Stellenwert der Notärztinnen und Notärzte sowie der Fachkräfte im Rettungsdienst in der COVID-19-Impfstrategie – BAND e.V.

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Stellenwert der Notärztinnen und Notärzte sowie der Fachkräfte im Rettungsdienst in der COVID-19-Impfstrategie

Eine Chronologie der Merkwürdigkeiten

  1. März 2021

„Merkwürdig“ wird im Duden definiert mit „Staunen, Verwunderung, manchmal auch leises Misstrauen hervorrufend; eigenartig, seltsam“. Dem reinen Wortsinn nach bezeichnet der Begriff etwas, das es wert ist, in Erinnerung zu bleiben. Diese Chronologie der Merkwürdigkeiten soll dazu beitragen, in der kommenden interpandemischen Phase die jetzt beispielhaft gemachten Erfahrungen von Planlosigkeit und Beliebigkeit zu sortieren, zu diskutieren und Standpunkte zu erarbeiten, die uns „demnächst“ in die Lage versetzen, bessere Lösungen für dieselben erneut anstehenden Probleme zu finden.

Mai 2020: Die ethischen Grundwerte von Public Health sind bekannt

Bereits am 22.05.2020 – wenige Wochen, nachdem der Deutsche Bundestag eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ festgestellt hatte – veröffentlichte das „Kompetenznetz Public Health zu COVID-19“, ein Ad hoc-Zusammenschluss von über 25 wissenschaftlichen Fachgesellschaften aus dem Bereich Public Health, seine „Vaccination Policy – Ethical perspectives on a future vaccination program against COVID-19 in Germany“. Darin wurden die Grundwerte der Public-Health-Ethik (Gerechtigkeit, Solidarität, Gegenseitigkeit, Transparenz u.a.) im Licht der aktuellen Pandemie erörtert und Empfehlungen für eine Impfstrategie vorgestellt, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht absehbar war, wann Impfstoffe zur Verfügung stehen würden. Den konkreten Empfehlungen zur Impfpriorisierung wurde vorangestellt, dass Vertrauen und Akzeptanz der Bevölkerung in die Impfstrategie nur durch offene, partizipative und transparente Kommunikation – auch über die politischen Entscheidungsprozesse und die zugrundeliegenden ethischen Argumente – zu erreichen sei. Die konkreten Vorschläge der „Vaccination Policy“ zur Impfpriorisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen werden von ethischen Prinzipien geleitet. Solidarität und Gegenseitigkeit sind die Leitgedanken, die dazu führen, dass die Beschäftigten im Gesundheitswesen, die einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind, in vorderster Linie priorisiert werden – neben den besonders vulnerablen alten und vorerkrankten Patientengruppen.

August 2020: Solidarität und Gegenseitigkeit – die offiziellen Instanzen bewegen sich

In ihrer Stellungnahme zur Impfung gegen COVID-19 vom 17. August 2020 bezieht sich die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) ausdrücklich auf die ethischen Leitgedanken des Kompetenznetzes. Der STIKO-Empfehlung zufolge ist es das allgemeine Ziel einer Priorisierung, durch eine gezielte Nutzung bei möglicherweise eingeschränkter Verfügbarkeit der Impfstoffe zur bestmöglichen Vermeidung von schweren Erkrankungen und Todesfällen beizutragen. Weitere Aspekte einer COVID-19-Impfpriorisierung sind der Schutz der Funktionsfähigkeit des medizinischen/pflegerischen Versorgungsystems. Außerdem gilt es, den Schutzbedarf von Personen, die aufgrund ihrer Tätigkeit besonders exponiert sind und mit vielen Menschen in Kontakt kommen, zu berücksichtigen. Konkrete Priorisierungs-empfehlung finden sich in dieser Stellungnahme noch nicht. Jedoch betont die STIKO, dass die Umsetzung einer priorisierenden Impfempfehlung eine gute und ausrei­chend detaillierte logistische Vorbereitung erfordere, die von den hierfür zuständigen Stellen sofort in Angriff ge­nommen werden sollte.

