– Foodwatch-Test: Günstige Supermarkt-Eigenmarken oft gesünder und günstiger als Markenprodukte.
– Viele Markenhersteller verweigern Nutri-Score-Kennzeichnung, erschweren Verbrauchervergleich gesunder Lebensmittel.
– Supermarktketten sollen Nutri-Score-Ampel für alle Produkte im Sortiment gewährleisten.
Günstige Handelsmarken punkten mit besserer Nährwertqualität als bekannte Markenprodukte
Eigenmarken vieler Supermarktketten schneiden beim Nutri-Score-Check besser ab als teurere Markenartikel. Die Verbraucherorganisation foodwatch hat zwanzig Produkte aus den Sortimenten von Rewe, Lidl und Edeka nach dem aktuellen Nutri-Score-Algorithmus geprüft. Das Ergebnis: Günstige Handelsmarken weisen häufig eine ausgewogenere Nährwertqualität auf als vergleichbare bekannte Markenprodukte – und das trotz deutlich niedrigerer Preise.
Beispielsweise erhält die „Ja! Cola“ von Rewe den Nutri-Score D bei einem Preis von 0,43 Euro pro Liter, während die teurere Coca-Cola mit 1,27 Euro pro Liter nur die Bewertung E bekommt. Ähnlich sieht es beim „Crownfield Schoko-Hafer-Müsli“ von Lidl im Vergleich zum Kölln Schoko-Hafer-Müsli aus: die Eigenmarke erzielt den Nutri-Score C (3,05 Euro/kg) und liegt damit vor dem Markenprodukt mit D (7,58 Euro/kg). Auch bei Fertiggerichten wie dem Chili sin Carne ist die Handelsmarke von Rewe (Nutri-Score A) besser bewertet als das bekannte Produkt von Little Lunch (Nutri-Score C) bei nahezu doppeltem Preis.
Der Nutri-Score zeigt Verbraucher:innen auf einen Blick, wie ausgewogen ein Lebensmittel im Hinblick auf Fett, Zucker, Salz und weitere Nährstoffe ist. Die Darstellung in Ampelfarben auf der Packungsvorderseite erleichtert vor allem bei verarbeiteten Produkten den Vergleich. Während der Großteil der Eigenmarken diesen leicht verständlichen Nährwert-Check bereits nutzt, verweigern sich viele Markenhersteller der Kennzeichnung. Für Verbraucher:innen erschwert das den direkten Vergleich.
„*Teurer ist nicht automatisch besser! Nicht selten schneiden die teureren Markenprodukte in punkto Fett, Zucker und Salz schlechter ab – die Verbraucher:innen erfahren es aber gar nicht, weil die Marken-Hersteller sich dem Nutri-Score verweigern. Die ehrlichen Handelsmarken sind dann die Dummen: Denn eine orangene Ampel auf einem Müsli mag manche Verbraucher:innen dazu verleiten, zum teureren Markenprodukt ohne Nutri-Score zu greifen – obwohl dieses ungesünder ist! Es liegt im Eigeninteresse der Handelsketten für mehr Transparenz zu sorgen – auch auf den Markenprodukten in ihrem Sortiment!*“ sagte Luise Molling von foodwatch.
Das zeigt, wie wichtig der Nutri-Score als Instrument für Verbraucher:innen ist, um gesündere Kaufentscheidungen zu treffen. Produkte wie „Ja! Erdnussflips“ von Rewe erhalten mit dem Nutri-Score D eine bessere Bewertung als etwa die von De Rit mit E. Auch bei kühlen Getränken wie „Ja! Eistee Pfirsich“ (C) gegenüber Durstlöscher Eistee Pfirsich (E) springen die günstigeren Eigenmarken besser heraus.
foodwatch fordert daher, dass Supermärkte nicht nur ihre Eigenmarken, sondern alle Produkte in ihrem Sortiment transparent mit dem Nutri-Score auszeichnen – sei es auf der Verpackung oder zumindest in den Online-Shops und Regalen. Andere internationale Händler wie Carrefour in Frankreich oder Albert Heijn in den Niederlanden setzen diese Praxis bereits um.
Die Nutri-Score-Kennzeichnung wurde ursprünglich von Wissenschaftler:innen im Auftrag der französischen Gesundheitsbehörde entwickelt und dient als verlässliche Orientierung für eine gesunde Ernährung. Die aktuelle Untersuchung unterstreicht die Bedeutung dieser Nährwertampel für mehr Transparenz auf dem Lebensmittelmarkt und zeigt, dass eine höhere Preisklasse keineswegs automatisch bessere Nährstoffe bedeutet.
Wie der Nutri-Score die Ernährungslandschaft verändert
Der Nutri-Score hat sich in den letzten Jahren als ein zentrales Instrument zur Verbesserung der Transparenz in der Lebensmittelkennzeichnung etabliert. Ursprünglich in Frankreich entwickelt, bietet die farbige Nährwertampel Verbraucher:innen eine schnelle und verlässliche Orientierung auf der Verpackung. So lässt sich auf einen Blick erkennen, wie ausgewogen oder unausgewogen ein Produkt ist. In Deutschland ist der Nutri-Score seit 2020 freiwillig, und während viele Handelsmarken ihre Produkte bereits kennzeichnen, zeigen sich Markenhersteller häufig zögerlich.
