* Der deutsche Presserat hat die WELT für irreführende Berichterstattung über NGOs gerügt.
* Die Rüge erfolgte wegen gravierender Irreführung der Leserschaft und Verstößen gegen die Sorgfaltspflicht.
* LobbyControl begrüßt die Entscheidung als wichtige Rückendeckung für die Zivilgesellschaft.
Presserat rügt WELT: Ein wichtiges Signal für die Zivilgesellschaft
Berlin, 16. Dezember 2025: Der Deutsche Presserat hat die WELT für ihre Berichterstattung über Nichtregierungsorganisationen gerügt. Diese Entscheidung ist weit mehr als eine interne Medienangelegenheit. Sie betrifft unmittelbar das Vertrauen der Öffentlichkeit in journalistische Arbeit und den Schutz zivilgesellschaftlicher Akteure vor gezielten Diffamierungen. Auslöser war eine gemeinsame Beschwerde der Organisation LobbyControl und weiterer Verbände.
Der Beschwerdeausschuss des Presserats übte scharfe Kritik. Er monierte eine „gravierende Irreführung der Leserschaft und einen schweren Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht“. Diese Formulierung markiert eine der schärfsten möglichen Stufen der Medienkritik durch das freiwillige Selbstkontrollgremium.
Konkret hatte der Presserat vier Berichte der WELT über angebliche „Geheimverträge“ zwischen NGOs und der Europäischen Kommission gerügt. Der Ausschuss stellte klar, dass die Zeitung falsche Behauptungen über die Finanzierung von NGOs aufgestellt und diese später richtigstellen musste. Zusätzlich kritisierte er die WELT-Berichterstattung zur Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen bei Demonstrationen gegen eine gemeinsame Abstimmung von CDU und AfD zu Jahresbeginn.
LobbyControl wertet die Rüge als entscheidendes Zeichen der Unterstützung. Nina Katzemich, EU-Expertin der Organisation, kommentiert: „NGOs und andere zivilgesellschaftliche Organisationen sind ein Bollwerk gegen autoritäre Kräfte und ein Korrektiv zur Lobbyübermacht finanzstarker Konzerne. Derzeit sehen sich zivilgesellschaftliche Organisationen einer massiven Diffamierungskampagne ausgesetzt. Dahinter stehen autoritäre Kräfte, Konzernlobbyisten und Teile der Union. Die WELT hat diese Kampagnen mit ihrer höchst irreführenden Berichterstattung maßgeblich befeuert. Es ist großartig, dass der Presserat nun sein schärfstes Schwert zieht und der WELT eine Rüge erteilt.“
Die Organisation sieht sich in ihrer kritischen Haltung bestätigt. „Wir sehen uns mit unserer Kritik an der Berichterstattung der WELT über zivilgesellschaftliche Organisationen voll bestätigt. Die Rüge des Presserats verleiht zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich in Deutschland und Brüssel für das Gemeinwohl einsetzen, dringend notwendige Rückendeckung“, so eine Sprecherin von LobbyControl. Sie betont auch die positive Wirkung der freiwilligen Selbstkontrolle.
Gleichzeitig warnt Christina Deckwirth, Expertin für Lobbyismus in Deutschland bei LobbyControl, vor den Folgen der irreführenden Berichte: „Es ist äußerst bedenklich, dass die Berichterstattung der WELT von zahlreichen Medien aufgegriffen wurde. Nun heißt es, der weiterhin anhaltenden irreführenden Berichterstattung über NGOs und andere zivilgesellschaftliche Organisationen entschieden mit Aufklärung und Fakten entgegenzutreten. Medien müssen ihrer journalistischen Sorgfalt gerecht werden – und dürfen sich nicht mit den Diffamierungskampagnen gegen die Zivilgesellschaft gemein machen.“
Die Rüge des Presserats setzt damit ein klares publizistisches Zeichen. Sie unterstreicht die Verantwortung der Medien für faktenbasierte Berichterstattung und weist zugleich Versuche zurück, das Engagement zivilgesellschaftlicher Organisationen pauschal in Misskredit zu bringen.
Wie der Presserat die WELT rügte: Einordnung der Vorwürfe
Der Deutsche Presserat hat im Dezember 2025 die Berichterstattung von WELT.DE über Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gerügt. Die Entscheidung folgte auf eine Beschwerde der Organisationen LobbyControl und ClientEarth. Der Beschwerdeausschuss monierte eine „gravierende Irreführung der Leserschaft und einen schweren Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht“. Diese Rüge wirft Fragen nach den konkreten Vorwürfen und der Rolle der freiwilligen Selbstkontrolle der Medien auf.
