Auf dem Eis zählt nicht nur saubere Technik, sondern vor allem das Zusammenspiel im Team. Genau dieses Zusammenspiel soll bei den Olympischen Winterspielen 2030 in Frankreich erstmals eine olympische Bühne bekommen: Synchroneiskunstlaufen ist dort mit dem Format Synchro 9 vorgesehen.
Für den Sport ist das mehr als eine symbolische Aufwertung. Mit der neuen olympischen Perspektive rücken nun Fragen nach Förderung, Nachwuchs und internationaler Wettbewerbsfähigkeit in den Mittelpunkt – auch in Deutschland.
Warum die Entscheidung mehr ist als ein Symbol
Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) spricht von einer weitreichenden Entscheidung für die Sportart. Das ist nachvollziehbar, denn eine olympische Aufnahme verändert den Stellenwert einer Disziplin oft deutlich: Sie erhöht die Sichtbarkeit, stärkt Argumente für Förderung und kann neue Talente anziehen.
Nach Angaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) soll die neue Team-Disziplin auch dazu beitragen, dass die Winterspiele 2030 zu den ersten Winterspielen mit einer geschlechtergerechteren Teilnehmer- und Wettbewerbszahl werden. Synchro 9 ist laut Internationaler Eislauf-Union (ISU) ausschließlich weiblich besetzt. Ob die angestrebte Balance im Gesamtbild tatsächlich erreicht wird, hängt jedoch nicht allein an dieser Disziplin.
DEU-Geschäftsführerin Tatjana Wagner, die für Synchroneiskunstlaufen zuständig ist, sieht in der Aufnahme vor allem eine Chance für die Sportart. Zugleich wird deutlich: Die olympische Perspektive allein reicht nicht aus. Entscheidend ist nun, ob Ausbildung, Kaderarbeit und Finanzierung rechtzeitig mitziehen.
Was Synchro 9 vom bisherigen Synchronlaufen unterscheidet
Synchroneiskunstlaufen verbindet Elemente aus Einzellaufen, Paarlaufen und Eistanzen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Leistung einer Einzelperson, sondern die präzise Abstimmung des gesamten Teams.
Bisher traten Synchron-Teams mit 16 Läuferinnen und Läufern an. Synchro 9 verkleinert das Feld auf neun Sportlerinnen, die nach Angaben der ISU ausschließlich weiblich sind. Die Fachunion beschreibt das Format als neu, jünger und auf ein Fernseh- und Publikumserlebnis zugeschnitten. Das ist allerdings zunächst die Darstellung des Verbands und noch keine unabhängige Bewertung der tatsächlichen Wirkung.
Wie sich die neue Disziplin technisch entwickelt, soll sich in der Saison 2026/2027 zeigen. Bei der Synchron-WM 2026 in Salzburg wurden bereits drei Demo-Teams aus Finnland, den USA und Kanada vorgestellt. Außerdem plant die ISU eine große Weltmeisterschaft für Synchro 9 und Synchro 12-16 in Nottingham vom 26. März bis 4. April 2027.
Was jetzt für Deutschland und den Nachwuchs auf dem Spiel steht
Für Deutschland verschiebt die olympische Premiere die Perspektive deutlich. Die DEU will sich nach eigenen Angaben früh auf die neue Disziplin einstellen, um mit gut ausgebildeten Synchro-9-Teams eine Chance auf die Olympischen Winterspiele 2030 zu haben. Dass der Weg dorthin kein kurzer ist, zeigen schon die Zwischenstationen.
Als wichtige Etappen nennt der Verband die Olympischen Jugend-Winterspiele 2028 in Dolomiti Valtellina sowie die Multi-WM 2028 in Peking. Dort sollen sich neue Strukturen und Leistungsstände im internationalen Vergleich besser einordnen lassen. Auch die ISU verweist auf Entwicklungs- und Lehrgangsformate, unter anderem in München und Oberstdorf, die Coaches und Nachwuchs auf die neue Disziplin vorbereiten sollen.
Für Vereine und Trainingsgruppen im Eiskunstlauf ist das vor allem deshalb relevant, weil sich neue Laufbahnen öffnen könnten. Gut ausgebildete Eiskunstläuferinnen aus anderen Disziplinen könnten für Synchro 9 interessant werden. Gleichzeitig bleibt offen, wie viele Athletinnen tatsächlich den Wechsel vollziehen und ob die Förderstrukturen ausreichen, um daraus belastbare Teams aufzubauen.
Ein Blick auf die aktuelle Leistungsbasis zeigt: In der laufenden Recherche liegen deutsche Teams bei der Senior-WM auf Rang 7 von 22, bei der Junior-WM auf Rang 15 von 26. Das ist eine solide Ausgangsposition, aber noch keine Garantie dafür, dass sich die Mannschaften in einem olympischen Feld mit neuer Struktur automatisch behaupten können.
Die Finanzierung bleibt der entscheidende Punkt
Die DEU will nach eigenen Angaben mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Bundeskanzleramt in Strukturgesprächen über Fördermöglichkeiten sprechen. Das zeigt: Die olympische Aufnahme bringt noch keine gesicherte Finanzierung mit sich. Gerade bei einer Disziplin, die neue Teams, Trainerarbeit und internationale Wettkampferfahrung braucht, dürfte genau das über das Tempo der Entwicklung entscheiden.
Ob Synchro 9 in Deutschland schnell an Fahrt aufnimmt, hängt deshalb nicht nur vom sportlichen Interesse ab. Entscheidend sind auch Zugang zu Eiszeiten, qualifizierte Trainerinnen und Trainer, Nachwuchsgewinnung und die Frage, wie verlässlich der Leistungssport unterstützt wird. Ohne diese Bausteine bleibt die olympische Premiere zunächst vor allem eine Chance auf dem Papier.
Jetzt entscheidet die praktische Umsetzung
Mit der Aufnahme in das olympische Programm ist der wichtigste Schritt gemacht. Für die Sportart beginnt damit aber erst die Phase, in der sich zeigt, ob aus dem neuen Format tatsächlich eine stabile Entwicklung entsteht.
Für Deutschland ist das besonders relevant, weil zwischen der jetzigen Ausgangslage und den Winterspielen 2030 nur wenige Jahre liegen. Wer den neuen Wettbewerb ernsthaft mitgestalten will, muss die Strukturen jetzt aufbauen und kann nicht erst kurz vor der Premiere nachziehen.
Die olympische Bühne ist damit nicht das Ende der Geschichte, sondern ihr Anfang. Ob Synchro 9 für den deutschen Eislaufverband zu einem echten Entwicklungsschub wird, entscheidet sich an den nächsten Zwischenstationen.
Quellen
ISU: History is made – Synchro 9 earns its place at the Alpes 2030 Olympic Winter Games