Wer macht hier eigentlich was? Warum ein Organigramm Vereine rettet (zumindest ein bisschen)
Es ist Dienstagabend, 20:07 Uhr, Vorstandssitzung im Mehrzweckraum.
Thema Nummer 1: „Wer war nochmal für die Abrechnung vom Sommerfest zuständig?“
Es folgt betretenes Schweigen, dann: „Also ich dachte, du?“ – „Nee, das war doch bei der letzten Sitzung anders besprochen… oder?“
Genau an dieser Stelle fängt unsere Liebe zu Organigrammen an.
Nicht, weil sie sexy aussehen (tun sie selten). Sondern weil sie Chaos verhindern, Diskussionen abkürzen – und nebenbei Behörden, Mitgliedern und Spender:innen zeigen, dass im Verein Struktur drinsteckt.
Wir merken in Beratungen immer wieder: Viele Vereine haben Satzungen, Protokolle, Geschäftsordnungen – aber kein einziges visuelles Bild ihrer Organisation. Und das ist schade, weil man damit mit minimalem Aufwand richtig viel Klarheit schafft.
Was ein Organigramm im Verein wirklich leisten kann
Ein Organigramm ist erst mal nichts anderes als: Kästchen, Linien, Namen, Funktionen.
Aber die Wirkung ist erstaunlich groß – gerade im Ehrenamt.
1. Klare Verantwortlichkeiten statt „Das macht halt irgendwer“
Ein gutes Organigramm zeigt auf einen Blick:
- Wer gehört zum Vorstand – mit welchen Aufgaben?
- Gibt es eine Geschäftsstelle oder nur Ehrenamt?
- Welche Arbeitsgruppen / Teams gibt es?
- Wer hat Entscheidungsbefugnis – und wer „nur“ Aufgaben?
Wir sehen oft:
In der Satzung steht zwar, wer formal wofür verantwortlich ist.
In der Realität hat sich das längst verschoben – weil neue Projekte entstanden sind, eine Person „reingewachsen“ ist, andere weniger Zeit haben.
Ein aktuelles Organigramm holt die Realität auf ein Blatt Papier. Und das ist nicht nur nett, sondern hochpraktisch: Neue Ehrenamtliche kapieren schneller, wie der Laden läuft. Konflikte über „Zuständigkeiten“ werden seltener. Und ja: Es spart Nerven.
2. Bessere Kommunikation – intern und nach außen
Viele Vereine tragen ihr komplettes Wissen in Köpfen herum.
Das funktioniert so lange, bis…
- jemand überraschend ausfällt,
- ein Vorstandswechsel ansteht,
- oder die Geschäftsstelle plötzlich wachsen soll.
Ein Organigramm hilft dabei, Wissen sichtbar zu machen:
- Für Neue im Verein: Wer sind meine Ansprechpersonen?
- Für Mitglieder: An wen mit welcher Frage?
- Für Kooperationspartner:innen: Wer ist fachlich zuständig?
- Für Fördermittelgeber oder Behörden: Wie ist der Verein aufgestellt?
Wir haben z. B. mit einem Kulturverein gearbeitet, der ständig Anfragen „irgendwohin“ bekommen hat. Ergebnis: Mails blieben liegen, weil niemand sich zuständig fühlte.
Nach Einführung eines einfachen Organigramms mit klaren Rollen („Presse“, „Kooperationen“, „Raumvergabe“) gingen die Anfragen plötzlich an die richtigen Leute.
Und das, ohne ein einziges neues Tool einzuführen – nur durch Klarheit.
3. Finanzen & Daten: Wer trägt was?
Gerade beim Thema Geld wird es heikel. Und bei Daten dank DSGVO sowieso.
Ein Organigramm kann auch zeigen:
- Wer ist Kassenwart / Schatzmeister:in?
- Wer gibt Rechnungen frei?
- Wer hat Zugriff auf Online-Banking?
