Konzernatlas 2026: Wie wenige Konzerne die Agrarwende blockieren und Preise diktieren

Der Konzernatlas 2026 zeigt eine extreme Marktkonzentration in der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Weltweit kontrollieren jeweils nur vier Konzerne 61 Prozent des Pestizidmarkts und 56 Prozent des Saatguts. In Deutschland beherrschen vier Supermarktketten rund 88 Prozent des Lebensmittelhandels. Die Herausgeber warnen, dass diese Machtkonzentration eine faire und nachhaltige Agrarwende blockiert.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Vier Konzerne kontrollieren weltweit über 60 % des Pestizid- und Saatgutmarkts sowie 88 % des deutschen Lebensmittelhandels.
  • Marktkonzentration führt zu Preisdiktaten und blockiert eine faire, nachhaltige Agrarwende.
  • Zwischen 2010 und 2020 sank die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland deutlich, besonders in der Tierhaltung.
  • Lobbyeinfluss der Agrarindustrie verhindert politische Umweltauflagen wie die Pestizidreduktion in der EU.
  • Vorgeschlagene Maßnahmen: Transparenz schaffen, Kartellrecht anwenden, Umweltleistungen fördern und Lobbyismus offenlegen.

– Vier Konzerne beherrschen 61 Prozent des weltweiten Pestizidmarkts.
– Vier Supermarktketten kontrollieren 88 Prozent des deutschen Lebensmittelhandels.
– Die Agrar- und Ernährungsindustrie blockiert mit Lobbymacht politische Agrarreformen.

Konzernatlas 2026: Vier Konzerne beherrschen Märkte und blockieren Agrarwende

Der heute veröffentlichte „Konzernatlas 2026“ zeichnet ein klares Bild: Eine Handvoll großer Konzerne kontrolliert zentrale Bereiche der globalen Agrar- und Ernährungswirtschaft und nutzt diese Marktmacht, um politische Veränderungen zu verzögern. Die Herausgeber – die Heinrich-Böll-Stiftung, der BUND und der Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre – legen mit der Studie Daten vor, die die extreme Marktkonzentration und ihren Einfluss auf Preise und Politik belegen.*

Die Zahlen sind eindeutig (Stand: 7. Januar 2026). Weltweit teilen sich jeweils nur vier Konzerne 61 Prozent des Pestizidmarkts, 56 Prozent des Saatguts und 43 Prozent der Landmaschinen. In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Muster: Die vier großen Supermarktketten Aldi, Edeka, Rewe und die Schwarz-Gruppe beherrschen inzwischen rund 88 Prozent des Lebensmittelhandels. 1995 lag dieser Wert noch bei 55 Prozent.*

Lesenswert ist außerdem Deutschlands Erdüberlastungstag am 10. Mai: Ressourcenverbrauch, Klimaschutz und die Forderungen des BUND.

Parallel zu dieser wirtschaftlichen Konzentration wächst der politische Einfluss. So gaben allein neun Lobbyorganisationen zwischen 2020 und 2023 mehr als 50 Millionen Euro aus, um eine geplante Pestizidreduktion in der EU zu verhindern – mit Erfolg.*

Die Herausgeber sehen darin ein strukturelles Problem. Dr. Imme Scholz von der Heinrich-Böll-Stiftung stellt fest: „Lebensmittelpreise sind ein zentrales gesellschaftliches Thema. Für Landwirtinnen, die zumindest kostendeckende Preise für eine faire und nachhaltige Produktion brauchen, und für Verbraucherinnen, insbesondere in Zeiten von hoher Inflation. Doch je stärker sich Märkte konzentrieren, desto mehr profitieren in Krisenzeiten wenige große Konzerne, während bei vielen Agrarbetrieben kaum etwas ankommt.“

Olaf Bandt, BUND-Vorsitzender, betont: „Eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht starke bäuerliche Betriebe – ob ökologisch oder konventionell wirtschaftend –, die mit Umwelt- und Klimaschutz ein verlässliches Einkommen erzielen können. Das Problem sind nicht die Höfe, sondern ein System, in dem wenige Konzerne Produktionsweisen und Preise diktieren.“

