– Sieben Wirtschaftsverbände fordern die Bundesregierung zur aktiven Teilnahme am EU-Omnibus-Trilog auf.
– Ein „German Vote“ würde die Glaubwürdigkeit der Regierung und den Verhandlungserfolg gefährden.
– Die Verbände fordern praxistaugliche Regeln, weniger Bürokratie und Planungssicherheit für Unternehmen.
Wirtschaftsverbände warnen vor deutscher Blockade in EU-Verhandlungen
Sieben führende Wirtschaftsorganisationen appellieren mit einem offenen Brief an die Bundesregierung, in den entscheidenden EU-Verhandlungen über Bürokratieentlastung eine klare Linie zu vertreten. Sie fordern eine aktive Rolle Deutschlands im sogenannten Omnibus-Trilog, in dem es um Erleichterungen beim EU-Lieferkettengesetz (CSDDD) und der Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) geht. Die Verbände sehen die Glaubwürdigkeit der Regierung in Gefahr, sollte sie ihre eigenen Ziele nicht konsequent verfolgen.
Die EU-Kommission, der Rat und das Parlament haben sich bis November auf Entlastungsvorschläge geeinigt, die laut der Wirtschaftsvertreter „sich im Kern mit den Vereinbarungen im Koalitionsvertrag decken.“ Die Bundesregierung hat sich darin dazu bekannt, "überbordende Regulierungen für (…) die Lieferkettensorgfaltspflicht (CSDDD) zu verhindern" und sich "für eine bürokratiearme Lösung insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen ein(zusetzen)". Diese Selbstverpflichtung müsse nun auch auf europäischer Ebene umgesetzt werden. Unterstützung erhält die Forderung vom Bundesrat, der in seiner Stellungnahme vom 17. Oktober 2025 eine 1:1-Umsetzung der Entlastungen verlangte (Stand: 17.10.2025).
Die Verbände drängen die Bundesregierung, sich im Trilog für eine schnelle und umfassende Einigung einzusetzen und nicht wegen interner Differenzen zu einer Enthaltung zu bewegen. Ein Abweichen von der gemeinsamen europäischen Linie – ein sogenannter "German Vote" – würde aus ihrer Sicht „den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen auf EU-Ebene gefährden“ und ein „fatales Signal für die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland“ senden.
Zu den Unterzeichnern gehört der Verband der Chemischen Industrie (VCI), der im Jahr 2024 einen Umsatz von 240 Milliarden Euro erzielte und mehr als 560.000 Menschen in Deutschland beschäftigt.
Die Wirtschaftsverbände argumentieren, dass nur praxistaugliche Regeln Nachhaltigkeit wirklich voranbringen können. Sie fordern Planungssicherheit und eine Reduktion der Bürokratie, konkret durch eine Begrenzung der Anwendungsbereiche von CSRD und CSDDD, den Verzicht auf verpflichtende Klimapläne in der CSDDD und einen konsequenten risikobasierten Ansatz bei direkten Zulieferern.
Damit positionieren sich die Verbände klar in einer Phase, in der die Verhandlungen auf EU-Ebene in die entscheidende Runde gehen. Welche konkreten Streitpunkte im Trilog auf dem Tisch liegen, erklärt das folgende Kapitel.
Der Omnibus-Trilog: Worum es geht und warum die Zeit drängt
In der Europäischen Union werden viele Gesetze in einem besonderen Verfahren ausgehandelt: dem Trilog. Dabei verhandeln Vertreter des Europäischen Parlaments, des Rates der EU (in dem die Mitgliedstaaten sitzen) und der Europäischen Kommission hinter verschlossenen Türen, um einen gemeinsamen Kompromiss zu finden. Aktuell steht ein solcher Trilog im Fokus, der die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen direkt betrifft.
Es geht um das sogenannte Omnibus-Paket zu den EU-Regeln für nachhaltiges Wirtschaften. Dieses Paket zielt darauf ab, zwei zentrale Gesetze zu überarbeiten: die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) für die Nachhaltigkeitsberichterstattung und die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), das EU-Lieferkettengesetz. Ziel der Verhandlungen ist es, Entlastungen für die Wirtschaft zu vereinbaren und praktische Unklarheiten in den Vorschriften auszuräumen.
Was regelt das Omnibus-Paket?
