Es gibt im Fundraising diese Momente, in denen man eine Zahl hört, kurz nickt – und sie einem dann Tage später wieder durch den Kopf schießt. So ging es uns mit dem Thema Nachlassspenden. In Gesprächen mit Stiftungen, Fachverbänden und Kolleg:innen aus großen Organisationen taucht immer wieder dieselbe Botschaft auf:
Hier liegt ein Riese. Er schläft noch in vielen Vereinen. Und er ist deutlich größer, als man denkt.
Während wir mühsam Projektanträge schreiben, Benefizläufe organisieren und Fördermitgliedschaften verwalten, wird in deutschen Testamenten jedes Jahr still und leise ein Vermögen verteilt, von dem auch kleine und mittlere Vereine profitieren könnten – wenn sie denn vorkommen würden. Tun sie aber oft nicht.
Zeit, das zu ändern.
Warum Nachlassspenden für Vereine so spannend sind
In vielen Gesprächen mit Vorständen hören wir denselben Satz: „Unsere Leute sind doch nicht reich.“ Spannend daran: Das sagen auch Vereine, deren Mitglieder eigene Häuser abbezahlt haben, alte Lebensversicherungen besitzen oder seit zwanzig Jahren denselben Verein mit 10 Euro im Monat unterstützen.
Nachlassspenden sind nicht nur etwas für klassische „Großspender:innen“. Typische Konstellation:
- jemand ohne Kinder, dafür mit engem Freundeskreis und starker Bindung an „seinen“ Verein
- ein langjähriges Mitglied, das über Jahrzehnte kleinere Spenden gegeben hat
- Menschen, für die der Verein ein wichtiger Teil ihres Lebenswegs war (Jugend, Sport, Musik, Selbsthilfegruppe …)
Wenn diese Personen ein Testament machen – oft spät, manchmal auch erst nach einem gesundheitlichen Einschnitt – taucht die Frage auf:
Wer soll etwas bekommen, der mir wichtig ist – außer Familie und Freund:innen?
Und genau hier spielt sich die Musik ab. Entweder ist euer Verein dann präsent. Oder unsichtbar.
Der größte Fehler: Wir reden nicht drüber
Eine Erkenntnis aus unserer Arbeit: Nicht die „falsche Zielgruppe“ ist das Problem. Sondern das Schweigen.
Viele Vereine haben innerlich ein stilles Tabu beim Thema Tod und Testament:
- „Das ist doch heikel, wir wollen niemanden bedrängen.“
- „Wer redet denn gerne über den Tod?“
- „Wir sind doch kein Hospiz, bei uns geht’s um Sport/Musik/Natur/…“
Verstehen wir total. Und trotzdem: In der Praxis erleben wir immer wieder, dass genau das Gegenteil stimmt. Menschen, die ernsthaft darüber nachdenken, jemanden in ihr Testament aufzunehmen, sind oft froh, wenn Vereine:
- klar sagen, dass Nachlassspenden möglich sind
- einfach erklären, wie das geht
- respektvoll bleiben und keinen Druck machen
Nachlassspenden sind kein „Verkaufsprodukt“. Sie sind eine Option. Und die muss man erstmal kennen, um sie überhaupt erwägen zu können.
Schritt 1: Unsere Perspektive weiten – wer könnte überhaupt in Frage kommen?
Wenn in Vereinen über Nachlassspenden gesprochen wird, denken viele sofort an: „sehr alt“ + „sehr wohlhabend“ + „ohne Familie“. Das ist ungefähr so, als würde man beim Thema Mitgliedergewinnung nur an 27-jährige Marketingprofis im Homeoffice denken.
Unser Blick ist mit der Zeit deutlich breiter geworden. Drei Gruppen sind für Nachlassspenden spannend:
1. Langjährige Unterstützer:innen
Die Klassiker:
- seit Jahren Mitglied
- seit Jahren Förderbeitrag
- seit Jahren dabei bei jeder Spendenaktion
Die Summe ihrer kleineren Beiträge ist oft beeindruckend. Und vor allem: Die emotionale Bindung. Wenn Menschen euch seit Jahrzehnten durch ihr Leben „mitnehmen“, dann ist die Idee, euch im Testament zu berücksichtigen, absolut naheliegend – wenn sie auf die Idee gebracht werden.
2. Menschen mit biografischer Verbindung
Da ist die Frau, die in eurer Jugendfreizeitgruppe das erste Mal alleine verreist ist.
Der Mann, der durch euren Verein wieder zurück in den Sport gefunden hat.
Die Familie, die in einer schweren Krankheitssituation von eurer Selbsthilfegruppe getragen wurde.
