– Der Deutsche Caritasverband fordert konkrete Gesetze zur Entlastung pflegender Angehöriger und eine hybride Pflegeberatung.
– Über 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt, oft ohne professionelle Unterstützung.
– Die Caritas schlägt flexible Budgets für Entlastungsleistungen und eine Finanzierung aus dem Bundeshaushalt vor.
Caritas fordert konkrete Schritte: Pflegende Angehörige brauchen sofort mehr Entlastung
Am 12. Dezember 2025 fordert der Deutsche Caritasverband die Bundesregierung auf, ihre Ankündigungen schnell in Taten umzusetzen. Nach den veröffentlichten Eckpunkten für einen „Zukunftspakt Pflege“ müssen nun unverzüglich konkrete Gesetze zur Versorgungssicherheit und Finanzierung folgen. Die zentrale Forderung: Die Entlastung pflegender Angehöriger muss oberste Priorität erhalten.
Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa bringt die Situation auf den Punkt: „Pflegende Angehörige stehen unter einem erheblichen Druck und brauchen politische Unterstützung.“ Der Verband schlägt vor, Entlastungsleistungen als flexible, individuelle Budgets zu gestalten und bürokratische Hürden abzubauen. Ein zentraler Finanzierungsvorschlag betrifft die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige. Welskop-Deffaa erklärt: „Es ist dringend notwendig, diese Summe aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren.“ Ein solcher Bundeszuschuss würde die Pflegeversicherung stabilisieren.
Mit ihrer Forderung stützt sich die Caritas auf eigene umfangreiche Erfahrung in der Pflege. Der Appell aus Berlin ist daher ein deutliches Signal: Die Zeit für allgemeine Absichtserklärungen ist vorbei, jetzt sind konkrete Maßnahmen für die Menschen gefragt, die den Großteil der Pflege in Deutschland stemmen.
Die Dimension der häuslichen Pflege: Zahlen und Belastung
Die Forderungen der Caritas nach mehr Entlastung für pflegende Angehörige treffen auf eine Realität, die Millionen Haushalte in Deutschland betrifft. Die häusliche Pflege ist kein Nischenphänomen, sondern das zentrale Versorgungsmodell. Im Jahr 2023 wurden 4,9 Millionen pflegebedürftige Menschen in der eigenen Wohnung versorgt* Diese immense Zahl unterstreicht, wie sehr das Pflegesystem auf das Engagement von Familien und Angehörigen angewiesen ist.
Zahl der zu Hause Gepflegten
Die Versorgung zu Hause ist für den Großteil der Pflegebedürftigen der Normalfall. Rund 83 Prozent aller Pflegebedürftigen werden in der eigenen Wohnung gepflegt* Diese Größenordnung macht deutlich, warum politische Maßnahmen zur Unterstützung der häuslichen Pflege eine gesamtgesellschaftliche Relevanz besitzen. Jede Veränderung bei Entlastungsleistungen oder Beratungsangeboten wirkt sich direkt auf das Leben mehrerer Millionen Bürgerinnen und Bürger aus.
Belastung und Geschlechterverteilung
Hinter dieser statistischen Größe steht eine enorme persönliche Leistung. Aktuelle Erhebungen zeigen das Ausmaß der Belastung: Pflegende Angehörige wenden durchschnittlich 49 Stunden pro Woche für die Pflege auf (Stand: 2025)* Dieser zeitliche Umfang entspricht in etwa einer Vollzeiterwerbstätigkeit plus Überstunden. Die Konsequenzen für die eigene Erwerbsbiografie, für Freizeit und soziale Kontakte sind gravierend und erhöhen das Risiko der physischen und psychischen Überforderung.
Diese Last verteilt sich nicht gleichmäßig in der Gesellschaft. 70 Prozent der pflegenden Angehörigen sind Frauen (Stand: 2025)* Die Pflegearbeit liegt damit primär auf den Schultern von Frauen, was traditionelle Rollenmuster verstärkt und spezifische Herausforderungen für deren Altersvorsorge und berufliche Entwicklung schafft.