- Wer verwaltet Mitgliederdaten, wer Newsletter-Listen?
- Wer ist Ansprechperson für Datenschutz?
Das ist nicht nur intern wichtig, sondern auch gegenüber:
- dem Finanzamt,
- der Bank,
- Fördermittelgebern,
- und manchmal auch gegenüber der eigenen Haftpflichtversicherung.
Wir sind Fans davon, Finanz- und Datenverantwortung bewusst ins Organigramm aufzunehmen. Dann wird aus dem Bauchgefühl („Irgendwie macht das die Kasse“) eine klare Aussage.
Klein, mittel, größer – wie Organigramme je nach Vereinsgröße aussehen
Der klassische „Dorfverein“ mit 50–150 Mitgliedern
Struktur (häufig):
- 1 Vorstand (1. & 2. Vorsitz, Kassenwart:in, Schriftführer:in)
- 1–3 Arbeitsgruppen (z. B. Veranstaltungen, Jugend, Öffentlichkeitsarbeit)
- vielleicht ein Beirat, wenn’s schon professioneller wird
Ein einfaches Organigramm reicht völlig:
- oben: Mitgliederversammlung
- darunter: Vorstand
- daneben oder darunter: Beirat (falls vorhanden)
- darunter: Arbeitsgruppen / Projektteams mit Ansprechpersonen
Mehr braucht es oft gar nicht. Wichtig ist, dass die tatsächlichen Zuständigkeiten drinstehen – nicht nur die Ämter aus der Satzung.
Der größere Verband mit Geschäftsstelle
Hier wird’s spannender. Plötzlich gibt es:
- eine Geschäftsführung
- Fachreferate (z. B. Bildung, Beratung, Lobbyarbeit)
- Verwaltung / Finanzen
- Regionalgruppen / Landesverbände
- vielleicht sogar Honorarkräfte und Minijobs
Organigramme werden hier schnell zur Überlebensstrategie:
- Wer steuert die Fachpolitik?
- Wer führt Mitarbeitende?
- Wer ist Schnittstelle zwischen Vorstand und Geschäftsstelle?
- Wie hängen Bundes- und Landesebene zusammen?
Wir erleben häufig, dass gerade Verbände zwar intern ein Bild im Kopf haben, aber nach außen kaum sichtbar machen, wie sie organisiert sind.
Das ist verschenktes Potenzial – gerade bei Fördermittelanträgen oder größeren Partnerschaften.
Tools: Organigramm erstellen ohne Budget-Drama
Die gute Nachricht: Niemand muss teure Spezialsoftware kaufen.
Beliebte Optionen, mit denen wir in Vereinen gute Erfahrungen gemacht haben:
- diagrams.net (ehemals draw.io)
Kostenlos, läuft im Browser, kann lokal gespeichert werden, DSGVO-freundlich nutzbar, wenn man nicht die Google-Drive-Integration verwendet. - LibreOffice Draw
Open Source, kostenlos, läuft lokal – ideal für Vereine, die ohnehin mit LibreOffice arbeiten. - PowerPoint / LibreOffice Impress
Klingt komisch, funktioniert aber gut: Formen, Linien, Text – fertig. - Microsoft Visio
Eher für größere Organisationen, kostenpflichtig – in manchen Verwaltungen und Verbänden aber ohnehin vorhanden.
Für die meisten Vereine reicht: ein einfaches Grafikprogramm mit Kästchen.
Die Kunst liegt nicht im Design, sondern in den Inhalten.
Datenschutz: Was darf eigentlich ins öffentliche Organigramm?
Spätestens bei der Frage „Stellen wir das auf die Website?“ kommt die DSGVO um die Ecke.
Grundgedanke:
- Interne Organigramme dürfen detaillierter sein (mit Namen, E-Mail, Durchwahlnummern).
- Öffentliche Organigramme sollten auf das Nötigste beschränkt sein.
