EU-Pläne für Pestizid-Zulassung: Droht eine Dauerbelastung von Trinkwasser mit PFAS?

Die Verbraucherorganisation foodwatch kritisiert Pläne der EU-Kommission, die regelmäßige Risikoprüfung für Pestizide abzuschaffen. Dadurch könnten auch Wirkstoffe, die gesundheitsgefährdende PFAS-Chemikalien bilden, dauerhaft auf dem Markt bleiben. Vor der heute beginnenden Agrarministerkonferenz fordert foodwatch die Politik auf, die Pläne abzulehnen.
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– Die EU-Kommission plant, regelmäßige Risikoprüfungen für Pestizide abzuschaffen.
– Dadurch könnten auch PFAS-bildende Pestizidwirkstoffe dauerhaft zugelassen bleiben.
– foodwatch warnt vor dauerhafter Belastung von Grundwasser, Trinkwasser und Lebensmitteln.

EU-Streit um PFAS-Pestizide und Trinkwasser

Vor der am 18. März 2026 beginnenden Agrarministerkonferenz wächst der Streit über ein EU-Gesetzespaket zur Lebens- und Futtermittelsicherheit. Die Verbraucherorganisation foodwatch wirft der EU-Kommission vor, mit ihren Plänen regelmäßige Risikoprüfungen für Pestizide auszuhebeln. Im Kern geht es um die Frage, ob Pestizidwirkstoffe künftig ohne turnusmäßige Neubewertung auf dem Markt bleiben könnten – auch dann, wenn sie PFAS-Abbauprodukte bilden.

foodwatch fordert die Agrarminister der Länder und die Bundesregierung auf, den Vorschlag klar abzulehnen. Nach Darstellung der Organisation würden sonst auch Stoffe mit PFAS-Risiko dauerhaft zugelassen bleiben. Die Debatte ist nicht nur fachpolitisch relevant: Sie berührt den Schutz von Grundwasser, Trinkwasser und Lebensmitteln – und damit mögliche Folgekosten für Kommunen, Wasserwerke, Landwirtschaft und Verbraucher.

„Die Pläne der EU-Kommission sind ein Freifahrtschein für ewige Chemikalien in unserem Essen und Wasser. Wenn Ewigkeitschemikalien einmal ins Grundwasser gelangen, verunreinigen sie es für Generationen. Pestizid-Konzerne wie BayerMonsanto machen Kasse – die Zeche zahlen andere: Landwirt:innen, die krank werden, Kommunen, die horrende Kosten für ihre Wasserwerke stemmen müssen und Verbraucher:innen, die PFAS-Rückständen im Essen schutzlos ausgeliefert sind“, sagte Annemarie Botzki von foodwatch.

Was die EU-Regeländerung konkret bedeuten würde

Hintergrund des Konflikts ist das sogenannte „Food and Feed Safety Simplification Omnibus“. Solche Omnibus-Vorhaben bündeln mehrere Änderungen in einem größeren Gesetzespaket. Offiziell verfolgt die EU-Kommission damit das Ziel, Bürokratie abzubauen. Kritiker sehen darin jedoch die Gefahr, dass bewährte Schutzmechanismen geschwächt werden.

Vom Zeitlimit zur Dauerzulassung

Bislang gilt nach Darstellung von foodwatch: Pestizidwirkstoffe werden für maximal fünfzehn Jahre zugelassen. Bevor eine Zulassung verlängert wird, müssen Hersteller neue Daten zu Gesundheits- und Umweltrisiken vorlegen. Erst wenn die Behörden den Stoff weiterhin als sicher bewerten, darf er im Einsatz bleiben.

Nach den Plänen der Kommission sollen Wirkstoffe dagegen unbefristet zugelassen bleiben – ohne regelmäßige Neubewertung und ohne neue Sicherheitstests. Bereits zugelassene Stoffe würden demnach automatisch eine Dauererlaubnis erhalten. Genau an diesem Punkt entzündet sich die Kritik: Aus Sicht von foodwatch würde damit ein Instrument wegfallen, das neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder veränderte Risikobewertungen überhaupt erst systematisch in die Zulassung einbezieht.

Warum PFAS und TFA beim Pestizidstreit im Zentrum stehen

Dass die Debatte so grundlegend geführt wird, hängt mit den Eigenschaften der betroffenen Stoffe zusammen. PFAS steht für eine große Gruppe langlebiger Chemikalien, die sich in der Umwelt nur sehr langsam abbauen. Laut foodwatch gelangen solche Stoffe auch über Pestizide in Böden und Gewässer. Die PFAS-Eigenschaften machen die Ackergifte widerstandsfähiger und länger wirksam. Viele dieser Mittel enthalten eine besonders stabile Kohlenstoff-Fluor-Bindung. Nach dem Ausbringen auf Feldern können sie unter anderem zu Trifluoressigsäure (TFA) zerfallen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung bewertet TFA als „reproduktionstoxisch“. Nach Angaben der Behörde kann der Stoff ungeborene Kinder im Mutterleib schädigen sowie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Nachgewiesen wurde TFA bereits in Obst, Gemüse, Getreide, Wein und Trinkwasser. Für TFA in Lebensmitteln gibt es in der Europäischen Union derzeit keine festgelegten gesetzlichen Grenzwerte.

