Politik im Verein – Die größte Sünde ist, nichts zu tun

Die größte Sünde ist, nichts zu tun (1)
Vereine können sich nicht aus der Politik heraushalten, denn scheinbar banale Themen wie Portoerhöhungen oder steuerliche Rahmenbedingungen für Spenden beeinflussen ihre Arbeit direkt. Diese Entscheidungen werden in Parlamenten und Behörden getroffen. Daher ist es für Vereine wichtig, politisch wachsam zu sein, konkrete Probleme zu benennen und sich mit anderen zu vernetzen, um ihre Interessen zu vertreten.

Inhaltsverzeichnis

Wenn Porto Politik macht: Warum wir als Verein nicht brav auf der Tribüne sitzen dürfen

Neulich saßen wir in einem Workshop mit mehreren Vereinsvorständen. Irgendwann fiel ein Satz, der im Raum hängen blieb wie dicker Nebel: „Politik? Dafür haben wir keine Zeit. Wir müssen arbeiten.“
Und da war sie wieder, diese weit verbreitete Trennung im Kopf: hier die „eigentliche“ Vereinsarbeit – da irgendwo weit weg „die Politik“.

Das Problem: Politik macht unsere Arbeit mit. Ob wir wollen oder nicht.

Wenn ein Cent das Fundraising kippt

Ein Beispiel, das viele von uns kennen: Porto.
Klingt nach Buchhaltung, ist aber in Wahrheit ein stiller Spielverderber im Fundraising.

  • Portokosten steigen
  • gedruckte Rundbriefe werden teuer
  • Mailingaktionen werden klein gerechnet oder ganz gestrichen
  • weniger Spenden, weniger Mitgliederkontakt, weniger Wirkung

Wir haben mit einem kleinen Kulturverein gesprochen, der einmal im Jahr einen großen Spendenbrief verschickt. Das ist deren Lebensader: Pro Briefaktion kommen mehrere Tausend Euro zusammen. Nach der letzten Portoerhöhung lagen die Druck- und Versandkosten plötzlich deutlich höher. Ergebnis: Es wurde lange diskutiert, ob der nächste Brief „sich noch lohnt“.

An diesem Punkt wird Porto zur politischen Frage.
Denn die Rahmenbedingungen, die uns finanziell Luft geben oder abschnüren, fallen nicht vom Himmel. Sie werden beschlossen. Im Bundestag, im Landtag, im Stadtrat, in Behörden.

Steuerrecht: Der leise Risiko-Faktor

Ähnlich heikel: die steuerliche Abzugsfähigkeit von Spenden.
Im deutschen System ist das relativ gut geregelt – Spenden an gemeinnützige Organisationen sind nach § 10b EStG absetzbar. Viele Menschen spenden genau deshalb bewusster und höher.

Aber: Auch dieses System ist kein Naturgesetz, sondern politischer Wille. Diskussionen über die Begrenzung des Spendenabzugs, schärfere Nachweispflichten oder komplizierte Vorgaben passieren regelmäßig – oft im Kleingedruckten von Gesetzespaketen.

Wir haben irgendwann gemerkt: Wenn wir bei solchen Themen immer erst dann aufschrecken, wenn das Gesetz im Bundesgesetzblatt steht, sind wir schlicht zu spät.

Oder um eine Formulierung zu klauen, die uns seit Jahren begleitet:
Die größte Sünde ist nicht, etwas falsch zu machen, sondern gar nichts zu tun.

„Wir sind doch nur ein kleiner Verein…“

Das hören wir oft. Und ja, wir alle kennen das Gefühl:
Zwischen Jugendtraining, Mitgliederversammlung, Projektanträgen und Jahresabschluss wirkt „Lobbyarbeit“ wie ein Luxusproblem.

Aber schauen wir genauer hin: Vereine sind viele. Sehr viele.
Sport, Kultur, Soziales, Umwelt, Nachbarschaft – überall sitzen Menschen, die nah dran sind an der Realität vor Ort. Was politisch entschieden wird, landet ziemlich direkt in unserem Alltag:

  • Förderprogramme fallen weg oder verschieben sich
  • Bürokratie nimmt zu oder ab
  • Ehrenamt wird erleichtert – oder erschwert
  • Gemeinnützigkeitsrecht wird angepasst
  • Datenschutzregeln verändern Kommunikation

Wenn wir uns aus diesen Debatten komplett raushalten, überlassen wir das Feld anderen – oft denjenigen, die lauter, besser vernetzt oder schlicht professionell bezahlt sind, um Einfluss zu nehmen.

Politisch aktiv sein, ohne Parteibüro im Keller

Wir reden hier nicht davon, dass jeder Verein jetzt eine eigene Lobbyabteilung aufbauen muss. Aber ein Grundniveau an politischer Wachheit können wir uns alle leisten.

Ein paar Dinge, die wir uns als Team angewöhnt haben – und die Vereine erstaunlich schnell übernehmen können:

1. Klare „Pain Points“ benennen

Statt „alles ist schwierig“ zu sagen, formulieren wir konkret:

  • Was genau macht uns das Leben schwer?
    (z. B. steigende Portokosten, unnötig komplizierte Nachweispflichten, Fristen im Förderrecht, Bürokratie beim Ehrenamt)
  • Was wäre eine konkrete Verbesserung?
    (z. B. vergünstigtes Porto für gemeinnützige Post, vereinfachte Regelung für kleine Spenden, längere Antragsfristen)

Je klarer wir das aufschreiben, desto leichter können wir es erklären – Abgeordneten, Verwaltung, Verbänden, Medien.

