– Erstmals bundesweit einheitliche Nachhaltigkeitskennzahlen für Tourismusregionen festgelegt.
– Neun Kennzahlen messen ökologische, ökonomische, soziale und managementbezogene Aspekte.
– Sie dienen als gemeinsame Basis für Monitoring, Steuerung und Vergleichbarkeit der Regionen.
Neun Kernkennzahlen messen erstmals nachhaltigen Tourismus
Berlin, 4. Dezember 2025. Der deutsche Tourismus erhält einen neuen Maßstab. Ein bundesweites Förderprojekt hat erstmals einheitliche Kennzahlen zur Messung von Nachhaltigkeit in Tourismusregionen vorgelegt. Das neue Set umfasst neun Kernkennzahlen, die ökologische, ökonomische, soziale und managementbezogene Aspekte abdecken.
Die Kennzahlen reichen von der Gästezufriedenheit und dem Tourismusakzeptanzsaldo bis hin zu An- und Abreise bedingten Treibhausgasemissionen. Sie sollen Tourismusregionen eine gemeinsame Basis für Monitoring, Steuerung und Vergleichbarkeit bieten. Das Projekt „Nachhaltigkeit im Tourismus messen, kommunizieren und wertschätzen: Kennzahlenset für den Deutschlandtourismus“ wird im Rahmen der Fördermaßnahme LIFT Transformation des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie umgesetzt.*
Norbert Kunz, Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes (DTV), betont die Bedeutung der neuen Methodik: „Zum ersten Mal gibt es in Deutschland eine einheitliche Methodik, um den Tourismus und die Fortschritte in den Tourismusregionen ganzheitlich und einheitlich zu messen. Zwar existieren viele Kennzahlen, aber ein praxisnahes System auf regionaler Ebene fehlte. Jetzt beginnt die Arbeit vor Ort. Jede Tourismusregion ist eingeladen, ihre Erfolge an den Kennzahlen zu messen.“
Die neun festgelegten Kernkennzahlen sind:
- Nachhaltigkeitszertifizierungen im Tourismus
- Destinationsstrategie mit Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten
- Gästezufriedenheit
- Touristische Saisonalität
- Anteil des Tourismus an der Gesamtwertschöpfung
- Tourismusakzeptanzsaldo
- Lebensqualitätsindex
- Barrierefreiheit im Tourismus
- An- und Abreise bedingte Treibhausgasemissionen
Getestet wurden die Kennzahlen in sechs Pilotdestinationen, darunter die Deutsche Bodensee Tourismus GmbH und Tourismus NRW.*
Auf dem Weg zu einer neuen Messlatte
Die neun Kennzahlen, die im Dezember 2025 vorgestellt wurden, sind nicht der erste Versuch, Nachhaltigkeit im Tourismus zu erfassen. Sie stehen am Ende einer längeren Entwicklung und in einem spezifischen politischen und gesellschaftlichen Umfeld. Die Frage, wie sich nachhaltige Tourismusentwicklung überhaupt messen lässt, beschäftigt die Branche seit Jahren.
Vorgeschichte: Eine unübersichtliche Kriterienlandschaft
Vor 2016 wurden rund 1.400 nationale und internationale Destinationskriterien für nachhaltigen Tourismus miteinander verglichen und evaluiert; daraus entstand ein 40-teiliges, bundesweit anwendbares Kriterien-Set (Stand: vor 2016)*.
Politische Erwartungen und wirtschaftliche Realität
Die Einführung des Kennzahlensets fällt in eine Zeit, in der politische Rahmenbedingungen und öffentliche Erwartungen den Druck auf die Branche erhöhen. Gleichzeitig zeigt die wirtschaftliche Lage Schwankungen: Im August 2025 verzeichnete das Gastgewerbe gegenüber dem Vormonat einen realen Umsatzrückgang von 1,6 %*.
Vor diesem Hintergrund wird die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei den Reisenden besonders deutlich. Laut einer aktuellen Studie legen 39 % der Deutschen beim Reisen Wert auf Nachhaltigkeit. Diese grundsätzliche Bereitschaft schlägt sich jedoch noch nicht entscheidend in der Buchungspraxis nieder. Das Umweltbundesamt stellte für 2023 fest, dass Nachhaltigkeit bei nur 3 % der Reisenden ausschlaggebend für die Wahl des Reiseziels war. Auch auf Unternehmensseite gibt es Nachholbedarf: Knapp ein Drittel der Unternehmen (30 %) gibt seinen Beschäftigten Richtlinien zur nachhaltigen Reisegestaltung vor*.
Das neue Kennzahlenset zielt darauf ab, diese Lücke zwischen Anspruch und messbarer Umsetzung zu schließen. Es soll Regionen befähigen, ihre Fortschritte nicht nur in ökonomischen, sondern auch in ökologischen und sozialen Dimensionen sichtbar zu machen und so langfristig die Akzeptanz und Resilienz des Tourismusstandorts zu stärken.
Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Die Diskussion um nachhaltiges Reisen wird von einer offensichtlichen Spannung geprägt: Der Wunsch der Reisenden und die Realität ihrer Buchungen klaffen oft auseinander. Während 39 Prozent der Deutschen beim Reisen Wert auf Nachhaltigkeit legen (Quelle: ZIA Deutschland, Stand: 2025)*, stellt die Tourismusbranche vor eine komplexe Herausforderung.
Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Druck, der schnelle Entscheidungen erfordert. Das Gastgewerbe verzeichnete im August 2025 einen Rückgang der realen Umsätze um 1,6 Prozent gegenüber dem Vormonat (Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand: August 2025). In einem solchen Umfeld rücken kurzfristige Erlöse oft in den Vordergrund, während langfristige Investitionen in Nachhaltigkeit schwerer zu rechtfertigen scheinen. Auch auf Unternehmensseite ist der Steuerungsansatz noch nicht flächendeckend: Knapp ein Drittel der Unternehmen geben ihren Beschäftigten Richtlinien zur nachhaltigen Reisegestaltung vor (Quelle: Umweltbundesamt, Stand: 2025).
Vor diesem Hintergrund gewinnt der im Dezember 2025 vorgestellte Rahmen mit neun einheitlichen Nachhaltigkeitskennzahlen für Tourismusregionen an Bedeutung. Er bietet erstmals eine gemeinsame Messbasis, die über reine Wirtschaftszahlen wie Übernachtungen hinausgeht. Indikatoren wie der Tourismusakzeptanzsaldo, die touristische Saisonalität oder die an- und abreisebedingten Treibhausgasemissionen können helfen, die qualitative Entwicklung einer Destination sichtbar zu machen. Sie stellen einen möglichen Kompass dar, um die oft widersprüchlichen Ziele – touristische Wertschöpfung, Gästezufriedenheit und ökologische Verträglichkeit – besser in Einklang zu bringen und messbar zu steuern.
Was die neuen Kennzahlen für Regionen und Reisende bedeuten
Die Einführung der neun einheitlichen Nachhaltigkeitskennzahlen markiert einen Wendepunkt in der Praxis. Für Tourismusorganisationen, Kommunen und Unternehmen eröffnet sich ein neuer Handlungsrahmen, der über reine Übernachtungszahlen hinausreicht. Die zentrale Frage lautet nun: Wie lassen sich diese Vorgaben in konkrete Maßnahmen übersetzen? Die Pilotdestinationen – darunter die Deutsche Bodensee Tourismus GmbH, Tourismus NRW und die Ostseefjord Schlei GmbH – haben bereits erste Erfahrungen gesammelt. Ihre Erkenntnisse zeigen, dass der Weg von der Theorie zur Praxis vor allem drei Schritte erfordert: systematische Datenerhebung, intensiven Stakeholder-Dialog und eine transparente Kommunikation der Ergebnisse.
Die praktische Umsetzung beginnt mit einem zuverlässigen Monitoring. Regionen müssen jetzt klären, wie sie Kennzahlen wie den Tourismusakzeptanzsaldo oder den Lebensqualitätsindex vor Ort erheben können. Das erfordert oft neue Kooperationen, etwa mit statistischen Ämtern, Forschungseinrichtungen oder lokalen Bürgerpanels. Einige Kennzahlen, etwa der Anteil nachhaltiger Zertifizierungen oder die Barrierefreiheit, lassen sich durch Bestandsaufnahmen bei Leistungsträgern ermitteln. Andere, wie die anreisebedingten Treibhausgasemissionen, brauchen komplexere Modelle.
Mit belastbaren Daten in der Hand können Destinationen ihre Strategie gezielt ausrichten. Die Kennzahlen bieten einen klaren Kompass: Zeigt der Index zur touristischen Saisonalität starke Spitzen, können Marketing- und Infrastrukturmaßnahmen zur Entzerrung entwickelt werden. Ein niedriger Wert beim Akzeptanzsaldo signalisiert Handlungsbedarf im Dialog mit der Wohnbevölkerung. Die Kennzahlen ermöglichen es, Erfolge sichtbar zu machen und Schwachstellen frühzeitig zu adressieren. Für touristische Unternehmen ergeben sich daraus konkrete Anknüpfungspunkte, etwa bei der Zertifizierung oder der barrierefreien Gestaltung von Angeboten, um die Performance der gesamten Region positiv zu beeinflussen.
Die nächsten Schritte: Von der Theorie in die Praxis
Mit der Veröffentlichung des Kennzahlensets ist die Grundlagenarbeit geleistet. Die eigentliche Aufgabe beginnt jetzt in den Regionen. Der Fokus verschiebt sich von der Entwicklung hin zur konkreten Anwendung und Umsetzung vor Ort. Erst die regelmäßige Erhebung und Analyse schafft die notwendige Transparenz für eine zielgerichtete, nachhaltige Tourismusentwicklung.