Wie der Presserat Beschwerden prüft
Der Deutsche Presserat ist das zentrale Organ der freiwilligen Selbstkontrolle für Print- und Onlinemedien in Deutschland. Er überwacht die Einhaltung des Pressekodex, einer Sammlung journalistisch-ethischer Grundsätze, die von den Verlagen und Journalistenverbänden gemeinsam getragen wird*. Seine Entscheidungen haben keine rechtlichen, sondern vor allem öffentlich-moralische Konsequenzen. In einem internationalen Vergleich der Pressefreiheit wird Deutschland von Reporter ohne Grenzen als Land mit einer „zufriedenstellenden“ Situation eingestuft, wobei die Unabhängigkeit der Medien als eine Stärke hervorgehoben wird*. Der Presserat trägt mit seiner Arbeit zur Aufrechterhaltung dieser Standards bei.
Die konkreten Rügen gegen WELT.DE beziehen sich auf zwei zentrale Punkte. Erstens kritisierte der Presserat die Darstellung angeblicher Verträge oder Vereinbarungen zwischen NGOs und der Europäischen Kommission. In seiner Entscheidung stellte er klar, dass es sich bei den beanstandeten Artikeln tatsächlich um reguläre Förderanträge ohne Beauftragung handelte – eine gravierende Irreführung der Leserschaft (Stand: 15.12.2025)*.
Zweitens rügte das Gremium unbelegte Vorwürfe, wonach Vereine Bundesmittel für Demonstrationen gegen rechts illegal genutzt hätten. Auch hier sah der Beschwerdeausschuss einen klaren Verstoß gegen journalistische Sorgfaltspflichten (Stand: 15.12.2025)*. Die Rügen zeigen, wie der Presserat auf Basis eingereichter Beschwerden präzise Formulierungen und die Plausibilität von Behauptungen überprüft. Für die beschwerdeführenden Organisationen LobbyControl und ClientEarth bestätigte die Entscheidung ihre Kritik an einer ihrer Ansicht nach tendenziösen und faktenarmen Berichterstattung.
Zahlen, Rügen und Medienreaktionen
Die Entscheidung des Deutschen Presserats im Dezember 2025 fällt in eine Phase intensiver öffentlicher Auseinandersetzung. Die quantitativen Befunde zeigen ein klares Bild der beanstandeten Berichterstattung und der Resonanz darauf.
Wieviele Rügen — ein kurzer Überblick
2023 sprach das Gremium 20 öffentliche Rügen aus, im Folgejahr 2024 waren es 18 (Quelle: Presserat, Stand: 15.12.2025). Die Sitzung im Dezember 2025 brachte eine Häufung von Beanstandungen in einem Themenkomplex hervor: In dieser Sitzung wurden 14 Rügen ausgesprochen (Quelle: Presserat, Stand: 15.12.2025).
Die öffentliche Aufmerksamkeit für diese Entscheidungen war groß. Allein für die Dezember-Sitzung verzeichnete der Presserat über 300 Zuschriften, darunter auch Massenbeschwerden (Quelle: Presserat, Stand: 15.12.2025).
Medienbeobachter wie das Bildblog wiesen darauf hin, dass unter den 14 neuen öffentlichen Rügen etwa die Hälfte an Springer-Medien ging. Als Muster wiederholter Sorgfaltsverstöße wurde dabei insbesondere die NGO-bezogene WELT-Serie genannt (Quelle: Bildblog, Stand: 16.12.2025).
Entwicklung öffentlicher Rügen des Deutschen Presserats
| Jahr / Zeitraum | Anzahl öffentlicher Rügen | Hinweis | Quelle / Stand |
|---|---|---|---|
| 2023 | 20 | Jahreswert | Presserat, Stand: 15.12.2025 |
| 2024 | 18 | Jahreswert | Presserat, Stand: 15.12.2025 |
| Dezember 2025 | 14 | Rügen in einer Sitzung | Presserat, Stand: 15.12.2025 |
Die Rügenpraxis des Presserats erfasst NGO-bezogene Fälle nicht in einer gesonderten Kategorie, sie sind jedoch Teil der allgemeinen Statistik (Quelle: Presserat, Stand: 15.12.2025).
