AWO warnt vor sozialem Rückbau: Kritik an Neuer Grundsicherung und Forderung nach antifaschistischer Sozialpolitik

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) warnt in einer aktuellen Stellungnahme vor den Risiken der geplanten „Neuen Grundsicherung“. Der Verband befürchtet, dass die Reform Menschen in größere Not und sogar in die Wohnungslosigkeit drängen könnte, statt Sicherheit zu bieten. Statt härterer Sanktionen fordert die AWO eine armutsfeste und diskriminierungsfreie Sozialpolitik, die den sozialen Aufstieg ermöglicht.
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Inhaltsübersicht

– AWO warnt vor Angriff auf Sozialstaat durch „Neue Grundsicherung“
– Reform führt laut AWO zu mehr Not und drohender Wohnungslosigkeit
– Verband fordert armutsfeste und diskriminierungsfreie Sozialpolitik

AWO warnt vor sozialem Rückbau durch „Neue Grundsicherung“

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat am 21. November 2025 in Berlin vor den Folgen der geplanten „Neuen Grundsicherung“ gewarnt. In ihrer Stellungnahme beschreibt der Wohlfahrtsverband die Reform als eine Entwicklung, die betroffene Menschen in noch größere Notlagen treiben könnte.

Auf mehr als 30 Seiten (Stand: 21. November 2025) analysiert die AWO die Risiken des Gesetzentwurfs. AWO-Präsident Groß betont, dass die vorgesehene Grundsicherung den betroffenen Menschen nicht die notwendige Sicherheit biete, sondern sie in Überforderung und im schlimmsten Fall in Wohnungslosigkeit bringen könnte.

Aus der täglichen Praxis ihrer Einrichtungen heraus formuliert die AWO konkrete Kritik am geplanten Sanktionssystem. „In unseren Schuldnerberatungen, bei unseren Arbeitsmarktträgern und in vielen weiteren Einrichtungen treffen wir als AWO jeden Tag auf Menschen, die arm oder armutsgefährdet sind. Was diese Menschen brauchen, sind nicht härtere Sanktionen und Drohkulissen, sondern Vertrauen und Unterstützung auf ihrem Weg in gute Arbeit“, so Groß. Statt Ausgrenzung fordert der Verband Instrumente, „die den sozialen Aufstieg ermöglichen und nicht weiter ausbremsen.“

Die AWO warnt zudem vor den gesellschaftspolitischen Folgen der Reform. „Die Menschen in Deutschland erwarten zurecht, dass ihnen in schwierigen Situationen die Solidarität der Gesellschaft zuteil wird – das ist das Versprechen unseres Sozialstaats. Wer diese Erwartung enttäuscht und die Leute auch noch in vermeintlich ‚Leistungslose‘ und ‚Fleißige‘ aufteilt – wie es das Sanktionsregime der ‚Neuen Grundsicherung‘ vorsieht – der verspielt Vertrauen in die Demokratie.“

Als Alternative zur aktuellen Reform schlägt die AWO das Konzept einer „antifaschistischen Sozialpolitik“ vor. „Armutsfest, einfach, diskriminierungsfrei – das ist es, was wir unter ‚antifaschistischer Sozialpolitik‘ verstehen. Denn eine Politik, die sich an diesen Zielen ausrichtet, führt uns zusammen, statt uns zu spalten und Rechtspopulisten in die Arme zu treiben“, erläutert der AWO-Präsident.

Die vollständige Stellungnahme des AWO Bundesverbandes zum Referentenentwurf zur Neuen Grundsicherung steht unter * (Stand: 21. November 2025) zur Verfügung.

Reform mit Risiken: Was die Neue Grundsicherung wirklich ändert

Die geplanten Änderungen an der Grundsicherung gehen weit über kosmetische Korrekturen hinaus. Die aktuellen Pläne zur Neuen Grundsicherung verfolgen eine umfassende Neustrukturierung zur Verbesserung der Governance und der Erwerbsanreize, wobei zentrale Elemente des Bürgergeldes zurückgenommen werden*. Diese Neujustierung betrifft mehrere zentrale Säulen des bisherigen Systems und könnte die Lebensrealität von Leistungsbeziehenden grundlegend verändern.

Was ändert die Reform?

Die Bundesregierung führte im Oktober 2025 eine altersabhängige Staffelung des Schonvermögens ein, hob die Karenzzeit für Vermögen auf und verschärfte Sanktionen, darunter vollständige Kürzungen des Regelbedarfs sowie den vorübergehenden Einbehalt der Unterkunftskosten bei Meldeversäumnissen oder Arbeitsverweigerung*. Diese Maßnahmen markieren eine deutliche Abkehr von den bisherigen Prinzipien des Bürgergeldes.

