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Tokio 2020NE: Hans-Werber Harbeck über Tokio 1964

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Vor 57 Jahren begleitete Hans-Werner Harbeck die westdeutsche Mannschaft als Teammanager zu den Olympischen Spielen nach Tokio, noch heute erinnert er sich an die Herausforderungen eines zwiegespaltenen Teams, eine sportbegeisterte Bevölkerung und verpasste Chancen. Eine Geschichte über Veränderungen und Herausforderungen im Sport.

Es war der 10. Oktober 1964, als Hans-Werner Harbeck mit vier weiteren westdeutschen und sechs DDR-Schützen in seinem weißen Anzug ins Olympiastadion in Tokio einmarschierte. Heute ist der damalige Mannschaftsführer der westdeutschen Mannschaft knapp 88 Jahre alt, aber noch immer erinnert er sich an die kleinen Details der Eröffnungsfeier. Der Einmarsch ins Stadion ist schon eine gewaltige große Sache, aber wenn die Reden geschwungen werden, dann redet man untereinander, erzählt Harbeck und fügt eine Anekdote von damals hinzu: Als die Tauben losgelassen wurden, hat mir eine davon auf meinen weißen Anzug gekleckert. Man hat mir daraufhin prognostiziert, dass ich eine Medaille gewinnen würde, aber die anderen wussten ja nicht, dass ich nur der Betreuer war.

Er selbst hatte sowohl bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rom vier Jahre zuvor als auch für Tokio den Sprung ins Athletenteam knapp als Dritter der Gewehr-Qualifikation verpasst. Wenn man den Sport selbst betreibt, dann ist Olympia das Höchste, weiß der mehrmalige Deutsche Meister Harbeck, das ist leider krampfhaft an mir vorbeigegangen. Nagen tut es aber nicht mehr, denn es ist Vergangenheit. Wenn man an allem im Leben nagen würde, was nicht so läuft, dann werden sie in ihrem Leben nicht mehr fertig. Stattdessen durfte er als Betreuer mit nach Tokio, befand sich tagsüber am Schießstand in Asaka und Tokorozawa, wo damals die Schießwettbewerbe stattfanden und abends in der Besprechung. Die temporäre Anlage für die Schießsportbewerbe 2021 wurde übrigens an der gleichen Stelle errichtet an der – mit Ausnahme der Flintenwettkämpfe – auch die Wettkämpfe 1964 stattfanden. Verändert hat sich allerdings seither einiges: Anders als heute gab es keine elektronischen Anlagen. Bei den Scheiben vorne war ein Graben, in dem Schützen saßen, die die Scheiben wechselten. Hinten waren Anschreiber, die das auf eine Tafel geschrieben haben, und die Zuschauer liefen vorbei und konnten sich die Ergebnisse anschauen. Heute funktioniert die Trefferanzeige vollelektronisch, und die Schützen bekommen ihren Schusswert sofort auf dem Monitor vor ihnen gezeigt.

Verändert haben sich auch die olympischen Disziplinen. Waren 1964 Trap, Freie Pistole 50m, Schnellfeuerpistole 25m, Kleinkaliber Liegend, Kleinkaliber Dreistellungskampf und Freies Gewehr Dreistellungskampf 300m olympisch, sind heute davon nur noch Trap, Schnellfeuerpistole und der Kleinkaliber Dreistellungskampf übrig geblieben. Dafür sind 57 Jahre später mit im olympischen Programm: Skeet, Luftgewehr, Luftpistole, Sportpistole und Recurve-Bogenschießen. Im Vergleich: 1964 gab es sechs Medaillenentscheidungen im Sportschießen, 2021 werden es 15 sein und zusätzlich fünf im Bogenschießen. Und noch etwas ist heute anders: Es gab keine Frauen im Team, es gab überhaupt keine Schieß-Wettbewerbe für Frauen damals. Erst ab 1968 gab es offene Wertungen, aber nur sehr selten nahmen Frauen daran teil. Die erste Medaille für die deutschen Sportschützinnen holte 1984 Ulrike Holmer, die mit dem KK-Standardgewehr die Silbermedaille gewann. Erst zwei deutsche Schützinnen schafften den Sprung ganz oben auf das Treppchen: 1988 Silvia Sperber (KK-Standardgewehr) und 2016 Barbara Engleder (KK-Dreistellungskampf). Bei den Bogenschützen hingegen konnten bislang allein DSB-Frauen olympische Medaillen gewinnen.