Die externe Recherche schärft den gesellschaftlichen Kontext, auch wenn sie den Vorwurf von foodwatch nicht für sich genommen beweist. So hat sich der TFA-Gehalt in Wein in den vergangenen 15 Jahren laut einer Studie der Universität Freiburg, auf die das Umweltinstitut verweist, verzehnfacht. Im August 2025 berichtete der Deutsche Naturschutzring zudem, dass in 42 von 46 Trinkwasserstichproben in Deutschland PFAS nachgewiesen wurden. Seit dem 12. Januar 2026 gelten außerdem EU-weite PFAS-Grenzwerte im Trinkwasser – sowohl für einzelne PFAS als auch für die Summe aller PFAS-Verbindungen. Das zeigt, dass die Regulierung in Europa bereits nachgeschärft wurde, während zugleich über den künftigen Umgang mit pestizidbezogenen Einträgen gestritten wird.

Belastung in Wasser und Lebensmitteln

Für Nichtfachleute lässt sich der Kern des Problems so zusammenfassen: Wenn sich Stoffe oder ihre Abbauprodukte lange in Böden und Wasser halten, wird aus einer agrarchemischen Frage schnell ein Thema der öffentlichen Daseinsvorsorge. Gerade deshalb steht TFA inzwischen stärker im Fokus von Behörden, Wasserversorgern und Verbraucherschützern.

Der konkrete Streitfall: Flufenacet und weitere Wirkstoffe

Wie sich der Konflikt praktisch auswirken könnte, zeigt das Beispiel Flufenacet. Der Wirkstoff wurde 2025 vom Markt genommen, unter anderem weil er das PFAS-Abbauprodukt TFA bildet. Nach Darstellung von foodwatch hätte ein Wirkstoff wie Flufenacet unter den nun diskutierten EU-Regeln dauerhaft auf dem Markt bleiben können – ohne erneute Risikoprüfung.

Die Organisation verweist zudem auf eine eigene aktuelle Auswertung, wonach 28 in der EU zugelassene Pestizidwirkstoffe möglicherweise zum PFAS-Metaboliten TFA abbauen können. Flufenacet sei damit aus ihrer Sicht kein Einzelfall. Zu diesen 28 Stoffen zählen laut foodwatch unter anderem Beflubutamid, Cyflufenamid, Fluopyram, Tefluthrin und Trifloxystrobin. Gemeint ist allerdings ein mögliches TFA-Potenzial, nicht ein identischer regulatorischer Status für alle Stoffe. Der Streit dreht sich deshalb nicht nur um einen einzelnen Wirkstoff, sondern um die grundsätzliche Frage, wie mit bereits zugelassenen Stoffen umgegangen werden soll, wenn neue Hinweise auf Umwelt- oder Gesundheitsrisiken vorliegen.

Folgen für Wasserwerke, Landwirtschaft und Verbraucher

Für die betroffenen Gruppen sind die Folgen sehr unterschiedlich, hängen aber zusammen. Gelangen langlebige Rückstände ins Grundwasser, lassen sie sich nur schwer wieder entfernen. Das kann Wasserwerke und Kommunen vor erhebliche technische und finanzielle Herausforderungen stellen. Für die Landwirtschaft steht zugleich im Raum, wie stark sie langfristig von strengeren oder schwächeren Zulassungsregeln betroffen wäre. Verbraucher wiederum betrifft die Frage, welche Rückstände in Wasser und Lebensmitteln ankommen.

Wie schwierig die Aufbereitung sein kann, zeigt eine Einschätzung aus der Wasserwirtschaft. Prof. Dr. Matthias Maier von der Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke Bodensee-Rhein sagte gegenüber dem ZDF: „Technisch ist es praktisch nicht möglich, TFA aus dem Wasser herauszufiltern.“ Wenn Stoffe nur mit großem Aufwand oder praktisch gar nicht entfernt werden können, verschiebt sich die Last leicht vom Verursachungsort hin zu denjenigen, die Wasser aufbereiten und nutzen müssen.

Was jetzt politisch entschieden wird

Das nächste politische Forum für diese Auseinandersetzung ist die Agrarministerkonferenz vom 18. bis 20. März 2026. Dort geht es zwar nicht um die formale Entscheidung der EU-Kommission, wohl aber um den politischen Druck, den Bund und Länder aufbauen können. foodwatch fordert von den deutschen Agrarministern und der Bundesregierung, die Pläne abzulehnen, regelmäßige Risikoprüfungen verpflichtend beizubehalten und PFAS-bildende Wirkstoffe grundsätzlich zu verbieten.