Oktober 2020: Die logistischen und organisatorischen Probleme sind vorhersehbar

Aus der Sicht des Notarzt- und Rettungsdienstes sind logistische und organisatorische Vorbereitungen weder im politischen Raum noch vor Ort in den Kommunen zu erkennen. Daher sieht sich BAND am 12.10.2020 veranlasst, eine Pressemitteilung zu veröffentlichen, in der die bevorzugte Impfung von Notärzten und Rettungsdienstfachpersonal sowie aller Beschäftigten im Gesundheitswesen gefordert wird, die ihren Abstand zu erkrankten Personen nicht selbst bestimmen können und daher besonders in unklaren Lagen einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Zugleich wird darauf verwiesen, dass die von Bundesland zu Bundesland verschiedenen Strukturen des Rettungsdienstes die Impflogistik erschweren werden und in jeder einzelnen Kommune zuerst passende Lösungen zur Umsetzung der Impfstrategie erarbeitet werden müssen.

Dezember 2020: Es gibt klare Regelungen. Oder nicht?

Am 14. Dezember 2020 veröffentlicht die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut einen „Beschluss der STIKO für die Empfehlung der COVID-19-Impfung und die dazugehörige wissenschaftliche Begründung“, der auf einem zuvor gemeinsam mit dem Deutschen Ethikrat und der Nationalen Akademie der Wissenschaften publizierten Positionspapier zum Impfstoff-Zugang aufbaut. Die Empfehlungen orientieren sich in allererster Linie an medizinischen und epidemiologischen Kriterien, die soweit möglich mit wissenschaftlicher Evidenz untermauert sind, und sehen fünf Stufen der Priorisierung vor.

Kurz danach kommt das Bundesministerium mit seiner „Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 (Coronavirus-Impfverordnung)“ heraus. In Abänderung der Empfehlungen aus der hauseigenen Bundesoberbehörde Robert-Koch-Institut finden sich darin jedoch nur drei Priorisierungsstufen. Die Stufe 1 wurde im Wesentlichen übernommen. Sie beinhaltet auch das klinische Personal und den Rettungsdienst mit aufgabenbedingt höchstem Expositionsrisiko. Die Stufen 2 und 3 sowie die Stufen 4 und 5 der STIKO-Empfehlungen wurden jeweils zusammengelegt. Auf diese Weise finden sich nun „Polizei- und Ordnungskräfte, die in Ausübung ihrer Tätigkeit zur Sicherstellung öffentlicher Ordnung, insbesondere bei Demonstrationen, einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind“, in der zweiten Priorisierungsgruppe. Personen, „die in besonders relevanter Position in staatlichen Einrichtungen tätig sind, insbesondere in den Verfassungsorganen, in den Regierungen und Verwaltungen, bei den Streitkräften, bei der Polizei, beim Zoll, bei der Feuerwehr, beim Katastrophenschutz einschließlich Technisches Hilfswerk und in der Justiz“ tätig sind, stehen immer noch in der letzten Gruppe, aber das ist jetzt die dritte und nicht mehr die fünfte. Gerade beim letzten Punkt geht es um – nachvollziehbare – politische Entscheidungen und weniger um medizinische Aspekte.

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Dezember 2020: Es geht los mit Impfungen für den Rettungsdienst. Oder nicht?

Mitarbeiter des Rettungsdienstes in Freiburg im Breisgau erhalten bereits vor Weihnachten Emails über ihre Hilfsorganisation, um sich im Impfzentrum anmelden zu können. Die ersten Impftermine für Rettungsdienstler werden bereits zwischen Weihnachten und Neujahr vergeben, andere in der ersten Januarwoche. Seit dem 27. Januar werden im Freiburger Impfzentrum über 80-Jährige und Personal aus Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Rettungsdiensten geimpft.

Freiburg im Breisgau stellt allerdings eine seltene Ausnahme dar. In NRW beispielsweise werden durch Erlass von Anfang Dezember “zunächst die Beschäftigten und Bewohnerinnen und Bewohner in vollstationären Pflegeeinrichtungen sowie die Beschäftigten und Betreuten in besonderen Wohnformen der Eingliederungshilfe” zur Impfung vorgesehen, erst “anschließend die Beschäftigten und Bewohnerinnen und Bewohner in teilstationären Pflegeeinrichtungen sowie die Beschäftigten in Krankenhäusern”. Der NRW-Erlass wurde der Coronavirus-Impfverordnung des BMG vom 15.12.2020, in der das medizinische Personal aus Risikobereichen gleichrangig mit höchster Priorität eingestuft, nicht angepasst. In den letzten Tagen des alten Jahres wird daher von verschiedener Seite teils heftige Kritik daran geäußert, dass weder Klinikabteilungen noch Rettungsdienste bei der Zuteilung des Impfstoffes berücksichtigt werden. Während in Freiburg bereits Mitarbeiter des Rettungsdienstes geimpft werden, verspricht der Ministerpräsident von NRW am 30.12.2020 die nachträgliche Priorisierung der Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die mit COVID-19-Patienten zusammenarbeiten.

