– Wissenschaftlicher Beirat kritisiert nicht sachgerechte LULUCF-Ziele im Klimaschutzgesetz.
– Forderung nach differenzierter Bewertung von Waldspeicher, Holzproduktespeicher und Substitution.
– Experten bemängeln Delta zwischen EU-Ziel 2030 (310 Mio. t) und realen negativen Emissionen 2023.
Wald und Klimaschutzgesetz: Experten fordern dringende Reformen
Der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium (WBW) hat seine Kritik am aktuellen Klimaschutzgesetz deutlich gemacht. In einer Stellungnahme bemängelt der Beirat, dass das gesetzlich festgelegte Ziel für den LULUCF-Sektor – der Sektor Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft – auf einer EU-Verordnung basiere, die aus Sicht der Experten nicht sachgerecht sei. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) unterstützt diese Einschätzung und unterstreicht die Notwendigkeit, die Rolle des Waldes im Klimaschutz differenzierter zu betrachten.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft den Ansatz, die CO2-Senkenwirkung von Wald und Holzpauschal gegen die Emissionen anderer Wirtschaftssektoren aufzurechnen. Der WBW warnt davor, den Wald allein als CO2-Speicher zu bewerten. Stattdessen müsse die Klimaschutzwirkung ganzheitlich betrachtet werden, indem die Teilsysteme Waldspeicher, Holzproduktespeicher und potenzielle Substitution einbezogen werden. Die Wissenschaftler betonen: „Stabile, produktive und klimaangepasste Wälder bieten die Gewähr für eine effektive und langfristige CO2-Bindung durch Wälder.“
AGDW-Präsident Prof. Andreas Bitter ergänzt diesen Gedanken: „Der Wald darf angesichts seiner vielfältigen Ökosystemleistungen nicht allein anhand der Höhe des CO2-Speichers beurteilt werden. Vielmehr müssen wir zu einer differenzierten Bewertung der Klimaschutzbeiträge von Wald und Holz gelangen, welche die Leistungen der Forstwirtschaft entsprechend honorieren.“ Für den effektiven Klimaschutz sei vor allem die Bindung des Kohlenstoffs durch Holzzuwachs relevant, weniger die Höhe des vorhandenen Holzvorrats. Tatsächlich bergen hohe Holzvorräte Risiken für die Stabilität der Wälder und damit auch für den Klimaschutz, wie Prof. Bitter betont: „Hohe Holzvorräte, wie wir sie in Deutschland vorfinden, bergen hohe Risiken für die Stabilität der Wälder und damit auch für den Klimaschutz.“
Die Kritik an der bestehenden Regelung gewinnt an Nachdruck durch aktuelle Zahlen: Die Europäische Umweltagentur (EEA) hat kürzlich eine Studie vorgelegt, die zeigt, dass der LULUCF-Sektor im Jahr 2023 nur noch etwa 198 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent als negative Emissionen zur EU-Klimabilanz beisteuerte. Dem stehen in der EU-Verordnung für 2030 jedoch 310 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent an negativen Emissionen gegenüber. Prof. Bitter kommentiert diese Diskrepanz deutlich: „Das riesige Delta zwischen Anspruch und Wirklichkeit legt offen, dass die EU und auf nationaler Ebene auch Deutschland mit fachlich nicht mehr haltbaren Vorgaben operieren. Angesichts der Folgen des Klimawandels im Wald ist die Korrektur der LULUCF-Ziele für den Forstsektor überfällig. Entsprechende Anpassungen müssen auch für etwaige EU-Ziele für 2040 erfolgen. Andernfalls würden wir sowohl dem Klimaschutz als auch dem Waldschutz mit unrealistischen LULUCF-Zielen einen Bärendienst erweisen.“
Die Forderungen der Waldexperten und Verbände zielen deshalb klar auf eine Reform des Klimaschutzgesetzes und der EU-Vorgaben ab. Nur mit realistischen und fachlich fundierten Zielsetzungen lässt sich gewährleisten, dass der Wald seine wichtige Rolle als Klimaschützer unter den veränderten Umweltbedingungen tatsächlich erfüllen kann. Dabei steht die nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes im Fokus, um stabile und klimaangepasste Wälder zu erhalten und zu fördern.
