Für viele Kinder beginnt der Tag mit einem Weg, der eigentlich Routine sein sollte. Doch wenn Eltern den Schulweg als unsicher einschätzen, wächst oft auch die Bereitschaft, Kinder mit dem Auto zu bringen. Eine forsa-Umfrage aus dem Jahr 2025 zeigt: Jedes fünfte Elternteil bewertet den eigenen Schulweg als unsicher, in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sowie bei Eltern unter 40 Jahren sind es sogar 25 Prozent.
Hinzu kommt: Ein Drittel der Befragten hat bereits gefährliche Situationen durch sogenannte Elterntaxis erlebt. Genau an diesem Punkt setzen die Kidical-Mass-Aktionstage an, die vom 12. bis 27. September stattfinden. Mit Familienfahrraddemos will das Bündnis erneut den Druck erhöhen, damit Schulwege kindgerechter und sicherer werden.
Warum Schulwege für viele Familien ein Risiko bleiben
Die Zahlen zeigen, dass es nicht um ein abstraktes Sicherheitsgefühl geht. Mehr als 90 Prozent der befragten Eltern befürworten konkrete Maßnahmen für mehr Sicherheit, darunter sichere Querungsmöglichkeiten, Tempo 30 und verkehrsberuhigte Zonen vor Schulen.
Für Kommunen ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass Schulwegsicherheit im Alltag vieler Familien eine zentrale Rolle spielt. Trotzdem verändert sich vor Ort oft wenig. Im Straßenraum haben weiterhin häufig die Bedürfnisse des Autoverkehrs Vorrang, obwohl gerade dort entschieden wird, ob Kinder selbstständig unterwegs sein können oder auf Begleitung angewiesen bleiben.
Rechtlich sind die Hürden für Tempo 30 gesunken
Auch auf der rechtlichen Seite hat sich etwas bewegt. In der aktuellen Fassung des § 45 der Straßenverkehrsordnung sind hochfrequentierte Schulwege und allgemeinbildende Schulen ausdrücklich als Anordnungsbereiche für streckenbezogenes Tempo 30 innerorts genannt. Die geänderte VwV-StVO – also die Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung – konkretisiert diese Möglichkeit seit dem 9./10. April 2025 weiter.
Dort ist festgelegt, dass Tempo 30 an hochfrequentierten Schulwegen innerorts unter anderem für Fußgängerüberwege bis 300 Meter und für den Lückenschluss zwischen Tempo-30-Zonen bis 500 Meter angeordnet werden kann. Die Einführung ist damit auf dem Papier leichter geworden. Aus der Mitteilung geht jedoch nicht hervor, wie viele Kommunen diese Möglichkeiten bereits nutzen.
Genau diese Lücke zwischen Rechtslage und Alltag kritisiert das Bündnis. Die Voraussetzungen gelten inzwischen als besser, die sichtbaren Veränderungen auf der Straße bleiben vielerorts aber aus.
Tempo 30 allein reicht für sichere Schulwege nicht aus
Tempo 30 ist nach Einschätzung der Beteiligten nur ein Baustein. Genannt werden außerdem sichere und dichte Fuß- und Radwegenetze, verkehrsberuhigte Schulstraßen, gut einsehbare Querungen und sichere Übergänge vor Schulen. Das Umweltbundesamt kommt in seiner Bewertung zu dem Ergebnis, dass Tempo 30 positive Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit hat und außerdem Fuß- und Radverkehr fördern kann.
Wie groß der Effekt im Einzelfall ist, hängt allerdings von der jeweiligen Straße und Umgebung ab. Eine einzelne Regelung löst das Problem nicht automatisch. Entscheidend ist, ob Kommunen den Straßenraum so planen, dass Kinder ihn verstehen, überblicken und eigenständig nutzen können.
Auch das Deutsche Kinderhilfswerk knüpft daran an. Wer sich selbstständig im Straßenverkehr bewegt und etwa mit dem Rad zur Schule kommt, sammelt nicht nur Bewegung, sondern auch Erfahrungen im Umgang mit dem öffentlichen Raum. Das kann Gesundheit, Selbstbewusstsein und soziale Kompetenzen stärken.
Die Straße entscheidet vor Ort
Matthias Kurzeck, Bundesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), fasst die Kritik an der bisherigen Entwicklung so zusammen: Kinder brauchen keine leeren Versprechungen, sondern sichere Straßen – und zwar jetzt.
Er nennt Tempo 30 innerorts, dichte Fuß- und Radwegenetze, autofreie Schulstraßen und sichere Querungen als zentrale Schritte. Dass Eltern ihre Kinder aus Angst mit dem Auto zur Schule fahren, verschärfe das Problem zusätzlich.
Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes, betont vor allem den Blick auf die Kinder selbst. Aus seiner Sicht sollen sie sich sicher und selbstständig mit dem Fahrrad bewegen können. Das sei nicht nur eine Frage der Mobilität, sondern auch der Gesundheit, des Lernens im sozialen Raum und der Eigenständigkeit.
Die Kidical-Mass-Aktionstage wollen diesen Druck öffentlich machen. Seit 2020 finden bundesweit Familienfahrraddemos für kindgerechte Straßen statt, nach Angaben der Initiatoren mit zehntausenden Teilnehmenden. Ob die rechtlichen Erleichterungen im Alltag ankommen, wird sich daran zeigen, wie konsequent Kommunen die vorhandenen Spielräume nutzen.
Was jetzt von der Umsetzung abhängt
Der eigentliche Härtetest liegt nicht mehr im Gesetzestext, sondern auf der Straße. Für Familien, Schulen und Kommunen stellt sich damit vor allem eine Frage: Bleibt Tempo 30 eine rechtliche Möglichkeit, oder wird daraus auch spürbar mehr Sicherheit im Alltag?
Solange die Umsetzung vor Ort hinter den neuen Regeln zurückbleibt, ändert sich für viele Kinder wenig. Erst wenn Verkehrsplanung, Querungen und Schulumfeld zusammen gedacht werden, kann der Schulweg für mehr Kinder selbstständiger und sicherer werden.
Quellen
- Geänderte VwV-StVO vom 09./10.04.2025
- Aktuelle Fassung von § 45 StVO
- Umweltbundesamt: Wirkungen von Tempo 30





