– UNESCO nahm zehn Traditionen neu in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes auf.
– Elf weitere Kulturformen wurden als dringend erhaltungsbedürftig eingestuft.
– Der Zwischenstaatliche Ausschuss tagte bis 13. Dezember in Neu-Delhi.
UNESCO erweitert Liste des Immateriellen Kulturerbes
Der Zwischenstaatliche Ausschuss der UNESCO hat bei seiner Sitzung im Dezember 2025 neue lebendige Traditionen international gewürdigt. Das Gremium nahm zehn Kulturformen neu in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf und stufte elf weitere als dringend erhaltungsbedürftig ein*.
„Der Zwischenstaatliche Ausschuss für das Immaterielle Kulturerbe der UNESCO hat bei seiner Sitzung im Dezember 2025 zehn Formen von überliefertem Wissen und Können in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.“ Zu den neuen Einträgen zählen die Brüsseler Stabmarionetten-Tradition, das Dudelsackspiel in Bulgarien und die traditionelle Sari-Weberei in Bangladesch. Gleichzeitig wurden elf Traditionen unter besonderen Schutz gestellt, darunter die traditionelle Herstellung von Moliceiro-Booten in Aveiro, Portugal.
Die Beratungen liefen noch bis zum 13. Dezember in Indiens Hauptstadt*. Der Ausschuss, dem in diesem Jahr auch Deutschland angehört, setzt sich aus „24 gewählten Vertragsstaaten“ der UNESCO-Konvention zusammen*.
Das Immaterielle Kulturerbe umfasst lebendige Traditionen aus Musik, Tanz, Handwerk und Naturwissen. Die rechtliche Grundlage bildet ein Übereinkommen, das 2003 verabschiedet wurde. „Bis heute sind ihm 185 Staaten beigetreten. Deutschland gehört der UNESCO-Konvention seit 2013 an“.
Weltweit sind inzwischen „insgesamt mehr als 800 Bräuche, darstellende Künste, Handwerkstechniken und Formen des Naturwissens aus aller Welt“ auf den UNESCO-Listen verzeichnet, darunter der Tango, Reggae und das internationale Hebammenwesen. „Deutschland verzeichnet insgesamt zehn Einträge auf den UNESCO-Listen des Immateriellen Kulturerbes“.*
Ein globales Netzwerk mit Lücken: Wie viele Traditionen sind geschützt – und wie viele in Gefahr?
Die UNESCO-Listen des immateriellen Kulturerbes bilden ein weltumspannendes Archiv lebendiger Kultur. Seit dem Inkrafttreten des entsprechenden Übereinkommens im Jahr 2003 wächst dieses Archiv kontinuierlich. Seit Inkrafttreten des UNESCO-Übereinkommens von 2003 sind bis Ende 2024 insgesamt 812 Elemente in den Listen des immateriellen Kulturerbes eingetragen*. Diese Zahl zeigt die beeindruckende Vielfalt, die von der internationalen Gemeinschaft anerkannt und gefördert wird. Im Zyklus 2023 wurden 32 neue Elemente in die UNESCO-Listen aufgenommen, davon drei als dringend erhaltungsbedürftig und 29 auf die Repräsentative Liste (Stand 2025)*.
Doch hinter dieser positiven Bilanz verbirgt sich eine besorgniserregende Realität. Die Aufnahme in eine UNESCO-Liste ist kein Garant für ewigen Bestand. Viele dieser lebendigen Traditionen stehen unter erheblichem Druck.
Dokumentierte Bedrohungen und regionale Unterschiede
Forschungsergebnisse, die auf Daten von 2008 bis 2024 basieren, zeichnen ein deutliches Bild der Gefährdungslage. Für 796 untersuchte immaterielle Kulturerbe-Elemente wurden in diesem Zeitraum 863 konkrete Bedrohungen dokumentiert. Hochgerechnet bedeutet das, dass etwa 20 Prozent aller eingetragenen Elemente als bedroht gelten*.
Die Bedrohung ist jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Ein regionaler Vergleich offenbart erhebliche Disparitäten. In Afrika liegt der Anteil gefährdeter Kulturerbe-Elemente im Durchschnitt 39 Prozent höher als in anderen Weltregionen. Zudem verzeichnen afrikanische Traditionen die meisten unterschiedlichen Bedrohungsfaktoren pro Einzelelement*. Diese Daten unterstreichen, dass der Schutzbedarf global betrachtet sehr ungleich ist und besondere Aufmerksamkeit erfordert.
