– 2024 wurden in Deutschland über 3 Millionen Tiere für Tierversuche verwendet oder getötet.
– Die Gesamtzahl sank um etwa 12,5 % gegenüber dem Vorjahr, besonders bei Überschusstieren.
– Der Verein fordert eine schnellere Abkehr von Tierversuchen und mehr politische Priorität für tierversuchsfreie Methoden.
Tierversuchszahlen 2024: Über drei Millionen Tiere betroffen
Die aktuelle Tierversuchsstatistik der Bundesregierung zeigt einen gemischten Trend: Während die Gesamtzahl der verwendeten Tiere zurückgeht, bleiben die Dimensionen des Tierleids immens. Die offiziellen Zahlen des Deutschen Zentrums zum Schutz für Versuchstiere (Bf3R) für das Jahr 2024 erfassen 3.063.569 Tiere, die in Verbindung mit Tierversuchen genutzt und überwiegend getötet wurden (Stand: 2024, Bf3R; PM veröffentlicht 10. Dezember 2025). Dies entspricht einem Rückgang von etwa 12,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Statistik differenziert zwischen verschiedenen Schicksalen: 1.327.931 Tiere wurden direkt in Tierversuchen eingesetzt (Stand: 2024, Bf3R). Weitere 626.538 Tiere tötete man für wissenschaftliche Zwecke wie Organentnahmen (Stand: 2024, Bf3R). Als sogenannte Überschusstiere, die gezüchtet, aber nicht gebraucht wurden, kamen 1.109.100 Tiere hinzu (Stand: 2024, Bf3R). Auch hier gab es einen deutlichen Rückgang um 19 Prozent auf rund 1,1 Millionen Tiere . „Das Sinken der Anzahl der getöteten Überschusstiere könnte damit zusammenhängen, dass der Anteil der gentechnisch veränderten Tiere um 11 % gesunken ist. Gerade bei der Zucht genetisch veränderter Tiere entstehen häufig Tiere, die nicht die gewünschte genetische Ausstattung haben und deswegen getötet werden“, vermutet Dr. Johanna Walter von Ärzte gegen Tierversuche (ÄgT).
Die Verteilung auf die Forschungsbereiche bleibt problematisch. Den größten Anteil an den direkten Tierversuchen hält mit 758.244 Tieren (57 Prozent) weiterhin die zweckfreie Grundlagenforschung, die lediglich um etwa 2 Prozent schrumpfte (Stand: 2024, Bf3R). Bei den Tierarten dominieren Mäuse mit 956.636 eingesetzten Tieren (72 Prozent) (Stand: 2024, Bf3R). Auffällig ist ein Anstieg der verwendeten Fische um 9 Prozent auf 176.778 Tiere (Stand: 2024, Bf3R). Dennoch werden auch weiterhin Hunde (2.220), Affen (1.088) und Katzen (698) in Versuchen genutzt (Stand: 2024, Bf3R). Besonders kritisch bewertet der Verein die 47.708 Tiere, die in als „schwer belastend“ eingestuften Verfahren litten (Stand: 2024, Bf3R)*.
Trotz einiger positiver Entwicklungen, wie dem Rückgang der in Versuchen verwendeten Affen um 35 Prozent, fordert ÄgT entschlossenere politische Schritte. Der Verein verweist auf seine kürzlich mit über 40.000 verifizierten Unterschriften eingereichte Petition zum Stopp von Affenversuchen* . „Die neuen Zahlen zeigen eine positive Entwicklung, reichen jedoch bei Weitem nicht aus. Jetzt muss der Ausstieg aus Tierversuchen auf politischer Ebene endlich aktiv vorangetrieben und der Fokus konsequent auf wissenschaftlich überlegene, tierversuchsfreie Methoden gelegt werden“, so das Fazit von Dr. Walter.
Tierversuche in Deutschland: Warum der Rückgang nicht ausreicht
Die aktuellen Tierversuchszahlen zeigen eine positive Tendenz, doch sie bleiben ein Symptom eines größeren Problems. Die Statistik bildet nicht nur den Einsatz von Tieren ab, sondern auch den Stand einer wissenschaftlichen und politischen Debatte. Während die Zahlen sinken, fehlt es in Deutschland an einer klaren, zentralen Strategie, um den Wandel zu modernen Forschungsmethoden systematisch voranzutreiben. Andere Nationen sind hier bereits weiter.