Was hat sich in der Praxis bewährt?
Öffentlich, z. B. Website:
- Vorstandsmitglieder mit Funktion, ggf. E-Mail-Adresse
- zentrale Rollen (z. B. Geschäftsführung, Bereichsleitung, Pressestelle)
- ggf. anonymisierte Strukturen („Team Finanzen“, „Team Mitgliederverwaltung“) ohne alle Einzelpersonen zu nennen
Intern, z. B. im Mitgliederbereich oder Intranet:
- detailliertes Organigramm mit weiteren Namen und Kontaktdaten
- Verantwortlichkeiten für Finanzen, Daten, Systeme, Projekte
- Vertretungsregelungen („Wer übernimmt bei Ausfall?“)
Wichtig:
Bevor Namen öffentlich genannt werden, Einwilligung einholen (z. B. in der Datenschutzerklärung beim Amtsantritt: „Mit der Übernahme meines Amtes bin ich einverstanden, dass…“).
Wie wir in Vereinen Schritt für Schritt zum ersten Organigramm kommen
Wir haben in Beratungen gemerkt: Wenn man mit Grafikprogrammen startet, scheitert man oft an der Technik. Also drehen wir es um.
Schritt 1: Mit Stift und Papier anfangen
Unser Standard-Trick:
Großer Tisch, viele Zettel, Klebezettel, Stifte.
- Ganz oben: Mitgliederversammlung
- Darunter: Vorstand
- Dann alle Einheiten aufschreiben, die es „irgendwie“ gibt:
z. B. Jugendabteilung, AG Finanzen, Projekt X, Geschäftsstelle, Regionalgruppen
Jede Einheit bekommt ein eigenes Blatt oder einen Klebezettel.
Dann wird geschoben: Wer hängt wo drunter? Wer kooperiert eng? Wo gibt es Doppelfunktionen?
Meist entsteht dabei ein wunderbar ehrlicher Moment: „Moment – warum steht eigentlich Frau Müller nirgendwo, obwohl sie alles zur Mitgliederverwaltung macht?“
Schritt 2: Rollen und Aufgaben ergänzen
Wenn die Struktur steht, kommen wir zur spannenden Frage: Wer macht was?
Zu jeder Rolle (z. B. „Kassenwart:in“, „AG-Leitung Jugend“, „Geschäftsführung“) notieren wir stichwortartig:
- Kernaufgaben
- wichtige Entscheidungen
- Schnittstellen („arbeitet eng mit… zusammen“)
Das muss nicht perfekt sein – es reicht, wenn es die Realität halbwegs trifft.
Schritt 3: Erst dann ins Tool
Jetzt kommt das Grafikprogramm ins Spiel.
- Kästchen für Rollen/Funktionen
- Linien für Berichtswege/Zuordnungen
- ggf. Farben für Bereiche (z. B. Vorstand blau, Geschäftsstelle grün, Ehrenamt orange)
Pro-Tipp aus unserer Praxis:
Lieber simpel und gepflegt als schick und nie aktualisiert.
Wie oft sollte ein Organigramm aktualisiert werden?
Unsere Erfahrung aus Vereinen und Verbänden:
- Mindestens einmal im Jahr – z. B. nach der Mitgliederversammlung / Wahl.
- Zusätzlich bei größeren Veränderungen:
neue Geschäftsstelle, neue Projekte, großer Vorstandswechsel, Einführung neuer Gremien.
Hilfreich ist, eine verantwortliche Person festzulegen, z. B.:
- in kleineren Vereinen: eine Person aus dem Vorstand (oft Schriftführer:in)
- in größeren Organisationen: Geschäftsführung oder eine Person aus der Verwaltung/Organisation
Mini-Checkliste: Organigramm im Verein praktisch nutzen
Zum Abhaken im Kopf (oder gern ausdrucken):
- Gibt es mindestens eine aktuelle Version unseres Organigramms?