Die Reform sieht umfassende Sanktionsmöglichkeiten vor, die inklusive Wegfall der Karenzzeit bei Wohnkosten zu einem erhöhten Risiko von Wohnungslosigkeit bei Betroffenen führen können*. Besonders kritisch bewerten Fachleute die Möglichkeit, bei Verstößen gegen Mitwirkungspflichten nicht nur den Regelsatz, sondern auch die Kosten für Unterkunft und Heizung zu kürzen.

Rechtliche und praktische Risiken

Die Kombination aus verschärften Sanktionen, veränderten Vermögensregeln und der Möglichkeit von Totalkürzungen könnte besonders vulnerable Gruppen treffen. Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Alleinerziehende und Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen sehen sich potenziell existenziellen Risiken ausgesetzt, wenn sie den gestiegenen Mitwirkungspflichten nicht nachkommen können.

Die Arbeiterwohlfahrt warnt in ihrer Stellungnahme vor den Konsequenzen: „Die sogenannte ‚Neue Grundsicherung‘ wird ihrem Namen in keiner Weise gerecht: Statt Menschen in schweren Lebenslagen Sicherheit zu geben, drängt sie sie in noch größere Not, Überforderung und im schlimmsten Fall in die Wohnungslosigkeit“, resümiert AWO-Präsident Groß die Einschätzung des Verbands zum Gesetzentwurf der Bundesregierung.*

Zahlen, Statistiken und Belege: Was die Daten zur Grundsicherung zeigen

Die Diskussion um die Grundsicherung lässt sich mit konkreten Zahlen fundiert einordnen. Aktuelle Daten zeigen sowohl die finanziellen Dimensionen als auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge auf.

Regelsatz und Haushaltsausgaben

Der monatliche Regelsatz der Grundsicherung betrug im April 2025 563 Euro*.

Im Bundeshaushalt zeigt sich eine deutliche Steigerung der geplanten Ausgaben: Während im Vorjahr 46,81 Milliarden Euro für die Grundsicherung veranschlagt waren, sind für das Jahr 2025 51,96 Milliarden Euro eingeplant (Stand: 21.10.2025)*.

Jahr Kennzahl Wert Quelle/Stand
2024 Haushaltsausgaben Grundsicherung 46,81 Mrd. Euro Bundestagsdokumentation, 21.10.2025*
2025 Haushaltsausgaben Grundsicherung 51,96 Mrd. Euro Bundestagsdokumentation, 21.10.2025*
2025 Regelsatz Grundsicherung 563 Euro Fachpublikation, April 2025*

Demokratierisiken laut Forschung

Die Ausgestaltung der Grundsicherung besitzt auch eine demokratiepolitische Dimension. Wenn Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, in schwierigen Lebenslagen nicht ausreichend unterstützt zu werden, kann dies langfristig das Vertrauen in das politische System untergraben.

Die Diskussion um die Grundsicherung betrifft fundamentale Fragen des sozialen Zusammenhalts und der demokratischen Stabilität in Deutschland.

Soziale Sicherheit unter Druck

Die geplante Reform der Grundsicherung könnte bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders hart treffen. Fachleute sehen erhöhte Risiken für Menschen in prekären Wohnverhältnissen und für Care-Arbeitende. Betroffene müssten bei Verlust ihres Einkommens sofort für ihre Miete aufkommen, ohne Übergangsfrist.*

Wer ist besonders gefährdet?

Menschen mit unsicheren Arbeitsverhältnissen und geringem finanziellen Polster stehen vor existenziellen Herausforderungen. Die verschärften Mitwirkungspflichten könnten Care-Arbeitende durch Totalsanktionen besonders treffen.* Personen, die Kinder erziehen oder Angehörige pflegen, hätten weniger zeitliche Kapazitäten für bürokratische Anforderungen. Bei Verstößen drohen Kürzungen.*

Die Arbeiterwohlfahrt warnt in ihrer Stellungnahme: „Statt Menschen in schweren Lebenslagen Sicherheit zu geben, drängt sie sie in noch größere Not, Überforderung und im schlimmsten Fall in die Wohnungslosigkeit.“ Diese Einschätzung unterstreicht die Sorge vor kaskadenartigen Effekten: Aus finanziellen Engpässen werden Wohnungsverluste, aus Wohnungslosigkeit erschwerte Jobsuche.

Politische Folgewirkungen

Sozialstaatsreformen haben stets auch gesellschaftspolitische Dimensionen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen korrelative Zusammenhänge zwischen sozialer Unsicherheit und politischer Entfremdung.* Wenn staatliche Unterstützung als unzureichend oder ungerecht wahrgenommen wird, kann dies Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben.*

Die AWO positioniert sich deutlich: „Wer diese Erwartung enttäuscht und die Leute auch noch in vermeintlich 'Leistungslose' und 'Fleißige' aufteilt – wie es das Sanktionsregime der 'Neuen Grundsicherung' vorsieht – der verspielt Vertrauen in die Demokratie.“ Diese Einschätzung verweist auf die demokratietheoretische Bedeutung sozialer Sicherungssysteme.