Politische Lücke: fehlende nationale Strategie
Deutschland verfügt über keine verbindliche, nationale Gesamtstrategie für den Ausstieg aus Tierversuchen (Quelle: Ärzte gegen Tierversuche, Stand: 2024). Diese Lücke steht im Kontrast zu Entwicklungen in anderen Ländern, die konkrete Pläne verfolgen. Großbritannien etwa hat einen offiziellen Fahrplan vorgelegt, der Schritte zur Reduktion und zum Ersatz von Tierversuchen definiert. In den USA fördert die Umweltbehörde EPA gezielt die Entwicklung und Anerkennung tierversuchsfreier Testmethoden für Chemikalien. Diese Initiativen zeigen, dass politischer Wille verbindliche Rahmen setzen kann – ein Element, das hierzulande bislang fehlt.
Technologische Entwicklungen und Forschungspraxis
Der beobachtete Abwärtstrend bei den Versuchstierzahlen wird von Experten wie dem Verein Ärzte gegen Tierversuche auch auf den zunehmenden Einsatz tierversuchsfreier Technologien zurückgeführt. Methoden wie Organchips, komplexe Zellkulturen und computergestützte In-silico-Modelle gewinnen an Bedeutung. Diese Entwicklung spiegelt eine grundlegende wissenschaftliche Diskussion wider: die Frage nach der Übertragbarkeit von Ergebnissen. Immer mehr Forschende hinterfragen, ob Daten aus Tiermodellen zuverlässig auf den Menschen übertragbar sind, und setzen stattdessen auf direkt humanrelevante Modelle. Dieser Paradigmenwechsel in der Forschungspraxis ist ein wesentlicher Treiber für die sinkenden Zahlen, agiert jedoch oft noch ohne die flankierende und beschleunigende Unterstützung durch eine kohärente Forschungspolitik.
Neue Erkenntnisse und politische Impulse
Die offizielle Statistik für 2024 liefert einen zentralen Datensatz, doch das Gesamtbild der tierexperimentellen Forschung ergibt sich erst aus weiteren Entwicklungen und internationalen Initiativen. Externe Recherchen zeigen Trends auf und beleuchten neue wissenschaftliche Ansätze, die über die jährliche Bestandsaufnahme hinausweisen.
Neue Arten und Trends in Versuchstieren
Die wachsende Bedeutung von Fischen in der Forschung, die auch die PM mit einem Anstieg um 9 Prozent auf 176.778 Tiere für 2024 festhält, zeigt sich in konkreten neuen Modellen. Betrachtet man einen längeren Zeitraum, bestätigt sich der rückläufige Trend bei den Versuchstierzahlen. Ein Vergleich der Jahre 2020 bis 2024 zeigt kontinuierliche Rückgänge in verschiedenen Bereichen (Stand: 2024, Quelle: Informationsdienst Wissenschaft*).
Internationale Initiativen und EU-Impulse
Auf politischer Ebene gewinnt das Thema an Dynamik, was sich in Initiativen über Deutschlands Grenzen hinaus abzeichnet. Ein starkes Signal sendete die Europäische Kommission im Jahr 2023, als sie eine europäische Bürgerinitiative für einen beschleunigten Ausstieg aus Tierversuchen offiziell unterstützte (Stand: 2023, Quelle: Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland*). Diese politische Anerkennung auf EU-Ebene unterstreicht den wachsenden Druck für einen systematischen Wandel hin zu tierversuchsfreien Methoden und kann nationale Debatten und Gesetzgebungsprozesse beeinflussen.
Tierversuche: Eine gesellschaftliche Debatte mit weitreichenden Folgen
Die jährlich veröffentlichten Tierversuchszahlen sind mehr als eine bloße Statistik. Sie sind der Ausgangspunkt für eine vielschichtige gesellschaftliche Auseinandersetzung, die ethische Grundsatzfragen, wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen berührt. Die Diskussion bewegt sich längst nicht mehr nur in Fachkreisen, sondern hat eine breite öffentliche Resonanz gefunden.
Ethische Debatte und Öffentlichkeit
Im Zentrum steht eine fundamentale ethische Frage: In welchem Verhältnis steht der mögliche medizinische Nutzen für den Menschen zum Leid von Millionen Tieren? Kritiker wie der Verein Ärzte gegen Tierversuche argumentieren, dass 3.063.569 Tiere im Jahr 2024 für Versuche verwendet wurden, deren Ergebnisse sich oft nicht zuverlässig auf den Menschen übertragen lassen.* Diese wissenschaftliche Kritik an der Übertragbarkeit tierbasierter Forschung verschärft die ethische Bewertung zusätzlich. Wenn der Erkenntnisgewinn fraglich ist, wiegt das zugefügte Leid umso schwerer.
