– Seit zehn Jahren keine flächendeckende Präventionsstrategie mit nachweislichen Public-Health-Effekten in Deutschland
– PKV-Verband fordert Generalüberholung des Präventionsgesetzes und Neustart der Präventionspolitik
– Empfehlungen: Gesetzesbilanzierung, verbindlicher Qualitätsrahmen mit digitaler Infrastruktur und ganzheitliche „Health-in-all-Policies“-Strategie
Zehn Jahre Präventionsgesetz: Zeit für eine ehrliche Bilanz und einen Neustart
Im Juli 2015 trat das Präventionsgesetz in Kraft – mit dem Ziel, Gesundheit frühzeitig zu fördern und Krankheiten vorzubeugen. Doch auch nach zehn Jahren zeigt sich keine flächendeckende Strategie mit messbaren Public-Health-Effekten. Die Dringlichkeit, hier aktiv zu werden, ist unübersehbar. Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) fordert in einem aktuellen Positionspapier eine Generalüberholung des Präventionsgesetzes. Es sei dringend notwendig, eine schonungslose Bilanz zu ziehen und die Präventionspolitik neu auszurichten.
Der Geschäftsführer Politik im PKV-Verband, Dr. Timm Genett, bringt es auf den Punkt: „Für eine Präventionsstrategie, die diesen Namen verdient, ist nicht mehr viel Zeit.“ Von der Politik erwartet er eine klare Prüfung des Gesetzes: „Das Präventionsgesetz muss jetzt auf den Prüfstand, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen.“ Die Lage sei alarmierend. Unsere Gesellschaft altert, die Zahl der Pflegefälle wächst dynamisch, und die Pflegezeiten bei hochbetagten Menschen verlängern sich. Schon im mittleren Lebensalter steigen chronische Krankheiten, und bei Kindern sowie Jugendlichen nehmen Risikofaktoren wie Bewegungsarmut, Übergewicht und Suchtgefährdung überproportional zu – im internationalen Vergleich eine auffällige Entwicklung.
Diese Herausforderungen verdeutlichen den zentralen Stellenwert der Prävention für das Gesundheits- und Pflegesystem. Prävention wird als entscheidender Hebel angesehen, um das Versorgungssystem langfristig zu entlasten. Der PKV-Verband fordert deshalb, dass Prävention zum Leitbild der Gesundheits- und Pflegepolitik gemacht wird. Die Zukunft hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, wirksame Maßnahmen überall und für alle Bevölkerungsgruppen zu etablieren.
Im Positionspapier schlagen die Experten konkrete Schritte für einen Neustart vor: eine kritische Auswertung der bisherigen Erfahrungen mit dem Präventionsgesetz, um klar zu erkennen, was sich bewährt hat und was nicht; die Schaffung eines verbindlichen Rahmens für Transparenz, Kooperation und Qualität; die flächendeckende Verbreitung von lebensweltlichen Präventionsprogrammen unterstützt durch eine digitale Infrastruktur; und eine ganzheitliche Strategie, die unter dem Leitgedanken „health in all policies“ verschiedene Präventionsansätze – von Verhältnis- und Verhaltensprävention bis zur Ausrichtung des Versorgungssystems – funktional miteinander verbindet.
Die Zeit zu handeln wird knapp. Wie es im Positionspapier heißt: „Für eine wirksame Präventionsstrategie bleibt nicht mehr viel Zeit.“
Prävention als Schlüssel im Wandel: Warum wir jetzt handeln müssen
Der demografische Wandel stellt Deutschlands Gesundheits- und Pflegesystem vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Die Bevölkerung altert, immer mehr Menschen erreichen ein hohes Lebensalter – gleichzeitig nimmt die Zahl chronischer Erkrankungen zu. Das hat weitreichende Folgen: Pflegefälle steigen dynamisch an, gleichzeitig verlängert sich die durchschnittliche Pflegezeit, besonders bei sehr alten Menschen. Bereits im mittleren Lebensalter werden häufig chronische Beschwerden diagnostiziert, und selbst bei Kindern zeigen sich Risiken wie Bewegungsmangel oder Übergewicht mit Blick auf spätere Erkrankungen deutlich häufiger als in vielen anderen Ländern.
Diese Entwicklungen belasten das Versorgungssystem erheblich. Die Gesundheitskosten steigen kontinuierlich an und erreichen in Deutschland bereits einen der höchsten Werte weltweit. Ohne Gegensteuer drohen Engpässe in der Versorgung, wachsende finanzielle Belastungen für das Sozialsystem und eine Einschränkung der Lebensqualität für viele Menschen.
In diesem Kontext gewinnt Prävention eine zentrale Bedeutung. Eine konsequente Präventionspolitik hat das Potenzial, Erkrankungen frühzeitig zu verhindern oder zu verzögern, sodass Pflegebedarfe seltener und später entstehen. Dadurch lässt sich das Versorgungssystem langfristig entlasten und gleichzeitig die Lebensqualität der Bevölkerung verbessern.
Weshalb Prävention gesamtgesellschaftlich unterschätzt wird
Trotz dieser klaren Vorteile wird Prävention im gesellschaftlichen Diskurs und in der Politik oft zu wenig Gewicht eingeräumt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass es nach dem seit 2015 geltenden Präventionsgesetz bislang kaum eine flächendeckende, wirksame Strategie mit messbaren Erfolgen gibt. Präventive Maßnahmen werden noch zu oft als Einzelaktionen oder freiwillige Zusatzangebote verstanden. Öffentlich und institutionell fehlt häufig ein verbindliches Leitbild, das Prävention als integralen Bestandteil von Gesundheits- und Pflegepolitik verankert.
