– Pflege braucht mehr klinische Evidenz und Abrechenbarkeit von Pflegeleistungen
– Kooperation mit Homecare- und Medizintechnik-Unternehmen zur Versorgungsprozessinnovation
– Bundeseinheitliche Ausbildungs- und Kompetenzstandards in der Pflege gefordert
Klinische Evidenz und moderne Pflege: Bessere Anerkennung und Abrechnung im Fokus
Das Dialogforum des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed) am 16. Juli 2025 richtete den Blick auf die dringende Notwendigkeit, die klinische Evidenz in der Pflege systematisch zu erweitern. Anlass war der Referentenentwurf zum Pflegekompetenzgesetz (PKG), der neue Spielräume für Pflegefachpersonen schaffen will, aber zugleich zentrale Fragen offenlässt – etwa zur Abrechenbarkeit von Leistungen.
Der Pflegewissenschaftler Carsten Hermes machte deutlich: „Professionelle Pflege braucht mehr ‚klinische Evidenz‘ über das, was sie an Nutzen für die Patient:innen erbringt, sowie eine Abrechnungsfähigkeit für Pflegefachpersonen.“* Denn Pflege ist längst mehr als Grundversorgung wie Essen, Hygiene oder Mobilisierung. Hermes betont: „Pflege ist mehr als satt, sauber und trocken. Pflege hat einen wichtigen Effekt in der Patient:innen-Versorgung, der künftig besser aufgezeigt werden muss. Wichtig: Pflege findet nicht immer ‚ School Nurses‘ am Bett, aber immer für und mit Menschen statt. Das gilt auch für Aufklärung und Vorsorge, die schon in den Schulen über ‚School Nurses‘ beginnen kann.“*
Die Diskussion greift somit zentrale Herausforderungen auf: Wie lässt sich der Wert professioneller Pflege messbar machen? Und wie können die vielfältigen Leistungen von Pflegefachpersonen künftig finanziell anerkannt werden? Hermes formuliert klar: „Wie soll das denn abgerechnet werden? Es gibt ja keine Gebührenordnung. Pflege braucht deshalb eine Abrechenbarkeit von Leistungen.“*
Neben der Verbesserung der Rahmenbedingungen hob Hermes die Rolle der Kooperation mit Industrie und Leistungserbringern hervor: „Wir brauchen die Unternehmen als Innovateure und müssen Hand in Hand arbeiten, um Versorgungsprozesse neu zu denken.“* Eine engere Zusammenarbeit soll helfen, Pflege nicht nur zu begleiten, sondern aktiv weiterzuentwickeln.
Die Verantwortung der Pflegefachpersonen wächst dabei deutlich: „Anwendung von Wissen geht immer auch mit Verantwortung einher. Dabei geht es in erster Linie um die Prozessverantwortung.“* Hermes sieht die Pflege primär als Brücke und Garanten für die Alltagstauglichkeit der Patient:innen. Dafür sind Kompetenzen etwa in Mobilität, Kognition, Schmerzbehandlung oder Wundversorgung unverzichtbar: „Pflege ist dazu da, eine Alltagsfähigkeit herzustellen. Da geht es beispielweise um Mobilität, Kognition, Schmerzbehandlung oder um Wundversorgung.“*
Um den Beruf zukunftssicher zu gestalten, fordert Hermes eine einheitliche und klare Struktur: „Wir brauchen einheitliche Ausbildungs- und Weiterbildungsbausteine sowie klare berufsrechtliche Aufgabenbereiche.“* Als notwendig sieht er zudem einen bundeseinheitlichen Scope of Practice sowie eine Selbstverwaltung in allen Bundesländern.
Für den ambulanten Bereich plädiert Hermes für Pflegefachpersonen mit dreijähriger Ausbildung, die befähigt sind, weiterführende Aufgaben zu übernehmen und zu delegieren: „Wir brauchen zum Beispiel für den ambulanten Bereich vor allem dreijährig ausgebildete Pflegefachpersonen, die gut weitergebildet werden und Aufgaben delegieren wollen, können und dürfen. Die Akademisierung muss dabei mit Bedacht vorangetrieben werden.“*
Die regelmäßig im Forum „Eine Stunde Wunde“ stattfindenden virtuellen Diskussionsrunden thematisieren praxisnah viele Facetten der Wundversorgung. BVMed-Wundexpertin Juliane Pohl erklärt: „Wir streben einen möglichst breiten Austausch zwischen allen Beteiligten in der Behandlung, Pflege und Versorgung von Wunden an. Unser Fokus ist eine gezielte, praxisnahe Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema, die sicherlich auch interessante Perspektivwechsel ermöglicht. Interessierte sind eingeladen, nicht nur daran teilzunehmen, sondern auch sich mit Themen einzubringen.“*
Weitere Informationen zur Wundversorgung sind im BVMed-Themenportal verfügbar: https://www.bvmed.de/wundversorgung.