Januar 2021 – Priorisierung und Posteriorisierung, lokale Neuregelungen, improvisierte und kalkulierte Umverteilung, Impfdrängeleien … und Bekräftigung der Impfverordnung

Am 4. 01.2021 kündigt dann der Gesundheitsminister von NRW Corona-Schutzimpfungen ab dem 18. Januar auch für Beschäftigte in Krankenhäusern an. Bis zum 24. Januar werde es für alle rund 90 000 Beschäftigten dieser Gruppe in den Krankenhäusern ein Angebot geben. Tatsächlich wird am 18. Januar flächendeckend mit Impfungen für Klinikpersonal aus Akutbereichen begonnen, aber bereits am 20. Januar wird das Programm aufgrund von ausbleibenden Lieferungen wieder eingestellt, vergebene Termine müssen storniert werden.

In Schleswig-Holstein werden die Ärzte am Universitätsklinikum und an einigen anderen Krankenhäusern bereits früh im Januar geimpft, darunter auch die Notärzte, die überwiegend in den Kliniken arbeiten. Rettungsdienstmitarbeiter können sich mit einem Berechtigungsschreiben über ein öffentliches Impfzentrum anmelden.

Die Berliner Feuerwehr organisiert in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung die Impfung gemäß der Corona-Impfverordnung zunächst für die Mitarbeitenden im Rettungsdienst. Am 13. Januar werden die ersten 58 Einsatzkräfte durch ein mobiles Impfteam der Gesundheitsverwaltung  geimpft.

In Erfurt wird – einem Bericht der Thüringischen Landeszeitung vom 14.01. zufolge – nach Protesten aus dem Rettungsdienst und nach Intervention der Sozialdezernentin der Stadt beim Sozialministerium des Landes eine Regelung gefunden, die Mitarbeiter des Rettungsdienstes gemeinsam mit den Klinikmitarbeitern im Helios Klinikum zu impfen. Auf diese Weise soll der ursprünglich für die Mitarbeiter des Rettungsdienstes vorgesehene Weg über die Termin-Hotline umgangen und die Impfung beschleunigt werden. Auch in Eisenach gibt es seit dem 12. Januar eine neue Regelung, wie die Thüringer Allgemeine berichtet. Nach gescheiterten Versuchen von Mitarbeitern des Rettungsdienstes, über Hotline oder Internet einen Termin zu vereinbaren, plane die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen nun, für diese Personengruppe und für Bedienstete in Arztpraxen “Mitte Februar” eigene Möglichkeiten der Terminvereinbarung zu schaffen. Bis dahin empfahl die KVT den Mitarbeitern im Rettungsdienst, sich an ihre jeweiligen Kliniken zu wenden. Das Eisenacher Klinikum erklärte sich bereit, für 48 Notärzte und Rettungssanitäter von DRK und ASB Termine zu machen, “sobald der dafür avisierte Impfstoff angekommen ist”.

Aus mehreren Bundesländern (Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Hessen, Berlin) wird bereits früh im Januar mitgeteilt, dass in Alten- und Pflegeheimen “übriggebliebene” Impfdosen an Mitarbeiter des Rettungsdienstes oder des Einsatzdienstes und auch an Mitarbeiter aus Notaufnahmen verabreicht werden, die bis zu diesem Zeitpunkt bei der Terminierung noch nicht berücksichtigt waren und ad hoc – mehr oder weniger zufällig – einbestellt werden konnten. Dadurch soll vermieden werden, dass Impfdosen ungenutzt verworfen werden müssen. Auch Mitarbeiter von Berufsfeuerwehren ohne direkten rettungsdienstlichen Bezug und auch Mitglieder von Freiwilligen Feuerwehren – in der Impfpriorität nicht vorgesehen – werden bei der Gelegenheit bereits geimpft. Die Zuordnung fußt jedoch in der Regel nicht auf einer systematischen Planung, sondern ist dem Zufall der Erreichbarkeit überlassen.