Dieses Verhalten hat große Auswirkungen auf den Verbraucherschutz und die Markttransparenz: Ohne flächendeckende Kennzeichnung bleibt es für Käufe oftmals schwierig, gesunde und weniger gesunde Lebensmittel klar zu unterscheiden. Die Folge sind oft Fehlentscheidungen, bei denen Verbraucher:innen teurere Markenprodukte kaufen, obwohl günstigere Eigenmarken meist eine bessere Nährwertqualität bieten. Hier greift der Nutri-Score als Instrument, um diesen Zustand zugunsten der Verbraucher:innen und für mehr Markttransparenz zu verändern.
Transparenz und Verbraucherrechte
Die Einführung des Nutri-Scores stärkt die Verbraucherrechte erheblich. Durch die einfache Ampelgrafik reduziert sich die Komplexität der Nährwertinformationen, die bisher oft nur in Kleingedrucktem oder mit technischen Tabellen auf den Verpackungen zu finden waren. Verbraucher:innen können so selbstbewusster und fundierter auswählen – ein wichtiger Schritt im Verbraucherschutz.
Gleichzeitig üben viele europäische Nachbarländer Druck auf die Lebensmittelbranche aus, die Nährwertkennzeichnung einheitlich und verpflichtend einzuführen. Besonders in Ländern wie Frankreich, Belgien, Spanien und den Niederlanden ist der Nutri-Score weit verbreitet und teils verpflichtend oder stark gefördert. In den Niederlanden zeigt etwa die Supermarktkette Albert Heijn vorbildlich, dass alle Produkte mit Nutri-Score ausgezeichnet werden – inklusive Markenprodukte. Auch Carrefour in Frankreich zwingt Lieferanten zunehmend zur Angabe des Scores. Solche Initiativen schaffen eine hohe Vergleichbarkeit und setzen den Wettbewerb in Bewegung.
Wettbewerb und Verantwortung im Lebensmittelhandel
Die Rolle des Handels ist entscheidend: Discounter und Supermärkte sind oft Vorreiter bei der Nutri-Score-Kennzeichnung ihrer Eigenmarken. Der Nutri-Score-Check von foodwatch belegt, dass günstige Handelsmarken häufig gesünder sind als vergleichbare Markenprodukte. Allerdings führt die freiwillige Nutzung zu einem Ungleichgewicht, wenn Markenhersteller ihre Produkte nicht kennzeichnen und damit einen Wettbewerbsvorteil erzielen. Das zögerliche Verhalten vieler Markenunternehmen in Deutschland steht in starkem Kontrast zu Händlerketten in anderen europäischen Ländern, die bereits eine umfassendere Offenlegung praktizieren.
Diese Dynamik wirkt sich direkt auf die Marktstruktur aus. Mit mehr Transparenz wächst die Verantwortung der Hersteller für die Qualität ihrer Produkte. Gleichzeitig könnten verpflichtende Kennzeichnungen den Wettbewerb in Richtung gesünderer Lebensmittel verschieben und so das Angebot insgesamt verbessern.
Einige wesentliche Punkte zur aktuellen Entwicklung:
- Frankreich, Belgien, Spanien und die Niederlande gelten als Vorreiter mit teils verpflichtendem oder weit verbreitetem Nutri-Score.
- Händler wie Carrefour (Frankreich) und Albert Heijn (Niederlande) kennzeichnen systematisch alle Produkte, einschließlich Markenartikel.
- In Deutschland dominieren Eigenmarken mit Nutri-Score, während viele Markenhersteller sich der Kennzeichnung entziehen.
- Verbraucher:innen profitieren von besserer Vergleichbarkeit und gezielteren Kaufentscheidungen, was langfristig auch die Marktstruktur beeinflusst.
Der Weg zu einer verpflichtenden und einheitlichen Nährwertkennzeichnung stößt jedoch nicht nur auf Unterstützung. Hersteller fürchten Imageverluste und verlieren Kontrolle über die Produktwahrnehmung. Ebenso herrscht Uneinigkeit über eine bundesweite Pflicht, was durch freiwillige Nutzung Verwirrung und Ungleichheiten erzeugt. Dennoch wächst der gesellschaftliche Druck, diese Transparenzinitiative konsequent umzusetzen.
Die Perspektive zeigt, dass der Nutri-Score über seine reine Kennzeichnungsfunktion hinaus das Potenzial besitzt, konsum- und marktrelevante Strukturen grundlegend zu verändern. Mehr Transparenz steigert die Orientierung bei Lebensmitteln, fördert gesundheitsbewusstes Verhalten und führt zu einem wettbewerbsorientierten Anreiz, die Nährwertqualität anzuheben. Damit steht der Nutri-Score am Beginn eines tiefgreifenden Wandels – nicht nur auf den Verpackungen, sondern auch in der Ernährungslandschaft Europas.
Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag basieren auf einer Pressemitteilung von foodwatch e.V.