Solche Erfahrungen sitzen tief. Wer später sein Leben sortiert – und dazu gehört nun mal auch ein Testament – denkt oft an die Orte und Menschen, die geprägt haben. Das können auch Vereine sein.
3. Menschen in Lebensübergängen
Wir haben gemerkt: Es gibt Zeitfenster, in denen das Thema Testament viel präsenter ist als sonst:
- Ruhestand, Umzug, Hausverkauf
- Tod eines nahen Angehörigen
- schwere eigene Erkrankung
- Trennung, Scheidung, Neuorientierung
Das heißt nicht, dass man zu solchen Anlässen plump mit „Testament-Newsletter“ um die Ecke kommt. Aber es heißt: In eurer ganz normalen Kommunikation dürfen diese Lebensphasen vorkommen – und darin ganz natürlich auch die Idee, den eigenen Werten langfristig Ausdruck zu geben.
Schritt 2: Klar fragen, statt drum herumzuschleichen
Wir haben es selbst lange vermieden, Formulierungen rund ums Vererben klar zu benutzen. Bis uns eine Unterstützerin ziemlich direkt gesagt hat:
„Ich überlege wirklich, euch in meinem Testament zu bedenken. Aber ihr macht es einem auch nicht gerade leicht, das herauszufinden.“
Autsch. Recht hat sie.
Wo man Nachlassspenden sichtbar machen kann
Ohne großes Tamtam, einfach eingebaut in das, was ohnehin existiert:
Mitgliedsantrag / Spendenformular
Kleiner Zusatz am Ende:
„Ich möchte Informationen dazu erhalten, wie ich den Verein in meinem Testament berücksichtigen kann.“
→ Ein simples Ankreuzfeld reicht.Newsletter & Rundbriefe
1–2 Mal im Jahr ein kurzer Infokasten:
„Sie können unsere Arbeit auch über Ihr Leben hinaus unterstützen – z. B. durch ein Vermächtnis in Ihrem Testament. Mehr Infos: …“Website
Eine klar erkennbare Unterseite „Nachlassspenden“ oder „Mit dem Testament Gutes tun“.
Kein juristisch aufgeblasener Text, sondern verständliche Sprache.Jahresbericht
Ein Abschnitt „Langfristig Gutes tun“ mit Hinweis auf Nachlassspenden, vielleicht kombiniert mit einer kleinen Geschichte (anonymisiert).
Was wir konkret sagen können
Viele Vereine trauen sich nicht an Beispiele für Testament-Formulierungen, aus Sorge vor „Rechtsberatung“. Völlig berechtigt, das ist sensibel. Und trotzdem kann man helfen, ohne Jura zu spielen.
Zum Beispiel so (mit deutlichem Hinweis: „Keine Rechtsberatung, bitte mit Notar/Anwältin besprechen“):
„Wer unsere Arbeit langfristig unterstützen möchte, kann uns in seinem Testament z. B. mit einem Vermächtnis bedenken. Eine mögliche Formulierung könnte lauten:
‚Ich vermache dem [Name des Vereins], [Sitz des Vereins], eingetragen im Vereinsregister des Amtsgerichts [Ort] unter der Nummer [VR-Nummer], den Betrag von … Euro.‘“
Klingt unspektakulär – wirkt aber enorm. Weil es eine abstrakte Idee in eine handhabbare Möglichkeit verwandelt.
Schritt 3: Geschichten erzählen, statt mit Paragrafen zu erschlagen
Kaum jemand entscheidet sich für eine Nachlassspende, weil der steuerliche Effekt so vorbildlich optimiert wurde. Der Auslöser ist fast immer biografisch und emotional.
Wir merken das besonders, wenn Geschichten ins Spiel kommen. Ein Beispiel aus unserer Beratungspraxis (leicht verändert):
Eine kleine Musikschule, ehrenamtlich getragen, bekommt plötzlich eine sechsstellige Nachlassspende. Von einer Frau, die vor 30 Jahren dort Klarinette gelernt hat. Im Testament stand nur ein Satz:
„Ohne diese Musikschule hätte ich nie die Kraft gefunden, mein Leben so zu leben, wie ich es gelebt habe.“
Dieser eine Satz erzeugt bei Leser:innen mehr Resonanz als jede Förderlogik. Er berührt. Er erklärt ohne viele Worte, warum jemand so entscheidet.
Auf eurer Website oder im Newsletter können solche Geschichten – gut anonymisiert, ohne Beträge, ohne Pathos – großartige Brücken bauen:
- Was hat diese Person mit eurem Verein verbunden?