Die öffentliche Mobilisierung für dieses Thema ist auf nationaler und europäischer Ebene spürbar. Erfolgreiche Bundestagspetitionen mit Zehntausenden Unterschriften zeigen das bürgerschaftliche Engagement. Auf EU-Ebene unterstützte die Europäische Kommission im Jahr 2023 eine europäische Bürgerinitiative für einen schnelleren Ausstieg aus Tierversuchen – ein deutliches Signal, dass der politische Handlungsdruck wächst. Die Forderungen reichen von strengeren Genehmigungsverfahren bis hin zu konkreten Ausstiegsfahrplänen.
Wettbewerbsfähigkeit der Forschung
Parallel zur ethischen Debatte gewinnt eine forschungspolitische Perspektive an Bedeutung. Analysten weisen darauf hin, dass Deutschland im internationalen Vergleich zurückzufallen droht, weil eine zentrale und verbindliche Reduktionsstrategie für Tierversuche fehlt (Stand: 2024, Quelle: Ärzte gegen Tierversuche). Während Länder wie die USA und Großbritannien konkrete Konzepte entwickeln, um tierversuchsfreie Methoden zu fördern und langfristig zu etablieren, bleibt hierzulande ein hohes Innovationspotenzial ungenutzt.
Die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Folgen dieser Entwicklung sind vielschichtig:
- Ethisch: Die Gesellschaft muss einen Konsens darüber finden, welches Maß an Tierleid im Namen des Fortschritts noch vertretbar ist.
- Wissenschaftlich: Die Glaubwürdigkeit der biomedizinischen Forschung steht auf dem Spiel, wenn veraltete Modelle trotz bekannter Mängel dominieren.
- Wirtschaftlich: Die Wettbewerbsfähigkeit des Forschungsstandorts Deutschland hängt zunehmend davon ab, ob der Wandel zu modernen, menschenbasierten Methoden gelingt.
Die Diskussion um Tierversuche hat sich somit von einer rein tierethischen zu einer umfassenden gesellschaftlichen und politischen Gestaltungsfrage entwickelt. Sie berührt die Art und Weise, wie wir zukünftig medizinischen Fortschritt definieren, finanzieren und rechtlich regeln wollen.
Der Weg nach vorn: Konkrete Schritte für den Wandel
Der Rückgang der Tierversuchszahlen ist ein erster Schritt, doch er reicht nicht aus. Um den Übergang zu einer modernen, tierversuchsfreien Forschung zu beschleunigen, braucht es jetzt klare politische Weichenstellungen und die konsequente Umsetzung vorhandener Konzepte. Internationale Beispiele zeigen, dass ambitionierte Ziele gesetzt werden können.
Lernbeispiele aus anderen Ländern
Andere Nationen gehen den Ausstieg aus Tierversuchen bereits systematischer an. In Großbritannien und den USA werden konkrete Fahrpläne und Reduktionsstrategien diskutiert oder bereits umgesetzt (Stand: 2024, Quelle: Informationsdienst Wissenschaft*). Diese Ansätze umfassen unter anderem staatliche Förderprogramme, die gezielt die Entwicklung tierversuchsfreier Methoden wie Organchips oder komplexer Zellkulturmodelle vorantreiben. Ein zentrales Element ist dabei die Einführung verbindlicher Fördermaßgaben, die den Einsatz alternativer Methoden zur Bedingung für öffentliche Forschungsgelder machen.
Auch auf EU-Ebene gibt es politischen Rückenwind. Die Europäische Bürgerinitiative für einen schnelleren Ausstieg aus Tierversuchen hat 2023 deutlich gemacht, dass ein breiter gesellschaftlicher Konsens für diesen Wandel existiert (Quelle: Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland*). Dieses Signal sollte als Hebel genutzt werden, um verbindliche EU-Richtlinien zu entwickeln.
Welche politischen Schritte fehlen?
Aus diesen internationalen Impulsen und der aktuellen Situation in Deutschland lassen sich drei konkrete Handlungsempfehlungen ableiten:
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Verbindliche Fördermaßgaben einführen: Öffentliche Forschungsförderung muss an klare Vorgaben geknüpft werden. Anträge sollten verpflichtend darlegen, warum tierversuchsfreie Methoden nicht zum Einsatz kommen können. Dies schafft einen starken Anreiz, vorhandene Alternativen zu nutzen und neue zu entwickeln, und orientiert sich an Ansätzen aus dem angelsächsischen Raum.
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Transparenz und Rechenschaftspflicht erhöhen: Forschungseinrichtungen sollten verpflichtet werden, ihre Strategien zur Reduktion von Tierversuchen und ihre Investitionen in alternative Methoden offenzulegen. Eine solche Transparenz ermöglicht es der Öffentlichkeit und der Politik, Fortschritte nachzuvollziehen und Stillstand zu benennen.