Die zentralen Fakten zur häuslichen Pflege im Überblick:
- 4,9 Millionen pflegebedürftige Menschen wurden 2023 zu Hause versorgt*
- Pflegende Angehörige leisten im Schnitt 49 Stunden Pflege pro Woche (Stand: 2025)*
- 70 Prozent der Pflegenden sind Frauen (Stand: 2025)*
Vor diesem Hintergrund gewinnen Forderungen nach flexibleren Entlastungsbudgets, einer besseren finanziellen Absicherung der Pflegeversicherung und niedrigschwelligen Beratungsangeboten eine konkrete Dringlichkeit. Sie zielen direkt auf die Realität von Millionen Menschen, die einen essenziellen Beitrag für das Gesundheits- und Sozialsystem leisten.
Regionale Praxis und finanzielle Rahmenbedingungen
Die Diskussion um eine Reform der Pflegeversicherung findet nicht im luftleeren Raum statt. Während auf Bundesebene über zukünftige Finanzströme und Leistungsbündelungen verhandelt wird, zeigen regionale Initiativen bereits heute, wie konkrete Entlastung vor Ort organisiert werden kann. Bayern dient hier als ein anschauliches Beispiel. Im Freistaat werden rund 83 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause betreut (Stand: 2025). Um diese Familien zu unterstützen, existiert ein dichtes Netz an Angeboten. Aktuell gibt es in Bayern über 3.200 anerkannte Angebote zur stundenweisen Entlastung pflegender Angehöriger, von denen etwa 650 staatlich gefördert werden (Stand: 2025). Diese Infrastruktur beweist, dass die Entlastung pflegender Angehöriger nicht nur eine politische Forderung, sondern eine praktisch umsetzbare Aufgabe ist.
Regionale Angebote in Bayern
Die bayerischen Maßnahmen reichen von niedrigschwelligen Betreuungsangeboten bis zur Schulung Ehrenamtlicher. Sie funktionieren als lokale Ergänzung zu den bundesweit geltenden Leistungen der Pflegeversicherung. Für Menschen mit Pflegegrad 1 steht beispielsweise ein monatlicher Entlastungsbetrag von 131 Euro zur Verfügung (Stand: 2025)*. Regionale Projekte können helfen, solche Budgets sinnvoll auszuschöpfen und Lücken in der professionellen Versorgung, besonders im ländlichen Raum, zu schließen. Die Caritas verweist auf die Bedeutung solcher praxisnaher Unterstützung und fordert, dass "die Entlastung als Entlastung im Alltag zu lernen ist".
Finanzielle Maßnahmen auf Bundesebene
Parallel zu diesen regionalen Aktivitäten werden auf Bundesebene die finanziellen Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Diese Maßnahmen bilden den unmittelbaren Rahmen für alle Reformüberlegungen. So schießt der Bund 2025 ein Darlehen von 500 Millionen Euro in die Pflegeversicherung (Stand: 2025). Für das folgende Jahr sind bereits weitere 3,2 Milliarden Euro an Darlehensmitteln geplant (Stand: 2025). Diese finanziellen Zuführungen sind als kurzfristige Stabilisierungsmaßnahmen zu verstehen, während gleichzeitig über eine dauerhafte und tragfähige Finanzierungsarchitektur für das Pflegesystem verhandelt wird. Die Caritas fordert in diesem Zusammenhang, die jährlichen Ausgleichszahlungen für die rentenrechtliche Absicherung pflegender Angehöriger dauerhaft aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren, um die Pflegeversicherung zu entlasten.
Pflegepolitik im Fokus: Was jetzt auf dem Spiel steht
Die Debatte um die Zukunft der Pflege dreht sich nicht nur um Leistungskataloge und Finanzströme. Im Kern geht es um konkrete gesellschaftliche Folgen und die Frage, welche Weichen heute gestellt werden, um morgen handlungsfähig zu bleiben. Die Diskussionen der letzten Monate haben deutlich gemacht: Die Entlastung pflegender Angehöriger ist kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Stellhebel für das gesamte System. Eine wirksame Unterstützung hier wirkt präventiv – sie schützt Erwerbsbiografien vor Brüchen, erhält die mentale Gesundheit in den Familien und kann Pflegekrisen verhindern, bevor sie entstehen.
Gesellschaftliche Folgen und Handlungsoptionen
Die politischen Entscheidungen der kommenden Monate werden zeigen, ob die Versprechen der Entlastung auch in der Praxis ankommen. Ein Schlüssel liegt in der Flexibilität. Werden aus starren Leistungspaketen tatsächlich individuell gestaltbare Budgets, die den chaotischen Realitäten des Pflegealltags gerecht werden? Eine weitere offene Frage betrifft die Zugänglichkeit: Digitale Antragswege und hybride Beratungsangebote müssen so barrierearm sein, dass sie die Menschen erreichen, die sie am dringendsten benötigen – und nicht nur diejenigen, die bereits technisch versiert sind.
