– Tierversuche in der akademischen Forschung bleiben trotz tierversuchsfreier Methoden weit verbreitet.
– Soziale Strukturen und Belohnungssysteme blockieren den Wechsel zu humanbasierten Verfahren.
– Der Verein fordert Reformen der akademischen Bewertung und gezielte Förderung tierversuchsfreier Methoden.
Warum die Wissenschaft an Tierversuchen festhält
Die akademische Forschung hält trotz verfügbarer Alternativen weiterhin an Tierversuchen fest – nicht aus technischen Gründen, sondern wegen struktureller Barrieren. Das zeigt eine Analyse von Pandora Pound, auf die sich Ärzte gegen Tierversuche in ihrer Pressemitteilung vom 11. November 2025 bezieht. Während tierversuchsfreie Methoden in regulatorischen Bereichen bereits Standard werden, bleibt ihr Einsatz in der Grundlagenforschung hinter den Möglichkeiten zurück.
„Dass NAMs sich vor allem dort durchsetzen, wo höchste Sicherheitsstandards gelten, belegt eindeutig: Diese Methoden sind Tierversuchen überlegen und einsatzbereit – auch in der Grundlagenforschung“, betont Dr. Johanna Walter, wissenschaftliche Referentin bei Ärzte gegen Tierversuche. „Während Regulatoren und Industrie bereits umdenken, beharren große Teile der akademischen Welt jedoch auf der veralteten Methode Tierversuch.“
Laut Pounds Analyse im NAM Journal 2025 liegen die Hemmnisse in den sozialen Strukturen der Wissenschaft. Tierversuche generieren wissenschaftliches „Kapital“: symbolisches Kapital durch Publikationen in angesehenen Fachzeitschriften, soziales Kapital durch Netzwerke und ökonomisches Kapital durch Fördermittel. Wer auf moderne Methoden umsteigt, riskiert den Verlust dieser Ressourcen.
„Solange Publikations- und Fördersysteme Tierversuche belohnen, wird sich kaum jemand trauen, neue Wege zu gehen“, so Walter. Die Organisation fordert daher Reformen der Bewertungssysteme, gezielte Förderung tierversuchsfreier Methoden, Unterstützung beim Umstieg und die konsequente Umsetzung bestehender Gesetze. Die Technologie für den Wandel existiert – jetzt müssen die Rahmenbedingungen folgen.
Journalistische Einordnung
Die wissenschaftliche Forschung bewegt sich nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb eines komplexen Gefüges aus Anreizen, Erwartungen und etablierten Praktiken. Soziale und institutionelle Blockaden entstehen, wenn dieses System bestimmte Methoden bevorzugt und andere benachteiligt – unabhängig von deren tatsächlichem Nutzen oder Fortschrittlichkeit. Betroffen sind dabei alle Akteure im Wissenschaftsbetrieb: von Nachwuchsforschenden über etablierte Professorinnen bis hin zu Universitätsleitungen und Fachzeitschriften.
Wie Anreizsysteme Forschung lenken
Das akademische Belohnungssystem basiert auf drei Säulen: Karrierechancen, Publikationserfolg und Fördergelder. Wer in diesem System bestehen will, muss oft den Erwartungen etablierter Gutachter und Fördergremien entsprechen. Das führt zu einem paradoxen Effekt: Selbst wenn innovative Methoden verfügbar sind, bleiben Forschende bei traditionellen Ansätzen, weil diese als „wissenschaftlich solide“ gelten und leichter publiziert werden. Ein junger Wissenschaftler, der mit modernen Verfahren arbeitet, riskiert damit nicht nur seine Publikationschancen, sondern auch seine gesamte Karriereentwicklung.
Wer trägt Verantwortung?
