* Der DGB fordert eine solidarische Pflegevollversicherung, die alle Kosten deckt.
* Eigenanteile für Pflegebedürftige sollen gedeckelt werden, um Betroffene zu entlasten.
* Pflegekräfte brauchen Tarifbindung und eine bessere Personalausstattung gegen Überlastung.
Gewerkschaften fordern Pflegevollversicherung
Die Diskussion um die Zukunft der Pflegeversicherung hat neuen Schwung erhalten. Anlass ist der bekanntgewordene Zwischenstand der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Pflegereform. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nutzte diesen Moment, um seine zentrale Forderung zu bekräftigen: eine solidarische Pflegevollversicherung.
Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied, formulierte die Position der Gewerkschaften deutlich. Ihre Aussagen machen klar, warum aus Sicht des DGB eine grundlegende Reform unverzichtbar ist.
"Pflege darf nicht länger pflegebedürftige Menschen und ihre Familien arm machen. Beschäftigte in der Pflege verdienen Tarifbindung und sind nicht durch Hilfs- und Betreuungskräfte zu ersetzen, wir unterstützen deshalb alle Forderungen von ver.di.
Diese Bundesregierung muss endlich den gordischen Knoten durchschlagen mit einer großen Reform und einer verlässlichen Durchfinanzierung der Pflege. Die Eigenanteile für pflegebedürftige und ihre Angehörigen gehören gedeckelt, damit die Betroffenen entlastet werden und es muss alles für eine vernünftige Personalausstattung getan werden, die Pflegekräfte nicht zu Tausenden in die Überlastung und damit in den Burn-out führt.
Als Gewerkschaften halten wir fest an der Forderung nach einer Pflegevollversicherung, die alle Kosten deckt und in die alle einzahlen. Pflege darf nicht länger Armutsrisiko sein, weder für die zu pflegenden noch für die Beschäftigten in der Pflege, wenn sie selber alt werden."
Die Forderung zielt auf eine umfassende Systemänderung, die sowohl die Finanzierung als auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege neu gestalten soll.
Warum die Pflegereform jetzt auf der Agenda steht
Die Forderung nach einer grundlegenden Reform der Pflegeversicherung ist nicht neu, doch politische Prozesse und finanzielle Zwänge haben ihr in diesem Jahr eine besondere Dringlichkeit verliehen. Die Debatte wird durch mehrere parallele Entwicklungen vorangetrieben, die den Handlungsdruck für die Bundesregierung erhöhen.
Warum jetzt Reformen nötig sind
Zum einen hat die Politik selbst einen klaren Fahrplan vorgelegt. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung kündigt eine „große Pflegereform“ an*. Dieses Versprechen wird konkret durch die Arbeit einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe mit dem Titel „Zukunftspakt Pflege“. Diese Arbeitsgruppe hat den Auftrag, bis zum Ende des Jahres 2025 Eckpunkte für die Reform zu erarbeiten (Stand: 7. Juli 2025, Quelle: Bundesgesundheitsministerium).
Zum anderen steht die Finanzierung des bestehenden Systems vor massiven Herausforderungen. Prognosen für die soziale Pflegeversicherung erwarten für das Jahr 2025 ein Defizit zwischen 3,5 und 5,8 Milliarden Euro*. Diese drohende Finanzlücke verdeutlicht, dass das aktuelle System nicht nur sozialpolitische, sondern auch haushalterische Probleme aufwirft. Die Kosten steigen durch den demografischen Wandel und den notwendigen Personalausbau stetig, während die Einnahmen nicht im gleichen Maße mitwachsen.
Vor diesem Hintergrund gewinnen Forderungen wie die nach einer solidarischen Pflegevollversicherung, die alle Bürgerinnen und Bürger einbezieht und die vollen Kosten deckt, an politischem Gewicht. Die laufenden Verhandlungen in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe bieten den institutionellen Rahmen, um diese grundlegende Weichenstellung zu diskutieren und verbindliche Beschlüsse vorzubereiten.
Die steigende Last: Wie sich die Eigenanteile für Pflegeheimplätze entwickeln
Die finanziellen Belastungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen durch die sogenannten Eigenanteile haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die Entwicklung zeigt einen klaren und anhaltenden Aufwärtstrend, der die Forderungen nach einer finanziellen Entlastung untermauert.
Entwicklung der Eigenanteile (alt → neu)
Die Daten zeichnen ein klares Bild. Im ersten Quartal 2019 mussten Bewohner stationärer Einrichtungen durchschnittlich noch rund 660 Euro monatlich für Pflegeleistungen selbst tragen* (Quelle: Böckler Impuls, Stand: erstes Quartal 2019). Nur wenige Jahre später, im Sommer 2023, hatte sich diese Belastung für einen neuen Heimplatz im ersten Jahr bereits vervielfacht und lag bei etwa 2.660 Euro pro Monat* (Quelle: Familiara, Stand: Sommer 2023).
