– Vier Handelsketten kontrollieren 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels.
– Die Monopolkommission fordert strengere Wettbewerbskontrollen gegen Marktmacht.
– Foodwatch schlägt Null-Mehrwertsteuer auf gesunde Lebensmittel für bezahlbare Ernährung vor.
Marktmacht im Lebensmittelhandel: foodwatch fordert sofortige Maßnahmen
Die Marktmacht weniger großer Handelsketten wächst stetig, während Verbraucher:innen und landwirtschaftliche Betriebe die Konsequenzen tragen. Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe (darunter Lidl) und Aldi kontrollieren aufgrund von Fusionen inzwischen rund 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels – Stand: 21. November 2025 *. Diese Konzentration hat direkte Auswirkungen auf Preise und Wettbewerbsbedingungen.
Die Verbraucherorganisation foodwatch reagiert mit deutlichen Forderungen. Dr. Chris Methmann, Geschäftsführer von foodwatch, erklärt: „Der Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel ist aus dem Lot. Millionen Menschen müssen bei Ernährung sparen, Höfe kämpfen ums Überleben – und Aldi, Rewe & Co. kassieren immer höhere Margen. Wenn Kosten steigen, ziehen die Handelsketten die Preise an. Sinken die Kosten, fallen die Preise oft nicht im gleichen Maß.“
Als konkrete Gegenmaßnahmen schlägt foodwatch zwei zentrale Instrumente vor: „Was aber sofort hilft: Null Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte, damit eine ausgewogene Ernährung bezahlbarer wird. Zudem braucht es endlich mehr Transparenz bei der Preisgestaltung der Handelsketten: Eine unabhängige Preisbeobachtungsstelle für die gesamte Wertschöpfungskette kann Machtmissbrauch aufdecken und fairere Bedingungen zwischen Handel, Landwirtschaft und Verbraucher:innen schaffen.“
Marktmacht im Lebensmittelhandel: Wie es zur Konzentration kam
Die zunehmende Marktkonzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ist kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Entwicklungen und strategischer Entscheidungen der Marktteilnehmer. Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Aldi kontrollieren inzwischen rund 85 Prozent des Marktes – eine Entwicklung mit spürbaren Folgen für Verbraucher und landwirtschaftliche Erzeuger. Die Monopolkommission diagnostiziert in ihrem Sondergutachten eine wachsende Marktmacht, die den Wettbewerb aus dem Gleichgewicht bringt.*
Warum steigt die Marktkonzentration?
Mehrere Faktoren treiben die Marktkonzentration voran. Fusionen und Übernahmen haben über Jahre hinweg zu einer Konzentration geführt und großen Ketten zusätzliche Marktanteile verschafft. Die Monopolkommission weist auf Risiken weiterer Übernahmen hin, die die Marktsituation zusätzlich verzerren könnten.* Parallel dazu bauen die Handelsriesen ihre Eigenmarken aus und errichten eigene Produktionsstätten, was ihre Unabhängigkeit von klassischen Lieferanten stärkt. Diese vertikale Integration ermöglicht es den Konzernen, die gesamte Wertschöpfungskette zu kontrollieren – von der Produktion bis zum Verkauf. Die Monopolkommission fordert deshalb strengere Wettbewerbskontrollen, um den rasanten Ausbau dieser Strukturen zu begrenzen.*
Rechtlicher Rahmen: Schutz gegen Missbrauch
Der bestehende rechtliche Rahmen bietet verschiedene Instrumente gegen Machtmissbrauch. Das Agrarorganisationen- und Lieferkettengesetz von 2021 schafft grundlegende Transparenzanforderungen für die gesamte Lieferkette. Die Monopolkommission plädiert jedoch für striktere Fusionskontrollen, um weitere Marktkonzentration zu verhindern. Bisherige Regelungen reichen offenbar nicht aus, um die wachsende Marktmacht der Handelsketten wirksam zu begrenzen. Die zuständigen Wettbewerbsbehörden stehen vor der Herausforderung, bestehende Instrumente konsequenter anzuwenden und gegebenenfalls neue Regulierungsansätze zu entwickeln. Die aktuelle Diskussion zeigt, dass der rechtliche Rahmen den Marktentwicklungen hinterherhinkt und dringend angepasst werden muss.*
Zahlen, Trends & konkrete Fakten
Die Entwicklung der Lebensmittelpreise zeigt seit Jahren eine deutliche Aufwärtsbewegung, die durch verschiedene statistische Kennzahlen belegt wird. Im Oktober 2025 lagen die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel und Getränke um rund 3,5 Prozent höher als im Vorjahresmonat (Stand: Oktober 2025)*. Dieser vergleichsweise moderate Anstieg markiert jedoch nur eine Momentaufnahme in einer langfristigen Preisentwicklung.