Auch die Art des Kulturerbes entscheidet über seine Verwundbarkeit. Aktuelle Studien (Stand: 2025) zeigen, dass vor allem sprachbezogene Elemente – wie mündliche Überlieferungen, Ritualgesänge oder bedrohte Sprachen – als am stärksten gefährdet gelten. Demgegenüber weisen Traditionen wie handwerkliche Praktiken oder Sportarten tendenziell eine geringere Bedrohungsintensität auf*. Die Weitergabe von Wissen, das stark an eine spezifische Sprache gebunden ist, scheint unter den gegenwärtigen globalen Dynamiken besonders fragil zu sein.
| Jahr/Zeitraum | Kennzahl | Wert | Einheit | Quelle/Stand |
|---|---|---|---|---|
| 2008–2024 | Dokumentierte Bedrohungen | 863 | Bedrohungen | Nature (2008–2024) |
| 2008–2024 | Untersuchte Elemente | 796 | Elemente | Nature (2008–2024) |
| 2008–2024 | Geschätzter Bedrohungsanteil | ~20 | % | Nature (2008–2024) |
| Zyklus 2023 | Neueinträge gesamt | 32 | Elemente | World Heritage USA (2023) |
| Ende 2024 | Kumulative Einträge gesamt | 812 | Elemente | UNESCO (Ende 2024) |
Die Zahlen verdeutlichen die Dynamik: Während über Jahre hinweg Bedrohungen für Hunderte von Traditionen erfasst wurden (2008–2024), setzt der jährliche Zyklus der Listenaufnahmen (wie 2023) die Erweiterung fort – und die Gesamtzahl der geschützten Elemente wächst stetig. Der Erhalt des immateriellen Kulturerbes bleibt eine dauerhafte Aufgabe, die Dokumentation, Schutz und internationale Anerkennung verbindet.
Wer profitiert – und wer bleibt unterrepräsentiert?
Die Aufnahme in die UNESCO-Listen verleiht einer kulturellen Praxis internationale Sichtbarkeit und oft auch politische und finanzielle Unterstützung. Doch die Verteilung dieser Chancen ist nicht gleichmäßig. Die Listen des immateriellen Kulturerbes dokumentieren eine beeindruckende Vielfalt, zeigen jedoch in ihrer geografischen Verteilung ein Ungleichgewicht. Einige Länder wie Frankreich, Italien und Japan sind überrepräsentiert, während kleinere Staaten teilweise gar nicht vertreten sind.* Diese Diskrepanz wirft Fragen nach den Mechanismen hinter der Anerkennung und den realen Zugangsmöglichkeiten für alle Kulturen auf.
Ungleichheiten in der geografischen Verteilung
Die ungleiche Repräsentation ist kein neues Phänomen, bleibt aber ein zentraler Diskussionspunkt. Sie hat konkrete Folgen: Traditionen aus Ländern mit etablierten Verwaltungsstrukturen und Ressourcen für aufwändige Nominierungsdossiers haben strukturelle Vorteile. Für Gemeinschaften in kleineren oder finanziell schwächeren Staaten kann die Hürde, überhaupt einen Antrag zu stellen, bereits zu hoch sein. Das Risiko besteht, dass nicht die dringend schutzbedürftigsten, sondern die am besten dokumentierten und politisch unterstützten Traditionen den Weg auf die Listen finden. Ein Beispiel: Eine mündlich überlieferte Erzähltradition einer indigenen Gemeinschaft ohne schriftliche Fixierung steht im Wettbewerb mit einer gut archivierten Handwerkskunst aus einem Land mit einem spezialisierten Kulturerbe-Institut. Die UNESCO weist auf diese geografischen Ungleichgewichte hin und thematisiert sie als eine der Herausforderungen für das Übereinkommen.*
Bewertungs- und Entscheidungsverfahren (Stand: 2025)
Dem gegenüber steht das formalisierte und transparente Verfahren der UNESCO. Der Zwischenstaatliche Ausschuss, dem 24 gewählte Vertragsstaaten angehören, prüft und bewertet die Nominierungen anhand strikter Kriterien. Im Jahr 2025 beschreibt die UNESCO diese Kriterien unter anderem als die lebendige Praxis in den Gemeinschaften und die Qualität der geplanten Schutzmaßnahmen. Es geht also nicht primär um Alter oder Spektakularität, sondern um die Frage, wie eine Kulturform heute gelebt und für morgen gesichert wird. Zur Transparenz führt die UNESCO für den Zyklus 2025 eine Übersichtsliste aller anhängigen Nominierungen nach Kategorie, Staat und Verfahrensart.* Dies soll die Verteilung und die getroffenen Entscheidungen für Außenstehende nachvollziehbar machen.