Anfang 2024 betrug der bundesweite Durchschnitt für neue Heimbewohner etwa 2.576 Euro monatlich. Ohne staatliche Entlastungszuschläge wären es sogar rund 2.783 Euro gewesen* (Quelle: Familiara, Stand: Anfang 2024). Der jüngste verfügbare Wert zeigt einen weiteren deutlichen Sprung: Bis zum 1. Juli 2025 stieg die Eigenbeteiligung im ersten Aufenthaltsjahr bundesweit von 2.871 Euro auf 3.108 Euro im Monat* (Quelle: Ärztezeitung, Stand: 1. Juli 2025).
| Jahr/Periode | Eigenanteil (monatlich, Euro) | Anmerkung | Quelle/Stand |
|---|---|---|---|
| Erstes Quartal 2019 | 660 | Durchschnitt stationäre Einrichtungen | Böckler Impuls* |
| Sommer 2023 | 2.660 | Erstes Jahr im Heim | Familiara* |
| Anfang 2024 | 2.576 | Bundesweiter Durchschnitt für neue Bewohner | Familiara* |
| 1. Juli 2025 | 3.108 | Erstes Jahr im Heim | Ärztezeitung* |
Diese Zahlen bilden die faktische Grundlage für die Kritik an der aktuellen Finanzierung. Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied, bringt es in der Pressemitteilung vom Dezember 2025 auf den Punkt: "Pflege darf nicht länger pflegebedürftige Menschen und ihre Familien arm machen." Die Gewerkschaften fordern daher eine Deckelung der Eigenanteile, um Betroffene zu entlasten.
Blickt man in die Zukunft, zeichnen Projektionen kein entspannteres Bild. Analysen gehen davon aus, dass der pflegebedingte Eigenanteil von etwa 1.678 Euro im Jahr 2024 bis zum Jahr 2030 auf etwa 2.340 Euro monatlich ansteigen könnte* (Quelle: Familiara, Basis 2024, Projektion bis 2030). Diese Entwicklung unterstreicht die Dringlichkeit, nachhaltige Lösungen zu finden, die verhindern, dass die Notwendigkeit von Pflege zum existenziellen Risiko wird.
Wenn Pflege zur Armutsfalle wird
Der Ruf nach einer grundlegenden Reform der Pflegefinanzierung ist kein abstraktes politisches Thema, sondern eine dringende soziale Frage. Die aktuellen Regelungen führen zu konkreten und oft existenzbedrohenden Belastungen für die Betroffenen und bringen die Sozialsysteme an ihre Grenzen. Die Pflegekosten sind für viele Menschen nicht mehr aus eigener Kraft zu stemmen*. Sie müssen ihr gesamtes Vermögen aufbrauchen, bevor sie staatliche Unterstützung erhalten – ein Prozess, der Würde und Selbstbestimmung aushöhlt.
Die finanziellen Risiken beschränken sich nicht auf die Einzelnen. Auch die sozialen Sicherungssysteme stehen unter enormem Druck. Für das Jahr 2025 prognostizieren Experten ein Defizit der sozialen Pflegeversicherung zwischen 3,5 und 5,8 Milliarden Euro* (vdek). Diese Lücke muss durch Steuermittel geschlossen werden, was den Haushalt belastet und Spielraum für andere gesellschaftliche Aufgaben einschränkt. Es entsteht ein Teufelskreis: Steigende Kosten führen zu höheren Eigenanteilen, die mehr Menschen in die Armut treiben und wiederum die Sozialkassen fordern.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Forderungen von Gewerkschaften und Sozialverbänden an Gewicht. Sie argumentieren, dass die Eigenanteile für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen dringend gedeckelt werden müssen, um eine weitere Verarmung zu stoppen. Als langfristige Lösung fordern sie eine solidarische Pflegevollversicherung. Das Modell sieht vor, dass alle Bürgerinnen und Bürger in einen gemeinsamen Topf einzahlen, der im Pflegefall alle anfallenden Kosten deckt. Ziel ist es, Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen und sie vom individuellen Armutsrisiko zu entkoppeln. Die Betroffenen – Pflegebedürftige, ihre Familien und auch die Pflegekräfte selbst – sollen endlich finanziell abgesichert sein.
Pflegereform: Die nächsten Schritte
Die politische Arbeit an der großen Pflegereform hat begonnen, doch der Weg zu einem zukunftsfesten System ist noch nicht abgeschlossen. Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag 2025 eine „große Pflegereform“ angekündigt*. Diese politischen Zusagen müssen nun mit konkreten Maßnahmen unterlegt werden*.
Aus Sicht von Gewerkschaften und Sozialverbänden stehen drei zentrale Punkte im Mittelpunkt der anstehenden Reform*. Erstens geht es um eine verlässliche und langfristige Finanzierungssicherung*. Nur eine solide Finanzgrundlage kann die Qualität der Pflege garantieren und Planungssicherheit für Einrichtungen und Versicherte schaffen*. Zweitens wird eine verbindliche Deckelung der Eigenanteile für Pflegebedürftige gefordert*, um eine finanzielle Überlastung der Betroffenen und ihrer Familien zu verhindern*. Drittens ist eine verbesserte Personalausstattung unverzichtbar*. Ausreichend und gut qualifiziertes Personal bildet das Fundament für eine menschenwürdige Pflege und entlastet die bereits stark beanspruchten Beschäftigten im Pflegesektor*.