Preisentwicklung: Was sagen die Statistiken?
Die historische Betrachtung offenbart die Dimension der Preissteigerungen. Den bisherigen Höchstwert erreichten die Lebensmittelpreise im März 2023 mit einem Anstieg von 21,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr (Stand: März 2023). Diese Spitze bildet den Ausgangspunkt einer anhaltenden Preisdynamik, die sich bis in das Jahr 2025 fortsetzt. Im November 2025 kosteten Lebensmittel etwa 30 Prozent mehr als noch im Jahr 2021 (Stand: November 2025).
Besonders betroffen sind bestimmte Produktgruppen. Bei Fischwaren zeigt sich eine besonders markante Entwicklung: Seit 1992 sind die Preise um 49 Prozent gestiegen, wobei starke Steigerungen in den Jahren 2023 und 2024 verzeichnet wurden (Stand: 2024)*.
Auffällig ist die unterschiedliche Preisdynamik entlang der Wertschöpfungskette. Bei Molkereiprodukten steigen die Handelspreise schneller als die Erzeugerpreise, insbesondere bei den sechs größten Molkereiwirtschaftsunternehmen (Stand: 2024)*. Diese Diskrepanz zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen weist auf strukturelle Veränderungen im Marktgefüge hin.
Entwicklung ausgewählter Preisindikatoren
| Jahr | Indikator | Wert | Einheit | Quelle/Stand |
|---|---|---|---|---|
| März 2023 | Höchstanstieg Lebensmittelpreise | +21,2 | Prozent gegenüber Vorjahr | Statista, März 2023 |
| Oktober 2025 | Verbraucherpreise Nahrungsmittel/Getränke | +3,5 | Prozent gegenüber Vorjahresmonat | Statista, Oktober 2025 |
| November 2025 | Lebensmittelpreise insgesamt | +30 | Prozent gegenüber 2021 | Verbraucherzentrale, November 2025 |
| 2024 | Fischwarenpreise | +49 | Prozent seit 1992 | Statista, 2024 |
Besonders relevante Aspekte der Preisentwicklung:
- Unterschiedliche Produktgruppen zeigen stark variierende Preisentwicklungen
- Die Preisdynamik bei Grundnahrungsmitteln bleibt auf einem erhöhten Niveau
- Die Schere zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen wird thematisiert
Diese statistisch belegten Entwicklungen bilden die Grundlage für die aktuelle Diskussion über Marktkonzentration und Wettbewerbsbedingungen im Lebensmitteleinzelhandel. Die Zahlen verdeutlichen, dass die Preissteigerungen kein vorübergehendes Phänomen darstellen, sondern Teil einer strukturellen Veränderung sind.
Preisspirale trifft Haushalte und Höfe
Steigende Lebensmittelpreise belasten Verbraucherbudgets zunehmend, während Landwirtinnen und Landwirte trotz höherer Verkaufserlöse unter Kostendruck bleiben. Diese Entwicklung gefährdet sowohl die Ernährungssicherheit einkommensschwacher Haushalte als auch die Existenzgrundlage landwirtschaftlicher Betriebe. Die wachsende Marktmacht weniger Handelskonzerne verschärft diese Situation zusätzlich.
Für viele Haushalte wird der wöchentliche Einkauf zur finanziellen Zerreißprobe. Die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel und Getränke stiegen im Oktober 2025 um rund 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat*. Besonders Familien mit geringem Einkommen müssen dadurch Einschnitte bei der Qualität oder Menge ihrer Ernährung hinnehmen. Frisches Obst und Gemüse wandern seltener in den Einkaufswagen, während günstigere, oft weniger nahrhafte Alternativen verstärkt nachgefragt werden.