Fachleute beobachten, dass soziale Spaltungstendenzen politische Polarisierung begünstigen können. Wenn Bevölkerungsgruppen das Gefühl haben, vom Staat im Stich gelassen zu werden, wächst die Anfälligkeit für rechtspopulistische Simplifizierungen.* Die Qualität sozialstaatlicher Absicherung beeinflusst somit nicht nur individuelle Lebenslagen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Ausblick und Schlussfolgerungen

Die Debatte um die "Neue Grundsicherung" bleibt dynamisch. Das erklärte Ziel der Bundesregierung liegt in der Verbesserung von Governance und Erwerbsanreizen bei gleichzeitiger Rücknahme zentraler Bürgergeld-Elemente.* Doch welche Entwicklungen sind jetzt entscheidend?

Was jetzt zu beobachten ist

Drei Bereiche verdienen besondere Aufmerksamkeit:

  • Gesetzgebungsverfahren: Der parlamentarische Prozess wird zeigen, ob und wie der Entwurf modifiziert wird. Die Ausschussberatungen bieten Raum für fachliche Korrekturen.

  • Praktische Umsetzung: Sozialberatungen und Arbeitsmarktträger werden früh erkennen, wie sich die Neuregelungen auf Betroffene auswirken. Ihre Erfahrungsberichte liefern wichtige Realitätschecks.

  • Rechtliche Prüfung: Verfassungsrechtliche Bedenken gegenüber dem Sanktionsregime könnten letztlich vor Gericht landen.

Empfehlungen für die Debatte

Eine sachliche Auseinandersetzung sollte sich an folgenden Leitplanken orientieren:

  • Die Diskussion muss bei den tatsächlichen Lebensrealitäten armutsbetroffener Menschen ansetzen, nicht bei theoretischen Modellen.

  • Die Wirkung auf demokratische Teilhabe und sozialen Zusammenhalt verdient mindestens gleich viel Beachtung wie fiskalische Effekte.

  • Erfahrungswerte aus der Praxis sollten kontinuierlich in die politische Debatte zurückfließen.

Die vollständige fachliche Einschätzung der Arbeiterwohlfahrt mit detaillierter Analyse und konkreten Reformvorschlägen findet sich in ihrer Stellungnahme zur Neuen Grundsicherung.* Dieses Dokument bietet eine fundierte Grundlage für alle, die sich vertieft mit den sozialpolitischen Weichenstellungen beschäftigen möchten.

Die vorliegenden Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung des AWO Bundesverband e. V.

Weiterführende Quellen:

12 Antworten

  1. Ich stimme zu – soziale Sicherheit ist ein Grundrecht! Die AWO hat recht damit zu sagen, dass Menschen in Not Unterstützung brauchen und keine Bestrafung.

    1. Das sehe ich auch so! Wir sollten alle zusammenarbeiten und versuchen eine Stimme für die Betroffenen zu sein.

  2. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute nicht verstehen, wie ernst diese Reform ist. Wir müssen mehr Aufklärung betreiben und darüber sprechen! Was denkt ihr darüber?

  3. Ich finde es auch schlimm, dass Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen so betroffen sind von diesen Änderungen. Was denkt ihr über die Möglichkeit von Totalkürzungen? Das macht mir wirklich Angst.

    1. Das ist echt beängstigend! Ich frage mich, wie man diese Ungerechtigkeiten öffentlich machen kann und ob es Petitionen gibt.

    2. Es müsste echt mehr Druck auf die Regierung geben! Wie seht ihr das mit den Sanktionen – sollten wir nicht eher Anreize schaffen statt Strafen?

  4. Die Zahlen zur Grundsicherung sind alarmierend! 563 Euro reichen einfach nicht aus, um menschenwürdig zu leben. Wie sollen Betroffene in einer so teuren Stadt wie Berlin wohnen? Die Politik muss sich echt Gedanken machen.

    1. Genau das ist das Problem! Die Politik scheint den Bezug zur Realität verloren zu haben. Gibt es keine Möglichkeit für einen breiteren Dialog über diese Themen?

  5. Ich finde die Bedenken der AWO sehr berechtigt. Die neue Grundsicherung könnte wirklich viele Menschen in Not bringen. Wer denkt an die Leute, die schon jetzt kaum über die Runden kommen? Es braucht dringend eine Reform, die hilft, nicht schadet!

    1. Das stimmt! Es wäre schön zu wissen, wie wir als Gesellschaft besser unterstützen können. Hat jemand Ideen, wie man die AWO unterstützen kann oder was jeder Einzelne tun kann?

    2. Ich habe auch gehört, dass es gute Alternativen gibt. Vielleicht könnte man mehr auf soziale Integration setzen und weniger auf Sanktionen.

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