– 77 Prozent der Unternehmen haben bereits eine Resilienzstrategie.
– Rund die Hälfte sieht große systemische Risiken bei Energie und Lieferketten.
– Unternehmen vermissen eine übergeordnete staatliche Strategie für den Standort.
Industrie setzt auf Resilienz, warnt vor Risiken
Die deutsche Industrie investiert spürbar in ihre Widerstandsfähigkeit gegen Krisen und Störungen. Zugleich sieht sie sich weiterhin erheblichen Risiken ausgesetzt, die einzelne Unternehmen kaum allein bewältigen können. Das ist die zentrale Aussage einer am 15. Juni 2026 veröffentlichten Allensbach-BDI-Befragung. Demnach verfügen 77 Prozent der befragten Unternehmen bereits über eine eigene Resilienzstrategie, weitere 16 Prozent bereiten eine solche vor. Mehr als acht von zehn Unternehmen schätzen ihre Widerstandsfähigkeit zudem als hoch ein.
Für die Erhebung befragte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie Entscheider in 154 Unternehmen des produzierenden Gewerbes in Deutschland mit mindestens 500 Mitarbeitern oder 100 Millionen Euro Jahresumsatz. BDI-Präsident Peter Leibinger sagte dazu: „Die Unternehmen handeln längst und bauen ihre Resilienz systematisch aus“. „Wir sehen eine Industrie, die sich auf den Weg gemacht hat, in einer von Krisen geprägten Welt handlungsfähig zu bleiben.“
Der Befund hat jedoch eine zweite Seite: Rund die Hälfte der Unternehmen sieht laut Pressemitteilung große systemische Risiken bei Energieversorgung, Lieferketten und Transportwegen. Die Umfrage zeigt damit eine Spannung, die für viele Industriebetriebe zum Alltag geworden ist: Sie investieren in Vorsorge, bleiben aber abhängig von Rahmenbedingungen, die sie selbst nicht steuern können.
Wie Unternehmen ihre Widerstandsfähigkeit konkret ausbauen
Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, auf Störungen vorbereitet zu sein und auch unter schwierigen Bedingungen liefer- und produktionsfähig zu bleiben. Dazu zählen ein besseres Risikomanagement, breiter aufgestellte Beschaffung, höhere Lagerbestände sowie Anpassungen bei Produkten und Verfahren.
Bereits 2025 nutzten 84 Prozent der befragten Industrieunternehmen ein systematisches Risikomanagement, 81 Prozent diversifizierten ihre Bezugsquellen. Laut Bundesverband der Deutschen Industrie zeigt das, wie breit das Thema inzwischen im operativen Geschäft verankert ist. Die aktuelle Pressemitteilung vom 15. Juni 2026 knüpft daran an: Mehr als vier von fünf Unternehmen betreiben systematisches Risikomanagement oder diversifizieren ihre Bezugsquellen, rund zwei Drittel investieren in neue Produkte und Verfahren, und mehr als die Hälfte baut gezielt höhere Lagerbestände auf.
Solche Maßnahmen erhöhen die Handlungsfähigkeit in Krisen, sind jedoch kostenintensiv und langfristig angelegt. Bereits 2025 bewerteten 58 Prozent der befragten Unternehmen die Belastungen der Resilienzmaßnahmen als hoch. Auch die aktuelle Mitteilung spricht von erheblichem Aufwand und einer Mehrheit, die die Aufwendungen als hoch einstuft. Resilienz ist damit nicht nur ein Begriff aus der Sicherheitspolitik, sondern eine konkrete Managementaufgabe, die Kosten verursacht und Prozesse verändert.
Wo die Grenzen unternehmerischer Vorsorge liegen
An diesem Punkt wird Resilienz zur Standortfrage. Denn selbst gut vorbereitete Unternehmen bleiben auf eine funktionierende Energieversorgung, belastbare Infrastruktur und verlässliche Transportwege angewiesen. Laut Pressemitteilung vom 15. Juni 2026 sieht rund die Hälfte der Unternehmen große Risiken durch Störungen in genau diesen Bereichen.
Peter Leibinger beschreibt die Grenzen betrieblicher Vorsorge so: „Unternehmen können viel leisten, aber nicht im Alleingang. Gerade bei Energie, Infrastruktur und globalen Abhängigkeiten stoßen sie an systemische Grenzen“. Für die politische Debatte ist das relevant, weil wirtschaftliche Resilienz über einzelne Firmenstrategien hinausgeht. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer beschreibt Wirtschaftssicherheit als das frühzeitige Erkennen von Risiken, die Reduktion von Abhängigkeiten und die langfristige Sicherung der wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit.
