Kinderarmut in Deutschland: Aktuelle Zahlen, Forderungen nach Kindergrundsicherung und politische Antworten

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert Bund und Länder zu entschlossenem Handeln gegen Kinderarmut auf. Trotz eines leichten Rückgangs leben weiterhin über 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Familien, die Grundsicherung beziehen. Der Verband verlangt eine umfassende Gesamtstrategie und eine wirksame Kindergrundsicherung, um die Teilhabe aller Kinder zu sichern.

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– Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert eine ambitionierte Gesamtstrategie gegen Kinderarmut und eine bedarfsgerechte Kindergrundsicherung.
– Über 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche lebten 2025 in Armut, ihr Anteil in der Grundsicherung liegt bei 32,5 Prozent.
– Die Strategie muss monetäre Leistungen und Infrastrukturmaßnahmen vereinen und erfordert gemeinsames Handeln von Bund, Ländern und Kommunen.

Kinderarmut in Deutschland: Deutsches Kinderhilfswerk fordert entschlossenes Programm

Das Deutsche Kinderhilfswerk erhöht den Druck auf Bund und Länder, beim Thema Kinderarmut deutlich entschlossener zu handeln. Anlass sind aktuelle Berechnungen des Verbands, nach denen im Jahresdurchschnitt 2025 rund 1,81 Millionen Kinder und Jugendliche in Bedarfsgemeinschaften der Grundsicherung nach dem SGB II lebten. Das entspricht einem Anteil von 32,5 Prozent aller Menschen in Bedarfsgemeinschaften.

Aus Sicht des Kinderhilfswerks ist ein leichter Rückgang dieses Anteils kein Grund zur Entwarnung. Der Verband verweist darauf, dass Kinder und Jugendliche damit weiterhin in erheblichem Umfang auf Grundsicherung angewiesen sind und fordert eine umfassende politische Antwort.

Anne Lütkes, Präsidentin des Deutschen Kinderhilfswerks, erklärt: "Der prozentuale Anteil der Kinder und Jugendlichen in der Grundsicherung nach dem SGB II ist zwar leicht gesunken, gleichwohl ist die junge Generation in Deutschland in besonderem Maße von Armut betroffen. Das zeigt sich daran, dass ein knappes Drittel der Grundsicherungsbeziehenden Kinder und Jugendliche sind, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland derzeit nur bei rund 17 Prozent liegt. Mehr als 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Bedarfsgemeinschaften, und damit in Armut. Deshalb brauchen wir eine ambitionierte Gesamtstrategie zur Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland und endlich eine Kindergrundsicherung, die ihren Namen auch wirklich verdient".

Unterschiedliche Daten, gleiches Problem

Das Kinderhilfswerk macht deutlich, dass Kinderarmut je nach Datengrundlage unterschiedlich erfasst wird. Die eigenen Zahlen beziehen sich auf Kinder und Jugendliche in Bedarfsgemeinschaften der Grundsicherung nach dem SGB II. Andere Institutionen arbeiten mit Indikatoren wie Armutsgefährdung oder materieller Entbehrung. Nach Darstellung des Verbands widersprechen sich diese Werte nicht, sondern beleuchten verschiedene Seiten desselben Problems.

So waren laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2024 15,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland armutsgefährdet, also knapp 2,2 Millionen Unter-18-Jährige. Im UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder 2025 wird die relative Armut von Kindern mit etwa 15 Prozent beschrieben. Zugleich lebten demnach 1,9 Millionen Kinder vom Bürgergeld der Familie, mehr als eine Million galten als depriviert.

Auch wenn sich die Größenordnungen je nach Erhebung unterscheiden, bleibt aus Sicht des Kinderhilfswerks die zentrale Aussage klar: Kinderarmut in Deutschland ist ein erhebliches sozialpolitisches Problem und verlangt mehr als punktuelle Maßnahmen.

Besonders betroffene Gruppen geraten stärker unter Druck

Wie ungleich sich Armut auf Kinder verteilt, zeigen nach Angaben des Statistischen Bundesamts vor allem die Unterschiede zwischen verschiedenen Lebenslagen. Demnach lag die Armutsgefährdungsquote bei unter 18-Jährigen mit Einwanderungsgeschichte im Jahr 2024 bei 31,9 Prozent, bei Gleichaltrigen ohne Einwanderungsgeschichte bei 7,7 Prozent.

Hinzu kommt die allgemeine soziale Lage in Deutschland. Laut Statistischem Bundesamt waren 2025 rund 13,3 Millionen Menschen armutsgefährdet, was 16,1 Prozent der Bevölkerung entsprach. Besonders betroffen waren demnach unter anderem Alleinerziehende und Nichterwerbstätige. Die Armutsgefährdungsgrenze lag für eine alleinlebende Person bei 1.446 Euro netto im Monat.

