Tierversuche in Deutschland 2024: Zahlen sinken, aber Reduktionsstrategie fehlt

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Die Zahl der in Tierversuchen eingesetzten Tiere in Deutschland sinkt zwar, bleibt mit fast zwei Millionen Verwendungen und über einer Million zusätzlich getöteter „überzähliger“ Tiere aber erschreckend hoch. Der Deutsche Tierschutzbund fordert daher, die bereits erarbeitete nationale Reduktionsstrategie der Bundesregierung endlich umzusetzen und tierversuchsfreie Methoden massiv zu fördern. Das Ziel müsse ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel hin zu einer Wissenschaft ohne Tierversuche sein.

Inhaltsverzeichnis

– Die Zahl der in Tierversuchen eingesetzten Tiere sinkt in Deutschland seit 2019 stetig.
– Dennoch wurden 2024 fast zwei Millionen Tiere in Versuchen verwendet oder getötet.
– Der Deutsche Tierschutzbund fordert die sofortige Umsetzung einer vorliegenden Reduktionsstrategie.

Versuchstierstatistik 2024: Tierschutzbund sieht Fortschritt, fordert aber mehr Tempo

Am 10. Dezember 2025 veröffentlichte der Deutsche Tierschutzbund ein Statement zur aktuellen Versuchstierstatistik. Der Verband erkennt einen positiven Trend, stellt aber klar, dass die Gesamtzahlen weiterhin alarmierend hoch sind. Die zentrale Forderung lautet, eine bereits erarbeitete Reduktionsstrategie endlich umzusetzen.

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, kommentiert: "Es ist zu begrüßen, dass die Zahl der in Tierversuchen eingesetzten Tiere in Deutschland seit 2019 stetig sinkt. Diese Entwicklung zeigt, dass es möglich ist, Tierversuche durch tierleidfreie Wissenschaft zu ersetzen." Gleichzeitig mahnt er entschlossenes Handeln an: "Nun gilt es, den Worten auch Taten folgen zu lassen und den Ausbau tierversuchsfreier Methoden konsequent voranzutreiben und massiv zu fördern."

Die Kritik des Verbands bleibt scharf. "Noch immer ist die Zahl der eingesetzten Versuchstiere erschreckend hoch: Rund 3,06 Millionen Tiere werden weiter in Tierversuchen benutzt oder zu wissenschaftlichen Zwecken getötet", so Schröder. Hinzu kommen rund 1,1 Millionen Tiere, die ursprünglich für Tierversuche gezüchtet, dann aber doch nicht verwendet und als „überzählig“ getötet werden.*

Als konkreten nächsten Schritt verlangt der Tierschutzbund die Veröffentlichung einer vorliegenden Strategie. "Eine 'Reduktionsstrategie' – erarbeitet unter der Ampel-Koalition unter Beteiligung von Forschung, Industrie und Tierschutzorganisationen – liegt in der Schublade. Diese sollte von der Bundesregierung unverzüglich veröffentlicht und umgesetzt werden", fordert Schröder. Das langfristige Ziel formuliert er klar: "Am Ende braucht es ein grundsätzliches Umdenken, einen Paradigmenwechsel – hin zu einer Wissenschaft, die ganz ohne Tierversuche auskommt."

Versuchstierzahlen 2024: Ein Blick hinter die Statistiken

Die jährlichen Versuchstierzahlen werfen regelmäßig Fragen auf. Die offiziellen Daten für 2024 zeigen ein differenziertes Bild mit sinkenden Gesamtzahlen, aber auch auffälligen Entwicklungen bei einzelnen Tierarten und methodischen Widersprüchen zwischen verschiedenen Quellen.

Konkrete Zahlen 2023 → 2024

Laut dem Deutschen Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) kamen im Jahr 2024 in Deutschland rund 1,33 Millionen Wirbeltiere und Kopffüßer in Tierversuchen zum Einsatz (Stand: Dezember 2024). Diese Zahl bezieht sich auf Tiere, die direkt einem Versuch unterzogen wurden. Betrachtet man die Gesamtzahl aller Verwendungen, inklusive der Tiere, die für wissenschaftliche Zwecke getötet wurden, sank diese um etwa 8,2 % auf rund 1,95 Millionen Tiere (Stand: Dezember 2024). Ein deutlicher Rückgang zeigt sich bei den sogenannten überzähligen Tieren: Die Zahl der nicht verwendeten, getöteten Tiere ging um etwa 19 % auf rund 1,1 Millionen zurück (Stand: Dezember 2024)*.