Das Paket bündelt Änderungen an zwei Säulen der europäischen Nachhaltigkeitsregulierung. Die CSRD legt fest, welche Unternehmen über ihre Umwelt- und Sozialauswirkungen berichten müssen. Die CSDDD verpflichtet Unternehmen, Menschenrechte und Umweltstandards in ihren Lieferketten zu achten. Die nun anstehenden Anpassungen sollen Bürokratie abbauen und die Praxistauglichkeit erhöhen, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.
Zeitplan und Ablauf des Trilog-Prozesses
Die offiziellen Trilog-Verhandlungen zum Omnibus-Paket starteten am 18. November 2025 (Quelle: AEB Community). Der geplante Zeitrahmen für die Gespräche erstreckt sich über das vierte Quartal 2025 bis ins erste Quartal 2026 (Stand: 18.11.2025, Quelle: AEB Community)*. In diesem engen Zeitfenster müssen die Verhandlungspartner eine Einigung erzielen, um Unternehmen zeitnah die geforderte Planungssicherheit zu geben. Die Dringlichkeit wird auch durch einen offenen Brief sieben führender Wirtschaftsverbände vom Dezember 2025 unterstrichen, die eine zügige und umfassende Einigung fordern.
Der Weg an den Verhandlungstisch
Die Verhandlungen zum EU-Omnibus-Paket fanden nicht im luftleeren Raum statt. Sie waren das Ergebnis eines klar erkennbaren politischen Prozesses, der die Erwartungen an die Bundesregierung sukzessive erhöhte. Drei zentrale Ereignisse markierten den Weg zum Beginn der Trilog-Gespräche.
- 17. Oktober 2025: Der Bundesrat fordert in einer Stellungnahme eine 1:1-Umsetzung von Entlastungen aus dem Omnibusverfahren.*
- 13. November 2025: Das Europäische Parlament stimmt mit 382 Ja-, 249 Nein-Stimmen und 13 Enthaltungen über seine Verhandlungsposition ab.*
Diese Abfolge schuf einen klaren Handlungsdruck.*
Entlastung auf Kosten von Umwelt und Menschenrechten?
Während Wirtschaftsverbände die geplanten Erleichterungen bei EU-Regeln begrüßen, stießen die Entlastungspläne in anderen Teilen der Gesellschaft auf heftige Kritik. Besonders Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen sowie Teile der Medien bewerteten die Entscheidungen des Europäischen Parlaments als Rückschritt.
Kritik aus Umweltverbänden
Die schärfste Ablehnung kam von Umweltverbänden. Sie warfen den EU-Institutionen vor, kurzfristige wirtschaftliche Interessen über den Schutz von Klima, Umwelt und Menschenrechten zu stellen. Der Deutsche Naturschutzring (DNR) bezeichnete die Abstimmung des EU-Parlaments am 13. November 2025 als einen Akt der „Kettensäge statt Lieferkettengesetz“*. Aus ihrer Sicht wurden durch die Beschlüsse zentrale Instrumente zur Durchsetzung von Sorgfaltspflichten in globalen Lieferketten ausgehöhlt. Die geplante Begrenzung der Haftung auf direkte Zulieferer und der Verzicht auf verpflichtende Klimapläne wurden als fatale Schwächung der Gesetzeswirkung kritisiert.
Mediale Kommentare griffen diese Position auf und sprachen von einem „Schlingerkurs“ in der europäischen Nachhaltigkeitspolitik. Die Debatte offenbarte ein tiefes Spannungsfeld: Auf der einen Seite das Bestreben, Unternehmen von als überbordend empfundener Bürokratie zu entlasten. Auf der anderen Seite die Forderung, verbindliche Regeln zum Schutz grundlegender Rechte und der Umwelt nicht zu verwässern. Diese Polarisierung prägte die öffentliche Auseinandersetzung um den sogenannten Omnibus-Trilog.
Ausblick: Wann kommt die Entscheidung und was bedeutet sie?
Die Verhandlungen über das sogenannte Omnibus-Paket befinden sich in der entscheidenden Phase. Der Trilog zwischen Europäischem Parlament, Rat und Kommission soll nach aktuellen Planungen für das vierte Quartal 2025 bis erstes Quartal 2026 abgeschlossen werden*.