Parallel zu gesetzlichen Regelungen gewinnen regionale Praxisprojekte an Bedeutung. Initiativen wie Pflegeübungszentren zeigen, wie Entlastung im Alltag erlernt und erfahrbar gemacht werden kann. Sie sind mehr als Schulungsorte; sie sind Lernlabore für einen Alltag, der oft von Zeitnot und Fremdbestimmung geprägt ist. Solche niedrigschwelligen Angebote bereiten gezielt auf Akutsituationen vor und vernetzen Familien mit lokalen Unterstützungspartnern. Sie stärken die Kompetenz dort, wo der Großteil der Pflege stattfindet: zu Hause.
Der Reformfahrplan und offene Baustellen
Der politische Zeitplan ist ambitioniert: Bund und Länder peilen eine umfassende Pflegereform bis Ende 2026 an. Dieser Zeitrahmen setzt die Agenda für die nächsten eineinhalb Jahre. Die Verhandlungen werden sich an einigen zentralen Punkten entscheiden. Die Finanzierungsfrage bleibt die größte Baustelle. Die Forderung, die jährlichen Milliardenbeträge für die rentenrechtliche Anerkennung familiärer Pflege aus dem Bundeshaushalt zu stemmen, um die Pflegeversicherung zu stabilisieren, steht exemplarisch für den notwendigen Systemumbau.
Zudem muss geklärt werden, wie die Expertise der professionellen Pflegekräfte besser in das Leistungsrecht integriert werden kann. Ihre präventive und beratende Kompetenz ist eine noch nicht ausgeschöpfte Ressource. Ebenso steht die Ausgestaltung von rehabilitativen Angeboten wie der mobilen Reha oder der Kurzzeitpflege zur Diskussion.
Für Journalist:innen und die interessierte Öffentlichkeit lohnt es sich, in den kommenden Monaten besonders zwei Stränge zu verfolgen: die konkrete gesetzliche Umsetzung von Budgetlösungen für pflegende Angehörige und den Fortschritt der Reformverhandlungen zwischen Bund und Ländern auf dem Weg zur Deadline Ende 2026. Hier werden die Weichen gestellt, ob die Pflege der Zukunft sicher, gerecht und menschlich bleibt.
Die bereitgestellten Informationen und Zitate in diesem Beitrag stammen aus einer Pressemitteilung des Deutschen Caritasverbands.
Weiterführende Quellen:
- „2023 wurden in Deutschland 4,9 Millionen pflegebedürftige Menschen zu Hause versorgt, das entspricht etwa 6 von 7 Fällen (Stand: 2023).“ – Quelle: https://www.zqp.de/schwerpunkt/pflegende-angehoerige/
- „Pflegende Angehörige leisten im Schnitt 49 Stunden Pflege pro Woche; 70 Prozent sind Frauen (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/bentele-pflege-angehoerige-entlastung-pflegelohn-vdk-100.html
- „In Bayern werden rund 83 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause betreut (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.stmgp.bayern.de/pflegende-angehoerige-werden-in-bayern-umfangreich-unterstuetzt-bayerns-gesundheits-und-pflegeministerin-gerlach-informiert-ueber-wichtige-angebote-im-freistaat/
- „Über 3.200 anerkannte Angebote zur stundenweisen Entlastung pflegender Angehöriger in Bayern, davon 650 gefördert; seit 2021 engagieren sich rund 12.000 Ehrenamtliche (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.stmgp.bayern.de/pflegende-angehoerige-werden-in-bayern-umfangreich-unterstuetzt-bayerns-gesundheits-und-pflegeministerin-gerlach-informiert-ueber-wichtige-angebote-im-freistaat/
- „Entlastungsbetrag für Pflegegrad 1 beträgt 131 Euro monatlich (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflege-zu-hause/weitere-leistungen-und-angebote-zur-unterstuetzung-im-alltag.html
- „Bund schießt 2025 ein Darlehen von 500 Millionen Euro in die Pflegeversicherung, 2026 weitere 3,2 Milliarden Euro (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.cash-online.de/a/bund-und-laender-peilen-pflegereform-bis-ende-2026-an-708341/