– Holzenkamp fordert beim Deutschen Raiffeisentag in Berlin engere Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik.
– Merz plädiert für geringere Steuerlast, flexiblere Wochenarbeitszeiten und keine Mindestlohnerhöhung.
– DRV repräsentiert 1.693 Agrargenossenschaften mit 114.000 Beschäftigten und 85,6 Mrd. € Umsatz.
Zukunft der Genossenschaften: Impulse vom Deutschen Raiffeisentag 2024
Beim Deutschen Raiffeisentag in Berlin forderte DRV-Präsident Franz-Josef Holzenkamp vor rund 300 Führungsvertretern der genossenschaftlichen Agrar- und Ernährungswirtschaft eine „Kultur der Zusammenarbeit“ zwischen Wirtschaft und Politik. Er machte deutlich: „Diskussions- und Lösungsvorschläge aus der Wirtschaft werden grundsätzlich erst einmal kritisch beäugt. Das muss sich ändern.“ Das Leitmotiv der Veranstaltung lautete: „Zukunft Genossenschaften. Wir können mehr!“
CDU-Vorsitzender Friedrich Merz unterstrich die Bedeutung einer starken Wirtschaft: „Alles, auch die Transformation, ist davon abhängig, dass wir eine leistungsfähige Volkswirtschaft bleiben.“ Er setzte sich für eine Reduzierung steuerlicher Abgaben und eine Modernisierung der Arbeitszeitregelungen ein. Seine Kritik am aktuellen Arbeitszeitgesetz formulierte er pointiert: „Unser Arbeitszeitgesetz ist von Vorgestern“, und plädierte dafür, künftig gesetzliche Obergrenzen auf die Wochenarbeitszeit zu legen, um Unternehmen mehr Flexibilität zu ermöglichen. Zudem warnte Merz vor staatlich festgelegten Mindestlöhnen: „Die gesetzliche Regelung der Lohnuntergrenze sei falsch. Lohn-Niveau würde sich dadurch weiter nach oben verschieben.“
Holzenkamp ergänzte diese Aussagen mit dem klaren Bekenntnis: „Genossenschaften sind keine Bremser oder Verhinderer. Wir sind Macher und Gestalter.“ Der Deutsche Raiffeisenverband vertritt mit 1.693 Mitgliedsunternehmen, die 114.000 Beschäftigten und 6.000 Auszubildenden an einer jährlichen Umsatzgröße von 85,6 Milliarden Euro maßgeblich die Interessen von Landwirten, Gärtnern und Winzern – ihren Mitgliedern und Eigentümern zugleich. Damit kommt den Genossenschaften eine entscheidende Rolle in der Lebensmittelproduktion zu. Die Veranstaltung fand am 13. Juni 2024 in Berlin statt.
Genossenschaften als Treiber für gesellschaftlichen Wandel und Innovation
Genossenschaften spielen eine zentrale Rolle in der Verbindung zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und sind damit weit mehr als klassische Unternehmensformen. Gerade im Spannungsfeld von wirtschaftlichen Herausforderungen und politischen Rahmenbedingungen erweisen sie sich als Motor für Innovation und Wandel. Ihre besondere Stärke liegt darin, als Bindeglied zwischen Land- und Ernährungswirtschaft einerseits und Verbraucher:innen andererseits zu fungieren. Dieses Netzwerk schafft nachhaltige Wertschöpfung, fördert regionale Entwicklung und stärkt den sozialen Zusammenhalt. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Arbeitszeitflexibilisierung und Mindestlohn gewinnt die Rolle der Genossenschaften weiter an Bedeutung, nicht zuletzt als ein stabiler Pfeiler in der Umstrukturierung der Arbeitswelt.
Was bedeutet Arbeitszeit-Flexibilisierung für Beschäftigte?
Die Diskussion um die Flexibilisierung der Arbeitszeit bewegt gleich mehrere zentrale Aspekte. Sie zielt darauf ab, Arbeit und private Lebensbereiche besser aufeinander abzustimmen und es Beschäftigten zu ermöglichen, auf persönliche und wirtschaftliche Anforderungen reagieren zu können. Allerdings steckt hierin auch eine Spannung zwischen Chancen und Risiken. Eine intensivere Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik ist notwendig, damit die Flexibilisierung nicht das Risiko von Lohndumping oder einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen mit sich bringt. Gleichzeitig lässt sich die Arbeitszeitflexibilisierung nutzen, um neue Formen der Beschäftigung zu fördern, die besser auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer:innen eingehen. Dabei sind wesentliche Bestandteile zu beachten:
- flexiblere Arbeitszeitmodelle, die sowohl den Bedürfnissen der Betriebe als auch der Beschäftigten gerecht werden
- Schutzmechanismen, die eine angemessene Bezahlung und Arbeitsqualität sicherstellen
- Transparente Regelungen, um Missbrauch zu vermeiden
Genossenschaften: Rückgrat ländlicher Räume
Genossenschaften bilden das wirtschaftliche Rückgrat vieler ländlicher Regionen. Sie sichern nicht nur Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft, sondern garantieren auch eine weitgehende Selbstbestimmung der Regionen in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Gerade in Zeiten globaler Verflechtungen sind sie deshalb ein zentraler Akteur, um regionale Wertschöpfungsketten zu stärken und damit die lokale Wirtschaft stabil und resilient zu halten. Als Schnittstelle zwischen Produzent:innen und Verbraucher:innen fördern Genossenschaften dabei innovative Ansätze, etwa nachhaltige Landwirtschaft oder die Verarbeitung regionaler Produkte unter fairen Bedingungen.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Genossenschaften lässt sich beispielhaft in folgenden Punkten aufzeigen:
- Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe
- Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen, auch in strukturschwachen Gebieten
- Stärkung langfristiger, nachhaltiger Produktions- und Handelsweisen
Im Kontext der aktuellen Mindestlohndebatte sind Genossenschaften zudem bedeutende Akteure, weil sie Rahmenbedingungen schaffen können, die faire Löhne und soziale Standards verbindlich einhalten. Dies bietet ihnen eine Vorbildfunktion, die über rein wirtschaftliche Interessen hinausgeht und zur gesellschaftlichen Stabilität beiträgt.
Die Zukunft der Genossenschaften hängt wesentlich von der politischen Unterstützung und einer verstärkten Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Akteuren ab. Ihre Rolle als Motor für Innovation und Wandel wird umso wichtiger sein, je dynamischer die Anforderungen an Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft werden. Politische Entscheidungen sollten daher gezielt darauf abzielen, die Rahmenbedingungen für Genossenschaften zu verbessern, um ihre gesamtgesellschaftliche Wirkung zu stärken und neue Impulse in einer komplexen Welt zu setzen.
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