Pflege im Fokus: Warum sektorenübergreifende Versorgung die Zukunft des Gesundheitswesens bestimmt

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Beim 48. Deutschen Krankenhaustag steht die Pflege im Mittelpunkt. Experten betonen, dass Versorgung nur ganzheitlich und sektorenübergreifend funktioniert. Eine Krankenhausreform, die die Pflege nicht konsequent mitdenkt, greift nach Ansicht der Fachleute zu kurz.

Inhaltsverzeichnis

– Pflege als tragende Säule im Gesundheitswesen steht im Fokus
– Deutscher Krankenhaustag vom 17. bis 20. November 2025
– Versorgung muss ganzheitlich und sektorenübergreifend gestaltet werden

Pflege im Fokus: Versorgung neu denken

Beim 48. Deutschen Krankenhaustag rückte die Pflege ins Zentrum der Debatte. Am dritten Veranstaltungstag diskutierten Expertinnen und Experten über den Weg des Patienten durch das gesamte Versorgungssystem – und die entscheidende Rolle der Pflegefachpersonen.

Dr. Sabine Berninger, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe Südost e. V., brachte es auf den Punkt: „Versorgung beginne nicht erst im Krankenhaus, und sie ende dort auch nicht.“ Sie betonte, „dass Versorgung nur dann funktionieren kann, wenn sie ganzheitlich gedacht und sektorenübergreifend gestaltet wird.“ Gerade deshalb komme Pflegefachpersonen eine tragende Rolle zu. „Sie sind kein optionaler Wohlfühlfaktor, sondern die Grundlage jeder sicheren Patientenversorgung.“ Wer das nicht verstehe und die Pflege nicht neu denke, gefährde nicht nur die Attraktivität der Pflegeberufe, sondern die Versorgung der gesamten Bevölkerung. Ihr Fazit: Eine Krankenhausreform, die Pflege nicht konsequent mitdenkt, greift zu kurz.

Jens Albrecht, Vizepräsident der Pflegekammer NRW, unterstrich die besondere Position der Pflege: „Wir betonen häufig, dass der Patient im Mittelpunkt steht. Bei uns bleibt das nicht bloß ein Grundsatz, sondern wird zum leitenden Prinzip: Wir verstehen die Patientenperspektive als wegweisendes Element unseres Handelns. Pflege ist dabei die tragende Säule im Gesundheitswesen – sie ist die einzige Berufsgruppe, die Menschen kontinuierlich durch alle Phasen ihrer Versorgung begleitet.“ Für ihn müssen Pflegefachpersonen als Lotsen im System agieren: „Pflegefachpersonen können interdisziplinär vernetzen, koordinieren und diese Strukturen langfristig festigen – ein entscheidender Beitrag für ein zukunftsfähiges Versorgungssystem.“

Die Diskussion machte deutlich: Das deutsche Gesundheitssystem steht an einem Wendepunkt. Die Pflege fordert nicht nur mehr Wertschätzung, sondern auch strukturelle Veränderungen – von der Finanzierung bis zur Aufgabenteilung. Leah Dörr, Vorstandsmitglied der Pflegekammer NRW, brachte das neue Selbstverständnis der Berufsgruppe auf den Punkt: „Ich bin kein Mini-Doc, ich bin eine Big Nurse.“

Warum die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Pflege verschwimmen

Die Forderung nach sektorenübergreifender Versorgung begegnet den Herausforderungen einer Trennung zwischen ambulanter und stationärer Pflege im deutschen Gesundheitssystem* . Diese Aufspaltung führt an den Schnittstellen zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen häufig zu Unterbrechungen in der Behandlung. Die Trennung erschwert nahtlose Übergänge und begrenzt die Möglichkeit für Pflegekräfte, ihre Expertise entlang des gesamten Behandlungsprozesses einzubringen.

Vor diesem Hintergrund gewinnen sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen an Bedeutung. Sie zielen darauf ab, Barrieren zwischen den Bereichen zu überwinden und patientenzentrierte Lösungen zu schaffen. Dabei bestehen erhebliche Umsetzungs- und Finanzierungsherausforderungen* . Die bestehenden Vergütungssysteme setzen weiterhin auf eine sektoral ausgerichtete Struktur und bieten wenige Anreize für Kooperationen über die Grenzen hinaus. Unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen und Zuständigkeiten erschweren zudem die Etablierung integrierter Versorgungsmodelle.