- Warum war ihr wichtig, dass die Arbeit weitergeht?
- Was konntet ihr durch die Nachlassspende konkret umsetzen?
Und ja: Man darf in solchen Texten ruhig sagen, dass man gerührt, überrascht oder dankbar war. Wir sind kein Amtsblatt.
Schritt 4: Das kleine 1×1 der rechtlichen Einordnung (ohne trocken zu werden)
Wir sind keine Kanzlei – und wollen auch keine spielen. Trotzdem hilft es, wenn wir im Verein grob wissen, welche Formen von Nachlassspenden in Deutschland üblich sind. In unserer Arbeit begegnen uns vor allem:
Vermächtnis
Jemand setzt Erb:innen ein (z. B. Familie) – und zusätzlich ein Vermächtnis zugunsten des Vereins („Der Verein bekommt 10.000 Euro“).Erbeinsetzung
Der Verein wird (Mit-)Erbe, unter Umständen gemeinsam mit Privatpersonen. Das kann komplexer werden (Nachlassabwicklung, Immobilien etc.).Zustiftung
Wenn es eine Stiftung rund um den Verein gibt: Gelder fließen dauerhaft in das Stiftungsvermögen.Schenkung zu Lebzeiten mit Auflage
Manchmal entscheiden sich Menschen auch früher, Teile ihres Vermögens zu übertragen – mit klarer Zweckbindung.
Wichtig ist:
Wir sollten nie konkrete Rechts- oder Steuerberatung geben, aber sehr wohl:
- auf die Möglichkeit hinweisen,
- klar sagen: „Lassen Sie sich bitte von Notar:in oder Anwält:in beraten“,
- und die erforderlichen Vereinsdaten bereitstellen (Adresse, Rechtsform, Registernummer, Gemeinnützigkeit).
Das zeigt Professionalität, ohne uns in Haftungsfallen zu manövrieren.
Schritt 5: Nachfassen – aber menschlich
Ein Punkt, der oft vergessen wird: Was passiert, wenn jemand tatsächlich Interesse zeigt?
In vielen Vereinen endet die Reise an genau der Stelle, an der sie spannend wird:
Jemand hat das Kästchen angekreuzt „Ich möchte Infos zu Nachlassspenden“ – und dann?
Hier zahlt sich ein einfacher, klarer Prozess aus. Aus unserer Erfahrung funktionieren drei Schritte besonders gut:
1. Persönlich reagieren
Kein Standardbrief im Behördenstil, sondern ein freundliches, individuelles Schreiben oder ein Anruf:
- Dank für das Vertrauen („Das ist keine Selbstverständlichkeit, wir wissen das sehr zu schätzen.“)
- kurze Erläuterung, was Nachlassspenden bei euch bewirken
- Angebot für ein unverbindliches Gespräch
Es geht nicht darum, Details zum Testament zu erfragen, sondern zuzuhören:
Warum ist dem Menschen euer Verein so wichtig? Was beschäftigt ihn?
2. Material bereitstellen
Viele sind heilfroh, wenn sie etwas in der Hand haben:
- ein kurzes Infoblatt „Nachlassspenden für unseren Verein – Ihre Fragen, unsere Antworten“
- Hinweise zu Notar:in, Rechtsberatung
- die wichtigsten Vereinsdaten kompakt
Wichtig:
Nicht alles auf einmal. Lieber schlank, klar und in normaler Sprache.
3. Langfristige Beziehung pflegen
Nachlassspenden sind selten ein „Heute gefragt, nächste Woche im Testament“-Thema. Das ist eher ein Langstreckenlauf:
- ab und zu ein persönlicher Brief
- Einladungen zu Veranstaltungen (ohne Sonderbehandlung, aber mit Wertschätzung)
- gelegentlich ein Update: „Was wir mit langfristigen Zuwendungen bewirken können“
Wer sich für eine Nachlassspende interessiert, sagt damit im Grunde:
„Euer Verein gehört für mich zu den Konstanten in meinem Leben.“
Das ist ein Kompliment auf höchstem Level. So dürfen wir es auch behandeln.
Typische Bauchschmerzen – und wie wir damit umgehen
Wir kennen die Diskussionen aus Vorstandsrunden nur zu gut. Ein paar Klassiker:
„Wir wollen niemanden ausnutzen.“
Gut so. Der beste Schutz davor ist Transparenz:
- klar sagen, dass Familie und nahestehende Menschen immer Vorrang haben
- keinen Druck ausüben, keine „Jetzt entscheiden!“-Logik
- deutlich machen: Jede Entscheidung ist freiwillig und kann jederzeit geändert werden
Nachlassspenden-Fundraising heißt im Kern:
Option anbieten, nicht Entscheidung steuern.