Für Kinder geht Armut nach Darstellung des Verbands weit über fehlendes Einkommen hinaus. Sie betrifft Bildungschancen, Gesundheitsversorgung, Ernährung, Wohnen und soziale Teilhabe. Fehlender Zugang zu Lernmaterialien, Freizeitangeboten oder gesunder Ernährung kann die Startbedingungen im Alltag und in der Schule deutlich verschlechtern.

Politische Instrumente sind vorhanden, reichen aber aus Sicht des Verbands nicht aus

Das Kinderhilfswerk verweist darauf, dass politische Ansätze gegen Kinderarmut bereits bestehen. Auf europäischer Ebene verpflichteten sich die EU-Mitgliedstaaten im Juni 2021 mit der Europäischen Kindergarantie, Kindern den Zugang zu Bildung, Betreuung, Gesundheitsversorgung, gesunder Ernährung und einer angemessenen Wohnsituation zu sichern.

In Deutschland folgte am 5. Juli 2023 der Nationale Aktionsplan „Neue Chancen für Kinder in Deutschland“. Er soll armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen bis 2030 den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, gesunder Ernährung und Wohnraum verbessern. Das Bundesfamilienministerium nennt dazu unter anderem Lehrmittelfreiheit, kostenfreie Bildungs-, Kultur- und Sportangebote, kostenlose Ganztagsbetreuung und kostenloses Schulessen.

Auch auf Länderebene gibt es Initiativen. So unterstützte Baden-Württemberg von 2022 bis Frühjahr 2025 insgesamt 23 Pilotprojekte zur Armutsbekämpfung und zu kommunalen Präventionsnetzwerken gegen Kinderarmut mit knapp 1,4 Millionen Euro an Landesmitteln. Thematisch ging es dabei unter anderem um Schuldnerberatung und frühe Familienunterstützung.

Für das Kinderhilfswerk zeigen diese Beispiele zwar, dass Instrumente und Modellprojekte vorhanden sind. Entscheidend sei jedoch, ob diese Maßnahmen flächendeckend wirken, verlässlich finanziert sind und Kinderarmut tatsächlich spürbar zurückdrängen.

Kinderhilfswerk verlangt Gesamtstrategie und stärkere soziale Infrastruktur

Im Zentrum der aktuellen Forderungen steht eine Gesamtstrategie zur Bekämpfung der Kinderarmut, die Geldleistungen, soziale Infrastruktur und bestehende Hilfsangebote zusammenführt. Nach Vorstellung des Verbands soll Kinderarmut als nationale Aufgabe verstanden werden, die von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam getragen wird.

Anne Lütkes formuliert die Erwartungen so: "Auch die Zahlen des kürzlich von der Bundesregierung vorgelegten Armuts- und Reichtumsberichts, wonach die Armutsrisikoquote für Kinder und Jugendliche über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt, zeigen den dringenden Handlungsbedarf auf. Die Auswirkungen von Armut insbesondere auf Kinder und Jugendliche müssen in ihrer gesamten Komplexität thematisiert werden, um darauf aufbauend Strategien für Bildungs-, Beteiligungs- und Hilfeprozesse zu initiieren und zu gestalten. Es braucht endlich eine Gesamtstrategie zur Bekämpfung der Kinderarmut, die neben monetären Leistungen auch ein starkes Augenmerk auf infrastrukturelle Bedingungen zur Unterstützung von Familien und ihren Kindern legt. Dazu müssen Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen und zusätzliche Finanzspielräume schaffen statt einzukürzen. Nur so lässt sich Kinderarmut in Deutschland signifikant reduzieren und die soziale Infrastruktur insgesamt massiv stärken".

Darüber hinaus fordert das Kinderhilfswerk einfachere Zugänge zu Leistungen, Hilfen aus einer Hand und eine klare Anlaufstelle für betroffene Familien. Ebenso verlangt der Verband eine Neubemessung des kindlichen Existenzminimums, die sich an den tatsächlichen Bedarfen von Kindern und Jugendlichen orientiert.

Im Zusammenhang mit der Europäischen Kindergarantie verweist das Kinderhilfswerk zudem auf Forderungen des EU-Parlaments, die Mitgliedstaaten bei der Umsetzung stärker zu unterstützen und dafür ein eigenes Budget von mindestens 20 Milliarden Euro bereitzustellen.

Mit seinen aktuellen Zahlen und Forderungen unterstreicht der Verband, dass Kinderarmut in Deutschland nicht nur statistisch erfasst, sondern politisch wirksam bekämpft werden müsse. Aus Sicht des Deutschen Kinderhilfswerks braucht es dafür jetzt eine verbindliche, ausreichend finanzierte und ressortübergreifende Strategie.

Die in diesem Beitrag enthaltenen Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung des Deutschen Kinderhilfswerkes e.V.