Die Stadt Köln (als ein Beispiel) richtet daher Ende Januar eine Ethikkommission ein, damit “die Verteilung der wenigen, überzähligen Impfstoff-Dosen ethisch, moralisch und rechtlich transparent und nachvollziehbar gestaltet werden” könne. Zum Jahresbeginn hatte der Krisenstab der Stadt entschieden, dass Impfstoff-Dosen, die bei den Impfungen in den Seniorenheimen übrig bleiben, medizinischem Personal in Kliniken und Mitarbeitern im Rettungsdiens verabreicht werden sollen. Diese Gruppen seien nun aber regulär an der Reihe. Daher stellte sich die Frage, was mit den überzähligen Dosen passieren soll. Zuvor waren zahlreiche Führungskräfte und Verwaltungsmitarbeiter der Feuerwehr geimpft wurden, obwohl Rettungskräfte bisher keine Impfung erhalten hatten.

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Ende Januar berichtete die Presse in Hamburg daüber, dass beim Deutschen Roten Kreuz und der Feuerwehr Führungskräfte geimpft worden seien, die nur im Büro arbeiten. Dabei profitierten sie von Impfstoff-Restmengen, die andernfalls entsorgt worden wären. Unter den Personen, die den Impfstoff erhielten, sollen beim DRK ein Vorstandsmitglied, Teile der Geschäftsführung sowie ein Projektleiter gewesen sein. Auch die Ehefrauen der Funktionäre und ein Kind sollen geimpft worden sein, wie die Presse berichtet. Mindestens zwei hochrangige Feuerwehr-Funktionäre ließen sich während der Dienstzeit impfen und mit dem Dienstfahrzeug zur Impfung fahren. Mit­ar­bei­tende im Einsatzdienst hingegen dürfen sich nur in ihrer Freizeit impfen lassen. Die Feuerwehr kündigte an, der Vorfall solle sich nicht wiederholen. Anhand von  Listen mit priorisierten Mitarbeitern werde dafür gesorgt, dass  Führungskräfte nicht mehr vorgezogen werden. Offenbar gehörte es zum Impfkonzept innerhalb der Innenbehörde, den Rettungsdienst ausschließlich mit Impfresten zu versorgen, was zu großen Irritationen innerhalb der Belegschaft führte

Mit dem Argument der raschen Erreichbarkeit wurden in mehreren Bundesländern frühzeitig auch Mitarbeiter der kommunalen Verwaltung (Bürgermeister, stellvertretende Bürgermeister, Amtsleiter) geimpft, wie Presseagenturen berichten. Diese Personengruppe (“Personen, die in besonders relevanter Position in staatlichen Einrichtungen tätig sind, insbesondere in den Verfassungsorganen, in den Regierungen und Verwaltungen …”) gehört der Impfverordnung des BMG zufolge weder in die erste noch in die zweite Priorität. Die taz berichtet vom Fall einer jungen Hamburgerin “mit guten Verbindungen”, die extra zweimal nach Bielefeld fuhr, um zwei „überzählige Impfdosen“ zu ergattern. Eine impfberechtigte Person mit kürzerem Fahrtweg hätte sich da sicher finden lassen, wie die taz kommentiert.

Die Bundesregierung bekräftigt daher am 15.01.21 in einer Mitteilung zum Impfstart über die eigene Homepage noch einmal, dass Mitarbeiter von ambulanten Pflegediensten, Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und im Rettungsdienst zur Gruppe mit höchster Impfpriorität zählen. Bereits Mitte Januar hatte der Bundesgesundheitminister verlauten lassen, er schließe Sankti­o­nen gegen Personen, die sich entgegen der Priorisierung vorzeitig gegen COVID-19 impfen lassen, nicht aus.

Februar 2022: Die Drängelei geht dennoch weiter, und die Impfverordnung wird gleich zweimal geändert

In mehreren Kliniken in Ostfriesland haben sich dem Bericht des Deutschen Ärzteblattes vom 05. Februar zufolge Teile der Klinikverwaltung, darunter die Geschäftsführer, vorzeitig impfen lassen, mit Impfstoff, der eigentlich für Ärzte und Pflegekräfte vorgesehen war. Der Landrat des Kreises, sein Stellvertreter sowie der Aufsichtsratsvorsitzende der Kliniken befürchten in einer gemeinsamen Stellungnahme einen Vertrauensverlust von Bevölkerung und Mitarbeiterschaft auf den ordnungsgemäßen Ablauf der Impfung. Der Vorbildfunktion, die von Führungskräften erwartet werde, sei man offenkundig nicht gerecht geworden. Wie in den meisten anderen Fällen werden “übriggebliebene” Impfdosen als Grund angegeben, die man nicht habe verfallen lassen wollen.

