Ulla Schmidt als Lebenshilfe-Vorsitzende wiedergewählt: Neue Bezeichnung „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ beschlossen

Modernes blau beleuchtetes News-Studio mit runden LED-Podesten und großem Bildschirm mit Schriftzug ‚Verbands‑Monitor eins zu eins‘.
Ulla Schmidt wurde auf der Mitgliederversammlung der Lebenshilfe mit 96 Prozent der Stimmen für weitere vier Jahre als Bundesvorsitzende bestätigt. Zugleich beschloss der Verband, künftig nicht mehr von „Menschen mit geistiger Behinderung“, sondern von „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ zu sprechen. Dieser Schritt folgt einer langjährigen Forderung von Selbstvertreterinnen und Selbstvertretern, die die bisherige Bezeichnung als abwertend empfinden.

Inhaltsverzeichnis

– Ulla Schmidt wurde als Bundesvorsitzende der Lebenshilfe mit 96 Prozent bestätigt.
– Die Lebenshilfe ersetzt „geistige Behinderung“ durch „Menschen mit Unterstützungsbedarf“.
– Drei Selbstvertreter mit Unterstützungsbedarf wurden in den Bundesvorstand gewählt.

Ulla Schmidt mit überwältigender Mehrheit als Lebenshilfe-Vorsitzende bestätigt

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe hat auf ihrer Mitgliederversammlung in Berlin wegweisende Personal- und Sprachänderungen beschlossen. Ulla Schmidt, die seit 2012 an der Spitze der Lebenshilfe steht*, wurde mit beeindruckenden 96 Prozent der Stimmen für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. Die 76-jährige Aachenerin* wurde ohne Gegenkandidatur gewählt.

In ihrer Grundsatzrede betonte Schmidt die Bedeutung der Selbstvertretung: „Es ist ein langer Weg von der Fürsorge zur Teilhabe, hin zu einer Begegnung und einem Miteinander auf Augenhöhe. Ein wichtiger Motor auf diesem Weg sind die Eltern und Geschwister und vor allem die Selbstvertreter, die heute selbstbewusst für ihre Interessen und Rechte einstehen … Sie sind eine starke, eine authentische Stimme, die gerade deshalb überzeugen, weil sie von ihrem Leben erzählen – als Expertinnen und Experten in eigener Sache.“

Diesem Anspruch folgend wählte die Versammlung drei Selbstvertreter mit Unterstützungsbedarf in den Bundesvorstand.

Ein zentraler Beschluss betrifft die künftige Sprachregelung: Die Bezeichnung „Menschen mit geistiger Behinderung“ soll durch „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ ersetzt werden* (Stand: 15.11.2025). Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter hatten den bisherigen Begriff als abwertend, verletzend und ausgrenzend empfunden. Für behördliche Kommunikation kann auch die präzisere Formulierung „Menschen mit Unterstützungsbedarf und kognitiver Beeinträchtigung“ verwendet werden.

Die Mitgliederversammlung verabschiedete zudem ein Positionspapier zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf und komplexen Beeinträchtigungen. Die Lebenshilfe, die seit ihrer Gründung 1958 für Teilhabe statt Ausgrenzung steht, vereint in 472 Orts- und Kreisvereinigungen sowie 16 Landesverbänden mehr als 110.000 Mitglieder (Stand: 15.11.2025).

  • Debatte um Begriffe: Warum Sprache heute politisch ist

Die Entscheidung der Lebenshilfe für den Begriff „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ reiht sich in eine breitere gesellschaftliche Entwicklung ein. Die Diskussion über angemessene Bezeichnungen für Menschen mit Beeinträchtigungen hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dabei zeigt sich: Sprachliche Veränderungen folgen oft einem Muster aus politischen Initiativen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und schließlich verbandlichen Umsetzungen.

Chronologie der Debatte (alt → neu)

Bereits 2022 diskutierte der Deutsche Bundestag, ob der Begriff „geistige Behinderung“ durch „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ ersetzt werden soll, wobei die bisherigen Begriffe weiterhin rechtlich verbindlich bleiben. Die parlamentarische Debatte markierte einen frühen Schritt in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Thematik. Eine Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Begriffsänderungen wie „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ die gesellschaftliche Akzeptanz verbessern können, wenn sie von Betroffenen selbst initiiert werden.

Auf dieser Basis folgten 2024 konkrete Umsetzungen: Sowohl der Paritätische Gesamtverband als auch der Sozialverband Deutschland führten den Begriff „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ in ihre Kommunikation ein, um Selbstbestimmung zu stärken, während die Diakonie Deutschland weiterhin „geistige Behinderung“ als offizielle Bezeichnung nutzt*. Diese Entwicklung verdeutlicht den typischen Weg gesellschaftlicher Veränderungen – von der politischen Diskussion über wissenschaftliche Fundierung bis zur praktischen Implementierung.