Innerhalb dieser Gesamtstatistik fallen Entwicklungen bei bestimmten Spezies auf. So wurden 176.778 Fische in Tierversuchen verwendet (Stand: Dezember 2024). Die Anzahl der Versuche mit Katzen stieg 2024 auf 698 Tiere, nach 544 im Vorjahr (Stand: Dezember 2024). Für das Jahr 2023 meldete das Deutsche Primatenzentrum den Einsatz von 1.676 Affen und Halbaffen in Versuchen (Stand: 2023). Die Gesamtzahl der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere lag 2023 bei 2.128.520 (Stand: 2023).

Abweichende Jahreszahlen & Einordnung

Die Interpretation der Daten hängt stark von der betrachteten Quelle und deren Definitionen ab. Während das Bf3R für 2024 von 1,95 Millionen Gesamtverwendungen inklusive Tötungen berichtet, nennt die Organisation Ärzte gegen Tierversuche eine deutlich höhere Zahl: Die offizielle Statistik der Bundesregierung habe 2024 insgesamt 3.063.569 Tiere erfasst, die im Zusammenhang mit Tierversuchen verwendet und größtenteils getötet wurden (Stand: 2024)*.

Diese Diskrepanz erklärt sich aus unterschiedlichen Erhebungsmethoden und dem genauen Umfang der erfassten Tierverwendungen. Die Pressemitteilung des Deutschen Tierschutzbundes vom 10. Dezember 2025 fasst die Dimension mit den Worten zusammen: "Fast zwei Millionen Tiere […] werden weiter in Tierversuchen benutzt oder zu wissenschaftlichen Zwecken getötet. Hinzu kommen über eine Million Tiere, die ursprünglich für Tierversuche gezüchtet, dann aber doch nicht verwendet und als 'überzählig' getötet werden."

Die folgende Übersicht verdeutlicht die unterschiedlichen Zahlen aus den verfügbaren Quellen:

Jahr Kennzahl Wert Quelle / Stand
2023 Verwendungen für wissenschaftliche Zwecke 2.128.520 Deutsches Primatenzentrum / Stand: 2023*
2024 Eingesetzte Wirbeltiere & Kopffüßer ca. 1,33 Mio. Bf3R / Stand: Dezember 2024*
2024 Gesamtverwendungen inkl. Tötungen ca. 1,95 Mio. Bf3R / Stand: Dezember 2024*
2024 Offizielle Statistik (Verwendungen & Tötungen) 3.063.569 Ärzte gegen Tierversuche / Stand: 2024*

Die Zahlen belegen einen rückläufigen Trend in mehreren Kategorien, doch gleichzeitig bleibt die absolute Größenordnung der Tierverwendungen hoch. Die Unterschiede zwischen den Quellen unterstreichen, wie wichtig eine klare Definition dessen ist, was genau gezählt und veröffentlicht wird.

Förderlandschaft im Fokus: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die politische Diskussion um tierversuchsfreie Forschung dreht sich maßgeblich um die Frage der finanziellen Unterstützung. Während auf europäischer Ebene in den letzten Jahren 273 Millionen Euro in entsprechende Förderprogramme flossen (Stand: 2024), zeigt sich die Situation in Deutschland komplexer und fragmentierter. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat in den vergangenen vier Jahrzehnten etwa 240 Millionen Euro für über 700 Projekte zur Entwicklung von Alternativmethoden bereitgestellt (Stand: 2024). Diese langfristige Grundförderung bildet einen wichtigen Pfeiler.

Fördervolumina und dezentrale Strukturen

Neben der Bundesebene existiert ein Netzwerk dezentraler Förderstrukturen, deren Volumina stark variieren. So stellt beispielsweise Baden-Württemberg jährlich etwa 300.000 Euro bereit, während die Berliner Charité 3R-Einrichtung mit 1,2 bis 2 Millionen Euro pro Jahr ausgestattet ist (Stand: 2024)*. Diese Zersplitterung führt zu einer ungleichen Verteilung von Ressourcen und erschwert eine koordinierte, nationale Strategie. Kritiker bemängeln, dass tierversuchsfreie Methoden in Deutschland bislang kaum gezielte und ausreichend dimensionierte Förderung erhalten.

Ein möglicher Wendepunkt zeichnet sich mit der neuen Förderrichtlinie des BMBF ab. Im Januar 2025 veröffentlichte das Ministerium eine Bekanntmachung zur Validierung humanbasierter Methoden (Stand: 06.01.2025)*. Diese gezielte Ausrichtung auf die entscheidende Phase der Methodenvalidierung könnte die Translation von Forschungsergebnissen in die Praxis beschleunigen und der Förderlandschaft mehr Schlagkraft verleihen.

