– Auf VDI-Event 9. Juli 2025 in Berlin forderte BVMed resilientere Krisen-Medizintechnik-Strategien.
– Geiselbrechtinger plädiert für dual-use, skalierbare MedTech-Systeme in Friedens- und Krisenzeiten.
– Digitalisierung soll zentrale Plattform für Bestandsmanagement und telemedizinische Versorgung ermöglichen.
Resiliente medizinische Versorgung: Schutzschild und Schlüsselrolle in Krisenzeiten
Angesichts wachsender Krisenlagen wie Kriegen, Pandemien oder Naturkatastrophen wird die Widerstandsfähigkeit der medizinischen Versorgung immer dringlicher. Beim VDI-Event „Zivilschutz – Medizintechnik in der Zeitenwende“ am 9. Juli 2025 in Berlin betonte BVMed-Vorstandsmitglied Stefan Geiselbrechtinger die Notwendigkeit, die Medizintechnik-Branche frühzeitig in Krisenstäbe und Arbeitsgruppen einzubinden, um Strategien für eine resiliente medizinische Versorgung im Krisen- oder Bündnisfall zu entwickeln. Er forderte zugleich, „jetzt damit zu beginnen“ und betonte die Bedeutung von skalierbaren Lösungen, „von denen wir auch außerhalb von Krisenzeiten profitieren.“
Medizintechnik spielt dabei eine doppelte Rolle: Investitionen in diese Branche sind ein Schutzschild für die Bevölkerung und sichern zudem die adäquate Versorgung Verwundeter. Geiselbrechtinger unterstrich, dass der Fokus über die Ausstattung von Bundeswehr und Waffensystemen hinausgehen müsse, nämlich auf den Aufbau von Produktionskapazitäten, die Analyse von Lieferketten sowie die Vermittlung von Versorgungskompetenz unter Einbindung digitaler Prozesse. „Der Aufbau skalierbarer Prozesslösungen hilft uns dann auch, wenn der Krisenfall nicht eintritt“, so der Vorstand.
Die Bedeutung der medizinischen Versorgung im Krisenfall ist unbestritten: Ohne ein krisenfestes Gesundheitswesen lassen sich weder die Bevölkerung schützen noch im Verteidigungsfall die Einsatzfähigkeit der Streitkräfte aufrechterhalten. Die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg zeigen, dass der militärische Sanitätsdienst für die Gesundheitsversorgung in bewaffneten Konflikten nicht ausreicht, vielmehr braucht es eine enge Verzahnung des gesamtstaatlichen Gesundheitssystems mit zivilen Akteurinnen und Akteuren.
Geiselbrechtinger bringt die Rolle der MedTech-Branche auf den Punkt: „Die MedTech-Branche kann dabei zur Stärkung der medizinischen Versorgung im Krisenfall einen essenziellen Beitrag leisten – in enger Verzahnung mit bestehenden zivil-militärischen Strukturen.“ Hierbei plädiert der BVMed für eine Dual-Use-Strategie: Strukturen, die im zivilen Alltag der Gesundheitsversorgung dienen, müssen so gestaltet sein, dass sie im Krisenfall eine deutlich erhöhte Anzahl von Verwundeten versorgen können, ohne dabei die reguläre Versorgung zu vernachlässigen. Denn die Ressourcen von Bundeswehr-Krankenhäusern reichen im NATO-Krisenfall nicht aus. Eine Kooperation mit zivilen Krankenhäusern und Hilfsorganisationen ist daher unverzichtbar.
Die Medizintechnik-Branche liefert viele der Produkte und Lösungen, die für Transport, Triagierung, Behandlung und Rehabilitation Verwundeter notwendig sind. Als bedeutender Standort innerhalb Europas beschäftigt sie 2024 in Deutschland rund 212.100 Menschen und erwirtschaftete eine Bruttowertschöpfung von 19,7 Milliarden Euro. Insgesamt gibt es dort 1.510 Medizintechnik-Hersteller mit mehr als 20 Beschäftigten, die einen Gesamtumsatz von über 41 Milliarden Euro erzielen, wobei 68 Prozent des Umsatzes aus dem Auslandsgeschäft stammen. Knapp 9 Prozent des Umsatzes werden in Forschung und Entwicklung investiert, und der Großteil der Unternehmen – nämlich 93 Prozent – sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU).