Weiterführende Quellen:

Update: Warum das Thema wichtig bleibt

Kinderarmut ist nicht nur eine Momentaufnahme bei einzelnen Familien, sondern wirkt laut Beitrag tief in den Alltag von Kindern und Jugendlichen hinein: Sie kann Bildungschancen, Gesundheitsversorgung, Ernährung, Wohnen sowie soziale Teilhabe beeinträchtigen. Dass dabei je nach Lebenslage große Unterschiede auftreten, zeigt: Es geht um soziale Teilhabe – nicht nur um Einkommen.

Für betroffene Familien wird damit entscheidend, ob Hilfe zuverlässig ankommt und sich durch klare Strukturen besser organisieren lässt. Für Politik und Verwaltung folgt daraus der Bedarf an einer verbindlichen Gesamtstrategie, die Geldleistungen und soziale Infrastruktur verbindet und den Zugang zu Leistungen vereinfacht. Organisationen und Kommunen müssen zudem im Sinne der im Beitrag genannten gemeinsamen Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen zusammenarbeiten, damit Maßnahmen flächendeckend wirken.

Was Leserinnen und Leser jetzt wissen sollten

Warum unterscheiden sich die Zahlen zu Kinderarmut?
Der Beitrag zeigt, dass je nach Datengrundlage unterschiedlich gemessen wird, etwa über Grundsicherung oder Armutsgefährdung. Die Werte widersprechen sich laut Kinderhilfswerk nicht, sondern beleuchten verschiedene Seiten.

Welche Folgen hat Kinderarmut über fehlendes Geld hinaus?
Genannt werden unter anderem schlechtere Bildungschancen, eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung, Probleme bei Ernährung, Wohnen und sozialer Teilhabe.

Welche Art von Lösung fordert das Kinderhilfswerk?
Es fordert eine Gesamtstrategie mit monetären Leistungen und sozialer Infrastruktur sowie einfacheren Zugängen, Hilfen „aus einer Hand“ und einer klaren Anlaufstelle.

Wo können Betroffene Unterstützung finden?
Eine passende Anlaufstelle können Fachstellen, Beratungsstellen oder zuständige Behörden sein. Wichtig ist, auf Hilfe „aus einer Hand“ und einen klaren Zugang zu achten, wie im Beitrag gefordert.

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8 Kommentare

  1. gute sammelung der fakten, besonders betroffen sind kinder mit einwanderungsgeschichte, die chancen in bildung und sprache fehlen oft. schulmaterial und gesundes essen sind nicht immer da, braucht zielgerichtete programme, mehr betreuung und sprachförderung, kommunale netzwerke koennte helfen, siehe /bildung/chancengleichheit und /themen/kinderarmut

    1. das thema ist wichtig, lokal fehlt oft info wer hilft und wo. ich frage an die autoren: gibt es eine liste von anlaufstellen für familien oder kommunale beratung? kommunale helfer und schulprojekte sollten besser vernetzt sein und transparenter, mehr infos auf /hilfe/familien und /projekte/kommunal

  2. interessant aber kritisch: pilotprojekte in bw mit 1,4 mio geld sind ok aber reicht nicht. bundesweit braucht es flächendeckend finanzierung und mehr personal, schulische und gesundheitliche angebote muessen besser eingebetet werden. wie wollen politiker das schaffen ohne nachhaltige budgets? siehe /politik/existenzminimum und /projekte/bw

  3. als mutter tut mir das weh, wir sehne uns nach stabilen lösungen. einfache zugänge zu leistungn und eine anlaufstelle sind wichtig, damit familie schnell hilfe findn. warum ist das existenzminimum nicht neu bemessen? kindergrundsicherung muss praktisch sein nicht nur wort, hilfe soll schnell kommen /hilfe/familien /politik/existenzminimum

  4. Die zahlen sind alarmierend, über 1,8 mio kinder in bedarfsgemeinschaften, das zeigt defiizit in unser sozialpolitik. aber manchmal die daten weichen, welche indikatorn nutz man besser? armutsgefährdung oder deprivatzion? wichtig wär mehr sozialinfrastuktur zb gratis schulessen, betreuung, schulmaterial /studien/armutsdaten /politik/struktur

  5. ich find den artikel wichtig aber auch verwirrend, die zahl vn kinderarmut sind schlimm trotzdem fragt man sich wer zahlt das? kindergrundsicherung soll kommen aber wie finanziertn? mehr infra wie kitaplätze und schulen brauchn, siehe /themen/kinderarmut und /politik/kindergrundsicherung. hat jemand lokal erfahrungen?

    1. stimme zu, die statistiken sind erschreckend. aber die bundesländer machn zu wenig, das geld verteilt sich schlecht. gute idee sind kommunale projekte aber die brauchen dauerhafte finazierung und personal, mehr info auf /projekte/kommunal und /hilfe/familien, wer hat beispiele?

    2. guter beitrag, frage: kann die EU-Kindergarantie wirklich helfen? die forderung nach 20 millarden klingt viel aber nötig. wie schaut es mit umsetzung aus in landkreisen und gemeinden, gibt es praktische beispiele oder vorbildprojekte? siehe /eu/kindergarantie und /politik/finanzierung

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