Aus Sicht der Industrie fehlt bislang ein übergreifender Rahmen, der bestehende Instrumente bündelt. „Es fehlt ein transparenter strategischer Handlungsrahmen und Plan, der die verschiedenen Instrumente bündelt und wirksam steuert“, sagte Leibinger. Er verbindet das mit einer klaren Erwartung an die Politik: „Die Industrie handelt. Jetzt müssen auch die Akteure in der Politik wirtschaftlicher Resilienz nicht nur Priorität einräumen, sondern konkret Voraussetzungen schaffen, damit wir uns in Deutschland und Europa zu einem resilienten Wirtschaftsstandort entwickeln. Wir benötigen einen umfassenden Plan und eine konsequente Umsetzung.“
Der BDI nennt mehrere Felder, in denen der Staat gefordert ist: weniger Bürokratie, schnellere Verfahren, eine verlässliche Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen sowie staatliche Analysen strategischer Abhängigkeiten, Frühwarn- und Krisenwarnsysteme und ein strukturierter Informationsfluss zwischen Behörden und Unternehmen.
Für Verbraucher und Beschäftigte ist das keine abstrakte Industriesorge. Wenn Energieversorgung, Transport oder internationale Lieferketten ins Stocken geraten, betrifft das Lieferfähigkeit, Preise, Arbeitsplätze und die Versorgung mit wichtigen Gütern.
Warum Resilienz ganze Schlüsselbranchen betrifft
Wie weitreichend das Thema ist, zeigt der Blick auf zentrale Industriezweige. Nach Einschätzung von Prognos leisten Schlüsselbranchen wie Chemie, Pharma, Kunststoff und Bergbau wichtige Beiträge zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Resilienz. An ihnen hängen nicht nur industrielle Produktion, sondern auch die Versorgung mit Vorprodukten, Rohstoffen und teilweise mit medizinisch relevanten Gütern.
So wird greifbar, was in der Umfrage zunächst abstrakt erscheint: Resilienz entscheidet in der Praxis darüber, ob Grundstoffe verfügbar sind, Lieferketten stabil bleiben und die Produktion in Deutschland auch unter schwierigen Bedingungen aufrechterhalten werden kann.
Gleichzeitig zeigen sich in diesen Branchen besondere Abhängigkeiten. Laut Prognos gefährdet die starke Abhängigkeit von Märkten wie China die Stabilität und Versorgungssicherheit, insbesondere in der Pharmabranche. Das verweist auf ein zentrales Risiko: Wo Rohstoffe, Vorprodukte oder Absatzmärkte stark konzentriert sind, steigt die Verwundbarkeit bei geopolitischen Spannungen und Handelsstörungen.
Welche Hebel Politik und Wirtschaft jetzt sehen
Die Ansätze zur Stärkung der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit liegen damit auf dem Tisch. Aus Unternehmenssicht geht es einerseits um betriebliche Vorsorge, andererseits um politische Rahmenbedingungen, die Investitionen und Absicherung wirksam machen.
Zu den zentralen Hebeln zählen:
- eine verlässliche Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen sowie schnellere Verfahren und weniger Bürokratie
- der Ausbau staatlicher Analyse-, Warn- und Informationssysteme zu strategischen Abhängigkeiten
- eine breitere Absicherung kritischer Rohstoffe und Lieferketten
Auch externe Forschung weist in diese Richtung. Prognos betont, dass eine Senkung des Industriestrompreises die Produktionskosten in besonders resilienzrelevanten Sektoren reduzieren und damit die Widerstandsfähigkeit stärken kann. Ebenso gilt die Ausweitung internationaler Rohstoffpartnerschaften als wichtiges Instrument, um den Zugang zu kritischen Rohstoffen zu sichern.
Die Debatte dürfte weiter an Bedeutung gewinnen. Geopolitische Spannungen, Energiefragen und globale Abhängigkeiten erscheinen zunehmend als dauerhafte Herausforderung für Unternehmen und den Wirtschaftsstandort. Oder, wie Leibinger es in der Pressemitteilung formulierte: „Wir reden nicht mehr über einzelne Krisen, sondern über eine neue Normalität von Störungen“.
Was Resilienz im Alltag heißt: weniger abhängig, besser vorbereitet
Die Debatte über Lieferketten, Energie und Transportwege klingt schnell nach Großindustrie. Im Alltag zeigt sie sich aber oft ganz konkret: wenn Preissprünge beim Strom kommen, bestellte Technik später ankommt oder wichtige Anschaffungen plötzlich deutlich teurer werden. Resilienz bedeutet dann vor allem, nicht alles auf Kante zu nähen.