Für die Krisenvorsorge schlägt der BVMed neben konventioneller Lagerhaltung eine digitale Bestandsplattform kritischer Medizinprodukte vor, die Teil einer „Nationalen Gesundheitsreserve“ sein soll. Hier dient die Digitalisierung als “Enabler“ für viele der geforderten skalierbaren und innovativen Konzepte. Geiselbrechtinger benennt die Digitalisierung als “roten Faden, der viele vorgeschlagene Lösungen verbindet”. Sie sei kein Selbstzweck, sondern müsse vor allem dem Menschen dienen: „Den Verletzten, die schneller Hilfe bekommen. Den Ärzt:innen, die bessere Infos haben. Den Planer:innen, die den Überblick behalten. Den Ausbilder:innen, die schneller mehr Leute qualifizieren können.“
Die Digitalisierung eröffnet vielfältige Möglichkeiten: Von digitalen Versorgungsnetzwerken, die Echtzeitinformationen über Produktbestände und Bedarfe bündeln, bis hin zu Telemedizin, die ortsunabhängig medizinische Expertise verfügbar macht. Künstliche Intelligenz kann helfen, Diagnosen zu beschleunigen und Verletztenbilder auszuwerten, während digitale Schulungen Quereinsteiger in der Versorgungsarbeit unterstützen. Auch Simulation und Einsatzplanung werden durch digitale Tools wesentlich effizienter. Zudem bietet die Vernetzung von zivilen und militärischen Gesundheitssystemen eine große Chance, Synergien zu schaffen und die Versorgung im Krisenfall gemeinsam sicherzustellen.
Mit Blick auf die Zukunft sind insbesondere solche Investitionen sinnvoll, die im Alltag einen zivilen Nutzen haben und im Ernstfall hochskaliert werden können. Dieses flexible Prinzip ist Kern der Dual-Use-Strategie: etwa ein Netzwerk aus regionalen Versorgungsknoten, modulare Feldkliniken, Pools von Fachpersonal oder digitale Steuerungssysteme für Patientenzuweisungen. Solche Strukturen verbinden wirtschaftliche Effizienz mit der notwendigen Krisenresilienz und stärken das Gesundheitswesen für alle Szenarien umfassend.
Krisenvorsorge im Wandel: Medizinische Versorgung als Gemeinschaftsaufgabe
Die vergangenen Jahre haben eindrücklich gezeigt, wie stark internationale Krisen wie die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine die Stabilität der medizinischen Versorgung herausfordern. Diese Ereignisse verdeutlichen, dass das Gesundheitssystem nicht isoliert, sondern als Teil eines gesamtstaatlichen Krisenmanagements betrachtet werden muss. Medizinische Versorgung ist in Ausnahmesituationen ein entscheidender Faktor, um Leben zu retten und die Gesellschaft zu schützen. Doch um auch in Zukunft handlungsfähig zu bleiben, braucht es umfassende Strategien, die Zivilschutz und medizinische Infrastruktur eng verzahnen.
Krisenvorsorge betrifft nicht nur das Militär oder die Rettungskräfte, sondern die gesamte Gesellschaft. Die Herausforderungen reichen von unterbrochenen Lieferketten für wichtige Medizinprodukte über den erhöhten Versorgungsbedarf bei Verletzten bis hin zur Sicherstellung eines qualifizierten Personals, das in Extremsituationen flexibel eingreifen kann. Die Erfahrung zeigt: Ein robustes Gesundheitssystem berücksichtigt sowohl zivile als auch militärische Anforderungen und setzt auf skalierbare Strukturen, die sich bei Bedarf schnell anpassen lassen.
Risiken und Entwicklungen im Zivilschutz
Die zunehmende Häufung von Großereignissen und unvorhersehbaren Notlagen stellt den Zivilschutz vor neue Aufgaben. Medizinische Einrichtungen müssen ihre Kapazitäten flexibel ausbauen und gleichzeitig im regulären Betrieb optimal arbeiten. Der Aufbau modularer Feldkliniken, digitale Vernetzung der Versorgungspfade und ein Reserve-Pool medizinischen Fachpersonals sind Beispiele für Maßnahmen, die den Schutz der Bevölkerung verbessern können. Die zentrale Herausforderung besteht darin, alltägliche Gesundheitsstrukturen so zu gestalten, dass sie auch im Krisenfall leistungsfähig bleiben.
Eine sensible Frage ist die Verzahnung von zivilen und militärischen Systemen. Während diese Kooperation wichtig ist, um Ressourcen und Wissen effizient zu nutzen, wird sie gesellschaftlich kontrovers diskutiert. Dennoch ist klar, dass Bundeswehr- und Zivileinrichtungen nur gemeinsam eine flächendeckende Versorgung gewährleisten können. Die Erfahrungen des Ukraine-Krieges machen deutlich, dass die medizinische Versorgung von Verwundeten nicht allein durch militärische Sanitätsdienste bewältigt werden kann.
