– Bio- und Bauernverbände überreichen EU-Agrarkommissar gemeinsames Weidepflicht-Papier.
– EU-Agrarkommissar kündigt Öffnung der EU-Ökoverordnung für flexiblere Weidepflicht an.
– Bauernverbände fordern Bund und Länder zeitnahe Brückenlösung bis EU-Ökoverordnungs-Änderung.
Dringender Appell an EU-Agrarkommissar: Weidepflicht im Ökolandbau flexibel gestalten
Im Rahmen seines Besuchs in Niederbayern stand der EU-Agrarkommissar Hansen im Mittelpunkt eines Treffens, das die Weidepflicht im Ökolandbau zum Thema hatte. Ziel der öffentlichen Veranstaltung am 30. Juli 2025 war es, ein Signal für mehr Flexibilität bei der Umsetzung dieser Vorschrift zu setzen – eine Forderung, die von den führenden Bio- und Bauernverbänden gemeinsam getragen wird. Vor rund 500 Zuhörern überreichte BBV-Präsident Felßner dem Kommissar ein gemeinsames Papier, das die Positionen von BBV, DBV, Naturland, Bioland und Demeter bündelt.
„Mir war es ein riesiges Anliegen, dass wir EU-Agrarkommissar Hansen bei seinem Besuch in Niederbayern zu einem Ruck bei der Weidepflicht im Ökolandbau bewegen“, betonte Felßner. Damit unterstrich er die Bedeutung der Debatte für die ökologische Tierhaltung und die Zukunft vieler landwirtschaftlicher Betriebe.
Der EU-Kommissar machte deutlich, dass er an der landwirtschaftlichen Tierhaltung als wichtigem Bestandteil der EU-Agrarpolitik festhalten und diese ausdrücklich unterstützen will. Dabei kündigte er an, die EU-Ökoverordnung zu überprüfen und zu ändern: „Er hat uns klargemacht, dass die EU-Ökoverordnung aufgemacht wird, um unter anderem eine Lösung für die Weidepflicht zu finden.“ Diese Aussicht auf eine Reform gibt den Verbänden neuen Schwung im Streit um praktikable Vorgaben für die Weidehaltung.
Bis zur Anpassung der Verordnung fordert Felßner nun Bund und Länder zum Handeln auf: „Nun liegt der Ball bei Bund und Ländern: Sie müssen zeitnah eine Brückenlösung eröffnen, damit bis zu einer Änderung der EU-Verordnung keine Betriebe wegen nicht-vollumfänglicher Weidehaltung aus ‚öko‘ aussteigen müssen.“ Dieser Aufruf verdeutlicht den akuten Handlungsbedarf, um ökologisch wirtschaftenden Höfen Planungssicherheit zu geben und deren Existenz zu sichern.
Der Einsatz für eine flexiblere Weidepflicht ist kein neues Anliegen. Seit Inkrafttreten des deutschen Weidepapiers Anfang dieses Jahres engagiert sich Felßner intensiv, dass Betriebe ohne umfassende Weidehaltung weiterhin als ökologisch zertifiziert werden können. „Im Schulterschluss mit dem DBV und den Bioverbänden scheint es nun gelungen zu sein, einer Lösung näherzukommen“, resümiert er. Das gemeinsame Vorgehen von Bauern- und Bioverbänden zeigt, wie viel Gewicht die Forderung durch breite Unterstützung gewinnt.
Das Treffen mit EU-Agrarkommissar Hansen setzte damit nicht nur ein deutliches Zeichen, sondern brachte auch konkrete Schritte zur Anpassung der Weidepflicht im Ökolandbau in Bewegung. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Bund und Länder die geforderte Übergangslösung schaffen und die EU-Verordnung tatsächlich geändert wird.
Wege zu mehr Flexibilität in der Öko-Landwirtschaft
Die Öko-Landwirtschaft steht vor bedeutenden Herausforderungen, denn die aktuellen Regeln zur Weidepflicht im Bio-Sektor geraten zunehmend in die Kritik. Die EU-Ökoverordnung schreibt vor, dass Rinder auf ökologisch bewirtschafteten Betrieben zumindest einen Teil des Jahres Zugang zu Weideland haben müssen. Ziel dieser Vorgabe ist es, hohe Standards für Tierwohl sowie Umwelt- und Klimaschutz sicherzustellen. Doch viele landwirtschaftliche Betriebe stoßen bei der Umsetzung an Grenzen: Regionale Klimabedingungen, geografische Gegebenheiten oder die Betriebsstruktur erschweren eine konsequente Weidehaltung.