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Gezielte Spitzenförderung für tierversuchsfreie Schlüsseltechnologien: Der Staat muss die Entwicklung und Validierung von Zukunftstechnologien wie Multi-Organ-Chips oder computergestützten Krankheitsmodellen mit eigenen, langfristigen Programmen unterstützen. Nur so können diese Methoden die notwendige Reife und Akzeptanz erlangen, um Tierversuche in großem Maßstab zu ersetzen.
Die Diskussion darf nicht bei der bloßen Reduktion von Zahlen stehen bleiben. Es geht um einen aktiven, gesteuerten Wandel des Forschungssystems. Die wissenschaftlichen Argumente und der gesellschaftliche Wille sind vorhanden – nun muss die Politik den rechtlichen und finanziellen Rahmen setzen, um den Ausstieg aus dem Tierversuch endlich einzuleiten.
Die hier bereitgestellten Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung von Ärzte gegen Tierversuche e.V.
Weiterführende Quellen:
- „Die Zahl der in Tierversuchen eingesetzten Tiere in Deutschland sank 2024 erneut um rund 9 % auf etwa 1,33 Millionen, erstmals seit der Jahrtausendwende unter 2 Millionen.“ – Quelle: https://idw-online.de/de/news863181
- „Deutschland fehlt eine zentrale nationale Strategie für den Ausstieg aus Tierversuchen, während Länder wie die Niederlande, Australien, USA und Großbritannien konkrete Reduktions- und Ausstiegspläne verfolgen; dies gefährdet die internationale Wettbewerbsfähigkeit (Stand 2024).“ – Quelle: https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/news/forschungsfoerderung-in-deutschland-tierversuchsfreie-methoden-bleiben-auf-der-strecke
- „2024 wurden erstmals Tierversuche mit der Fischart Danionella cerebrum in Deutschland durchgeführt (85 Tiere), was die Diversifizierung der Versuchstierarten zeigt; generell nimmt der Einsatz von Fischen in Versuchen zu (Stand 2024).“ – Quelle: https://www.mpiib-berlin.mpg.de/2082172/animal-research-statistics
- „Im Vergleich 2020-2024 zeigen sich kontinuierliche Rückgänge bei Versuchstierzahlen in Deutschland, während andere EU-Länder wie Großbritannien mit klaren Ausstiegspfaden und Förderprogrammen tierversuchsfreie Forschung stärker vorantreiben (Stand 2024).“ – Quelle: https://idw-online.de/de/news863181
- „Die EU-Kommission unterstützt eine europäische Bürgerinitiative für einen schnelleren Ausstieg aus Tierversuchen und den Schutz des bestehenden Tierversuchsverbots (Stand 2023).“ – Quelle: https://germany.representation.ec.europa.eu/news/europaische-burgerinitiative-auch-eu-kommission-fur-schnelleren-ausstieg-aus-tierversuchen-2023-07-25_de
10 Antworten
Ich finde es wichtig, dass solche Themen offen diskutiert werden. Der Rückgang ist gut zu hören, aber was können wir tun, um die Stimmen der Tiere weiter zu stärken? Das Thema sollte in Schulen behandelt werden.
Das wäre eine gute Idee! Bildung kann viel bewirken und das Bewusstsein erhöhen.
Es ist ein Anfang mit dem Rückgang der Zahlen, aber ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Wie können wir als Gesellschaft mehr Druck aufbauen? Vielleicht durch mehr Petitionen und Aufklärung.
Das stimmt! Bildung ist wichtig. Wenn mehr Menschen über die Realität der Tierversuche Bescheid wissen, könnten sie sich eher engagieren.
Die Verwendung von über 3 Millionen Tieren ist einfach nicht akzeptabel! Welche alternativen Methoden könnten anstelle von Tierversuchen eingesetzt werden? Ich würde gerne mehr darüber wissen.
Die Zahlen sind schockierend! Ich hoffe, dass wir bald eine klare Strategie sehen werden, wie andere Länder sie haben. Was denkt ihr über den Einfluss der EU auf diese Themen?
Ich finde die Unterstützung der EU für eine schnellere Abschaffung von Tierversuchen sehr ermutigend! Solche Initiativen könnten wirklich einen Unterschied machen.
Ja, aber wie können wir sicherstellen, dass diese Initiativen auch wirklich umgesetzt werden? Es braucht mehr Druck von der Öffentlichkeit!
Ich finde es erschreckend, dass immer noch so viele Tiere für Tierversuche verwendet werden. Der Rückgang ist zwar positiv, aber nicht genug. Was könnte die Politik tun, um diesen Prozess zu beschleunigen?
Ja, das sehe ich auch so. Es wäre wichtig zu erfahren, welche spezifischen Schritte unternommen werden können, um die Nutzung von Tieren in der Forschung weiter zu reduzieren.