Wenn psychische Erkrankungen bei 10- bis 19-Jährigen inzwischen der häufigste Grund für einen stationären Krankenhausaufenthalt sind, sagt das viel über den Druck im Versorgungssystem aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden 2024 insgesamt 116.300 Fälle gezählt; das entsprach 18,9 Prozent aller stationären Behandlungen in dieser Altersgruppe und lag 36,5 Prozent über dem Stand von 2004.
Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) selbst bleibt die Lage angespannt: Dort wurden 2024 64.916 Kinder und Jugendliche stationär behandelt. Das Psychiatrie-Barometer 2025/2026 des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) beschreibt aus Sicht vieler Kliniken zusätzlich mehr Essstörungen, mehr Internet- und Medienabhängigkeit sowie mehr suizidale Krisen.
Warum die Lage mehr ist als ein Stimmungsbild
Das Barometer beruht auf einer Befragung von 295 Einrichtungen zwischen Anfang Oktober 2025 und Ende Januar 2026. 35 Prozent der Stichprobe erbrachten Leistungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Wichtig ist die Einordnung: Die Angaben stammen aus den Einrichtungen selbst. Es handelt sich damit um eine Bestandsaufnahme aus der Praxis, nicht um eine bundesweite Diagnosestatistik. Der Bericht unterscheidet zwischen Abteilungspsychiatrien, also psychiatrischen Fachabteilungen in Allgemeinkrankenhäusern, und Einrichtungspsychiatrien, also psychiatrischen Fachkrankenhäusern.
In wirtschaftlicher Hinsicht bleibt das Bild angespannt. 24 Prozent der Abteilungspsychiatrien und 23 Prozent der Einrichtungspsychiatrien bewerten ihre Lage als sehr gut oder gut. Jeweils 77 Prozent sehen sie als eher mäßig bis sehr schlecht. Für 2026 erwarten 50 Prozent der Abteilungspsychiatrien und 54 Prozent der Einrichtungspsychiatrien eine Verschlechterung; 23 Prozent beziehungsweise 16 Prozent planen binnen sechs Monaten Personalabbau.
Welche Krankheitsbilder in den Kliniken zunehmen
Besonders deutlich werden die Belastungen bei den Krankheitsbildern, die Kliniken derzeit häufiger beobachten. Mehr als die Hälfte der befragten KJP-Einrichtungen meldet eine deutliche Zunahme von Essstörungen. Ebenfalls häufiger geworden seien nach Angaben der Häuser Internet- und Medienabhängigkeit (44 Prozent), suizidale Krisen (42 Prozent), Angststörungen (42 Prozent) und Depressionen (39 Prozent).
46 Prozent stimmen voll und ganz zu, dass die Nachfrage nach KJP-Behandlungen seit der Corona-Pandemie stark zugenommen hat. Das bleibt eine Einschätzung der Einrichtungen; aus den Daten lässt sich keine einzelne Ursache ableiten. Auffällig ist zudem, dass 75 Prozent den administrativen Aufwand als Belastung für die direkte Arbeit mit Patientinnen und Patienten sehen. 74 Prozent bewerten den Aufwand zur Umsetzung der Psychiatrie- und Psychosomatik-Richtlinie (PPP-RL) als hoch. Gemeint sind die verbindlichen Personalvorgaben für Psychiatrie und Psychosomatik.
Wartezeiten und Personalmangel treffen Familien direkt
Für Familien und Betroffene werden die Engpässe vor allem an den Wartezeiten sichtbar. Mehr als die Hälfte der befragten Einrichtungen berichtet bei teilstationärer Behandlung von Wartezeiten von über zehn Wochen. Bei der vollstationären Behandlung liegt dieser Wert bei 43 Prozent. In knapp zwei Dritteln der Häuser dauerten die Wartezeiten damit acht Wochen oder länger.
Auch beim Personal bleiben Lücken. 67 Prozent melden Stellenbesetzungsprobleme bei Fachärztinnen und Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Schnitt sind zwei Vollkräfte unbesetzt; die Stellen bleiben durchschnittlich 62 Wochen vakant. 36 Prozent sehen zudem Probleme beim dreijährig examinierten Pflegepersonal.
Besonders kritisch bewerten die Einrichtungen den Übergang in die Erwachsenenversorgung. 58 Prozent nennen ihn sehr schlecht oder eher schlecht. Als häufigstes Problem nennen 85 Prozent unzureichende Anschlussversorgungsmöglichkeiten im niedergelassenen Bereich; 54 Prozent sehen keine standardisierte Übergangsstruktur, 49 Prozent den strikten Alters-Cut-off von 18 Jahren als Hürde.
Jetzt entscheidet die praktische Entlastung
Die wirtschaftliche Unsicherheit wirkt damit direkt auf die Versorgung zurück. Wenn Personal fehlt oder Leistungen reduziert werden, verlängern sich Wartezeiten meist weiter. Viele Kliniken berichten außerdem von Kostensteigerungen, die ihre Liquidität belasten.
„Das Psychiatrie-Barometer zeigt eine doppelte Herausforderung: In der Kinder- und Jugendpsychiatrie steigt der Bedarf, während die wirtschaftliche Lage vieler Einrichtungen angespannt bleibt. Die zunehmende Nachfrage führt vielerorts zu langen Wartezeiten. Die Politik muss deshalb für ausreichend Behandlungskapazitäten und verlässliche Finanzierungsbedingungen sorgen und die Einrichtungen zugleich von unnötiger Bürokratie und Überregulierung entlasten.“
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Gerald Gaß, ordnet die Entwicklung damit als strukturelles Problem ein. Die DKG ist ein Interessenverband der Krankenhausträger, ihre Bewertung ist also keine neutrale Feststellung. Sie passt jedoch zu den Befragungsdaten des DKI: hohe Nachfrage, offene Stellen, lange Wartezeiten und ein wachsender Verwaltungsaufwand treffen auf begrenzte finanzielle Spielräume.
Für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen zählt am Ende das Zusammenspiel aller Faktoren. Steigt der Bedarf, bleiben Stellen unbesetzt und bleibt die wirtschaftliche Lage angespannt, wird aus einer belasteten Situation schnell ein strukturelles Problem.
Ob sich daran etwas ändert, hängt vor allem davon ab, ob Kapazitäten gesichert, Finanzierungsbedingungen verlässlicher und bürokratische Lasten kleiner werden. Für Betroffene und ihre Familien wäre schon ein stabilerer Zugang zur Behandlung ein spürbarer Unterschied. Genau daran wird sich zeigen, was von der aktuellen Bestandsaufnahme im Alltag ankommt.
Quellen
- DKI-Psychiatrie-Barometer 2025/2026 (PDF)
- DKG-Pressemitteilung zum Psychiatrie-Barometer
- Statistisches Bundesamt: Psychische Erkrankungen bei 10- bis 19-Jährigen 2024
- Statistisches Bundesamt: Krankenhausstatistik