Dieses Thema berührt längst nicht nur Landwirtinnen und Landwirte, sondern ist auch aus gesellschaftlicher Sicht relevant. Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten von Bio-Produkten eine hohe Qualität, die über den Verzicht auf Pestizide hinausgeht und Tierwohl fördert. Gleichzeitig wollen sie verlässliche Herkunfts- und Nachhaltigkeitskriterien. Komplexe Anforderungen wie die Weidepflicht spielen eine Schlüsselrolle bei der Glaubwürdigkeit des Bio-Siegels. Aktuelle politische Debatten zeigen, dass die starre Umsetzung der Weidepflicht zu wirtschaftlichen Belastungen und sogar zum Ausstieg einzelner Betriebe aus der Bio-Landwirtschaft führen kann. Deshalb fordert ein breites Bündnis aus Bio- und Bauernverbänden gemeinsam mit dem Bayerischen Bauernverband (BBV) eine flexiblere Handhabung.
Herausforderungen und Chancen für Betriebe
Landwirte stehen vor der Aufgabe, gesetzliche Vorgaben mit praktischen Möglichkeiten vor Ort in Einklang zu bringen. So können klimatische Extreme, wie lange Trockenperioden oder feuchte Böden, die Nutzung von Weideland einschränken. Auch in Ballungsgebieten oder Regionen mit hohem Grundwasserschutz sind Weideflächen begrenzt. Für Bio-Betriebe, die Weidehaltung nicht vollständig realisieren können, droht der Verlust der Öko-Zertifizierung – mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen.
Die aktuelle Diskussion um Anpassungen bei der Weidepflicht ist deshalb eine bedeutende Entwicklung. EU-Agrarkommissar Hansen hat signalisiert, dass die EU-Ökoverordnung überprüft und gegebenenfalls angepasst wird, um praktikablere Lösungen zu ermöglichen. Der BBV-Präsident Felßner fordert, dass Bund und Länder “zeitnah eine Brückenlösung eröffnen, damit bis zu einer Änderung der EU-Verordnung keine Betriebe wegen nicht-vollumfänglicher Weidehaltung aus 'öko' aussteigen müssen”. Diese Flexibilität würde Landwirten Planungssicherheit geben und ermutigen, weiterhin ökologische Produktionsweisen zu verfolgen.
Gesellschaftliche Bedeutung und Ausblick
Die Öko-Standards sind nicht nur eine Baustelle für die Landwirtschaft, sondern berühren breite gesellschaftliche Interessen: Nachhaltige Ernährung, Umweltbewusstsein und Tierwohl sind zentrale Werte, die zunehmend an Bedeutung gewinnen. Eine streng und einseitig ausgelegte Weidepflicht kann jedoch kontraproduktiv wirken, wenn dadurch Betriebe in ihrer Existenz gefährdet werden und Verbraucher mit weniger Angeboten konfrontiert sind.
Für die Zukunft ist eine Ausbalancierung gefragt, die sowohl ökologische Anforderungen als auch die Vielfalt landwirtschaftlicher Betriebsformen berücksichtigt. Die angestrebte Öffnung der EU-Ökoverordnung ist ein Schritt in diese Richtung. Sie signalisiert, dass das Öko-Siegel seine gesellschaftliche Relevanz behalten und weiterentwickelt werden kann, ohne dass realistische Produktionsbedingungen aus dem Blick geraten.
Betroffene Gruppen und Auswirkungen auf einen Blick:
- Landwirt*innen/Betriebe: Planungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität, Erhalt der Öko-Zertifizierung
- Bio-Branche: Glaubwürdigkeit und Vielfalt des Bio-Angebots
- Verbraucher*innen: Verlässliche Standards bei Tierwohl und Nachhaltigkeit
- Gesellschaft: Förderung ökologischer Landwirtschaft als Beitrag zu Umwelt- und Klimaschutz
Die Diskussion um eine flexiblere Weidepflicht zeigt: Öko-Landwirtschaft muss sich an wandelnde Bedingungen anpassen können, um zukunftsfähig zu bleiben. Sie ist ein Kernelement einer nachhaltigen Agrarpolitik, die mit realistischen und sozial tragfähigen Regeln den Ernährungswandel unterstützt.
Für diesen Beitrag stammen die Informationen und Zitate aus einer Pressemitteilung des Bayerischen Bauernverbands.