Die Verantwortung für diesen Stillstand verteilt sich über mehrere Ebenen. Fachzeitschriften spielen eine Schlüsselrolle, indem sie bestimmte Methoden als Standard etablieren. Förderorganisationen beeinflussen durch ihre Ausschreibungen, welche Forschung finanziert wird. Universitäten wiederum bestimmen durch ihre Berufungskriterien, wer Karriere macht. Dieses komplexe Zusammenspiel führt dazu, dass sich etablierte Verfahren selbst dann halten, wenn bessere Alternativen vorhanden sind. Der reine Technikfokus greift daher zu kurz – die eigentliche Herausforderung liegt im Wandel der wissenschaftlichen Kultur selbst, die Innovationen oft eher bestraft als belohnt.
Zahlen und Fakten zu Tierversuchen in Deutschland
Die offizielle Statistik zeigt einen Rückgang der Tierzahlen in deutschen Tierversuchen, während sich die Struktur der Forschungslandschaft weiterhin durch den hohen Anteil bestimmter Forschungsbereiche auszeichnet.
Kernzahlen im Überblick:
- 1.456.562 Tiere wurden 2023 in deutschen Tierversuchen eingesetzt (Stand: 2023)*
- 16 Prozent Rückgang gegenüber dem Vorjahr 2022 (Stand: 2023)*
- 59 Prozent der Tierversuche entfallen auf die Grundlagenforschung (Stand: 2023)*
- 77 Prozent Mäuseanteil an allen Versuchstieren (Stand: 2025)*
Zahlen zur Tierverwendung
Die Versuchstierstatistik 2023 dokumentiert den Rückgang der Tierzahlen um 16 Prozent gegenüber 2022. Zudem zeigt sich, dass 59 Prozent der Tierversuche in der Grundlagenforschung durchgeführt werden. In diesem Bereich sank die Zahl der Tiere um 15,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr 2022*.
Der Kompass Tierversuche 2025 bestätigt diese Entwicklung und liefert weitere Details zur Tierverteilung: Mäuse machen mit 77 Prozent den Hauptanteil der Versuchstiere aus. Der Rückgang der Tierversuchszahlen von 2022 auf 2023 zeigt sich sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der angewandten Forschung*.
Förderung und Strukturhinweise
Ein interessanter Befund ergibt sich aus dem Vergleich von Forschungsförderung und Tierversuchsentwicklung: Während die Förderung im Bereich Gesundheitsforschung von 1,96 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf 3,18 Milliarden Euro im Jahr 2023 stieg, sanken die Tierversuchszahlen weiterhin. Diese gegenläufige Entwicklung weist auf strukturelle Hemmnisse bei der Reduzierung von Tierversuchen hin*.
| Jahr | Indikator | Wert | Einheit | Quelle/Stand |
|---|---|---|---|---|
| 2023 | Tiere in Versuchen | 1.456.562 | Tiere | DPZ/2023* |
| 2022→2023 | Rückgang Tierzahlen | 16 | % | DPZ/2023* |
| 2023 | Anteil Grundlagenforschung | 59 | % | BfR/2023* |
| 2025 | Mäuseanteil an Versuchstieren | 77 | % | 3R-Netzwerk NRW/2025* |
| 2014→2023 | Gesundheitsforschungsförderung | 1,96 → 3,18 | Mrd. € | DPZ/2014 bzw. 2023* |
Die Daten zeigen, dass trotz gestiegener Forschungsmittel der Anteil tierexperimenteller Forschung zurückgeht – ein Hinweis darauf, dass finanzielle Anreize allein nicht ausreichen, um den Wandel zu beschleunigen.
Gesellschaft im Zwiespalt: Was der Forschungsstau wirklich bedeutet
Die anhaltend hohen Tierversuchszahlen werfen grundlegende Fragen auf, die über die wissenschaftliche Methodik hinausreichen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet der verzögerte Übergang zu humanbasierten Forschungsansätzen potenziell längere Wartezeiten auf wirksamere Therapien. Die mangelnde Übertragbarkeit vieler tierexperimenteller Ergebnisse auf den Menschen bleibt ein zentrales Problem – Medikamente, die im Tierversuch vielversprechend erscheinen, scheitern später häufig in klinischen Studien.
