Wenn mehr Forschungsbedarf im Raum steht, die wichtigsten Angaben aber unter Verschluss bleiben, wird öffentliche Kontrolle schnell schwierig. Genau das sorgt bei den Tierversuchen der Bundeswehr derzeit für Streit. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage deutet die Bundesregierung einen möglichen Anstieg von Tierversuchsvorhaben an, nennt aber nur wenige prüfbare Details.
Der Deutsche Tierschutzbund hält das für den falschen Weg. Nach Angaben der Organisation geht es dabei nicht nur um Tierschutz, sondern auch um Transparenz, parlamentarische Kontrolle und die Frage, ob militärische Forschung tatsächlich noch auf Tiere angewiesen ist.
Was die Bundestagsantwort offenlegt – und was nicht
Die rechtliche Lage wirkt auf den ersten Blick klar. Das Tierschutzgesetz verbietet Tierversuche zur Entwicklung oder Erprobung von Waffen, Munition und dazugehörigem Gerät. Erlaubt ist laut Mitteilung jedoch, die medizinische Versorgung von Kriegsverletzungen an lebenden Tieren zu testen.
Genau an diesem Punkt beginnt der Streit. Die Bundesregierung hält in ihrer Antwort viele Angaben zurück. Tierzahlen, Tierarten, konkrete Zwecke und Belastungsgrade bleiben weitgehend offen. Zur Begründung heißt es, aus den Informationen könnten Rückschlüsse auf aktuelle und künftige Fähigkeiten sowie Einsatzszenarien gezogen werden.
Für Außenstehende ist damit nur eingeschränkt nachvollziehbar, was in der wehrmedizinischen Forschung tatsächlich geschieht. Bekannt ist immerhin: Das Bundesministerium der Verteidigung verwendete im Jahr 2024 nach eigenen Angaben 294 Tiere zu wissenschaftlichen Zwecken. Genannt werden vor allem Ratten, aber auch Hunde und Schafe. Wie genau diese Tiere eingesetzt wurden, bleibt offen.
Welche Vorhaben gemeint sind
Zwischen 2020 und 2025 wurden laut Bundestagsantwort insgesamt 17 Genehmigungsanträge gestellt. Ablehnungen gab es demnach keine. Für 2026 war zum Zeitpunkt der Antwort ein neuer Antrag gestellt, zwei weitere waren geplant.
Damit geht es nicht um einen einzelnen Sonderfall, sondern um mehrere laufende oder geplante Vorhaben. Als Gründe nennt die Bundesregierung vor allem Forschung zu Wirkstoffen gegen neuromuskuläre Störungen nach einer Exposition mit Nervenkampfstoffen sowie Arbeiten zur Verbesserung von Therapien gegen Vergiftungen durch phosphororganische Verbindungen und andere Kampfstoffe.
Der Deutsche Tierschutzbund hält die Aussagekraft solcher Versuche für begrenzt. Die Ergebnisse seien aus seiner Sicht nur schwer auf den Menschen übertragbar. Auch für die chirurgische Fortbildung beschreibt die Antwort tiergestützte Verfahren. Dabei werden Tiere demnach tief narkotisiert und anschließend unter Narkose getötet.
Zugleich heißt es, dass zwischen 2020 und 2025 keine Forschungsvorhaben finanziert wurden, die lebende Tiere im Sinne von Live-Tissue-Training vorsehen. Dieser Punkt ist wichtig, weil er die Grenze zwischen Forschung und Ausbildung sichtbar macht. Dass die Debatte nicht neu ist, zeigt eine frühere Bundestagsantwort aus dem Jahr 2021. Darin wurden unter anderem ein Primatenversuch mit neun Marmosets zur Verifikation einer Nervenkampfstoffexposition sowie Live-Tissue-Training mit Schweinen genannt.
Warum tierversuchsfreie Methoden zum Streitpunkt werden
Der Deutsche Tierschutzbund fordert, in der wehrmedizinischen Forschung und Ausbildung konsequent auf tierversuchsfreie Methoden umzusteigen. Präsident Thomas Schröder sagte dazu:
„Tierversuche in der militärischen Forschung ausweiten zu wollen, ist das falsche Signal!“
Der Verband verweist auf moderne, humanbasierte Verfahren sowie auf virtuelle Simulationen und Dummies, die aus seiner Sicht das Üben von Operationstechniken bereits besser ersetzen können. Das ist zunächst die Position des Tierschutzbundes, keine unabhängige Bewertung der gesamten Fachwelt. Für die praktische Diskussion ist sie dennoch relevant, weil sie die Frage aufwirft, ob Tiere in diesem Bereich überhaupt noch nötig sind.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Der Tierschutzbund verweist auf das langfristige Ziel der EU, Tierversuche vollständig zu ersetzen. Außerdem nennt die Organisation ein neues US-Gesetz, das die militärische Nutzung von Katzen und Hunden untersagt und den Ausstieg aus Versuchen an Primaten vorsieht. Nach Angaben des Verbandes wurde die Verwendung von Tieren für bestimmte militärische Ausbildungszwecke bereits beendet.
Die entscheidende Frage bleibt die Kontrolle
Ob die Bundesregierung tatsächlich mit einem spürbaren Anstieg von Tierversuchsvorhaben rechnet, lässt sich aus der Antwort nur bedingt ableiten. Wie stark dieser Anstieg ausfallen könnte, geht daraus nicht hervor. Ebenso offen bleibt, wie konsequent tierversuchsfreie Methoden künftig in der wehrmedizinischen Forschung und Ausbildung eingesetzt werden.
Gerade weil viele Angaben als Verschlusssache eingestuft sind, bleibt die öffentliche Kontrolle begrenzt. Für die politische Debatte ist das der eigentliche Knackpunkt: Nicht nur der Umgang mit Tieren steht zur Diskussion, sondern auch die Frage, wie viel Transparenz militärische Forschung verträgt.