Auf der anderen Seite der Lieferkette kämpfen landwirtschaftliche Betriebe trotz nominell höherer Verkaufserlöse um ihre Wirtschaftlichkeit*. Die Monopolkommission warnte vor den Folgen weiter wachsender Marktmacht der großen Einzelhändler*. Diese Konzentration ermöglicht es den Handelskonzernen, Preise sowohl für Verbraucher als auch für Lieferanten in problematischem Ausmaß zu beeinflussen. Die aktuelle Preisspirale belastet somit beide Enden der Wertschöpfungskette*.
Politische Antworten auf die Marktmacht der Supermärkte
Die zunehmende Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel hat verschiedene politische Lösungsansätze hervorgebracht. Eine zentrale Forderung betrifft strengere Fusionskontrollen. Die Monopolkommission plädiert dafür, Übernahmen im Lebensmittelhandel künftig intensiver zu prüfen – besonders wenn große Ketten weitere Wettbewerber schlucken wollen (Stand: 2024)*.
Als zweiter Ansatz kommt ein verbessertes Monitoring infrage. Eine unabhängige Preisbeobachtungsstelle könnte die gesamte Wertschöpfungskette transparent machen und Machtmissbrauch aufdecken. Zudem existieren bereits gesetzliche Grundlagen wie das Agrarorganisationen- und Lieferkettengesetz von 2021, die fairere Bedingungen zwischen Handel und Landwirtschaft fördern sollen*.
Die verschiedenen Optionen zeigen unterschiedliche Stärken und Grenzen. Strengere Fusionskontrollen könnten weitere Konzentrationsschübe verhindern, greifen aber erst bei konkreten Übernahmeplänen. Ein dauerhaftes Monitoring hingegen würde kontinuierlich Daten liefern, bräuchte jedoch erhebliche Ressourcen und politischen Willen. Die bestehenden Gesetze bieten zwar rechtliche Handhabe, wurden jedoch bisher nicht ausreichend genutzt, um die Marktmacht der Handelsriesen effektiv zu begrenzen.
Die politische Debatte wird sich voraussichtlich an der Umsetzbarkeit und Wirkung dieser Instrumente entscheiden. In den kommenden Monaten dürften sowohl legislative Initiativen als auch die weitere Marktbeobachtung im Fokus stehen.
Die vorliegenden Informationen und Zitate beruhen auf einer Pressemitteilung von foodwatch e.V.
Weiterführende Quellen:
- „Die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen; Ulrich Müller fordert striktere Fusionskontrollen durch Bundeskartellamt und EU-Kommission (Stand: 2024).“ – Quelle: https://lebensmittelpraxis.de/handel-aktuell/46712-marktkonzentration-steigt-monopolkommission-will-fusionen-im-lebensmittelhandel-strenger-pruefen.html
- „Im EU-Vergleich sind die Verbraucherpreise für Lebensmittel in Deutschland seit 2011 am stärksten gestiegen, wodurch das Bild vom Discount-Land entkräftet wird (Sondergutachten Monopolkommission, Stand: 2024).“ – Quelle: https://focus.de/finanzen/news/gutachten-zeigt-edeka-rewe-aldi-und-lidl-zu-maechtig-preis-folgen-fuer-uns_24a8e2ed-a3c2-4bf2-8ce9-159427101f48.html
- „Bei Molkereiprodukten steigen die Handelspreise schneller als die Erzeugerpreise, insbesondere bei den sechs größten Molkereiwirtschaftsunternehmen; Preissenkungen kommen kaum bei Verbraucher:innen an (Gutachten Monopolkommission, Stand: 2024).“ – Quelle: https://focus.de/finanzen/news/gutachten-zeigt-edeka-rewe-aldi-und-lidl-zu-maechtig-preis-folgen-fuer-uns_24a8e2ed-a3c2-4bf2-8ce9-159427101f48.html
- „Die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel und Getränke lagen im Oktober 2025 rund 3,5 Prozent über dem Vorjahresmonat, mit einem Höchstanstieg von 21,2 Prozent im März 2023 gegenüber dem Vorjahr.“ – Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/210542/umfrage/monatliche-entwicklung-des-verbraucherpreisindexes-fuer-die-nahrungsmittel-und-getraenke/