Zudem ist Prävention ein komplexes Thema: Sie erfordert eine enge Verzahnung unterschiedlicher Akteure, von Schulen über Arbeitgeber bis hin zu Ärzten und Kommunen. Präventionsstrategien müssen vielfältige Lebenswelten erreichen, von Kindern und Jugendlichen bis zu Senioren. Das ist anspruchsvoll und erfordert eine klare politische Priorität und eine koordinierte Steuerung.
Blick auf internationale Best-Practice-Beispiele
Andere Länder zeigen, wie eine zielgerichtete Prävention funktionieren kann. Einige Beispiele dienen als Impulsgeber:
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Niederlande: Hier setzt ein integriertes Versorgungssystem auf frühe Risikoerkennung und breite Gesundheitsförderung in lokalen Gemeinschaften. Lebensweltorientierte Programme in Schulen und am Arbeitsplatz sind obligatorisch.
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Schweden: Prävention wird umfassend in die Versorgungsstruktur eingebunden, etwa durch systematische Gesundheitschecks und gezielte Bewegungsförderung in allen Altersgruppen.
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Kanada: Mit einer nationalen Strategie für Public Health gelingt es, Gesundheitsrisiken früh zu minimieren, etwa durch Tabakprävention, Ernährungskampagnen und Förderung psychischer Gesundheit.
Diese Länder zeigen, dass Prävention vor allem dann wirksam wird, wenn sie ganzheitlich gedacht und konsequent umgesetzt wird – von der Verhältnisprävention, die Umwelt und Rahmenbedingungen beeinflusst, bis zur Verhaltensprävention, die individuelle Lebensweisen stärkt.
Herausforderungen und Chancen für Deutschland
Für Deutschland heißt das: Es braucht dringend eine Generalüberholung der Präventionspolitik, die Prävention zum Leitbild von Gesundheits- und Pflegepolitik macht. Nur so bleibt das Sozialsystem auch in Zukunft finanzierbar und handlungsfähig. Die Kosten, die durch Krankheiten entstehen, können so spürbar reduziert werden.
Dazu gehört:
- Ein verbindlicher Rahmen für Transparenz, Zusammenarbeit und Qualitätsstandards bei Präventionsprogrammen
- Die flächendeckende Verbreitung lebensweltlicher Angebote, unterstützt durch digitale Infrastruktur
- Eine ganzheitliche Strategie, die "health in all policies" zum Prinzip erhebt und Versorgungssystem konsequent präventiv ausrichtet
Dieser Ansatz kommt nicht nur der Gesundheit einzelner Menschen zugute, sondern stärkt auch die Gesellschaft insgesamt. Prävention kann die Basis für eine nachhaltige Versorgung sein, in der weniger Krankheit und Pflegebedürftigkeit der Standard sind.
Die Uhr läuft – doch mit entschlossenem Handeln kann Prävention die Antwort auf zentrale Zukunftsfragen des Gesundheitswesens werden.
Die nächsten Jahre sind entscheidend dafür, wie gut wir die Chancen nutzen, um Gesundheit zu fördern, Pflege zu entlasten und Kosten zu begrenzen.
Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag basieren auf einer Pressemitteilung des Verbands der Privaten Krankenversicherung e.V.
11 Antworten
Die Fakten über den demografischen Wandel sind beunruhigend! Ich bin mir sicher, dass wenn wir alle zusammenarbeiten und einen klaren Plan haben dann können wir viel erreichen.
Das stimmt total Marko! Vielleicht sollten wir auch viel mehr Aufklärung betreiben um alle zu motivieren gesund zu leben!
Es ist erstaunlich, wie viele Probleme wir bei der Umsetzung des Präventionsgesetzes haben! Ich frage mich echt, was in den nächsten Jahren passieren wird und ob es tatsächlich einen Neustart geben kann.
Ich hoffe es sehr! Die Idee einer ganzheitlichen Strategie klingt vielversprechend – aber können wir das wirklich umsetzen?
Ja, das müssen wir angehen! Die digitale Infrastruktur könnte helfen – aber müssen auch ältere Generationen mehr eingebunden werden!
Die Aussagen von Dr. Genett sind wirklich alarmierend und zeigen die Dringlichkeit des Themas! Aber wo fangen wir an? Ich denke, eine klare Strategie ist notwendig und eine bessere Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren wäre hilfreich.
Das stimmt! Vielleicht sollte man Schulen mehr in den Prozess einbeziehen – Kinder lernen früh was gut für ihre Gesundheit ist!
Ich habe das Gefühl, dass Prävention oft nicht ernst genommen wird in der Politik. Warum gibt es keine besseren Anreize für Bürger sich gesund zu verhalten? Wer hat Ideen dazu?
Ich finde es echt besorgniserregend, dass nach zehn Jahren das Präventionsgesetz nicht funktioniert. Was sind die Gründe dafür? Vielleicht sollte man mehr über die Erfahrungen anderer Länder lernen, wie z.B. die Niederlande oder Schweden. Was denkt ihr?
Ja, ich stimme zu! Es ist wichtig, dass wir auch mal außerhalb von Deutschland schauen und sehen, was gut läuft. Wäre interessant zu wissen, welche konkreten Maßnahmen dort erfolgreich waren.
Genau! Die Digitalisierung kann auch ein großer Schritt sein für bessere Präventionsangebote. Ich hoffe, dass wir bald konkretere Schritte sehen werden.