Christian Russau vom Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre verweist auf die politischen Konsequenzen dieser Macht: „Die Pestizidlobby hat auch mit massiven Kampagnen die Pläne zur Pestizidreduktion in der EU verhindert. Neben mehr Transparenz bei der politischen Einflussnahme fordern wir daher auch die Anwendung des Kartellrechts, um marktbeherrschende Konzerne notfalls aufzuspalten.“

Der Konzernatlas 2026 liefert damit die datenbasierte Grundlage für eine Debatte über Marktmacht, faire Preise und die Blockade einer ökologischen Agrarwende.*

Marktkonzentration: Zahlen belegen die Macht weniger Akteure

Die wirtschaftliche Landschaft im Agrar- und Ernährungssektor hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verdichtet. Wenige große Konzerne gewinnen zunehmend Einfluss auf Produktion, Handel und letztlich auch auf die Preise. Dieser Trend zur Marktkonzentration lässt sich anhand konkreter Daten für Deutschland deutlich nachzeichnen. Er zeigt eine Verschiebung der Marktmacht weg von einer Vielzahl kleiner Akteure hin zu wenigen marktbeherrschenden Unternehmen.

Marktanteile im Lebensmitteleinzelhandel

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist ein Paradebeispiel für fortschreitende Konzentration. Die vier größten Konzerne vereinen heute einen überwältigenden Anteil des Umsatzes auf sich. Ihre gemeinsame Marktmacht ist in den letzten 20 Jahren erheblich gewachsen. Während sie im Jahr 2000 noch 67 Prozent des Umsatzes erzielten*, stieg dieser Anteil bis 2023 auf 87 Prozent*. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie sich der Wettbewerb auf wenige Player konzentriert hat.

Die Aufteilung dieses riesigen Marktsegments unter den Großen ist klar: Edeka kommt auf einen Umsatzanteil von 32 Prozent, gefolgt von der Schwarz-Gruppe (mit Lidl und Kaufland) und Rewe (mit Penny) mit jeweils 21 Prozent. Aldi hält einen Anteil von 13 Prozent. Zusammen kontrollieren diese vier Konzerne fast neun Zehntel des Marktes*.

Strukturwandel in der Landwirtschaft

Parallel zur Konzentration im Handel vollzieht sich ein tiefgreifender Strukturwandel in der landwirtschaftlichen Erzeugung. Die Zahl der Betriebe in Deutschland geht kontinuierlich zurück. Im Jahr 2010 gab es noch 299.100 landwirtschaftliche Betriebe*. Bis 2020 sank ihre Zahl auf 263.500*. Dieser Rückgang um über 35.000 Betriebe innerhalb eines Jahrzehnts zeigt die Intensität des Wandels.

Besonders deutlich wird dieser Trend in der Tierhaltung. In der Schweinehaltung sank die Zahl der Betriebe zwischen 2010 und 2020 um 47 Prozent. Der Gesamtbestand an Schweinen ging im selben Zeitraum jedoch nur um 4 Prozent zurück. Diese Diskrepanz bedeutet: Wenige, zunehmend spezialisierte und größere Betriebe halten heute einen Großteil der Tiere. Tatsächlich halten spezialisierte Schweinehaltungsbetriebe mittlerweile 72 Prozent des gesamten Bestands*. Die Produktion konzentriert sich also auch hier auf immer weniger, dafür größere Einheiten.

Diese Zahlen belegen eine doppelte Konzentration: Im Handel beherrschen wenige Konzerne den Zugang zum Verbraucher, während sich auf der Erzeugerseite die Produktion in immer größeren Betrieben bündelt. Diese Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf die Verhandlungsmacht der Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette.