- „Lebensmittel kosten im November 2025 etwa 30 Prozent mehr als 2021, trotz Verlangsamung der Inflation im Laufe der Zeit (Stand: 11/2025).“ – Quelle: https://verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/lebensmittelproduktion/steigende-lebensmittelpreise-fakten-ursachen-tipps-71788
- „Die Verbraucherpreise für Fischwaren sind seit 1992 um rund 49 Prozent gestiegen, mit besonders starken Preissteigerungen 2023 und 2024 bei Produktgruppen wie Olivenöl, Fleisch und Butter (Stand: 2024).“ – Quelle: https://de.statista.com/themen/8554/lebensmittelpreise/
- „Die Monopolkommission warnt vor weiteren großen Übernahmen und betont, dass die Marktkonzentration durch zahlreiche Fusionen in den letzten zwei Jahrzehnten stark gestiegen ist; dringend notwendig sei der Schutz des Wettbewerbsniveaus in der Lieferkette (Stand: 11/2025).“ – Quelle: https://handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/marktmacht-monopolkommission-warnt-vor-wachsender-macht-der-einzelhaendler/100176706.html
- „Das Agrarorganisationen- und Lieferkettengesetz (2021) wurde eingeführt, um Lieferanten vor missbräuchlicher Marktmacht der Händler zu schützen (Stand: 11/2025).“ – Quelle: https://oxfam.de/system/files/documents/2025-11/oxfam-ffh-marktmacht-supermaerkte.pdf
11 Antworten
Es ist erschreckend zu sehen wie wenig Alternativen wir beim Einkauf haben. Der Wettbewerb leidet sehr darunter! Wir sollten alle unsere Erfahrungen teilen und aktiv werden für eine gerechtere Lebensmittelpolitik.
Ja genau Verena! Vielleicht könnten wir gemeinsam eine Petition starten oder uns bei foodwatch melden um Unterstützung zu zeigen!
Der Artikel beschreibt sehr gut die Schwierigkeiten im Lebensmitteleinzelhandel. Ich finde es wichtig, darüber zu diskutieren und Lösungen zu finden! Was haltet ihr von den genannten Maßnahmen von foodwatch? Vielleicht sollten wir mehr darüber erfahren.
Ich stimme dir zu! Die Maßnahmen müssen unbedingt umgesetzt werden! Aber ich mache mir Sorgen über die Umsetzung und wie lange das dauert.
Mir gefällt der Ansatz von foodwatch auch, aber was ist mit dem Einfluss der großen Konzerne auf die Politik? Wie können wir sicherstellen, dass unsere Stimme gehört wird?
Die steigenden Preise sind echt ein Problem für viele Familien! Ich hoffe wirklich, dass sich etwas ändert und die Politik endlich handelt. Wer kann sich noch gesundes Essen leisten?
Ich finde es nicht okay, dass nur wenige Firmen so viel Kontrolle haben. Das gefährdet auch unsere Ernährungssicherheit. Die Idee mit der unabhängigen Preisbeobachtungsstelle klingt nach einem Schritt in die richtige Richtung.
Ja, Hellmut! Aber ich frage mich, wer diese Stelle finanzieren soll und ob sie wirklich unabhängig ist oder unter Druck gerät.
Das ist echt krass mit den großen Ketten. Man denkt, es gibt viele Möglichkeiten, aber eigentlich nur 4 große Firmen bestimmen alles. Wo bleibt da der Wettbewerb? Ich finde die Vorschläge von foodwatch gut, aber wie soll das umgesetzt werden? Hat jemand Ideen?
Ich verstehe das auch nicht. Warum lässt man so viel Macht zu? Mehr Kontrolle wäre wirklich wichtig! Und die Null-Mehrwertsteuer klingt super, aber wird das jemals kommen?
Eben, Traab! Ich frage mich auch, ob die Verbraucherorganisationen genug Einfluss haben können. Wie könnte man mehr Druck machen auf die Politik?