Rüge als Signal: Was die Medienkritik für die Zivilgesellschaft bedeutet
Die Rüge des Presserats gegen die WELT ist mehr als eine interne Medienkorrektur. Sie wirkt als seismisches Ereignis in die Zivilgesellschaft hinein und berührt grundlegende Fragen nach Vertrauen, Macht und der Qualität öffentlicher Debatten. Für viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bestätigt die Entscheidung eine langgehegte Befürchtung: Sie sehen sich zunehmend pauschalen Diffamierungen ausgesetzt, die ihre Legitimität und Arbeit untergraben sollen. Aus ihrer Perspektive bietet die öffentliche Rüge nun dringend benötigte Rückendeckung und zeigt, dass freiwillige Medienkontrolle funktionieren kann. Sie interpretieren den Vorgang als Ermutigung, sich weiter für demokratische Werte einzusetzen – trotz eines als feindselig empfundenen medialen Umfelds.
Gleichzeitig offenbart der Fall eine gestiegene Sensibilität in der Öffentlichkeit für mediale Verzerrungen. Der Presserat verzeichnete über 300 Zuschriften im Zusammenhang mit dem Verfahren*. Diese Masse an Beschwerden unterstreicht, dass eine kritische Leserschaft bereit ist, irreführende Berichterstattung nicht mehr widerspruchslos hinzunehmen. Für das Vertrauen in Medien ist dies ein ambivalenter Befund. Einerseits demonstriert es eine wache Zivilgesellschaft, die Qualitätsstandards einfordert. Andererseits ist jeder öffentlichkeitswirksame Verstoß gegen den Pressekodex ein weiterer Erosionsfaktor für die Glaubwürdigkeit des gesamten Journalismus.
Medienkritische Beobachter ordnen den Fall in einen größeren Kontext ein. So verweist etwa das Blog Bildblog darauf, dass die Rügen für Springer-Medien im Nahost-Kontext und nun im Umgang mit zivilgesellschaftlichen Organisationen strukturelle Fragen aufwerfen*. Die Kritik zielt nicht auf Einzelfälle, sondern auf wiederkehrende Muster in der Berichterstattung bestimmter Verlagshäuser. Aus dieser Perspektive ist die Rüge ein wichtiges, aber letztlich unzureichendes Korrektiv, solange redaktionelle Grundhaltungen und politische Einflussnahmen unverändert bleiben.
Die größte Gefahr, die aus solchen Vorfällen erwächst, ist die fortschreitende Polarisierung und die Schwächung gemeinsamer Faktenbasen. Wenn seriöse Medien unbelegte Vorwürfe verbreiten, die dann von anderen Kanälen ungeprüft übernommen werden, entsteht ein Nährboden für Desinformation. Die eigentliche demokratische Arbeit – die sachliche Auseinandersetzung über Ziele, Finanzierung und Einfluss von NGOs – wird dadurch enorm erschwert. An die Stelle von inhaltlicher Kritik tritt pauschale Ablehnung. Die institutionelle Sicht des Presserats zielt genau darauf ab, dieser Dynamik mit den Mitteln der Selbstkontrolle zu begegnen. Sein Verfahren ist ein Versuch, verlorengegangenes Vertrauen durch transparente Prüfung und klare Urteile zurückzugewinnen. Ob dies gelingt, hängt maßgeblich davon ab, wie die gerügten Medien mit der Kritik umgehen und ob die Öffentlichkeit diese Instanz weiterhin als wirksamen Wächter wahrnimmt.
Ausblick: Was jetzt folgen sollte
Die Rüge des Presserats ist ein klares Signal. Sie zeigt, dass die freiwillige Selbstkontrolle der Medien funktionieren kann, wenn gravierende Verstöße gegen journalistische Sorgfalt vorliegen. Der Fall wirft jedoch die Frage auf, welche konkreten Schritte nun folgen müssen, um die Qualität der Berichterstattung über zivilgesellschaftliche Akteure dauerhaft zu sichern und Vertrauen zurückzugewinnen.
Für Redaktionen bedeutet die Entscheidung eine direkte Aufforderung, ihre internen Leitlinien zu überprüfen. Eine transparente Quellenprüfung und die klare Kennzeichnung von Behauptungen gegenüber belegten Fakten sind keine Optionen, sondern Grundpfeiler des Pressekodex. Dieser Kodex bildet das ethische Fundament des deutschen Journalismus und ist zentral für die hohe Bewertung der Pressefreiheit in Deutschland, die Reporter ohne Grenzen in ihrer Rangliste 2023 hervorhebt (Stand: 03.05.2023)*. Medienhäuser sollten ihre Prozesse so gestalten, dass sie nicht unbeabsichtigt zu Verstärkern von Desinformationskampagnen werden.