Für Privatpersonen, Selbstständige und kleine Teams heißt das: laufende Kosten regelmäßig prüfen, bei wichtigen Geräten nicht erst im Notfall reagieren und digitale Unterlagen sauber sichern. Auch ein kleiner Vorrat an Dingen des täglichen Bedarfs oder ein zweiter Blick auf Verträge kann helfen, Versorgungsrisiken im Kleinen abzufedern. Das ist keine Panikstrategie, sondern eher ein stabiles Geländer für unruhige Zeiten.
Besonders bei Energiekosten und festen Monatsausgaben lohnt sich ein nüchterner Check. Wer wissen will, welche Lösungen, Tarife und praktischen Entlastungen dabei infrage kommen, findet in der Vorteilswelt Finanzen & Tarife eine hilfreiche Sammlung. Gerade wenn vieles unsicher wirkt, ist Planbarkeit oft der unterschätzte Teil von Resilienz.
Warum wirtschaftliche Resilienz mehr ist als ein Unternehmensprojekt
Die Umfrage macht deutlich: Resilienz ist kein Zusatzthema für Krisenzeiten, sondern ein Kernfaktor für den Wirtschaftsstandort. Unternehmen können ihre Abläufe absichern, Bezugsquellen streuen und Lager aufbauen – doch bei Energie, Infrastruktur und globalen Abhängigkeiten endet der Einfluss einzelner Betriebe. Die zentrale Erkenntnis lautet deshalb: Widerstandsfähigkeit entsteht erst im Zusammenspiel von betrieblicher Vorsorge und verlässlichen staatlichen Rahmenbedingungen.
Wichtig wird das vor allem für Industrieunternehmen, Beschäftigte und die Politik. Für Unternehmen geht es um planbare Investitionen und stabile Produktion. Für Beschäftigte und Verbraucher hängen daran Arbeitsplätze, Preise und die Versorgung mit wichtigen Gütern. Für die Politik steigt der Druck, Bürokratie abzubauen, Verfahren zu beschleunigen und Energie- sowie Infrastrukturrisiken nicht nur zu benennen, sondern praktisch zu begrenzen.
Dieser Beitrag basiert auf einer Pressemitteilung des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI).
Weiterführende Quellen:
- „Im Jahr 2025 haben 77 Prozent der befragten Industrieunternehmen eine explizite Resilienzstrategie, weitere 16 Prozent planen eine solche; 84 Prozent nutzen systematisches Risikomanagement, 81 Prozent diversifizieren ihre Bezugsquellen, und 58 Prozent bewerten die Belastungen der Maßnahmen als hoch.“ – Quelle: https://bdi.eu/de/articles/querschnitt/wirtschafts-und-industriepolitik/unternehmen-staerken-ihre-resilienz-aber-sie-koennen-es-nicht-allein
- „Schlüsselbranchen wie Chemie, Pharma, Kunststoff und Bergbau leisten vielfältige Beiträge zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Resilienz.“ – Quelle: https://www.prognos.com/de/projekt/resilienz-deutscher-schluesselbranchen
- „Eine Verbilligung des Industriestrompreises kann Produktionskosten in besonders resilienzrelevanten Sektoren senken und damit die Resilienz stärken.“ – Quelle: https://www.prognos.com/de/projekt/resilienz-deutscher-schluesselbranchen
- „Die Ausweitung internationaler Rohstoffpartnerschaften ist ein zentrales Werkzeug, um den Zugang zu kritischen Rohstoffen für die Resilienz zu sichern.“ – Quelle: https://www.prognos.com/de/projekt/resilienz-deutscher-schluesselbranchen
- „Der Abbau von Bürokratie und die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren stehen 2025 ganz oben auf der Wunschliste der Unternehmen, um ihre Resilienz zu stärken.“ – Quelle: https://bdi.eu/de/articles/querschnitt/wirtschafts-und-industriepolitik/unternehmen-staerken-ihre-resilienz-aber-sie-koennen-es-nicht-allein
- „Wirtschaftssicherheit umfasst das frühzeitige Erkennen von Risiken, die Reduktion von Abhängigkeiten und die langfristige Sicherung der wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit.“ – Quelle: https://www.dihk.de/de/newsroom/strategien-zur-wirtschaftssicherheit-impulse-fuer-die-bundesregierung-und-die-eu-176520
- „Die starke Abhängigkeit von Märkten wie China gefährdet die Stabilität und Versorgungssicherheit besonders der Pharmabranche.“ – Quelle: https://www.prognos.com/de/projekt/resilienz-deutscher-schluesselbranchen