Ebenfalls am 05. Februar berichtet das Deutsche  Ärzteblatt darüber, dass der Landtag von Sachsen-Anhalt sich damit auseinandergesetzt hat, dass in einem Landkreis  320 Polizisten aus der zweiten Priorisierungsgruppe vorzeitig geimpft wurden – noch dazu aus der Dosisreserve für die Zweitimpfung. Die zuständige Gesundheitsministerin habe sich verärgert gezeigt und wolle den betreffenden Kreis ermahnen. Als Grund wurde ein vermeintlich notwendiger Testlauf  (im Sinne eines Stresstestes) vor dem bevorstehenden höheren Impfaufkommen im Impfzentrum des Kreises apostrophiert. Die Gesundheitsministerin wird damit zitiert, dass Polizisten und andere Personengruppen der zweiten Priorität erst geimpft werden dürfen, wenn die Hochbetagten, Schwerkranken und das medizinische Personal vollständig versorgt seien. Sie habe “keinerlei Verständnis, wenn bundesweit festgelegte Impfreihenfolgen missachtet werden”. Die Impfverordnung und diese darin fest­gelegte Reihenfolge sei „keine Empfehlung“.

Auch der Oberbürgermeister von Halle und zehn Stadträte sind entgegen der in der Impfverordnung festgelegten Reihenfolge “in Folge eines zufälligen Auswahlverfahrens aus Restbeständen eines Krankenhauses” bereits gegen das Coronavirus geimpft worden. Er habe seine Erstimpfung nicht von sich aus bekannt gegeben, da es eine private Angelegenheit gewesen sei, und er befürchte “eine Hexenjagd auf die Personen, die geimpft sind”, wenn weitere Namen von Personen aus der Administration bekannt gegeben würden. Der Vorgang ist inzwischen Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen des Verdachts auf „veruntreuende Unterschlagung“.

Seit Ende Januar gibt es einen neuen Aspekt. Da der neu hinzugekommene Impfstoff der Firma AstraZeneca von der STIKO für über 65-Jährige (noch) nicht empfohlen werden kann, scheidet diese Personengruppe bei der Zuteilung dieses Impfstoffs in den nächsten Wochen aus. Daher wird von verschiedener Seite darüber nachgedacht, “die Impfpriorität und Impfhierarchie [zu] überdenken” und den  Impfstoff von AstraZeneca vermehrt an medizinisches Personal zu verabreichen. Der Präsident der Bundesärztekammer plädiert ebenfalls für eine Anpassung der Impfverordnung, um medizinisches Personal, Lehrkräfte und Erzieher früher zu impfen.

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In der Folge wird die Corona-Impfverordnung des BMG innerhalb weniger Wochen gleich zweimal geändert: Zunächst wird sie am 8. Februar 2021 an die eingeschränkte Freigabe des Astra-Zeneca-Impfstoffs und die sich daraus ergebenden neuen Möglichkeiten der Priorisierung für jüngere Zielgruppen angepasst. Ebenfalls sind nun „in Einzelfällen“ Abweichungen von der Reihenfolge möglich, wenn dies für eine effiziente Organisation der Schutzimpfungen und zur kurzfristigen Vermeidung des Verwurfs von Impfstoffen notwendig ist.

Am 22. Februar schließlich rücken nach politischer Diskussion die Gruppen der Lehrer in Grund-und Förderschulen sowie der Mitarbeiter/innen  in Kindertagesstätten in die zweite Priorität auf, als flankierende Maßnahme für die geplante Schulöffnung.

März 2021: Impfdrängler dürfte es eigentlich gar nicht geben

Einer Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) bei den Bundesländern Anfang März zufolge dürfte es das Phänomen der „Impfdrängler“ oder „Impfschleicher“ gar nicht geben. 13 Gesundheits- und Sozialministerien bestätigten, das überzählige Impfdosen „fast ausnahmslos“ für Menschen aus der Gruppe mit der höchsten Impfpriorisierung genutzt werden. Das sind etwa Rettungsdienstmitarbeiter, Helferinnen und Helfer in den Impfzentren oder medizinisches Personal. „Einzige Ausnahme“ bilden Polizisten im Außendienst, die der zweiten Gruppe angehören.