Teamwettbewerbe gibt es bis heute aber nur im Bogenbereich und ganz frisch die Premiere der Mixed-Wettkämpfe, die neu mitaufgenommen wurden, um ein Zeichen in Sachen Gleichberechtigung zu setzen. Die Olympischen Spiele von damals sind mit heute nicht mehr vergleichbar, so Harbeck, der noch mehr Unterschiede wahrnimmt: Früher war sicher das Doping noch üblicher als heute, denn es war auffällig, dass jemand über 100 Schuss lang brillant, sogar überdimensional hoch geschossen hat und plötzlich über 20 Schuss lang zusammenbricht. Wahrscheinlich setzte da die Wirkung aus. 1964 gab es keine Dopingkontrollen bei den Athleten, heute wird jeder Athlet mehrmals im Jahr getestet und unterliegt strengen Auflagen.

Zu einer Veränderung im Sport führten auch die Medien egal, ob TV, Online-Plattformen oder Social Media. Eine Entwicklung, die Harbeck skeptisch beäugt: Für die Beteiligten ist Olympia etwa Gewaltiges. Aber heute übt es keinen Zauber mehr auf mich aus. Die Medien versuchen es zu bezaubern, aber für mich entzaubern sie es mehr. Es wird viel Drumherum gemacht, was gar nicht ist. Das viele Geld verdirbt die Sportler und lässt Machenschaften darum entstehen. Während heute und vor allem in Pandemie-Zeiten die Sportler weitgehend abgeschirmt werden, konnte man 1964 bis an den Zaun ranlaufen, wie Harbeck erzählt: Das waren keine besseren oder schlechteren Leute. Es gibt eben immer diese zwei Seiten der Medaille: Zum einen die positive Reichweite, zum anderen die Gier nach mehr. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Erfolg, mehr Geld.

Zwar lautete das olympische Motto Schneller, höher, stärker, welches Dominikanerpater Henri Didon seinen Schützlingen 1891 bei einem Sportfest mit auf dem Weg und das Pierre de Coubertin 1894 im Gründungskongress des IOC miteinbrachte, doch zum Größenwahn sollte es nicht auffordern. Vielmehr war es als Ansporn der Athleten gedacht, das Beste aus sich herauszuholen. Insgesamt umfasste die gesamtdeutsche Mannschaft 1964 über 370 Athleten und bildete damals die größte Mannschaft der Spiele. Was nach außen hin eine Einheit bildete, war nach innen zweigeteilt. Wir haben uns getrennt benommen und getrennt verstanden, auch wenn wir nach außen hin ein Team waren, erzählt der damalige Mannschaftsführer der westdeutschen Schützen, gleiche Uniform, alles gleich – für Außenstehende war nicht zu erkennen, wo wer herkam.

Eine besondere Herausforderung wartete am Schießstand auf Harbeck, denn es gab nur eine Schießzeit für die gesamtdeutsche Mannschaft, und so musste er mit dem Mannschaftsführer der DDR verhandeln, wann welcher Schütze aus den jeweiligen Teams schießen durfte. Das hat reibungslos bei uns funktioniert, aber das war nicht bei allen so. Trotz des reibungslosen Ablaufs gingen die deutschen Schützen damals ohne Medaille nach Hause. Wir hatten gehofft, eine Medaille zu gewinnen, so Harbeck, denn schließlich war Karl Wenk zwei Jahre zuvor Weltmeister im Liegendschießen geworden, Rudolf Bortz erlangte ein Jahr zuvor den Europameistertitel im Liegendschießen und Karl Zähringer hatte im Dreistellungskampf vier Jahre zuvor in Rom die Bronzemedaille gewonnen. Strahlende Gesichter gab es dennoch, denn die Olympischen Spiele von Tokio 1964 gingen auch als Happy Games in die Geschichte ein. Die Bevölkerung war bereits damals sehr sportbegeistert, erinnert sich Harbeck, sie waren voll und ganz dabei, was sich auch bei den Sportlern bemerkbar gemacht hat. Umso trauriger, dass 2021 auf Grund der Corona-Pandemie nur wenige Leute vor Ort die Sportler anfeuern können.

Harbeck selbst hat sich inzwischen zur Ruhe gesetzt und den Schießsport hinter sich gelassen. Es hat nachgelassen, als ich aufgehört habe, etwas Wichtiges zu treffen, auf dem absteigenden Ast rumzuschießen hätte er nie gewollt, das wäre keine Befriedigung gewesen! Ob das Auflageschießen eine Option für ihn wäre? Auf keinen Fall! Das ist ja, als wenn sie einen Leichtathleten mit dem Rollstuhl über die Laufbahn schieben. Was bleibt, sind daher all die schönen Erinnerungen an wundervolle Tage, wie es der 10. Oktober 1964 einst war.

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