Jahr Indikator Wert Einheit Quelle/Stand
2000 Umsatzanteil der 4 größten Lebensmittelhändler 67 % % Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Stand: 2023*
2023 Umsatzanteil der 4 größten Lebensmittelhändler 87 % % Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Stand: 2023*
2010 Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe 299.100 Betriebe Statistisches Bundesamt, Stand: 2010*
2020 Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe 263.500 Betriebe Statistisches Bundesamt, Stand: 21. Januar 2021*

Konzentrierte Macht, konkrete Folgen

Die zunehmende Marktkonzentration im Agrar- und Ernährungssektor ist kein abstraktes Phänomen. Sie entfaltet konkrete Wirkungen auf zwei zentrale Ebenen: auf die wirtschaftliche Realität der Betriebe und auf die demokratischen Prozesse, die den Sektor regulieren sollen. Während sich die Wertschöpfungskette verdichtet, verändern sich Hofstrukturen und politische Einflusskanäle gleichermaßen – mit direkten Konsequenzen für Landwirte, Beschäftigte und die Gestaltung einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.

Strukturwandel und Spezialisierung

Die materielle Folge der Marktmacht weniger Konzerne zeigt sich deutlich in der Entwicklung der Betriebsstrukturen. Zwischen 2010 und 2020 sank die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland von 299.100 auf 263.500 (Stand: 21. Januar 2021, Statistisches Bundesamt)*. Dieser Rückgang ist kein bloßer Schwund, sondern Teil eines tiefgreifenden Strukturwandels, der von einer zunehmenden Spezialisierung und Konzentration der Produktion begleitet wird.

Besonders ausgeprägt ist dieser Trend in der Tierhaltung. Im selben Zeitraum, von 2010 bis 2020, ging die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung um 47 Prozent zurück, während der Gesamtbestand der Tiere nur um 4 Prozent abnahm (Stand: 21. Januar 2021, Statistisches Bundesamt)*. Die verbleibenden, spezialisierten Betriebe halten heute 72 Prozent des gesamten Schweinebestands. Diese Zahlen verdeutlichen eine klare Verschiebung: Immer weniger Betriebe bewirtschaften immer größere Tierbestände. Für viele Höfe bedeutet dieser Druck zur Spezialisierung und Skalierung ein existenzielles Rennen um Effizienz und niedrige Kosten, während die Preisgestaltung zunehmend von wenigen großen Abnehmern und Verarbeitern diktiert wird. Die Folge ist ein System, in dem, wie der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt feststellt, „wenige Konzerne Produktionsweisen und Preise diktieren und ökologische Folgekosten auslagern.“

Politische Nähe und Lobbyeinfluss

Parallel zur wirtschaftlichen Konzentration wächst der politische Einfluss der Branche. Die enge Verflechtung zwischen Agrarpolitik und Agrarwirtschaft wird durch personelle Bindungen gestützt. Eine Analyse vom 29. April 2019 (NABU) zeigt, dass 85 Prozent der CDU/CSU-Mitglieder im Agrarausschuss des Deutschen Bundestags einen direkten Bezug zur Agrarwirtschaft haben; über die Hälfte von ihnen bekleidet oder bekleidete Ämter im Deutschen Bauernverband.*

Diese Nähe ist ein Indikator für den umfassenden Lobbyeinfluss, den große Konzerne des Sektors ausüben. Wie der Konzernatlas 2026 darlegt, investieren allein neun Lobbyorganisationen zwischen 2020 und 2023 mehr als 50 Millionen Euro, um ambitionierte Umweltauflagen wie eine Pestizidreduktion in der EU zu verhindern – mit Erfolg. Diese Einflussnahme verändert demokratische Entscheidungsprozesse. Sie verschiebt die politische Agenda zugunsten von Interessen, die häufig mit der Marktmacht weniger Player verknüpft sind, und erschwert Regulierung, die auf mehr Umweltschutz, faire Preise für Erzeuger und transparente Lieferketten abzielt. Die politische Landschaft reagiert somit nicht nur auf die Konzentration, sondern wird von ihr mitgestaltet.

Handlungsoptionen und Ausblick

Verschiedene politische Instrumente werden diskutiert, um faire Wettbewerbsbedingungen zu schützen und eine nachhaltige Agrarwende zu ermöglichen. Verschiedene Ansätze setzen dabei unterschiedliche Hebel an.

Eine Preis- und Margenbeobachtungsstelle könnte Transparenz entlang der Wertschöpfungskette schaffen*. Sie würde dokumentieren, wie sich Erlöse zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel verteilen. Diese Transparenz ist eine Grundvoraussetzung, um unfaire Handelspraktiken zu identifizieren und sanktionieren zu können.