Die Diskussionen der kommenden Monate werden zeigen, wie diese Ziele umgesetzt werden können. Die Erwartungen an die Politik sind klar: Die Reform muss nachhaltig wirken und die Pflege in Deutschland auf ein solides Fundament stellen.
Alle in diesem Beitrag enthaltenen Informationen und Aussagen stammen aus einer aktuellen Pressemitteilung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
Weiterführende Quellen:
- „Im ersten Quartal 2019 mussten Gepflegte in stationären Einrichtungen im Schnitt monatlich rund 660 Euro aus eigener Tasche für Pflegeleistungen zahlen.“ – Quelle: https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-schutz-vor-armut-im-pflegefall-18705.htm
- „Im Sommer 2023 lag der Eigenanteil für einen Pflegeheimplatz (erstes Jahr im Heim) bereits bei etwa 2.660 Euro monatlich.“ – Quelle: https://www.familiara.de/pflegeheimkosten-in-deutschland-entwicklung-eigenanteile-und-prognosen/
- „Anfang 2024 betrug der durchschnittliche monatliche Eigenanteil für neue Heimbewohner bundesweit etwa 2.576 Euro, ohne Entlastungszuschläge wären es rund 2.783 Euro gewesen.“ – Quelle: https://www.familiara.de/pflegeheimkosten-in-deutschland-entwicklung-eigenanteile-und-prognosen/
- „Die Eigenbeteiligung im ersten Aufenthaltsjahr im Heim stieg bis zum 1. Juli 2025 bundesweit von 2.871 Euro auf 3.108 Euro im Monat, ein Anstieg von 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ – Quelle: https://www.aerztezeitung.de/Politik/Verbraucherschuetzer-Pflege-im-Alter-geraet-immer-mehr-zum-Armutsrisiko-459496.html
- „Bereits jetzt ist ein Drittel der in Heimen Gepflegten auf Sozialhilfe angewiesen.“ – Quelle: https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-schutz-vor-armut-im-pflegefall-18705.htm
- „Der sozialen Pflegeversicherung wird für 2025 ein Defizit zwischen 3,5 und 5,8 Milliarden Euro prognostiziert.“ – Quelle: https://www.vdek.com/fokus/pflegereform-pflegegesetz-pueg.html
- „Eine Projektion des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung zeigt, dass der pflegebedingte Eigenanteil von etwa 1.678 Euro (2024) bis 2030 auf etwa 2.340 Euro monatlich steigen könnte, eine Steigerung von gut 40 Prozent.“ – Quelle: https://www.familiara.de/pflegeheimkosten-in-deutschland-entwicklung-eigenanteile-und-prognosen/
- „Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe ‚Zukunftspakt Pflege‘ erarbeitet bis Ende 2025 gemeinsame Eckpunkte für eine nachhaltige Finanzierbarkeit der Pflege.“ – Quelle: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/bund-laender-ag-zur-pflegereform-gestartet-pm-07-07-25.html
- „Der Koalitionsvertrag 2025 kündigt eine ‚große Pflegereform‘ an, um die Pflegeversicherung strukturell und finanziell neu zu organisieren.“ – Quelle: https://www.familiara.de/pflege-im-koalitionsvertrag-2025-was-die-bundesregierung-plant/
8 Antworten
„Pflege darf nicht arm machen“ – ein sehr wichtiger Satz! Es ist höchste Zeit für Reformen! Wie könnte eine gerechte Finanzierung aussehen? Ich denke an eine stärkere Einbeziehung aller Bürger.
„Alle zahlen ein“ klingt gut! Aber was ist mit den Menschen, die nicht viel verdienen? Müssen wir dann nicht auch hier Lösungen finden? Vielleicht sollten wir über progressive Beiträge nachdenken?
Der Druck auf die Pflegekräfte ist enorm und das muss sich ändern! Ich frage mich, ob wir mehr über internationale Modelle lernen können? Gibt es Beispiele aus anderen Ländern?
Es ist erschreckend zu sehen, wie sich die Eigenanteile entwickeln. Ich stimme zu, dass sie gedeckelt werden sollten! Das führt doch nur zu mehr Verarmung. Was denkt ihr über alternative Finanzierungsmodelle?
Ich sehe das auch so! Eine solidarische Lösung wäre für alle besser. Aber was ist mit der Qualität der Pflege? Wie kann man sicherstellen, dass die Pflegekräfte gut bezahlt werden?
Ein gutes Punkt! Die Bezahlung für Pflegekräfte muss besser werden. Vielleicht könnten wir mehr in Ausbildung investieren? Was haltet ihr von einem bundesweiten Ausbildungsfonds für Pflegekräfte?
Die steigenden Eigenanteile sind echt besorgniserregend. Man fragt sich, wie Familien das noch stemmen sollen. Gibt es Vorschläge, wie die Finanzierung langfristig gesichert werden kann?
Ich finde die Idee einer solidarischen Pflegevollversicherung sehr wichtig. Es sollte wirklich kein Armutsrisiko sein, Pflege zu brauchen. Welche konkreten Schritte plant die Regierung, um das umzusetzen?