Ethik und Öffentlichkeit
Das Festhalten an etablierten Tierversuchsmodellen trotz verfügbarer Alternativen gefährdet das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft. Wenn moderne Methoden in regulatorischen Bereichen wie Chemikalien- und Arzneimitteltests bereits erfolgreich eingesetzt werden, stellt sich die Frage nach der Berechtigung tierexperimenteller Ansätze in der Grundlagenforschung umso dringlicher. Die Diskrepanz zwischen technischen Möglichkeiten und wissenschaftlicher Praxis führt zu Legitimationsproblemen, die das Verhältnis zwischen Forschung und Gesellschaft belasten.
Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit
Die strukturelle Bevorzugung tierexperimenteller Forschung gefährdet die Innovationsfähigkeit des Wissenschaftssystems. Wenn Karrierechancen und Fördermittel stärker von traditionellen Publikationsmustern abhängen als von methodischer Innovation, entsteht ein System, das Konformität belohnt statt Fortschritt. Diese Dynamik beeinträchtigt nicht nur die Qualität der Forschung, sondern bindet auch öffentliche Mittel in Methoden, deren Aussagekraft für den menschlichen Organismus begrenzt bleibt. Die ökonomischen Implikationen dieses Systemversagens sind erheblich – sowohl in Bezug auf verschwendete Steuergelder als auch hinsichtlich verzögerter medizinischer Durchbrüche.
Ausblick & Handlungsmöglichkeiten
Die Analyse zeigt deutlich: Der Wandel zu einer tierversuchsfreien Forschung scheitert nicht an technischen Hürden, sondern an strukturellen Barrieren im Wissenschaftssystem selbst. Die im ersten Kapitel dokumentierten Forderungen von Ärzte gegen Tierversuche weisen den Weg aus diesem Dilemma. Jetzt kommt es darauf an, diese Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen zu übersetzen.
Wer muss aktiv werden?
Drei zentrale Akteure tragen besondere Verantwortung für den notwendigen Systemwandel: Förderinstitutionen müssen ihre Vergabekriterien überarbeiten und gezielt Projekte mit humanbasierten Methoden priorisieren. Universitäten und Forschungseinrichtungen sind gefordert, ihre Karrierepfade und Bewertungssysteme zu reformieren. Politische Entscheidungsträger schließlich müssen den rechtlichen Rahmen konsequent anwenden und den Wandel durch gezielte Förderprogramme unterstützen.
Kurzfristige vs. langfristige Schritte
Der Übergang erfordert sowohl sofort wirksame Schritte als auch nachhaltige Strukturreformen:
- Bewertungsreformen in Publikations- und Förderverfahren, die tierversuchsfreie Forschung gleichberechtigt behandeln
- Priorisierung von NAMs in Forschungsförderprogrammen durch gezielte Ausschreibungen und Budgets
- Umstiegsunterstützung durch Weiterbildungsangebote und Anschubfinanzierung für Laborumrüstungen
Langfristig geht es darum, die wissenschaftliche Kultur grundlegend zu verändern – weg von einem System, das traditionelle Methoden belohnt, hin zu einer Forschung, die Innovation und menschliche Relevanz in den Mittelpunkt stellt. Die technologischen Voraussetzungen sind geschaffen, die regulatorische Anerkennung schreitet voran. Jetzt liegt es an den Entscheidungsträgern in Wissenschaft und Politik, diese Entwicklung aktiv zu gestalten und den Weg für eine moderne, tierleidfreie Forschung endgültig freizumachen.
Die vorliegenden Informationen und Aussagen basieren auf einer Pressemitteilung des Vereins Ärzte gegen Tierversuche e.V.