Gleichzeitig liegt es auch an den Nichtregierungsorganisationen selbst, aktiv Vertrauen zu schaffen. Eine proaktive und leicht zugängliche Offenlegung ihrer Finanzierungswege ist hier ein entscheidender Schritt. Wenn Förderbeziehungen zu öffentlichen Institutionen wie der EU-Kommission von vornherein transparent dokumentiert werden, entziehen sie sich pauschalen Unterstellungen. NGOs können so selbst zu verlässlichen Quellen für Journalistinnen und Journalisten werden.
Die Institution des Presserats bleibt als Instrument der freiwilligen Selbstkontrolle wichtig. Ihre Autorität beruht auf der Anerkennung durch die unterzeichnenden Verlage und Redaktionen, wie das Parlament darlegt (Stand: 30.10.2023)*. Um ihre Wirkung zu erhalten, muss die Öffentlichkeit über ihre Entscheidungen und die Reaktionen der gerügten Medien informiert bleiben. Ein unabhängiges Monitoring durch zivilgesellschaftliche Stellen kann dabei helfen, Muster irreführender Berichterstattung frühzeitig zu erkennen und sachlich zu thematisieren.
Letztlich geht es um die Stärkung einer demokratischen Öffentlichkeit. Sie benötigt Medien, die ihrer Kontrollfunktion mit hohen Maßstäben gerecht werden, und eine Zivilgesellschaft, die ihr Handeln nachvollziehbar macht. Die aktuelle Rüge bietet die Chance, diese Wechselbeziehung konstruktiv neu zu justieren.
Diese Meldung basiert auf einer Pressemitteilung von LobbyControl.
Weiterführende Quellen:
- „Der Deutsche Presserat rügte im Dezember 2025 WELT.DE wegen gravierender Irreführung über angebliche ‚Geheimverträge‘ zwischen NGOs und der EU-Kommission; tatsächlich handelte es sich um reguläre Förderanträge ohne Beauftragung (Stand: 15.12.2025).“ – Quelle: https://www.presserat.de/presse-nachrichten-details/mehrere-ruegen-fuer-nahost-berichterstattung.html
- „Der Presserat rügte zudem WELT.DE wegen unbelegter Vorwürfe, wonach Vereine Bundesmittel für Demonstrationen gegen rechts illegal genutzt hätten, was einen Verstoß gegen journalistische Sorgfaltspflichten darstellt (Stand: 15.12.2025).“ – Quelle: https://www.presserat.de/presse-nachrichten-details/mehrere-ruegen-fuer-nahost-berichterstattung.html
- „2023 wurden vom Deutschen Presserat 20 öffentliche Rügen ausgesprochen, 2024 waren es 18; NGO-bezogene Fälle sind Teil der Rügepraxis, obwohl nicht gesondert kategorisiert (Stand: 15.12.2025).“ – Quelle: https://www.presserat.de/ruegen-presse-uebersicht.html
- „Ein Medienbeobachtungsblog berichtet, dass unter den 14 neuen öffentlichen Rügen des Presserats im Dezember 2025 etwa die Hälfte an Springer-Medien gingen, darunter die NGO-bezogene WELT-Serie als Muster wiederholter Sorgfaltsverstöße (Stand: 16.12.2025).“ – Quelle: https://bildblog.de/151765/ruegen-fuer-nahost-berichterstattung-weniger-meinungsfreiheit-jimmy-lai/
- „Der Presserat verzeichnete im Dezember 2025 über 300 Zuschriften, darunter Massenbeschwerden; in dieser Sitzung wurden 14 Rügen ausgesprochen, was die hohe Sensibilität gegenüber Desinformation und Sorgfaltspflichtverletzungen verdeutlicht (Stand: 15.12.2025).“ – Quelle: https://www.lifepr.de/inaktiv/traegerverein-des-deutschen-presserats-ev/mehrere-rgen-fr-nahost-berichterstattung/boxid/1045817
- „Der Bundestagsdienst ‚Das Parlament‘ erklärt, dass der Presserat als freiwillige Selbstkontrolle die Einhaltung journalistischer Sorgfaltspflichten überprüft und Desinformation als nicht akzeptabler Bestandteil der Berichterstattung gilt (Stand: 30.10.2023).“ – Quelle: https://www.das-parlament.de/kultur/medien/die-selbstverpflichtung-der-medien-auf-einen-ethik-kodex
- „Reporter ohne Grenzen bestätigt (Stand 03.05.2023), dass der Deutsche Presserat ein wichtiges Instrument zur Einhaltung ethischer Medienstandards ist, basierend auf dem Pressekodex als zentraler Grundlage.“ – Quelle: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/laender/130/deutschland