Wenn 15-Jährige beim Lesen an den Grundanforderungen scheitern, bleibt das nicht auf den Deutschunterricht beschränkt. Dann geht es auch um Ausbildungsreife, um den Zugang zu Informationen und darum, wie sicher junge Menschen später in Schule, Beruf und Alltag mit Texten umgehen.
Genau an diesem Punkt setzen die neuen PISA-Zahlen an. Die OECD stellte die Ergebnisse der Erhebung aus dem Frühjahr 2025 am 8. September 2026 vor; für Deutschland stieg der Anteil der Jugendlichen unterhalb der Basiskompetenz im Lesen von 25 Prozent im Jahr 2022 auf 32 Prozent im Jahr 2025.
Was die PISA-Zahlen tatsächlich zeigen
Mit Basiskompetenz ist das Mindestniveau gemeint, ab dem einfache Texte so verstanden werden, dass Informationen entnommen und genutzt werden können. Für Deutschland weist die OECD 2025 das bisher niedrigste PISA-Niveau in allen drei getesteten Bereichen aus; im Lesen liegt der Wert 15 Punkte unter dem Stand von 2022.
Wichtig ist die Einordnung: Im OECD-Bericht werden digitale Mediennutzung, mehr Bildschirmzeit und weniger Lesen aus Freude als Faktoren genannt, die zusammen mit schwächeren Leistungen auftreten. Ein direkter Ursachennachweis lässt sich daraus aber nicht ableiten. Die Zahlen sind deshalb eher ein Warnsignal als eine einfache Erklärung.
Warum der Börsenverein von einem strukturellen Problem spricht
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nutzt diese Entwicklung, um stärkere Leseförderung zu fordern. Sebastian Guggolz, Vorsteher des Verbands, verbindet die schwächeren PISA-Werte mit rückläufigen Buchkäufen unter Jugendlichen. Lesekompetenz beschreibt er als strukturell schwach und eng mit der sozialen Herkunft verknüpft.
„Zivilgesellschaftliches Engagement kann politisches Handeln nicht ersetzen“, sagte Guggolz.
Der Satz ist mehr als eine allgemeine Mahnung. Der Verband ordnet den Rückgang damit nicht als Einzelproblem von Familien oder Schulen ein, sondern als Aufgabe, die auch politisch beantwortet werden müsse. Zugleich bleibt es eine Perspektive aus dem Verband: Der Börsenverein engagiert sich seit Jahren für Leseförderung und bewertet die Zahlen entsprechend.
Wie die Lesetüte gezielter eingesetzt werden soll
Ein konkreter Baustein ist der Ausbau der „Lesetüte“. Die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins erweitert das Projekt mit Unterstützung der Auridis Stiftung. Seit 2011 erhalten Erstklässlerinnen und Erstklässler zur Einschulung eine bemalte Tüte mit einem Erstlesebuch und Materialien für die Eltern.
Neu ist vor allem die Ausrichtung. Künftig sollen vor allem Schulen in sozial schwieriger Lage erreicht werden, die bisher kaum von der Aktion profitiert haben. Außerdem soll die Lesetüte enger mit dem sogenannten Leseband verknüpft werden. Dieses Konzept sieht seit 2015 in vielen Bundesländern täglich 20 Minuten zusätzliche Lesezeit im Unterricht vor; die Tüten sollen deshalb gezielt an Leseband-Schulen verteilt werden.
Für Schulen und Familien kann das eine kleine, aber praktische Hilfe sein. Ob daraus mehr wird als ein zusätzlicher Impuls, hängt allerdings davon ab, wie viele Einrichtungen tatsächlich erreicht werden und wie gut das Material in den Alltag passt.
Mehr Förderung allein reicht noch nicht
Die Richtung ist nachvollziehbar: Wer Lesekompetenz stärken will, muss früh ansetzen und Kinder aus belasteten Lagen besonders im Blick behalten. Trotzdem bleibt offen, wie groß der Ausbau der Lesetüte ausfällt und wie seine Wirkung gemessen werden soll.
Aus der Mitteilung geht nicht hervor, wie viele Schulen teilnehmen sollen. Auch zu Laufzeit, Finanzierung und konkreter Umsetzung nennt der Verband keine weiteren Details. Gerade deshalb wird sich erst in der Praxis zeigen, ob die Aktion dort ankommt, wo der Bedarf am größten ist.
Quellen
- OECD: PISA 2025 students’ reading and mathematics performance declined sharply across the OECD
- OECD Country Note Deutschland: PISA 2025
- OECD Full Report zu PISA 2025
- Börsenverein: Lesetüte