In Berlin sind Proberäume knapp, Fördergelder umkämpft und viele Ensembles arbeiten mit unsicheren Einnahmen. Mit Thomas Krüger steht nun ein neuer Präsident an der Spitze des Landesmusikrats Berlin. Für die Szene ist das nicht nur ein Personalwechsel, sondern auch ein Signal in einer Debatte, die sich seit Jahren um Räume, Förderstrukturen und faire Honorare dreht.
Ein erfahrener Politiker übernimmt ein kulturpolitisch sensibles Amt
Krüger wurde am 2. September 2026 zum Präsidenten gewählt und folgt auf Hella Dunger-Löper, die nach neun Jahren nicht erneut kandidiert hat.
Der Landesmusikrat bündelt die musikpolitischen Interessen seiner Mitglieder und berät Senat sowie die Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus. Wer an der Spitze steht, hat deshalb Einfluss darauf, welche Themen in der Berliner Musikpolitik Gewicht bekommen.
Krüger bringt dafür langjährige politische Erfahrung mit. Von 2000 bis 2025 leitete er die Bundeszentrale für politische Bildung; zuvor war er Senator für Jugend und Familie in Berlin und Mitglied des Deutschen Bundestages.
Nach seiner Wahl kündigte Krüger an, die musikalische Bildung weiter zu stärken und in der Berliner Stadtpolitik zu verankern. Zugleich liege ihm die freie Szene am Herzen, deren Arbeitsbedingungen verbessert werden müssten.
Freie Szene, Räume und Honorare bleiben die Streitpunkte
Gerade dieser Punkt dürfte in der Berliner Musiklandschaft aufmerksam registriert werden. Mehrere Verbände der Freien Szene fordern seit längerem bessere infrastrukturelle, finanzielle und organisatorische Bedingungen für die Freie Musikszene Berlin. Gemeint sind gesicherte Spielstätten, professionelle Proberäume, angepasste Förderstrukturen und faire Honorare.
Die Debatte ist nicht neu, bekommt durch den Führungswechsel aber eine zusätzliche politische Ebene. Die Berliner Kulturkonferenz hatte bereits im Februar 2026 ein Haus für die freie Musikszene, mehr Arbeits-, Probe- und Präsentationsräume sowie einen höheren Kulturhaushalt gefordert. Der Landesmusikrat entscheidet zwar nicht selbst über die Kulturmittel des Landes, doch seine Haltung kann die Diskussion im Senat und im Abgeordnetenhaus spürbar beeinflussen.
Ein zentrales Instrument bleibt das Arbeitsraumprogramm Berlin. Es gilt als wichtiges Mittel zur Raumsicherung und umfasst auch Proberäume für Musik. Operativ läuft es über die Kulturraum Berlin gGmbH. Für Initiativen, Ensembles und freie Projekte ist das relevant, weil künstlerische Arbeit in Berlin oft schon an fehlenden und teuren Räumen scheitert, bevor überhaupt eine Produktion beginnen kann.
Musikschulen und Amateurmusik stehen ebenfalls unter Druck
Auch bei den Musikschulen zeigt sich, wie angespannt die Lage ist. Nach einer im Januar 2026 berichteten Planung sind für Berliner Musikschulen in den Jahren 2026 und 2027 jeweils vier Millionen Euro für 200 Vollzeitstellen vorgesehen. Der rbb ordnete das damals als nur teilweise Entlastung für freie Lehrkräfte ein.
Hinzu kommt die breite Bedeutung der Musikszene in der Stadt: Am 18. Februar 2026 wurde berichtet, dass 38 Prozent der Berlinerinnen und Berliner in ihrer Freizeit Musik machen. Die Zahl zeigt, dass es nicht nur um professionelle Kulturpolitik geht, sondern auch um Bedingungen für Amateurmusik, Chöre, Bands, Ensembles und viele Menschen, die Musik neben Beruf oder Ausbildung machen.
Für Vereine und Verbände bedeutet das: Entscheidungen über Räume, Förderung und Honorare wirken weit über einzelne Projekte hinaus. Wenn Proberäume fehlen oder Förderverfahren zu kompliziert sind, trifft das nicht nur die freie Szene, sondern auch Musikvereine, Jugendensembles und Initiativen, die auf bezahlbare Infrastruktur angewiesen sind.
Ein Präsidium mit vielen Verbindungen in die Berliner Musiklandschaft
Das neu gewählte Präsidium des Landesmusikrats Berlin ist nach Angaben des Verbands breit aufgestellt. Unter den Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten sind unter anderem Vertreterinnen und Vertreter aus der Musikvermittlung, der Universität der Künste Berlin und der dirigentischen Praxis. Als Beisitzer kommen weitere Akteure aus Musikschulen, Jazz, Landesmusikakademie, Kulturwirtschaft, Jugend musiziert und Komponist:innenverbänden hinzu.
Für die politische Arbeit ist diese Mischung nicht nebensächlich. Sie zeigt, dass der Landesmusikrat möglichst viele Bereiche des Berliner Musiklebens bündeln will – vom Unterricht über die Nachwuchsarbeit bis zur freien und professionellen Szene. Ob daraus auch klarere Positionen entstehen, wird sich daran zeigen, welche Themen das Präsidium in den kommenden Monaten tatsächlich aufgreift.
Ein weiterer Punkt der Generalversammlung war die Verleihung der Goldenen Ehrennadel an den CDU-Abgeordneten Dennis Haustein. Der Landesmusikrat würdigte damit sein Engagement für die Amateurmusikszene, die Berliner Musikschulen und Jugend musiziert Berlin. In der Kulturpolitik markieren solche Ehrungen auch die Schnittstellen zwischen Ehrenamt, Verbänden und parlamentarischer Unterstützung.
Jetzt zählt die praktische Umsetzung
Mit Thomas Krüger an der Spitze setzt der Landesmusikrat Berlin auf einen Präsidenten mit politischer Erfahrung und klarer kulturpolitischer Agenda. Für die Berliner Musikszene ist das ein relevantes Signal, aber noch kein Ergebnis. Ob daraus mehr Räume, verlässlichere Honorare und stabilere Strukturen für Musikschulen und freie Ensembles entstehen, hängt nun an der Umsetzung.
Gerade für Vereine, Ehrenamtliche und Beschäftigte im Musikbereich bleibt deshalb entscheidend, ob der neue Vorsitz die bestehenden Forderungen nicht nur aufnimmt, sondern auch in konkrete Gespräche mit Senat und Abgeordnetenhaus übersetzt. Die Baustellen sind bekannt. Offen ist vor allem, wie schnell sich daran etwas ändert.
Quellen
RBB24: Berliner Kulturkonferenz fordert ein Haus für die freie Musikszene
Senatsverwaltung Berlin: Arbeitsraumprogramm Berlin
RBB24: Musikschulen Berlin und die Lage freier Lehrkräfte
RBB24: Jahr der Amateurmusik in Berlin