Mehr klinische Evidenz: Wie die Pflegebranche sich grundlegend wandelt
Die Pflege befindet sich an einem Wendepunkt, der weit über die bislang bekannte Versorgung hinausgeht. Forderungen nach mehr klinischer Evidenz unterstreichen den Bedarf, die Wirksamkeit pflegerischer Maßnahmen klar wissenschaftlich zu belegen und damit den Stellenwert der Pflege in der Gesundheitsversorgung zu stärken. Gleichzeitig prägen neue gesetzliche Initiativen wie das geplante Pflegekompetenzgesetz die Debatte um eine klarere Verteilung von Verantwortlichkeiten und rechtssichere Aufgabenbereiche für Pflegefachpersonen. Diese Entwicklungen wirken sich direkt auf die Pflegekräfte, Patientinnen und Patienten sowie die Gesamtorganisation der Versorgung aus – und stehen vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel, Akademisierung und Digitalisierung in einem spannenden Zusammenspiel.
Ein zentrales Merkmal der Evidenzbasierung in der Pflege ist die Absicht, pflegerische Leistungen präzise zu erfassen und in der Abrechnung abzubilden. Die Pflege geht heute deutlich über Grundbedürfnisse wie Ernährung und Hygiene hinaus. Sie umfasst Bereiche wie Mobilitätssicherung, Schmerzbehandlung, Wundversorgung oder Vorsorge – Leistungen, deren Nutzen es klinisch nachzuweisen gilt. Nur mit belastbaren Daten können Pflegefachpersonen ihre Wirkung sichtbar machen und ihre Rolle als eigenständige Akteure im Versorgungsgeschehen festigen. Dafür bedarf es nicht nur fundierter Ausbildung und kontinuierlicher Weiterbildung, sondern auch struktureller Rahmenbedingungen wie einer einheitlichen Gebührenordnung und einer bundesweit gültigen Selbstverwaltung der Pflegeberufe.
Der Wandel fordert Pflegefachkräfte heraus, mehr Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv an Versorgungsprozessen zu beteiligen. Dabei gehen viele Tätigkeiten bereits heute über das formale Kompetenzspektrum hinaus und bewegen sich rechtlich im Graubereich. Eine genaue Definition der Berufs- und Aufgabenfelder unterstützt nicht nur die Rechtssicherheit, sondern fördert auch die Klarheit nach außen – für Patientinnen und Patienten, aber auch für alle anderen Akteure im Gesundheitswesen.
Herausforderungen und Chancen für Fachkräfte und Versorgung
Der Umbruch bringt verschiedene Herausforderungen mit sich, die die Branche gemeinsam meistern muss:
- Fachkräftemangel: Die angespannte Personalsituation wirkt sich auf Qualität und Verfügbarkeit der Pflege aus. Effektive Steuerung und Entlastung durch klare Kompetenzverteilung sind notwendig, um Ressourcen sinnvoll einzusetzen.
- Akademisierung: Die Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse und Forschung in die Pflegepraxis erhöht die Qualität, erfordert aber auch sorgfältige Gestaltung der Ausbildung, damit praktische Bedarfe nicht aus dem Blick geraten.
- Digitalisierung und Innovation: Technologien und Kooperationen mit Industriepartnern eröffnen neue Möglichkeiten in der Versorgung – von telemedizinischen Angeboten bis zu innovativen Hilfsmitteln. Pflegekräfte gewinnen durch digitale Werkzeuge mehr Handlungsspielraum und Datenbasis.
Diese Veränderungen gestalten eine Versorgung, die stärker als bisher auf Zusammenarbeit und gegenseitige Ergänzung setzt. Pflege wird zunehmend zur Schnittstellenfunktion, die Ärztinnen und Ärzte, Patientinnen und Patienten sowie Angehörige miteinander verbindet und so eine ganzheitliche Betreuung sicherstellt.
Die Zukunft der Pflegeprofessionalität liegt in der Ausprägung interdisziplinärer Netzwerke, in denen Evidenz die Grundlage für Entscheidungen bildet. Nur durch die Kombination von fundierter Wissenschaft, klaren rechtlichen Rahmenbedingungen und moderner Technik lässt sich eine Versorgung gestalten, die sowohl den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft als auch den Bedürfnissen eines modernen Gesundheitssystems gerecht wird. Dies erfordert Mut, Offenheit und Engagement aller Beteiligten.
Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag basieren auf einer Pressemitteilung des Bundesverbandes Medizintechnologie e.V. (BVMed).