Mögliche nächste Schritte im Trilog
Die Geschwindigkeit, mit der eine Einigung erzielt wird, hat direkte praktische Konsequenzen. Eine schnelle Verständigung noch in diesem Jahr würde Unternehmen früher Planungssicherheit geben. Sie könnten dann zügig mit der Umsetzung der angepassten Regeln zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) und den Lieferkettenvorschriften (CSDDD) beginnen*. Für Bürgerinnen und Bürger würde dies bedeuten, dass klare, europaweit einheitliche Standards für Unternehmensverantwortung schneller greifen.
Ein verzögerter Abschluss der Gespräche hingegen verlängert die Phase der Unsicherheit. Unternehmen müssten länger mit parallelen Planungen für verschiedene mögliche Regelungsszenarien leben, was Ressourcen bindet und Investitionen verzögern kann. Für Verbraucher bliebe der rechtliche Rahmen vorerst unklar, etwa welche Informationen sie künftig von Unternehmen erwarten können oder wie Beschwerdemechanismen ausgestaltet sind.
Letztlich zeigen die Diskussionen um dieses Paket, wie politische Entscheidungen auf EU-Ebene unmittelbar die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und das regulatorische Umfeld prägen. Die Ausgestaltung der finalen Kompromisse wird maßgeblich bestimmen, ob die neuen Pflichten als praktikabler Rahmen für mehr Nachhaltigkeit oder als bürokratische Hürde wahrgenommen werden.
Die vorliegenden Informationen und Aussagen stammen aus einer Pressemitteilung des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI).
Weiterführende Quellen:
- „Der Bundesrat forderte am 17. Oktober 2025 eine 1:1-Umsetzung von Entlastungen aus dem Omnibusverfahren als Unterstützung der bundesweiten Haltung zur aktiven Umsetzung.“ – Quelle: https://www.vci.de/presse/pressemitteilungen/wirtschaft-warnt-vor-german-vote
- „Am 13. November 2025 hat das EU-Parlament seine Verhandlungsposition zum Omnibus-Paket mit 382 Ja-, 249 Nein-Stimmen und 13 Enthaltungen beschlossen.“ – Quelle: https://www.dnr.de/aktuelles-termine/aktuelles/kettensaege-statt-lieferkettengesetz-eu-parlament-schreddert-umwelt-und
- „Die Trilog-Verhandlungen zum Omnibus-Paket begannen am 18. November 2025 und sind für das vierte Quartal 2025 bis erstes Quartal 2026 angesetzt.“ – Quelle: https://service.aeb.com/hc/de/community/posts/41310232333073-CSRD-und-CSDDD-Das-Omnibus-Paket-im-Trilog
- „Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung verpflichtet dazu, überbordende Regulierungen für die Lieferkettensorgfaltspflicht (CSDDD) zu verhindern und insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen bürokratiearme Lösungen zu fördern (Stand Koalitionsvertrag 2021).“ – Quelle: https://www.vci.de/presse/pressemitteilungen/wirtschaft-warnt-vor-german-vote
7 Antworten
‚Entlastung auf Kosten von Umwelt und Menschenrechten?‘ Das klingt besorgniserregend! Wie können wir sicherstellen, dass der Umweltschutz nicht zu kurz kommt?
@Toni Mayr: Gute Frage! Vielleicht sollten mehr NGOs in den Prozess eingebunden werden? Ihre Expertise könnte helfen.
‚Praxisnahe Regeln‘ sind echt nötig! Ich mache mir Sorgen über die kleinen Unternehmen. Wie können sie ohne Unterstützung überleben? Wir müssen unsere Stimme erheben und für Veränderungen kämpfen!
Genau, Yfuhrmann! Die kleinen Firmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. Gibt es Beispiele für gute Lösungen aus anderen Ländern?
Ich finde es wichtig, das die Bundesregierung sich klar positioniert. Der ‚German Vote‘ könnte wirklich schädlich sein. Wie sehen andere die Risiken einer Blockade? Ich denke, wir brauchen ein starkes Europa.
Ja, das stimmt! Eine Blockade könnte die Glaubwürdigkeit der Regierung gefährden. Welche Alternativen sieht ihr für eine bessere Zusammenarbeit in der EU?
Das Thema ist komplex, aber ich hoffe auf eine Einigung, die sowohl ökonomische als auch ökologische Interessen berücksichtigt. Was haltet ihr von den Forderungen nach weniger Bürokratie?