- Sind alle relevanten Rollen abgebildet – nicht nur die formalen Ämter?
- Sind Zuständigkeiten für Finanzen und Daten sichtbar?
- Wissen neue Ehrenamtliche, wo sie das Organigramm finden?
- Ist geklärt, was intern und was öffentlich gezeigt wird?
- Gibt es eine Person, die für die Pflege verantwortlich ist?
- Wird das Organigramm bei Vorstandswechseln automatisch mitgedacht?
Wenn bei mehreren Punkten ein leises „äh… nein“ kommt: genau der richtige Zeitpunkt, jetzt eins zu bauen.
Und was bringt das alles am Ende?
Wir erleben in Vereinen immer wieder den gleichen Moment:
Das Organigramm hängt zum ersten Mal aus – im Probenraum, im Büro, im Schaukasten.
Jemand bleibt stehen, schaut drauf und sagt:
„Ach, SO ist das gedacht. Jetzt verstehe ich endlich, warum ich mit meiner Idee nicht zum Kassenwart, sondern zur Projektgruppe komme.“
In diesem Moment wissen wir:
Die Linien und Kästchen haben ihren Job gemacht.
Ein gutes Organigramm:
- reduziert Missverständnisse,
- macht Verantwortlichkeiten sichtbar,
- erleichtert die Zusammenarbeit,
- wirkt professionell nach außen,
- und schützt im Zweifel auch einzelne Personen, weil klar ist, wer was entschieden hat.
Es löst nicht alle Vereinsprobleme.
Aber es ist ein erstaunlich günstiges Werkzeug, um Ordnung in ein System zu bringen, das oft von Engagement, Bauchgefühl und Improvisation lebt.
Und genau deshalb mögen wir es so.

12 Antworten
Die Idee mit dem Stift und Papier klingt gut! Oft kommen die besten Ideen einfach aus einem kreativen Prozess heraus.
Ja genau! Manchmal hilft es einfach loszulegen und dann sieht man weiter.
‚Finanzen‘ und ‚Daten‘ sind tatsächlich heikle Themen in jedem Verein. Ein klar strukturiertes Organigramm kann helfen, Missverständnisse zu vermeiden und Verantwortlichkeiten deutlich zu machen.
Ich sehe das auch so! Es könnte sehr nützlich sein für neue Mitglieder und besonders für die alten Hasen im Verein.
Ich stimme dir absolut zu! Es ist wichtig, dass jeder weiß, wer für was verantwortlich ist.
‚Klarheit‘ scheint das Schlüsselwort zu sein. Wie können wir sicherstellen, dass alle Mitglieder Zugang zu diesen Informationen haben? Es ist wichtig für alle Beteiligten.
‚Zugang‘ ist wirklich wichtig! Vielleicht sollte man das Organigramm auf der Vereinswebsite veröffentlichen oder regelmäßig in den Newslettern erwähnen.
Der Beitrag hat meine Sichtweise auf die Organisation von Vereinen verändert. Ich wusste gar nicht, dass ein Organigramm so viel bewirken kann! Wer hat Erfahrung mit der Umsetzung in einem kleinen Verein?
Ich habe es bei meinem Verein ausprobiert und es hat super funktioniert! Die Mitglieder waren viel zufriedener und die Kommunikation hat sich verbessert.
Ich finde den Artikel wirklich informativ. Organigramme sind so wichtig für die Struktur. Warum verwenden so viele Vereine sie nicht? Vielleicht, weil sie nicht wissen, wie sie anfangen sollen? Ich denke, das ist ein großes Thema.
Das stimmt, Hansjurgen. Viele haben Angst vor der Technik, dabei kann es so einfach sein. Ich frage mich, ob die Vereine auch Schulungen anbieten sollten?
Guter Punkt! Vielleicht könnten Workshops helfen, um den Mitgliedern zu zeigen, wie man ein Organigramm erstellt. Was haltet ihr davon?