„Das ist doch für große Organisationen, nicht für uns.“
Spannend: Viele großen Organisationen berichten, dass ein erheblicher Teil ihrer Nachlassspenden aus völlig „normalen“ Lebensverhältnissen kommt.
Kleine und mittlere Vereine haben sogar einen Vorteil:
Sie sind oft naher dran. Persönlich, vertraut, über Jahre präsent.
Manche der beeindruckendsten Nachlassspenden, von denen wir gehört haben, gingen an:
- kleine Tierschutzvereine
- örtliche Sportvereine
- regionale Kulturinitiativen
- Selbsthilfegruppen
Nicht, weil dort das beste Hochglanzmarketing gemacht wurde, sondern weil Menschen sich dort zu Hause fühlten.
„Wir haben dafür gar keine Kapazitäten.“
Fairer Punkt. Nachlassspenden-Fundraising muss nicht als Großprojekt starten. Oft reichen:
- ein Absatz auf der Website
- ein Kästchen im Formular
- eine kleine Passage im Jahresbericht
- eine Ansprechperson im Verein, die Grundlagen kennt
Wer dann merkt, dass es Resonanz gibt, kann nach und nach ausbauen.
Unser Fazit: Leise, aber mächtig
Nachlassspenden sind im Vereinsalltag selten laut. Da gibt es keine großen Schecks auf der Bühne, keine spektakulären Aktionen, keinen Social-Media-Hype. Vieles passiert im Stillen. In Gesprächen am Küchentisch. In Nachlassakten, die wir nie sehen.
Genau deshalb lohnt es sich, als Verein bewusst zu sagen:
- Ja, es ist möglich, uns im Testament zu bedenken.
- Ja, wir gehen damit sorgfältig und respektvoll um.
- Ja, wir helfen dabei, wenn jemand darüber nachdenken möchte.
Wir müssen dafür keine Jurist:innen werden. Keine großen Kampagnen starten. Kein Tabu brechen im Sinn von „jetzt reden wir ständig vom Tod“.
Reicht oft schon, wenn wir kleine, klare Signale senden:
Du kannst mit uns mehr hinterlassen als Erinnerungen.
Du kannst dafür sorgen, dass das, was dir heute wichtig ist, morgen weiterlebt.
Und genau darum geht es doch im Kern jedes Vereins:
Dinge über den eigenen Horizont hinaus möglich machen.
8 Antworten
‚Euer Verein gehört für mich zu den Konstanten in meinem Leben.‘ Wow, das ist ein starkes Statement! Ich denke, es ist wichtig solche Geschichten zu erzählen und Menschen damit zu inspirieren. Wie macht ihr das in eurem Verein?
‚Die emotionale Bindung‘ klingt nach einem guten Ansatz. Vielleicht sollten wir mehr über unsere Mitglieder sprechen und deren Geschichten sammeln?! Das könnte andere motivieren!
‚Das ist heikel.‘ – Ja, aber das sollte uns nicht davon abhalten! Viele Menschen möchten ihren Verein unterstützen und wissen vielleicht gar nicht wie! Wir sollten da wirklich offensiver werden in unserer Kommunikation.
‚Wir sind doch kein Hospiz‘ – dieser Satz hat mich zum Nachdenken gebracht. Warum sollte man nicht über solche Themen reden? Es geht schließlich um die Zukunft des Vereins! Wäre schön zu sehen, dass mehr Leute da offen sind.
Es stimmt schon, viele denken, ihre Mitglieder hätten kein Geld. Aber auch kleine Beiträge summieren sich! Hat jemand von euch schon Erfahrungen mit Nachlassspenden gemacht? Ich wäre neugierig zu hören, wie das bei anderen Vereinen läuft.
Ja genau! Ich habe mal einen Artikel darüber gelesen und fand die Idee spannend. Es gibt so viele Menschen, die sich mit ihrem Verein verbunden fühlen und vielleicht gerne etwas hinterlassen würden.
Ich denke auch, dass mehr Kommunikation hier wichtig ist! Wenn Vereine offen über Nachlassspenden sprechen würden, wäre es vielleicht weniger tabuisiert. Das könnte echt helfen.
Ich finde das Thema Nachlassspenden wirklich wichtig. Viele Vereine könnten davon profitieren, wenn sie einfach mehr darüber sprechen würden. Warum ist das so ein Tabu? Ich denke, es ist eine gute Möglichkeit, auch kleinere Organisationen zu unterstützen.