Weiterführende Quellen:
- „Im Jahr 2023 wurden in Deutschland 1.456.562 Tiere in Tierversuchen eingesetzt, was einem Rückgang von 16 Prozent gegenüber 2022 entspricht; dieser Rückgang wird neben technologischen Fortschritten auch auf Verlagerungen ins Ausland und soziale sowie strukturelle Ursachen zurückgeführt.“ – Quelle: https://www.dpz.eu/im-dialog/news/artikel/erneut-deutlicher-rueckgang-bei-tierversuchen
- „Die Versuchstierstatistik 2023 des Bundesinstituts für Risikobewertung zeigt, dass 59 Prozent der Tierversuche in der Grundlagenforschung durchgeführt werden, der Rückgang aber alle Forschungsbereiche betrifft, wobei die Zahl der Tiere um 15,6 Prozent gegenüber 2022 sank.“ – Quelle: https://www.bfr.bund.de/presseinformation/tierversuche-rueckgang-der-vorjahre-setzt-sich-deutlich-fort/
- „Der Kompass Tierversuche 2025 berichtet, dass Mäuse mit 77 Prozent den Hauptanteil der Versuchstiere ausmachen, der Rückgang von Tierversuchszahlen 2023 Prozentual auch in der Grundlagenforschung und angewandten Forschung festgestellt wurde.“ – Quelle: https://www.3r-netzwerk.nrw/news/zahlen-fakten-perspektiven-der-kompass-tierversuche-2025-zeigt-den-fortschritt
- „Trotz steigender Forschungsförderung im Bereich Gesundheitsforschung von 1,96 Milliarden Euro 2014 auf 3,18 Milliarden Euro 2023 sinken die Tierversuchszahlen weiterhin; dies weist auf strukturelle Hemmnisse bei der Reduzierung von Tierversuchen hin.“ – Quelle: https://www.dpz.eu/im-dialog/news/artikel/erneut-deutlicher-rueckgang-bei-tierversuchen
10 Antworten
Ich finde die Diskussion um Tierversuche sehr wichtig und notwendig! Wir müssen alle an einem Strang ziehen für eine bessere Forschung ohne Tierleid! Gibt es Initiativen oder Petitionen dafür? Das würde mich interessieren.
Ja Henrik! Es gibt mehrere Organisationen und Initiativen im Netz; ich habe mal eine Petition unterschrieben für tierversuchsfreie Forschung!
Es ist wirklich frustrierend zu sehen, wie langsam sich Dinge ändern in der Wissenschaft. Ich hoffe sehr darauf, dass es bald Reformen gibt und wir tierversuchsfreie Forschung unterstützen können.
Die Zahlen über Tierversuche sind schockierend! Ich habe immer gedacht, dass sich die Forschung weiterentwickelt hat und wir weniger Tiere brauchen. Wo bleibt der Fortschritt? Gibt es Studien über erfolgreiche Umstellungen auf humane Verfahren?
Das ist eine berechtigte Frage! Ich habe gehört, dass einige Labore schon umgestiegen sind auf moderne Methoden und sehr gute Ergebnisse erzielen konnten.
Ich würde gerne wissen, welche konkreten Schritte unternommen werden müssen, damit dieser Wandel schneller geschieht. Vielleicht sollten wir alle mehr darüber lesen und uns informieren.
Es ist wirklich ein großes Problem, dass viele Forscher an den alten Methoden festhalten, obwohl es bessere gibt. Vielleicht sollten wir auch mehr Druck auf die Universitäten ausüben, damit sie neue Wege gehen! Wer hat Ideen, wie wir das tun können?
Ich glaube auch, dass es an der Zeit ist für einen Wandel! Wenn wir als Gesellschaft uns stärker engagieren und diese Themen diskutieren, können wir vielleicht etwas bewirken.
Ich finde es sehr traurig, dass Tierversuche immer noch so verbreitet sind. Die Forschung sollte sich wirklich auf humanbasierte Methoden konzentrieren. Warum wird das nicht mehr gefördert? Hat jemand von euch Erfahrungen mit tierversuchsfreien Methoden gemacht?
Ich stimme zu, Ralf. Es ist schwer nachzuvollziehen, wieso die Wissenschaft nicht schneller umschwenkt. Ich denke, mehr Aufklärung über die Vorteile tierversuchsfreier Methoden wäre wichtig. Was denkt ihr darüber?