Klimaschutz im Wald: Warum das Denken über LULUCF neu ausgerichtet werden muss
Der Schutz und die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern sind zentrale Bausteine im Kampf gegen den Klimawandel. Dabei fällt der Wald in der internationalen Klimaberichterstattung in die Kategorie LULUCF – Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft. Dieser Sektor trägt maßgeblich dazu bei, dass in Deutschland und der EU Treibhausgase kompensiert werden. Doch das bisherige Verständnis, den Wald vor allem als CO2-Senke zu bewerten, zeigt zunehmende Schwächen. Die bestehenden Regelungen und Zielvorgaben greifen zu kurz und vernachlässigen wichtige ökologische und gesellschaftliche Aspekte.
Die derzeitige politische Linie, die im deutschen Klimaschutzgesetz verankert ist und sich an einer EU-Verordnung orientiert, bewertet den Klimaschutzbeitrag von Wald und Holz anhand starrer CO2-Bilanzen. Das Problem: Diese Bilanzen messen vor allem die Menge gespeicherten Kohlenstoffs, ohne die vielfältigen Funktionen und Dynamiken des Waldes ausreichend zu berücksichtigen. So negiert der alleinige Fokus auf den CO2-Speicher die komplexen Zusammenhänge zwischen Waldbeständen, Holzprodukten und der Substitution fossiler Rohstoffe durch Holz. Die Wissenschaft warnt deshalb vor Schieflagen, wenn nur die Höhe des Kohlenstoffvorrats als Maßstab gilt.
Die politische Zielsetzung steht hier in einem Spannungsfeld zu wissenschaftlicher Kritik und unterschiedlichen Interessenlagen. Während Politik und EU strenge Emissionsziele vorgeben, zeigen Studien, dass die tatsächliche Senkenleistung des LULUCF-Sektors deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt. So meldet die Europäische Umweltagentur 2023 eine negative Emission von 198 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten in der EU – weit unter den veranschlagten 310 Millionen Tonnen bis 2030. Diese Diskrepanz verweist auf eine Überforderung des bisherigen Systems und auf die Notwendigkeit einer Reform.
Neben der Klimarelevanz bringen Wälder zahlreiche weitere Ökosystemleistungen, etwa den Erhalt der Biodiversität, den Schutz vor Erosion und die Stärkung von Wasserkreisläufen. Auch gesellschaftlich spielen sie eine wichtige Rolle: Waldeigentümer:innen stehen vor der Herausforderung, nachhaltige Bewirtschaftung mit ökonomischen Interessen zu verbinden. Die Frage, wie wirtschaftliche Nutzung und Klimaschutz zusammengehen können, ist daher zentral.
Was ist LULUCF und warum ist der Sektor problematisch?
LULUCF umfasst Aktivitäten, die Landnutzung und Forstwirtschaft betreffen. Die festgelegten Ziele basieren auf der Annahme, dass Wälder dauerhaft Kohlenstoff speichern. Dies führt zu einem Negativ-Emissionssaldo in der Klimabilanz. Allerdings lassen sich diese Flüsse nur bedingt starr quantifizieren: Holzzuwachs, Holzvorrat und Nutzung stehen in ständigem Fluss. Insbesondere hohe Holzvorräte bergen Risiken für die Stabilität der Wälder, was angesichts zunehmender Klimaextreme problematisch ist.
Der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium kritisiert, „dass der Wald angesichts seiner vielfältigen Ökosystemleistungen nicht allein anhand der Höhe des CO2-Speichers beurteilt werden“ darf. Stattdessen müsste „zu einer differenzierten Bewertung der Klimaschutzbeiträge von Wald und Holz gelangt werden, welche die Leistungen der Forstwirtschaft entsprechend honorieren.“
Welche Reformen könnten die Waldbewirtschaftung verändern?