Forschung: Wie Begriffe Akzeptanz beeinflussen

Die wissenschaftliche Untersuchung der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2023 belegt konkret, wie Sprache Wahrnehmungen und Haltungen prägt*. Die Studie zeigt, dass bestimmte Bezeichnungen:

  • Assoziationen von Defiziten verstärken können
  • gesellschaftliche Distanz erhöhen
  • Selbstbild und Identität der Betroffenen beeinflussen

Diese Erkenntnisse erklären, warum Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter den Begriff „geistige Behinderung“ als abwertend, verletzend und ausgrenzend empfinden. Die Forschungsergebnisse liefern damit eine wissenschaftliche Grundlage für die Forderung nach sprachlicher Veränderung.

Die Entwicklung von 2022 bis 2024 zeigt einen klaren Trend: Was mit politischen Anfragen begann, fand durch wissenschaftliche Befunde Bestätigung und mündet nun in konkrete Veränderungen der Sprachpraxis.

Datenlage und Repräsentation: Was Zahlen sagen — und was nicht

Die statistische Erfassung von Menschen mit Behinderungen in Deutschland zeigt ein differenziertes Bild mit deutlichen Lücken. Während bestimmte Kategorien präzise dokumentiert sind, bleiben andere Bereiche statistisch unsichtbar — mit direkten Auswirkungen auf die politische Repräsentation.

Zahlenlage: Erfasste Daten und Lücken

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten 2023 in Deutschland etwa 1,2 Millionen Menschen mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50, darunter etwa 120.000 Personen mit geistiger Behinderung (Stand: 2023)*. Diese Zahlen bilden jedoch nur einen Teil der Realität ab, denn sie erfassen ausschließlich Menschen mit amtlich festgestelltem Behinderungsgrad.

Eine entscheidende Lücke klafft bei der Kategorie "Menschen mit Unterstützungsbedarf". Diese Gruppe ist nicht statistisch erfasst (Stand: 2023)*. Die fehlende Datengrundlage erschwert nicht nur eine genaue Bedarfsplanung, sondern macht diese Menschen auch in der öffentlichen Wahrnehmung unsichtbar. Ohne valide Zahlen bleibt unklar, wie viele Personen tatsächlich Unterstützung benötigen — sei es aufgrund kognitiver, psychischer oder komplexer Beeinträchtigungen.

Repräsentation in Vorständen

Die Entwicklung der Selbstvertretung in deutschen Behindertenverbänden zeigt Fortschritte, aber auch deutlichen Nachholbedarf. In den Vorständen der 15 größten deutschen Behindertenverbände sitzen 2025 insgesamt 42 Selbstvertreter:innen, was einem Anteil von etwa 18 Prozent entspricht (Stand: 2025)*.

Diese Zahlen verdeutlichen:

  • Fortschritt: Die Präsenz von Menschen mit Behinderungen in Entscheidungsgremien ist messbar gestiegen
  • Entwicklungsbedarf: Mit 18 Prozent bleibt die Repräsentation hinter dem Bevölkerungsanteil zurück

Die Diskrepanz zwischen statistischer Erfassung und tatsächlicher Repräsentation wirkt sich unmittelbar auf die politische Teilhabe aus. Solange bestimmte Gruppen nicht in der amtlichen Statistik erscheinen, fehlt die Grundlage für eine angemessene Vertretung ihrer Interessen. Die aktuelle Datenlage bildet somit nicht nur Zahlen ab, sondern bestimmt maßgeblich mit, wer in der Gesellschaft Gehör findet und wer nicht.

Von der Wortwahl zur Wirkung: Was der neue Begriff verändern kann

Der Wechsel von „Menschen mit geistiger Behinderung“ zu „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ markiert mehr als nur eine sprachliche Anpassung. Er spiegelt einen grundlegenden Perspektivwechsel wider, der weitreichende Konsequenzen für gesellschaftliche Teilhabe, politische Rahmenbedingungen und statistische Erfassung haben dürfte. Die Entscheidung der Lebenshilfe reiht sich ein in eine wachsende Bewegung von Verbänden, die ihre Sprachregelungen überdenken.

Was Verbändewechsel bedeuten können

Wenn große Sozialverbände ihre Terminologie ändern, sendet dies Signale in verschiedene gesellschaftliche Bereiche. Eine Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2023 belegt: Wenn Betroffene selbst Begriffsänderungen initiieren, stärkt dies nicht nur ihr Selbstbewusstsein, sondern verbessert auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Die positive Wirkung zeigt sich besonders deutlich, wenn Menschen als „Expertinnen und Experten in eigener Sache“ auftreten können.

Doch der Wechsel bringt auch praktische Herausforderungen mit sich. Besonders deutlich wird dies bei der statistischen Erfassung: Das Statistische Bundesamt nutzt weiterhin etablierte Kategorien, die den neuen Begriff bisher nicht abbilden. Diese Datenlücke erschwert langfristig die politische Planung und Ressourcenverteilung. Ohne angepasste Erhebungsmethoden bleibt unklar, wie viele Menschen mit Unterstützungsbedarf tatsächlich welche Leistungen benötigen.