Nationale Reduktionsstrategie (Status)

Parallel zur konkreten Projektförderung steht die Entwicklung einer übergeordneten politischen Roadmap aus. Die Ampel-Koalition hat eine nationale Reduktionsstrategie erarbeitet, an der Forschung, Industrie und Tierschutzorganisationen beteiligt waren (Stand: 2024/2025)*. Diese Strategie, die einen systematischen Fahrplan zur Verringerung von Tierversuchen darstellen soll, liegt jedoch bislang nicht veröffentlicht vor. Die Forderung aus der Pressemitteilung des Deutschen Tierschutzbundes, diese Strategie endlich zu veröffentlichen und umzusetzen, unterstreicht die politische Dringlichkeit. Die Diskrepanz zwischen fertiggestellter Strategie und ausstehender Veröffentlichung zeigt die Lücke zwischen politischem Anspruch und konkreter Umsetzung.

Tierversuche in Deutschland: Zwischen Fortschritt und Stillstand

Die aktuellen Versuchstierzahlen zeigen ein gespaltenes Bild. Während die Gesamtzahl seit 2019 sinkt, offenbaren die Details tiefgreifende Konflikte und ungelöste Fragen. Einerseits gibt es positive Entwicklungen, wie den Rückgang bei Affen. Andererseits bleiben die Zahlen in anderen Bereichen erschreckend hoch oder steigen sogar an: Im Jahr 2024 wurden 176.778 Fische in Tierversuchen verwendet (Stand: Dezember 2024), und auch bei Katzen stieg die Zahl auf 698 Tiere (2024: 698, 2023: 544, Stand: Dezember 2024). Diese Diskrepanzen spiegeln den grundlegenden Zielkonflikt wider: die Balance zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und dem ethischen Imperativ des Tierschutzes zu finden.

Konfliktfelder: Forschungssicherheit vs. Tierschutz

Die Debatte polarisiert. Tierschutzorganisationen fordern einen beschleunigten Paradigmenwechsel hin zu einer gänzlich tierversuchsfreien Wissenschaft und kritisieren die aktuelle Förderpolitik als zu zögerlich. Sie verweisen darauf, dass tierversuchsfreie Methoden in der Forschungsförderung oft benachteiligt blieben. Auf der anderen Seite betonen Forschung und Industrie den noch immer unverzichtbaren Validierungsbedarf für viele alternative Methoden, um deren Zuverlässigkeit und regulatorische Akzeptanz sicherzustellen. Dieser Zwiespalt blockiert bislang einen gesellschaftlich breit getragenen Weg nach vorn.

Was jetzt politisch passieren müsste

Konkrete politische Handlungsoptionen liegen bereits auf dem Tisch. Die unter der Ampel-Koalition erarbeitete Reduktionsstrategie wartet seit 2024/2025 auf ihre Veröffentlichung*. Parallel dazu hat das Bundesforschungsministerium (BMBF) mit einer Förderrichtlinie zur Validierung humanbasierter Methoden (Bekanntmachung vom 06.01.2025)* ein wichtiges Instrument geschaffen, um den Transfer von Ersatzmethoden in die Praxis zu beschleunigen. Die konsequente Nutzung dieser Richtlinie ist ein nächster, realistischer Schritt. Der Ausblick für 2025 ist damit klar definiert: Es geht nun darum, die vorhandenen Strategien und Werkzeuge endlich mit Nachdruck anzuwenden, um den langersehnten und überfälligen Wandel in der Forschungspraxis einzuleiten.

Die nachfolgenden Informationen und Zitate basieren auf einer offiziellen Pressemitteilung des Deutschen Tierschutzbundes e.V.

Weiterführende Quellen:

10 Antworten

  1. Ich hoffe wirklich auf eine schnelle Umsetzung der Reduktionsstrategie! Die Tiere verdienen ein besseres Leben und weniger Leid in Versuchen.

  2. Die Diskrepanz in den Statistiken ist verwirrend. Warum gibt es so unterschiedliche Zahlen von verschiedenen Organisationen? Das zeigt doch, dass mehr Transparenz nötig ist.

    1. Stimmt! Es ist wichtig zu wissen, wie genau diese Daten erhoben werden. Nur dann können wir das Problem richtig angehen.

    2. Ich finde auch, dass mehr Aufklärung und Information nötig sind. Die Öffentlichkeit muss verstehen, was hier vor sich geht.

  3. Ich bin froh über den Rückgang der Zahlen! Aber wieso steigen die Zahlen bei Katzen und Fischen? Das macht mich echt nachdenklich und traurig.

  4. Es ist beruhigend zu hören, dass es Fortschritte gibt, aber die Zahlen sind trotzdem erschreckend. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis wir eine signifikante Änderung sehen?

  5. Ich finde es gut, dass die Anzahl der Tierversuche sinkt, aber fast zwei Millionen ist immer noch viel zu hoch. Warum wird die Reduktionsstrategie nicht schneller umgesetzt? Ich hoffe, dass wir bald tierversuchsfreie Methoden sehen werden.

    1. Ja, das sollte wirklich schneller gehen. Es gibt so viele Alternativen, die gefördert werden könnten. Was haltet ihr von den Vorschlägen des Tierschutzbundes?

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