen, die ein zukunftsfähiges Strommarktdesign schaffen und Anreize für die Nutzung aller Flexibilitätspotenziale setzen. Die Bundesnetzagentur mahnt an, dass bestehende Modellierungen häufig noch das volle Potenzial von Speichertechnologien und steuerbaren Erneuerbaren unterschätzen. Hier bestehen dringende politische Nachsteuerungsbedarfe, um den Erfolg der Energiewende sicherzustellen.
Ein Blick ins Ausland zeigt, dass viele Länder vergleichbare Strategien verfolgen. Länder wie Dänemark oder die Niederlande investieren stark in den Ausbau von Speichern und flexible Verbrauchssysteme. Auch sie setzen auf die Kombination von erneuerbaren Energien mit intelligenten Technologien, um Schwankungen auszugleichen und die Versorgung stabil zu halten.
Die kommenden Jahre werden entscheidend sein: Einerseits müssen die gesetzlich fixierten Ausbauziele bei Erneuerbaren konsequent umgesetzt werden. Andererseits gilt es, ein umfassendes Flexibilitätsmanagement zu etablieren, das industrielle Nachfrage, Speicher und dezentrale Energiequellen besser vernetzt. Ohne diesen Kurswechsel wird es schwer, die ambitionierten Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig eine verlässliche Stromversorgung sicherzustellen.
Welche Auswirkungen hat die Einschätzung der Bundesnetzagentur?
- Ein kompletter Fokus auf Gaskraftwerke als Backup ist vom Tisch, wodurch der Weg für vielfältige Flexibilitätslösungen frei wird.
- Die Modellierung von Flexibilitätspotenzialen muss nachgebessert werden, insbesondere im Bereich Bioenergie, KWK, Geothermie und Wasserkraft.
- Die dynamische Entwicklung bei Batteriespeichern und Elektrolyseuren wird bisher nicht ausreichend berücksichtigt, was die Aussagekraft aktueller Szenarien einschränkt.
- Eine breite Flexibilitätsstrategie reduziert den Neubaubedarf an Kraftwerken und senkt volkswirtschaftliche Kosten.
- Die Versorgungssicherheit profitiert vom Einsatz einer Kombination innovativer Technologien und einer stabilen Ausgestaltung des Strommarktes.
Diese Einschätzungen unterstreichen den gesellschaftlichen und politischen Paradigmenwechsel: Versorgungssicherheit wird zunehmend durch kluge Flexibilitätskonzepte gesichert – nicht mehr durch fossile Reservekapazitäten allein. Für Verbraucher bedeutet das eine größere Versorgungssicherheit bei gleichzeitigem Schutz von Klima und Umwelt. Wirtschaftlich eröffnen sich neue Perspektiven durch innovative Technologien und integrierte Energiesysteme. Deutschlands Stromversorgung steht vor einer grundlegenden Evolution – mit dem klaren Kurs auf nachhaltige, flexible und smarte Lösungen.
Die hier präsentierten Informationen und Zitate basieren auf einer Pressemitteilung des Bundesverbands Erneuerbare Energie e.V.