2. Abgeordnete nicht nur aus der Zeitung kennen

Wir haben irgendwann bewusst damit angefangen, Kontakte zu Abgeordneten aufzubauen – auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene. Nicht aggressiv, nicht bittstellend, eher als „Reality-Check aus der Praxis“.

Das kann so aussehen:

  • kurze Mail an die/den Wahlkreisabgeordnete:n: Wer wir sind, was wir tun, wo es hakt
  • Einladung zu einem Termin im Verein / in der Einrichtung
  • Teilnahme an Bürgersprechstunden – mit einem klaren Anliegen im Gepäck

Unsere Erfahrung: Viele Politiker:innen sind dankbar, wenn jemand nicht nur „Sie müssen mal was tun!“ ruft, sondern konkrete Beispiele und realistische Vorschläge mitbringt.

3. Nicht alleine kämpfen

Es ist ein ziemlicher Unterschied, ob ein einzelner Verein schreibt:
„Porto ist teuer, bitte helfen Sie uns.“

Oder ob gleich mehrere Organisationen aus einer Stadt oder einem Bereich sagen:
„Wenn das so bleibt, brechen hier unsere Spendenkampagnen weg.“

Deshalb arbeiten wir gerne mit:

  • Fach- und Dachverbänden (z. B. Deutscher Fundraising Verband, Wohlfahrtsverbände, Landessportbünde)
  • regionalen Netzwerken (Runde Tische, Freiwilligenagenturen)
  • Bündnissen zu Einzelthemen (z. B. Bürokratieabbau, Ehrenamt)

Ein gemeinsames Positionspapier, eine abgestimmte Mailaktion, eine geteilte Stellungnahme – das verstärkt die Wirkung enorm.

4. Digitale Hebel geschickt nutzen

Statt sofort an das ganz große Polit-Besteck zu denken, reicht oft:

  • eine gezielte Online-Petition (z. B. über change.org oder openPetition) zu einem sehr klaren Thema
  • eine kurze Aktionsseite auf der eigenen Website mit Hintergründen und Kontaktoptionen für Unterstützer:innen
  • ein paar gut gemachte Social-Posts, die das Problem verständlich machen („Was eine Portoerhöhung für unseren Nachwuchsbereich bedeutet“)

Wir haben erlebt, dass schon 200–300 persönlich wirkende Mails zu einem Thema bei einer Stadtverwaltung oder einem Landesministerium spürbar Eindruck hinterlassen.

Zwischen Alarmismus und Lethargie

Natürlich ist niemandem geholfen, wenn wir permanent den Weltuntergang ausrufen. Genauso wenig bringt es, alles achselzuckend hinzunehmen mit dem Motto: „Da können wir eh nichts machen.“

Wir versuchen, uns in der Mitte einzupendeln:

  • wachsam bei Themen, die unsere Rahmenbedingungen betreffen
  • fokussiert auf wenige, wirklich relevante politische Baustellen
  • beharrlich, ohne nervig zu werden
  • selbstbewusst, weil wir wissen: Unsere Arbeit ist systemrelevant – im besten Sinne des Wortes

Und ja, manchmal passiert nichts. Manchmal versandet eine E-Mail, eine Stellungnahme, ein Gespräch. Aber es gibt auch die anderen Momente:

  • wenn eine Verwaltung tatsächlich ein Formular vereinfacht
  • wenn im Stadtrat nachgefragt wird: „Was bedeutet das für die Vereine vor Ort?“
  • wenn ein:e Abgeordnete:r in einer Rede unsere Argumente aufgreift

Das sind die kleinen, stillen Bestätigungen, dass es eben doch einen Unterschied macht, nicht zu schweigen.

Unser Fazit: Nicht perfekt. Aber präsent.

Wir müssen keine „Profi-Lobbyisten“ werden.
Aber wir können aufhören, so zu tun, als ginge uns Politik nichts an.

Die größte Sünde ist, nichts zu tun (2)
Politik im Verein - Die größte Sünde ist, nichts zu tun

Ob Porto, Spendenabzug, Gemeinnützigkeitsrecht oder Förderstrukturen – es sind genau diese scheinbar trockenen Themen, die darüber entscheiden, ob unser nächster Spendenbrief rausgeht, ob wir eine zusätzliche Stelle finanzieren können oder ob das Ehrenamt in unserem Verein lebendig bleibt.

Wir haben für uns eine einfache Leitlinie formuliert:

  • Wenn eine politische Entscheidung unsere Arbeit spürbar beeinflusst,
  • und wir das klar benennen können,
  • dann ist Schweigen keine Option.

Nicht immer laut. Nicht immer groß. Aber immer mit dem Bewusstsein:
Wir sind Teil des Spiels – nicht nur Zuschauer auf der Tribüne.

5 Antworten

  1. Der Artikel spricht wichtige Punkte an! Vor allem die Steuerabzüge für Spenden sind entscheidend für viele Organisationen. Was könnten wir tun, um diese Regelungen zu verbessern?

  2. Ich stimme zu, dass wir mehr politische Wachsamkeit brauchen. Vielleicht sollten wir auch Workshops organisieren, um unsere Mitglieder darüber aufzuklären? Was denkt ihr?

  3. Politik betrifft uns alle, auch kleine Vereine! Ich habe das Gefühl, dass viele das nicht verstehen. Wie können wir mehr Menschen dazu bringen, sich für diese Themen zu interessieren?

  4. Die Trennung zwischen Vereinsarbeit und Politik ist nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen aktiv werden! Habt ihr schon mal eine Petition gestartet oder Politiker kontaktiert? Es gibt viel zu tun.

  5. Ich finde es wichtig, dass wir als Vereine mehr über die Politik sprechen. Die Portoerhöhungen sind wirklich ein großes Problem für uns. Wie können wir sicherstellen, dass unsere Stimmen gehört werden?

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