Europäische Trends und Zukunft der Medizintechnik
International hat sich gezeigt, dass Länder mit einem integrierten Ansatz im Zivilschutz und einer starken Medizintechnikbranche besser auf Krisen reagieren können. Insbesondere Investitionen in digitale Lösungen, wie zentrale Plattformen zur Bestandsverwaltung kritischer Medizinprodukte, unterstützen die Koordination in der Krise. Telemedizin, Künstliche Intelligenz und digitale Ausbildungsformate werden immer mehr zu Bausteinen einer resilienten Gesundheitsversorgung.
Die Medizintechnologie trägt mit ihren innovativen Produkten entscheidend dazu bei, die Versorgung im Krisenfall sicherzustellen. Dabei steht die Dual-Use-Strategie im Vordergrund: Technik und Infrastruktur, die im Alltag genutzt werden, sollen im Ernstfall flexibel hochskalierbar sein. Dies erhöht die Effizienz und verringert den Aufwand, komplett neue Systeme aufzubauen.
Zentrale Herausforderungen und Chancen lassen sich so zusammenfassen:
- Sicherstellung von Lieferketten und Lagerhaltung kritischer Medizintechnik auch in Extremsituationen
- Ausbau modularer und multifunktionaler Infrastruktur, die alltäglich und im Krisenfall nutzbar ist
- Aufbau von Netzwerken aus zivilen und militärischen Krankenhäusern zur effektiven Versorgung
- Entwicklung digitaler Plattformen für vernetzte Steuerung von Ressourcen und Patientenströmen
- Förderung digitaler Anwendungen wie Telemedizin und KI zur Unterstützung von Diagnose und Behandlung
- Schaffung flexibler Personalpools mit Doppelfunktion für Alltag und Krisenfall
Die Digitalisierung wird hierbei zum zentralen Ermöglicher. Sie schafft die Basis für transparente Versorgungsketten, smarte Steuerung von Patient:innen und Bedarfen sowie effiziente Zusammenarbeit aller Beteiligten – von Herstellern über Kliniken bis zu Einsatzkräften. Dabei gilt es, digitale Standards so zu gestalten, dass sie sowohl dem zivilen Gesundheitswesen als auch der Bundeswehr dienen können.
Langfristig könnten digitale Innovationen nicht nur Prävention und Krisenmanagement revolutionieren, sondern auch die Versorgung in regulären Zeiten verbessern. Vernetzte Systeme ermöglichen frühzeitig die Erkennung von Versorgungslücken und stärken die Widerstandsfähigkeit des Gesundheitssystems gegen zukünftige Krisen. Die Medizintechnologie steht damit an der Schnittstelle von Innovation, Sicherheit und gesellschaftlicher Verantwortung.
Die in diesem Beitrag verwendeten Informationen und Zitate basieren auf einer Pressemitteilung des Bundesverbands Medizintechnologie e.V.
8 Antworten
‚Flexibilität‘ scheint der Schlüssel zu sein in Krisensituationen. Welche Rolle spielt das Training von Fachpersonal in diesem Zusammenhang? Gibt es schon Programme zur Weiterbildung?
Der Artikel spricht viele wichtige Punkte an. Besonders die Zusammenarbeit zwischen zivilen und militärischen Einrichtungen ist von Bedeutung. Wie kann diese Kooperation konkret aussehen?
‚Kooperation‘ klingt gut, aber wie stellen wir sicher, dass das Vertrauen da ist? Was passiert bei Interessenkonflikten zwischen den beiden Sektoren?
Die Idee von skalierbaren Lösungen finde ich sehr positiv. Es ist wichtig, dass wir auf Krisen vorbereitet sind. Welche Maßnahmen haltet ihr für notwendig, um die Bevölkerung zu schützen?
Ich denke, dass der Aufbau von Produktionskapazitäten entscheidend ist. Es wäre gut zu wissen, welche konkreten Schritte dafür unternommen werden sollen.
Die Digitalisierung spielt eine große Rolle in der Medizintechnik. Ich frage mich, wie schnell wir diese Technologien im Krisenfall implementieren können. Was denkt ihr über die Integration von telemedizinischen Lösungen?
Ich glaube, dass telemedizinische Lösungen wirklich helfen können. Aber gibt es nicht auch Risiken dabei? Wie stellen wir sicher, dass alle Menschen Zugang dazu haben?
Ich finde es interessant, wie wichtig die Medizintechnik in Krisenzeiten ist. Die Dual-Use-Strategie scheint mir eine gute Idee zu sein. Wie kann man sicherstellen, dass diese Technologien auch im Alltag nützlich sind?