Ein konsequenteres Vorgehen gegen marktbeherrschende Strukturen ist ein weiterer Ansatzpunkt*. Dazu zählen strengere Regeln gegen unfaire Handelspraktiken und die Anwendung des bestehenden Kartellrechts. In extremen Fällen könnte dies die Aufspaltung von Konzernen bedeuten, um Wettbewerb wiederherzustellen.

Ein positiver Anreiz liegt in der Honorierung von Umweltleistungen*. Fördermechanismen für Landwirtinnen und Landwirte, die konkrete Ökosystemleistungen wie Artenvielfalt oder Klimaschutz erbringen, stärken bäuerliche Betriebe. Sie machen nachhaltiges Wirtschaften unabhängiger von den Preisdiktaten weniger Abnehmer.

Schließlich bedarf es mehr Transparenz bei der politischen Einflussnahme*. Klare Offenlegungsregeln für Lobbyfinanzierung und -kontakte sind notwendig, um undurchsichtige Einflussnahme auf Gesetzgebungsprozesse einzudämmen. Dies betrifft nicht nur die Agrarindustrie, sondern ist eine grundlegende Frage demokratischer Entscheidungsfindung.

Vier Handlungsoptionen werden genannt:

  • Einrichtung einer Preis- und Margenbeobachtungsstelle für mehr Transparenz
  • Strengere Regeln gegen unfaire Handelspraktiken und Anwendung des Kartellrechts
  • Fördermechanismen für Umweltleistungen, die ökologisches Wirtschaften honorieren
  • Mehr Transparenz bei politischer Einflussnahme und Lobbyfinanzierung

Ob strukturelle Reformen gelingen, hängt von der Bereitschaft ab, etablierte Machtverhältnisse infrage zu stellen. Die Umsetzung der Maßnahmen erfordert politischen Willen und wird durch erhebliche Widerstände geprägt sein.

Die folgenden Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Weiterführende Quellen:

Update: Warum das Thema wichtig bleibt

Die im Beitrag beschriebenen Konzentrationsgrade sind mehr als Branchenstatistik: Sie zeigen, wie sich Marktmacht in Preis- und Politikfragen übersetzt. Wenn wenige Konzerne große Anteile bei Pestiziden, Saatgut, Landmaschinen und dem Lebensmittelhandel halten, profitieren sie besonders in Krisenzeiten – während viele Agrarbetriebe unter Druck geraten, laut Beitrag „kaum etwas ankommt“.

Für betroffene Menschen, Politik und Organisationen folgt daraus: Eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht Rahmenbedingungen, die Verhandlungsmacht ausgleichen und Transparenz schaffen. Der Beitrag nennt dafür konkrete Hebel wie eine Preis- und Margenbeobachtung, strengere Regeln gegen unfaire Praktiken und mehr Offenlegung bei Lobbyeinfluss, damit demokratische Entscheidungen nachvollziehbarer werden.

Was Leserinnen und Leser jetzt wissen sollten

Warum spielen Marktkonzentration und Agrarwende zusammen?
Weil der Beitrag zeigt, dass wenige Akteure nicht nur Märkte kontrollieren, sondern politische Änderungen verzögern können.

Wie betrifft das direkt Landwirtschaft und Betriebe?
Durch Strukturwandel und Spezialisierung geraten Höfe zunehmend in Abhängigkeiten von wenigen Abnehmern und Preisgestaltung.

Welche politischen Maßnahmen werden im Beitrag genannt?
Genannt werden eine Preis- und Margenbeobachtungsstelle, strengere Regeln gegen unfaire Handelspraktiken (inkl. Kartellrecht), Fördermechanismen für Umweltleistungen sowie mehr Transparenz bei Lobbyfinanzierung und -kontakten.

Wie kann man Einflussnahme auf politische Entscheidungen einordnen?
Eine klare Offenlegung politischer Kontakte und Finanzierung soll laut Beitrag helfen, undurchsichtige Einflussnahme einzudämmen. Eine passende Anlaufstelle können Fachstellen, Beratungsstellen oder zuständige Behörden sein.

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