Die Debatte um die Auflösung dieser Grenzen verdeutlicht: Es geht um mehr als organisatorische Veränderungen; ein grundlegendes Umdenken in der Gesundheitsversorgung ist notwendig. Politische und administrative Maßnahmen müssen sektorenübergreifendes Arbeiten ermöglichen und fördern. Die Diskussion auf dem Deutschen Krankenhaustag 2025 unterstreicht, dass die Zukunft der Patientenversorgung in durchgängigen Betreuungskonzepten liegt – unabhängig von institutionellen Zuständigkeiten und traditionellen Abgrenzungen.*

Zahlen und Fakten zur Pflegereform

Die aktuelle Diskussion um die Neugestaltung der Pflegeversorgung basiert auf einer soliden Datenbasis. Verschiedene Studien, Gutachten und Gesetzesinitiativen liefern den Rahmen für die notwendigen Veränderungen im Gesundheitssystem.

Personalsituation

Die Personalentwicklung in der Pflege zeigt eine gemischte Bilanz. Der Pflegepersonalbestand liegt bei 1.130.000 Personen im Jahr 2023 und wird laut Prognosen auf 1.145.000 Personen zum Jahresende 2025 steigen (Quelle: DAK-Pflegereport). Dieser leichte Zuwachs wird jedoch durch eine gleichzeitig steigende Zahl unbesetzter Stellen relativiert: Waren 2023 noch 67.000 Pflegestellen vakant, erhöhte sich diese Zahl auf 76.500 unbesetzte Stellen (Quelle: DAK-Pflegereport).

Diese Entwicklung unterstreicht die Dringlichkeit, die Attraktivität der Pflegeberufe zu steigern und Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern. Die kontinuierliche Begleitung von Patienten durch alle Versorgungsphasen erfordert stabile Personalstrukturen.

Gesetz & Modellprojekte

Die gesetzliche Landschaft für die Pflegeversorgung entwickelt sich dynamisch. Das Gesetz zur Befugniserweiterung in der Pflege wurde am 6. November 2025 verabschiedet (Quelle: Bundesgesundheitsministerium)*. Es sieht unter anderem die Stärkung kommunaler Pflegeplanung und die Ermöglichung von Modellvorhaben vor.

Bereits im März 2025 wurde ein Gutachten zur schrittweisen Aufhebung der sektoralen Grenzen veröffentlicht, das einen Zielhorizont bis 2030 vorgibt (Quelle: Pro-Pflegereform). Im Oktober 2025 folgte das Impulspapier zur neuen Komplexleistung "Gesundheitsförderung und Prävention bei Pflegebedarf" (Quelle: IGES Institut).

Die praktische Umsetzung wird durch Fördermöglichkeiten unterstützt: Ab 2025 können Länder und Kommunen Modellprojekte mit bis zu 30 Millionen Euro jährlich umsetzen (Quelle: Pflegenetzwerk Deutschland). Erste Erfolge zeigen sich bereits in Pilotregionen: In Nordrhein-Westfalen setzen 26 Kliniken (14 Prozent) und in Bayern 17 Kliniken (11 Prozent) Pflegelotsenmodelle um (Stand: September 2025, Quelle: Doctolib).

Mögliche Tabelle: Personalbestand und Vakanzentwicklung

Jahr Indikator Wert Einheit Quelle/Stand
2023 Pflegepersonalbestand 1.130.000 Personen DAK-Pflegereport 2023*
2025 Pflegepersonalbestand 1.145.000 Personen DAK-Pflegereport 2025*
2023 Unbesetzte Pflegestellen 67.000 Stellen DAK-Pflegereport 2023*
2025 Unbesetzte Pflegestellen 76.500 Stellen DAK-Pflegereport 2025*

Diese datenbasierte Betrachtung macht deutlich: Während die Personalzahlen leicht steigen, wächst der Bedarf an Pflegefachkräften noch schneller. Die gesetzlichen Neuerungen und Modellprojekte bilden wichtige Bausteine, um dieser Herausforderung zu begegnen und die Versorgung langfristig zu sichern.

Pflege im Zentrum: Was eine Neuausrichtung für Patienten und Gesellschaft bedeutet

Eine konsequent pflegezentrierte Versorgung würde den Alltag von Patientinnen und Patienten grundlegend verändern. Statt sich durch ein Labyrinth aus Fachärzten, Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen navigieren zu müssen, würden sie eine kontinuierliche Begleitung erfahren. Pflegefachpersonen könnten als Lotsen fungieren und so die Übergänge zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen nahtlos gestalten. Diese Kontinuität würde nicht nur die Behandlungsqualität steigern, sondern auch die Belastung für chronisch kranke und ältere Menschen spürbar reduzieren.

Die Personallücken in der Pflege wirken sich nachweislich auf die Versorgungsstabilität aus. Unter diesen Bedingungen bleiben präventive Maßnahmen oft auf der Strecke, obwohl sie langfristig Krankenhausaufenthalte verhindern und Lebensqualität erhalten könnten. Eine sektorenübergreifende Neuausrichtung würde hier ansetzen: Durch frühere Interventionen und besser koordinierte Schnittstellen ließen sich Verschlechterungen vermeiden und Patientenpfade effizienter gestalten.