Die zwei Perspektiven – die Kritik an struktureller Ungleichheit und die Verteidigung eines regelbasierten, gemeindezentrierten Verfahrens – existieren nebeneinander. Sie zeigen das Spannungsfeld zwischen dem idealistischen Ziel einer global repräsentativen Liste und den praktischen Realitäten internationaler Politik und ungleicher Ressourcen. Die fortlaufende Diskussion darüber ist selbst ein wichtiger Teil des Prozesses, um das immaterielle Kulturerbe der Menschheit wirklich umfassend abzubilden.
Immaterielles Kulturerbe schützen: So geht es weiter
Die Entscheidungen des Zwischenstaatlichen UNESCO-Ausschusses in Neu-Delhi markieren einen wichtigen Moment, aber keinen Endpunkt. Für viele weitere Kulturformen aus aller Welt steht die internationale Würdigung und der dringend benötigte Schutz noch aus. Der Weg dorthin folgt einem klar strukturierten Verfahren, an dem sich auch lokale Gemeinschaften und interessierte Bürgerinnen und Bürger beteiligen können.
Nächste Schritte im Verfahren (2025)
Das UNESCO-Verfahren zur Anerkennung von Immateriellem Kulturerbe erfordert mehrere Verfahrensschritte und sorgfältige Prüfungen. Nach der aktuellen Sitzung richtet sich der Blick bereits auf die nächsten Zyklen. Zahlreiche Nominierungsanträge aus verschiedenen Ländern durchlaufen derzeit die offiziellen Prüfverfahren. Der Zwischenstaatliche Ausschuss wird in seiner nächsten Sitzung über neue Vorschläge beraten und entscheiden*. Dieser fortlaufende Rhythmus sichert, dass der Schutz gelebter Kultur keine einmalige Aktion, sondern eine beständige globale Aufgabe bleibt.
Wie lokale Akteur:innen unterstützen können
Der effektivste Schutz für Immaterielles Kulturerbe beginnt nicht in internationalen Gremien, sondern vor Ort. Die lebendige Weitergabe von Wissen, die regelmäßige Praxis von Bräuchen und die Wertschätzung durch die Gesellschaft sind die Grundpfeiler jeder Tradition. Jede Person kann dazu einen Beitrag leisten, indem sie sich informiert, teilnimmt und das Bewusstsein schärft.
- Traditionen erleben und wertschätzen: Besuchen Sie lokale Feste, Handwerksmärkte oder Aufführungen. Der direkte Kontakt und das persönliche Erlebnis sind die beste Art, die Bedeutung einer Kulturform zu verstehen und ihre Trägergemeinschaften zu unterstützen.
- Lokale Initiativen kennenlernen und stärken: Viele Traditionen werden von Vereinen, Kulturinitiativen oder informellen Gruppen getragen. Erkundigen Sie sich nach diesen Akteuren in Ihrer Region. Oft freuen sie sich über neue Mitglieder, freiwillige Helfer oder einfach über öffentliches Interesse.
- Das nationale Verzeichnis entdecken: In Deutschland und vielen anderen Vertragsstaaten der UNESCO-Konvention gibt es nationale Verzeichnisse des Immateriellen Kulturerbes. Diese Listen bieten einen ausgezeichneten Überblick über die schützenswerten Traditionen im eigenen Land und zeigen, wie vielfältig gelebte Kultur sein kann.
Die nachfolgenden Informationen und Zitate entstammen einer aktuellen Pressemitteilung der Deutschen UNESCO-Kommission.