Damit ist die Linie des Konflikts klar: Auf EU-Ebene steht ein Vereinfachungspaket im Raum, auf deutscher Ebene wächst der politische Widerstand gegen mögliche Lockerungen. Entscheidend wird nun sein, ob regelmäßige Risikoprüfungen als Schutzinstrument erhalten bleiben – und wie PFAS-bildende Wirkstoffe künftig reguliert werden.

Die nachfolgenden Angaben und Aussagen stammen aus einer Pressemitteilung des foodwatch e.V. und geben dessen Standpunkt zu PFAS-Pestiziden wider.

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10 Kommentare

  1. Mir erscheint die kommission idee zu lax, dauerzulassung wirkt wie lockerlassen für industrie. Verbraucher und kommunale wasserwerke trag die kosten später, das ist unfair. Wichtig ist regelmäßige risikoprüfung und verbot von PFASbildnern. Wer kontrolliert die umsetzung? Gibt es monitoring pläne? Siehe /themen/pfas-monitoring und /artikel/politische-debatte.

  2. Der flufenacet-fall zeigt klar das problem: ein stoff kann PFAS-abbauprodukte geben und dann ist dauerzulassung ein fehler. Neutral gesagt: wir brauchen ne pflicht zur neubewertung und verbote für PFAS-bildende wirkstoffe. Transparenz ist wichtig, bürger müssen informiert werden. Siehe auch /artikel/flufenacet-fall und /themen/trinkwasser-daten fuer mehr fakten.

    1. Technisch ist es oft unmöglich TFA aus trinkwasser raus zu holen, das wurde schon gesagt. Wasserwerke können teuer filter bauen aber das ist begrenzt. Kommunen sind nicht schuld, also muss die EU streng sein. Wer zahlt die rechnung? vllt fonds für wasserwerke? Link /themen/wasserwirtschaft

    2. Ich finds wichtig das man auch bäuerinnen mitnimmt, verbote allein helfen nicht. Aber regulatorisch muss risiko runter, und die Agrarminister sollen auf der konferenz klar gegen die änderung sprechen. Kann jemand teilen welche partei oder minister das bisher unterstützt hat? Mehr auf /politik/agrar.

  3. Als verbraucherin macht mich die Sache nervös, TFA im Wein und Obst ist nicht akzeptabel. Foodwatch bringt daten, die nachdenklich machen, und die EU-Regeln dürfen nicht schwächer werden. Brauchen klarere grenzwerte und regelmässige pruefung, nicht dauerzulassung. Mehr hintergrund steht auf /themen/pfas und /artikel/lebensmittel-rueckstaende, wer hat erfahrung mit lokalem messung?

    1. Ich hab im ort wasserprobe gesehen, PFAS war da, die kommunikation war schlecht. Warum sagt das ministerium nicht klar wie gefährlich das ist? TFA im wein hat sich offenbar verzehnfacht, link /artikel/winestudy, es fehlt an aufklärung und an alternativen für bäuerin, braucht mehr förderung.

    2. Gute punkte, aber auch die landwirtschaft steht unter druck, sie brauch praktikable alternativen. Wenn man verbietet ohne unterstützung dann leidet ertrag und bauer einkommen. Gibt es subventionen für pflug technik oder andere methoden? Schau /themen/agrarpolitik, vielleicht sind dort ideen wie man umstieg fördert.

  4. Die vereinfachung klingt erstmal gut gegen bürokratie, aber dauerzulassung von Pestizide die TFA bilden geht nicht. Wenn Wirkstoffe unbegrenzt bleibn dann kommt mehr belastung ins Trinkwasser und lebensmittel. Agrarminister müssen dringend NEIN sagen, und die Regierung mehr transparenz zeigen. Siehe /ratgeber/pestizide-schutz und /themen/trinkwasser für detail.

    1. Stimme zu, aber frage: wie schnell können politiker reagieren? Die AKKtionen sind langsam, und wasserwerke brauchen planung. Gibt es schon liste mit betroffenen stoffe oder monitoring daten? Link den ich fand: /artikel/pfas-uebersicht, würde gern wissen ob kommunale kosten erstattet werden, hat da jemand info?

  5. Das thema PFAS is wichtig, ich mach mir echt sorgen wegen Grundwasser und Trink wasser. Foodwatch hat punkte, die EU-Kommission sind nich klar in dem punkt, prüfungen wegnehmen ist riskant. Wer zahlt dann die kosten für WasserWerke und bäuerin? Mehr infos gibts auf /themen/pfas und /artikel/trinkwasser-berichte, bitte erklärung?

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