Der Verband der Privaten Krankenversicherung e.V., der Interessenverband der privaten Krankenversicherer, warnt davor, das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung infrage zu stellen. Verbandsdirektor Florian Reuther verbindet eine Einschränkung oder Abschaffung des Systems mit Risiken für eine langfristig tragfähige und generationengerechte Finanzierung des Gesundheitswesens.
Anlass ist nach Angaben des Verbands eine Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz zur gesetzlichen und privaten Krankenversicherung. Den Wortlaut dieser aktuellen Aussage dokumentiert die Mitteilung allerdings nicht. In einer öffentlich zugänglichen Sommer-Pressekonferenz 2025 hatte Merz mehr Einzahlungen bislang privat versicherter Gutverdienender in die gesetzliche Krankenversicherung als „keine einfache Lösung“ bezeichnet. Privatversicherte leisteten einen „weit überproportionalen Beitrag“, sagte er damals. Eine Abschaffung oder formelle Einschränkung des dualen Systems kündigte er in dieser Passage nicht an.
15,5 Milliarden Euro sind kein Transfer an die Krankenkassen
Im Mittelpunkt der Verbandsargumentation steht die Finanzierung. Die gesetzliche Krankenversicherung wird nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums aus Beiträgen, Bundeszuschüssen und weiteren Einnahmen finanziert; die Kassen erhalten Mittel aus dem Gesundheitsfonds. In der privaten Krankenversicherung wird ein Teil der Prämien, der in jüngeren Jahren nicht für aktuelle Krankheitskosten benötigt wird, als Alterungsrückstellung angelegt. Diese Kapitalreserve soll steigende Gesundheitsausgaben im Alter mitfinanzieren.
Der Verband leitet daraus ab, dass allein die private Kranken- und Pflegeversicherung durch Kapitaldeckung dauerhaft zur Entlastung der Sozialversicherung beitragen könne. Das ist seine politische Bewertung. Die unterschiedliche Finanzierungslogik erklärt sie, beantwortet aber nicht die Frage, wie ein anderes Versicherungssystem finanziert und ausgestaltet würde.
Die vom Verband genannte Summe von gut 15,5 Milliarden Euro bezieht sich auf das Jahr 2024. Das Wissenschaftliche Institut der PKV berechnet den sogenannten Mehrumsatz als Differenz zwischen den tatsächlichen Ausgaben von Privatversicherten und den hypothetischen Ausgaben, die bei einer Abrechnung zu Bedingungen der gesetzlichen Krankenversicherung entstanden wären. Die Zahl beschreibt damit eine Modellrechnung über Ausgaben und Honorare, keine Überweisung privater Versicherer an die gesetzliche Krankenversicherung.
Nach Darstellung des PKV-Verbands entfiel der größte Anteil des modellierten Mehrumsatzes auf die ambulant-ärztliche Versorgung. Für Arzneimittel nennt er mehr als eine Milliarde Euro, für zahnärztliche Leistungen mehr als drei Milliarden Euro. Als Gründe führt der Verband höhere Honorare und geringere Leistungsbeschränkungen für Privatpatientinnen und Privatpatienten an. Die Summe hängt also auch mit den unterschiedlichen Abrechnungsregeln beider Systeme zusammen.
Beim Facharzttermin zählt der Versicherungsstatus mit
Der PKV-Verband erklärt, längere Wartezeiten gesetzlich Versicherter seien nicht auf das Nebeneinander beider Systeme zurückzuführen. Ein Ende der Dualität könne das Problem deshalb nicht lösen, heißt es in der Mitteilung.
Dass der Versicherungsstatus beim Zugang zu Facharztterminen eine Rolle spielt, ist allerdings seit Langem dokumentiert. Eine randomisierte deutsche Studie zu geplanten Facharztterminen fand 2008, dass gesetzlich Versicherte im Mittel 3,08-mal länger warteten als privat Versicherte. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2021 berichtete zudem fortbestehende Ungleichheiten beim Zugang zur medizinischen Versorgung. Sie verwies neben dem Versicherungsstatus auch auf die regionale Versorgungslage.
Der Unterschied beim Terminzugang ist belegt, seine Ursache aber nicht auf einen einzigen Faktor zu reduzieren. Aus den Studien folgt weder, dass die private Krankenversicherung allein längere Wartezeiten für gesetzlich Versicherte verursacht, noch dass ihr Fortbestand diese Wartezeiten löst. Wie sich eine Abschaffung oder Einschränkung des dualen Systems heute auf Termine, Beiträge und Versorgung auswirken würde, lässt sich daraus nicht ableiten.
Quellen
- https://www.pkv.de/verband/presse/pressemitteilungen/wer-die-pkv-infrage-stellt-verabschiedet-sich-davon-unser-gesundheitssystem-zukunftsfest-zu-machen/#c9864
- https://www.wip-pkv.de/oeffentlichkeit/aktuelles/detail/neue-wip-analyse-mehrumsatz-und-leistungsausgaben-der-privatversicherten-jahresbericht-2026.html
- https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenversicherung/finanzierung/
- https://www.bundesgesundheitsministerium.de/private-krankenversicherung
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18184426/
- https://link.springer.com/article/10.1186/s12913-021-07094-9
- https://www.pkv.de/verband/presse/pressemitteilungen/mehrumsatz-auf-rekordniveau/
- https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/kanzler-sommer-pressekonferenz-2025-2365966
- https://www.pkv.de/glossar/