Für das Gesundheitssystem insgesamt bedeutete eine stärkere Fokussierung auf die Pflege auch eine klügere Ressourcennutzung. Die derzeitige Fragmentierung führt zu Doppeluntersuchungen, Medienbrüchen und ineffizienten Abläufen. Eine integrierte Versorgung, bei der Pflegefachpersonen ihre Kompetenzen voll entfalten können, würde nicht nur die Patientensicherheit erhöhen, sondern mittelfristig auch Kosten senken. Der gesellschaftliche Gewinn läge in einer belastbaren Gesundheitsversorgung, die den demografischen Herausforderungen tatsächlich gewachsen ist.

Pflege neu denken: Drei Wege für eine zukunftsfähige Versorgung

Die politischen Weichen für eine moderne Pflegeversorgung sind gestellt. Mit dem Gesetz zur Befugniserweiterung in der Pflege, das der Bundestag am 6. November 2025 verabschiedet hat, eröffnen sich neue Handlungsspielräume für Pflegefachpersonen*. Parallel dazu liefert das Impulspapier vom Oktober 2025 konkrete Vorschläge für eine integrierte Versorgungslandschaft, darunter die Einführung einer Komplexleistung für Prävention und Versorgung*. Diese Reformimpulse gilt es jetzt konsequent umzusetzen.

Drei Handlungslinien versprechen nachhaltige Verbesserungen:

  • Gesetzliche Verankerung sektorenübergreifender Aufgaben – informell erprobte Strukturen verbindlich machen
  • Gezielte Förderprogramme für Pflegelotsen und Netzwerke – Prävention frühzeitig im Lebensalltag verankern
  • Finanzierung des gesamten Pflegeprozesses – inklusive Beziehungsarbeit und Schnittstellenkoordination

Der Pflegepersonalbestand in Deutschland betrug im Jahr 2025 1.145.000 Personen (Stand Jahresende), mit einem Anstieg gegenüber 1.130.000 im Jahr 2023. Die Anzahl unbesetzter Pflegestellen stieg bis zum zweiten Quartal 2025 auf 76.500, im Vergleich zu 67.000 im Jahr 2023*.

Die nächsten Schritte erfordern mutiges Handeln aller Beteiligten. Politik und Einrichtungen sollten die gewonnenen Spielräume nutzen, um Versorgung konsequent aus der Perspektive der Patienten zu gestalten. Die erfolgreiche Umsetzung hängt davon ab, ob es gelingt, die neuen rechtlichen Möglichkeiten mit passgenauen Finanzierungsmodellen und klaren Zuständigkeiten zu unterfüttern.

Dieser Beitrag basiert auf einer Pressemitteilung der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG).

Weiterführende Quellen:

7 Antworten

  1. „Big Nurse“ ist ein interessanter Begriff! Ich finde es gut, dass Pflegekräfte nicht nur als Hilfskräfte gesehen werden sollten. Wie können wir das Bewusstsein in der Gesellschaft dafür schärfen?

    1. „Big Nurse“ klingt stark! Wenn mehr Menschen verstehen würden, wie wichtig diese Rolle ist, könnte das helfen. Was haltet ihr von Schulprogrammen für Aufklärung über Pflege?

  2. Die steigende Anzahl unbesetzter Stellen ist alarmierend! Wie kann es sein, dass trotz steigender Zahlen an Pflegekräften so viele Stellen frei bleiben? Müssen wir nicht über die Gründe sprechen?

    1. Ja, Heinrich! Es könnte daran liegen, dass viele Leute den Beruf als zu belastend empfinden. Vielleicht sollten wir auch über das Image des Pflegeberufs sprechen.

  3. Ich finde die Diskussion um Pflege sehr wichtig. Es sollte mehr Wertschätzung für Pflegekräfte geben, denn sie machen eine großartige Arbeit. Aber wie kann man die Arbeitsbedingungen wirklich verbessern? Das würde ja auch die Versorgung der Patienten verbessern.

    1. Das ist ein guter Punkt, Gertraude! Ich denke, dass eine bessere Bezahlung und mehr Unterstützung im Job entscheidend sind. Was denkt ihr über die Vorschläge zur Finanzierung in dem Artikel?

    2. Ich stimme zu! Die Pflege braucht wirklich mehr Aufmerksamkeit. Aber was könnten konkrete Schritte sein, um diese Veränderungen zu erreichen? Gibt es bereits Beispiele aus anderen Ländern?

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