Weiterführende Quellen:
- „Seit Inkrafttreten des UNESCO-Übereinkommens von 2003 sind bis Ende 2024 insgesamt 812 Elemente in den Listen des immateriellen Kulturerbes eingetragen.“ – Quelle: https://ich.unesco.org
- „Für die Zeit von 2008 bis 2024 sind 863 dokumentierte Bedrohungen für 796 untersuchte immaterielle Kulturerbe-Elemente erfasst; etwa 20 % der eingetragenen Elemente gelten als bedroht.“ – Quelle: https://www.nature.com/articles/s40494-025-02169-w
- „Der Anteil bedrohter immaterieller Kulturerbe-Elemente in Afrika liegt im Durchschnitt um 39 % höher als in anderen Weltregionen, mit den meisten unterschiedlichen Bedrohungen pro Element (Datenstand 2008–2024).“ – Quelle: https://www.nature.com/articles/s40494-025-02169-w
- „Sprachbezogene Elemente des immateriellen Kulturerbes gelten als am stärksten gefährdet, während traditionelles Handwerk und Sport traditionsgemäß eine geringere Bedrohungsintensität aufweisen (Stand 2025).“ – Quelle: https://www.nature.com/articles/s40494-025-02169-w
- „Im Zyklus 2023 wurden 32 neue Elemente in die UNESCO-Listen des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, davon 3 als dringend erhaltungsbedürftig und 29 auf die Repräsentative Liste.“ – Quelle: https://worldheritageusa.org/unesco-adds-32-new-inscriptions-to-intangible-heritage-lists
- „Nach Angaben der UNESCO (Stand Juni 2025) sind einige Länder wie Frankreich, Italien und Japan überrepräsentiert in den Listen des immateriellen Kulturerbes, während kleinere Staaten teilweise gar nicht vertreten sind.“ – Quelle: https://www.unesco.org/en/geo-distribution
- „Die UNESCO beschreibt im Jahr 2025 die Bewertungs- und Entscheidungsverfahren des Zwischenstaatlichen Ausschusses, der Nominierungen anhand von Kriterien wie lebendiger Praxis und Qualität der Schutzmaßnahmen prüft und bewertet.“ – Quelle: https://www.unesco.org/en/intangible-cultural-heritage/committee-2025
- „Für den Zyklus 2025 führt die UNESCO eine Übersichtsliste aller anhängigen Nominierungen nach Kategorie, Staat und Art des Verfahrens, um die Verteilung und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen.“ – Quelle: https://ich.unesco.org/en/files-2025-under-process-01347
7 Antworten
Es freut mich zu sehen, dass die UNESCO sich für den Schutz des immateriellen Kulturerbes einsetzt. Dennoch sollten wir nicht vergessen, wie wichtig es ist, das Wissen innerhalb der Gemeinschaften weiterzugeben. Welche Rolle spielt Bildung dabei?
Bildung ist definitiv entscheidend! Vielleicht könnten Schulen Programme einführen, die sich mit lokalen Traditionen beschäftigen? So könnten Kinder schon früh ein Bewusstsein für ihre Kultur entwickeln.
Die ungleiche Verteilung der Einträge auf den Listen ist tatsächlich besorgniserregend. Was kann getan werden, um kleinere Staaten besser zu unterstützen? Ich denke, es ist wichtig, dass alle Stimmen gehört werden.
Es ist bedauerlich zu hören, dass viele Traditionen bedroht sind. Die Statistiken zeigen eine klare Notwendigkeit für Schutzmaßnahmen. Wie können wir aktiv helfen? Gibt es lokale Initiativen, denen wir uns anschließen können?
Ich stimme zu! Lokale Initiativen sind der Schlüssel zum Erhalt dieser Kulturformen. Vielleicht könnten wir auch Informationsveranstaltungen organisieren, um mehr Bewusstsein zu schaffen?
Die Zahl von über 800 Einträgen im immateriellen Kulturerbe zeigt, wie vielfältig unsere Kulturen sind. Ich frage mich, was passiert mit den Traditionen, die nicht anerkannt werden? Gibt es dazu Informationen?
Ich finde die Aufnahme der Brüsseler Stabmarionetten-Tradition sehr interessant. Es ist wichtig, dass solche Traditionen gewürdigt werden. Wie können wir sicherstellen, dass sie auch in Zukunft erhalten bleibt?