Für alle Tourismusorganisationen, die das neue Instrumentarium nutzen wollen, bietet sich in Kürze eine direkte Gelegenheit zur Einarbeitung. Die Ergebnispräsentation des Kennzahlensets findet in zwei öffentlichen Webinaren am 10. & 11. Dezember 2025 statt und richtet sich an Tourismusorganisationen*. Diese Termine sind ideal, um offene Fragen zur Methodik oder zur praktischen Handhabung direkt mit den Projektverantwortlichen zu klären. Regionen sollten die Webinare nutzen, um einen reibungslosen Start in das eigene Monitoring zu gewährleisten.
Die nachfolgenden Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung des Deutschen Tourismusverbandes.
Weiterführende Quellen:
- „Rund 1.400 national und international existierende Destinationskriterien für nachhaltigen Tourismus wurden miteinander verglichen und evaluiert; daraus entstand ein 40-teiliges, bundesweit anwendbares Kriterien-Set (Stand: vor 2016).“ – Quelle: https://www.bte-tourismus.de/publikationen/veroffentlichungen-nachhaltiger-tourismus/
- „39 % der Deutschen legen beim Reisen Wert auf Nachhaltigkeit (Stand: 2025).“ – Quelle: https://zia-deutschland.de/wp-content/uploads/2025/06/2025_ZIA-Dialog_Tourismusentwicklung_Prof.-Rochnowski.pdf
- „2023 war Nachhaltigkeit bei nur 3 % der Urlaubsreisen ausschlaggebend bei der Entscheidung zwischen sonst gleichwertigen Angeboten (Stand: 2023).“ – Quelle: https://www.umweltbundesamt.de/themen/viele-menschen-wollen-nachhaltig-reisen-aber-nur
- „Knapp ein Drittel der Unternehmen (30 %) gibt ihren Beschäftigen Richtlinien zur nachhaltigen Reisegestaltung vor (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltzustand-trends/private-haushalte-konsum/nachhaltigkeit-bei-urlaubsreisen
- „Im August 2025 verzeichnete das Gastgewerbe gegenüber Juli 2025 einen Rückgang von real 1,6 % (Stand: August 2025).“ – Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Gastgewerbe-Tourismus/_inhalt.html
- „Bundesregierung verbessert die Koordinierung der Tourismuspolitik im Rahmen der Nationalen Tourismusstrategie (20. Legislaturperiode, Stand: 2025) mit Kernfeldern Klimaneutralität, Umwelt- & Naturschutz, Fach- & weiteren Themen.“ – Quelle: https://zia-deutschland.de/wp-content/uploads/2025/06/2025_ZIA-Dialog_Tourismusentwicklung_Prof.-Rochnowski.pdf
- „Ergebnispräsentation des Kennzahlensets findet in zwei öffentlichen Webinaren am 10. & 11. Dezember 2025 statt; richtet sich an Tourismusorganisationen (Stand: 03.12.2025).“ – Quelle: https://rlp.tourismusnetzwerk.info/2025/12/03/ergebnispraesentation-kennzahlenset-zur-nachhaltigkeit-im-tourismus/
9 Antworten
Die Diskussion um Nachhaltigkeit im Tourismus ist dringend nötig! Ich hoffe auf echte Veränderungen und nicht nur Lippenbekenntnisse von der Branche.
Echte Veränderung braucht Zeit und Engagement von allen Seiten. Wie können wir als Verbraucher dabei helfen?
Ich bin beeindruckt von dem Ansatz, verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit zu kombinieren. Aber wie können wir sicherstellen, dass diese Kennzahlen auch tatsächlich umgesetzt werden und nicht nur auf dem Papier bleiben?
Gute Frage! Möglicherweise könnte eine unabhängige Stelle helfen, die Fortschritte regelmäßig zu überprüfen? Was haltet ihr davon?
. Das klingt nach einer sinnvollen Idee! Wenn wir keine klare Kontrolle haben, könnte das Vertrauen in das System verloren gehen.
Die Idee mit den neun Kennzahlen ist echt spannend! Ich frage mich, wie diese Kennzahlen in der Praxis umgesetzt werden können? Gibt es schon erste Erfahrungen von den Pilotregionen?
Das wäre wirklich interessant! Vielleicht könnten die Regionen regelmäßige Updates geben, um transparent über ihre Fortschritte zu berichten?
Ich finde die neuen Kennzahlen für den Tourismus sehr wichtig. Endlich gibt es einheitliche Standards, die uns helfen, Nachhaltigkeit besser zu messen. Was denkt ihr über die Einbeziehung von Gästen in diesen Prozess? Ist das realistisch?
Ja, ich stimme zu! Die Gäste sollten mehr involviert werden, um ihre Meinungen und Wünsche zu äußern. Welche Möglichkeiten seht ihr dafür?