Experten fordern Anpassungen in der Klimaschutzgesetzgebung, die LULUCF-Ziele realistischer und zukunftsfähiger machen. Hier einige denkbare Reformansätze, die politische und ökologische Anforderungen besser in Einklang bringen könnten:
- Fokus auf den Holzzuwachs als relevante Größe für Kohlenstoffbindung statt allein auf Vorräte
- Integration der Holznutzung als aktiven Klimaschutzbeitrag durch Substitution fossiler Baustoffe und Energieträger
- Stärkere Förderung klimaresilienter und produktiver Wälder, um Risiken durch Sturm, Trockenheit und Schädlinge zu minimieren
- Flexible Zielvorgaben, die regionale und zeitliche Schwankungen berücksichtigen und ökonomische Interessen einbeziehen
- Ausbau der Methodik für eine ganzheitliche CO2-Betrachtung zwischen Waldspeicher, Holzproduktespeicher und Substitutionseffekten
Diese Reformen zielen darauf ab, die bisher weit verbreitete Fixierung auf starr festgelegte CO2-Speicher durch einen integrativen Ansatz zu ersetzen. So entsteht ein ausgewogeneres Bild der Rolle des Waldes im Klimasystem, das ökologische Funktionen, wirtschaftliche Nutzung und gesellschaftliche Bedeutung berücksichtigt.
Die Debatte verdeutlicht, dass die Klimaschutzleistung des Waldes nicht allein mit Zahlen in der CO2-Bilanz zukunftsfähig abgebildet werden kann. Vielmehr erfordert der Schutz des Waldes und sein Beitrag zum Klimaschutz ein neues Denken, das die Komplexität und den Wandel des Ökosystems im Blick behält.
Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag basieren auf einer Pressemitteilung der AGDW – Die Waldeigentümer e.V.
8 Antworten
‚Stabile Wälder‘ sind echt wichtig für unseren Klimaschutz! Ich finde es toll, dass das im Artikel erwähnt wird. Welche Strategien könnten umgesetzt werden, um dies zu gewährleisten? Eure Meinungen interessieren mich!
Das Thema ist komplex und ich denke, Reformen sind nötig. Ein ganzheitlicher Ansatz könnte wirklich helfen! Was sind eure Gedanken zur Integration der Holznutzung als aktiven Beitrag zum Klimaschutz?
‚Integration der Holznutzung‘ klingt spannend! Vielleicht sollten wir uns auch anschauen, wie andere Länder es machen? Ich denke da an Beispiele aus Skandinavien.
Die Idee einer differenzierten Bewertung finde ich super! Es ist wichtig, dass wir nicht nur auf CO2-Speicherung schauen. Was haltet ihr davon, den Fokus auch auf den Erhalt der Biodiversität zu legen?
Die Kritik am Klimaschutzgesetz zeigt, dass wir neu denken müssen. Ich frage mich, welche konkreten Schritte wir jetzt unternehmen sollten? Können wir auch von anderen Ländern lernen?
Ich stimme zu, dass wir mehr auf Holzzuwachs schauen sollten! Das könnte helfen, unsere Wälder zu schützen und gleichzeitig den Klimaschutz voranzutreiben. Was haltet ihr von den Vorschlägen für flexible Zielvorgaben?
Ein Punkt der mir aufgefallen ist: Wir müssen auch die Biodiversität stärker in Betracht ziehen! Welche Maßnahmen könnten hier sinnvoll sein? Ich glaube, das gehört zu einer ganzheitlichen Sichtweise dazu.
Ich finde die Diskussion um die LULUCF-Ziele sehr wichtig. Die Differenzierung zwischen Waldspeicher und Holzprodukte ist echt ein guter Ansatz. Wie denkt ihr über die Rolle von Wäldern in der Klimapolitik?