Alle Ministerien betonten gegenüber dem epd, dass für die Nutzung von Restdosen die Impfverordnung des Bundes gilt: Das Verimpfen von übrig gebliebenen Vakzinen ist nur innerhalb der Gruppe mit der höchsten Priorisierung erlaubt. Ausnahmen seien in Einzelfällen möglich, jedoch nur, “wenn Impfstoff andernfalls verworfen werden müsste”. Sollte die Gefahr bestehen – so heißt es aus NRW – , dass die Impfstoffe weggeworfen werden müssten, dann “entscheidet die Koordinierungsstelle der Impfzentren vor Ort über die weitere Verwendung”. Erst wenn in der höchsten Priorisierungsgruppe kurzfristig keine Menschen zur Impfung bereitstehen, können Impflinge aus den danach folgenden Gruppen ihre Spitze bekommen. “Das kann auch auf Angehörige von Polizei und Rettungsdienst [!] zutreffen,” so wurde aus Bayern geantwortet. Auch in Schleswig-Holstein, Brandenburg und Thüringen führen die Impfzentren Listen, wer ad hoc geimpft werden kann. Das zuständige Ministerium in Schleswig-Holstein nennt etwa Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rettungsdienstes, der Vertragsarztpraxen, Dialysepraxen oder der Impfzentren selbst. Bremen geht ebenso vor.

Anders offenbar in Rheinland-Pfalz: Hier benachrichtigen bei übrig gebliebenen Dosen die Impfzentren telefonisch berechtigte Impflinge – stets nur aus der ersten Gruppe. Sachsen-Anhalt verfährt genauso. “Das Vorziehen aus anderen späteren Gruppen ist von der Impfverordnung nicht gedeckt”, heißt es dort. Ausnahmeregelungen seien nicht zulässig. “Übrige Dosen werden ausschließlich an Personen aus den aktuell berechtigten Prioritäten verimpft, etwa aus dem Rettungsdienst, eigenes, noch nicht geimpftes Impfpersonal oder Personen in benachbarten Pflegeheimen oder Kliniken”, teilte das Sozialministerium in Stuttgart auf Anfrage mit. Aus dem Saarland hieß es: “In diesen Fällen verimpfen wir Personal der Alten- und Pflegeeinrichtungen oder in den Impfzentren, Gesundheitspersonal sowie Personal des Rettungsdienstes.”

Inzwischen veröffentlicht das BMG im „Impfdashboard“ beim aktuellen Stand  (Freitag 12.03.) von fast 9 Millionen verabreichter Impfdosen (darunter über 3 Millionen Zweitimpfungen), dass annähernd 45% der verabreichten Dosen an “Personen mit beruflicher Indikation” (Mitarbeiter in Gesundheits- und Pflegeberufen) verimpft wurden. Ergänzend ist dort zu erfahren, dass 45% an ältere Menschen, 17% an Pflegeheimbewohner*innen und 5% an Personen mit Vorerkrankungen verabreicht wurden.  Bei der Addition der Prozentwerte werden Schnittmengen offensichtlich, die aber nicht transparent aufgeklärt werden. Es kann daher auch nicht errechnet werden, wie groß der Prozentanteil derjenigen bisher Geimpften ist, die weder den Alten noch den schwer Vorerkrankten noch den Beschäftigten im Gesundheitswesen zuzurechnen sind, die einem besonders hohen Ansteckungsrisiko unterliegen.

März 2021: Was bleibt nach einem Jahr Pandemie?

Die Entwicklung und Umsetzung einer planmäßigen, gerechten sowie medizinisch und ethisch gut begründeten Impfstrategie ist komplex, und die Ministerien und Behörden wurden dieser Aufgabe bisher in unterschiedlichem Ausmaß gerecht. Die Erwartungen, die Notärzte und Rettungsdienstfachpersonal sowie Beschäftigte auf Intensivstationen und in Notaufnahmen  haben durften, wurden in weiten Bereichen nicht erfüllt. In dieser chronologischen Zusammenstellung wird auf kommentierende Ergänzungen weitgehend verzichtet. Die dargestellten Fakten halten sich eng an Presseberichte. Die Zusammenschau der zahlreichen „Merkwürdigkeiten“, Ungereimtheiten und unerwarteten Standpunktänderungen spricht für sich. Es wird in der folgenden interpandemischen Phase hoffentlich genug Zeit geben, um diese Vorkommnisse in Erinnerung zu rufen, die ethischen und logistischen Leistungen sowie Fehlleistungen zu bewerten und im Vorfeld der nächsten Pandemie daraus zu lernen. Es sei abschließend festgehalten, dass Rettungsdienst, Notaufnahmen und Intensivstationen im ersten Jahr der Pandemie zu den Institutionen gehörten, die ihre Funktionen auch in der Krise uneingeschränkt ausgefüllt haben – was man nicht von allen behaupten kann.

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Quelle: band-online.de

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