Handlungsbedarf: Statistik, Politik, Öffentlichkeitsarbeit

Die Einführung neuer Begrifflichkeiten erfordert koordinierte Anstrengungen auf mehreren Ebenen. Behörden und Ministerien stehen vor der Aufgabe, ihre Formulare und Richtlinien anzupassen. Die Politik muss diskutieren, wie der veränderte Sprachgebrauch in Gesetze und Förderprogramme einfließen kann. Gleichzeitig zeigt die wachsende Zahl an Selbstvertreterinnen und Selbstvertretern in Gremien – im Bundesbehindertenrat sind zahlreiche Menschen mit eigenen Beeinträchtigungen vertreten –, dass Betroffene zunehmend selbst für ihre Interessen eintreten.

Die größte Herausforderung besteht darin, den neuen Begriff in der breiten Gesellschaft zu verankern. Dies erfordert kontinuierliche Aufklärungsarbeit und sensible Kommunikation. Der Erfolg wird sich daran messen lassen, ob „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ nicht nur in Fachkreisen, sondern auch im Alltag zu einer selbstverständlichen Bezeichnung wird, die Respekt und Anerkennung ausdrückt – ohne die notwendige Klarheit in behördlichen und politischen Prozessen zu verwässern.

Die nachfolgenden Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.

Weiterführende Quellen:

20 Antworten

  1. Die Veränderungen in der Lebenshilfe sind ein Schritt in die richtige Richtung! Es wäre hilfreich zu erfahren, welche konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation geplant sind. Wie können wir alle daran teilhaben?

    1. Ja genau! Es müssen klare Strategien entwickelt werden um sicherzustellen das Menschen mit Unterstützungsbedarf Zugang zu wichtigen Ressourcen haben.

  2. Es freut mich zu hören, dass Selbstvertreter nun im Vorstand sind! Das gibt ihnen mehr Macht über ihre eigenen Belange. Aber wie können wir sicherstellen, dass ihre Stimmen auch wirklich gehört werden? Das Thema hat viele Facetten.

    1. Das finde ich auch wichtig! Wir sollten darüber nachdenken, welche Strukturen notwendig sind, damit diese Stimmen Gehör finden und nicht nur in den Hintergründen diskutiert werden.

  3. Die Diskussion über die Begrifflichkeiten ist sehr wichtig! Ich denke, dass die Sichtbarkeit von Menschen mit Unterstützungsbedarf wirklich verbessert werden muss. Gibt es bereits Vorschläge für neue Programme oder Initiativen?

  4. Ich finde es sehr wichtig, dass der Begriff ‚Menschen mit Unterstützungsbedarf‘ jetzt offiziell verwendet wird. Das zeigt, dass wir in unserer Gesellschaft sensibler werden. Aber wie sieht es mit den weiteren Maßnahmen aus? Gibt es Pläne für mehr Aufklärung über diese Änderungen?

    1. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Sprache ändern kann und was das für die Akzeptanz bedeutet. Ich hoffe, dass auch andere Verbände folgen werden und mehr Selbstvertreter:innen in Vorständen Platz finden!

    2. Ich stimme zu! Die Veränderung in der Sprache ist der erste Schritt, aber was passiert als nächstes? Es wäre interessant zu wissen, wie die Gesellschaft insgesamt auf diese Änderungen reagieren wird.

  5. Die Wahl von Ulla Schmidt ist eine großartige Entscheidung für die Lebenshilfe. Ihre Erfahrung wird dringend benötigt, um die Belange der Menschen mit Unterstützungsbedarf voranzubringen. Wie wird sie konkret dafür sorgen, dass ihre Stimme gehört wird?

  6. Super Entscheidung von der Lebenshilfe! Ich frage mich, wie die Gesellschaft auf diese Änderungen reagieren wird? Wird es genügend Unterstützung geben?

  7. Die Selbstvertretung ist so wichtig! Jeder sollte die Möglichkeit haben, für sich selbst zu sprechen. Wie können wir das noch unterstützen?

  8. Ich bin gespannt auf die Entwicklung der neuen Begriffe in den nächsten Jahren. Werden andere Verbände auch umsteigen? Was denkt ihr darüber?

  9. Die Änderung von ‚geistige Behinderung‘ zu ‚Menschen mit Unterstützungsbedarf‘ ist wirklich ein Schritt in die richtige Richtung. Was haltet ihr von der alten Bezeichnung?

  10. Ich finde es toll, dass Ulla Schmidt wiedergewählt wurde. Die Idee mit den Selbstvertretern ist auch echt wichtig. Wie können wir sicherstellen, dass alle Stimmen gehört werden?

    1. Das ist ein guter Punkt! Vielleicht sollten mehr Veranstaltungen organisiert werden, wo Selbstvertreter ihre Meinungen äußern können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Über den Autor

Die Redaktion von Verbandsbüro besteht aus vielen unterschiedlichen Experten aus der Verbands- und Vereinswelt. Alle Beiträge beruhen auf eigene Erfahrungen. Damit wollen wir Ihnen unsere professionellen Leistungen für Ihre Organisation präsentieren. Wollen Sie mehr zu diesem Thema erfahren? Nehmen Sie doch einfach mit uns Kontakt auf.​