– Das Kidical Mass Aktionsbündnis ruft für Mai zu bundesweiten Fahrraddemos für sichere Straßen auf.
– Trotz StVO-Novelle werden Maßnahmen wie Tempo 30 und Schulstraßen zu zögerlich umgesetzt.
– Das Bündnis fordert kindgerechten Verkehr, damit Kinder selbstständig und sicher mobil sein können.
Kidical Mass fordert sichere Schulwege und kinderfreundliche Verkehrspolitik
Vom 1. bis 10. Mai ruft das Kidical Mass Aktionsbündnis bundesweit zu Fahrraddemos und Aktionen auf. Im Mittelpunkt steht die Forderung nach sicheren Straßen für Kinder – auf dem Schulweg, vor Kitas und im gesamten öffentlichen Raum.
Aus Sicht des Bündnisses fehlt es vielerorts weiter an Bedingungen, unter denen Kinder sicher zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren können. Trotz neuer rechtlicher Spielräume seit der StVO-Novelle 2024 komme der Schutz im Alltag vieler Familien bislang kaum an.
Sichere Wege als Grundlage für Selbstständigkeit
Für das Bündnis geht es nicht nur um einzelne Verkehrsmaßnahmen, sondern um eine grundsätzliche Frage: Wie selbstständig können sich Kinder im öffentlichen Raum bewegen? Nach Auffassung der Initiativen sind sichere Schulwege, gute Fußwege und geschützte Radverbindungen entscheidend für Selbstständigkeit, Teilhabe und Alltagskompetenz.
Solange Straßen vor allem auf den Autoverkehr ausgerichtet seien, müssten sich Kinder an riskante Verhältnisse anpassen. Kidical Mass stellt diesem Denken das Leitbild eines kindgerechten Verkehrs entgegen.
Simone Kraus, Co-Initiatorin der Kidical Mass, sagt: „Kinder haben ein Recht darauf, sich sicher, selbstständig und geschützt zu bewegen. Erst wenn wir Kinder und vulnerable Menschen bei der Verkehrspolitik in den Fokus setzen, schaffen wir eine zukunftsgerechte Gestaltung des öffentlichen Raumes für alle. Städte wie Paris, Gent und Utrecht machen es jetzt vor und krempeln dafür das Verkehrssystem schnell und effizient um. Genauso wollen wir das auch!“
Schulstraßen, Tempo 30 und sichere Netze
Ein zentrales Thema der diesjährigen Aktionen sind Schulstraßen. Nach Vorstellung des Bündnisses sollen diese stärker in die Verkehrsplanung aufgenommen und schneller umgesetzt werden. Hinzu kommen Forderungen nach Tempo 30 rund um Schulen und Kitas sowie nach einem dichten und sicheren Netz aus Fuß- und Radwegen.
Die Forderungen richten sich an alle politischen Ebenen. Der Bund soll Schulstraßen nach österreichischem Vorbild ausdrücklich in die Straßenverkehrs-Ordnung aufnehmen. Die Länder sollen Kommunen per Erlass bei der Einrichtung solcher Bereiche unterstützen. Die Kommunen wiederum sollen den Ausbau von sicheren Fuß- und Radwegenetzen, Tempo-30-Bereichen und Schulstraßen praktisch vorantreiben.
Mehr Handlungsspielraum durch die StVO-Novelle
Nach Darstellung des Bündnisses hat sich die Ausgangslage seit Herbst 2024 verändert. Mit der StVO-Novelle sei es leichter geworden, Maßnahmen wie Tempo 30, Zebrastreifen oder Radwege aus Gründen der Verkehrssicherheit und Gesundheit anzuordnen. Damit seien Schutzmaßnahmen für Kinder auf Schulwegen heute einfacher begründbar als zuvor.
Trotzdem verläuft die Umsetzung aus Sicht der Initiativen vielerorts zu langsam. Als Beispiel nennt das Bündnis Baden-Württemberg, wo ein Erlass seit August 2025 die Einführung von Schulstraßen erleichtert. In Freiburg, Tübingen und Ulm seien Projekte in Planung. Zudem hätten ein Rechtsgutachten und ein Leitfaden im Juni 2025 die rechtssichere Umsetzbarkeit von Schulstraßen nach der Reform bestätigt.
Kommunen stärker in der Verantwortung
Dass vor allem die Städte und Gemeinden jetzt handeln müssten, betont auch der VCD. Christiane Rohleder, VCD-Bundesvorsitzende, erklärt: „Unsere Städte sind oft alles andere als kinderfreundlich. Daher setzen wir auch in diesem Jahr mit bundesweiten Fahrraddemos ein starkes Zeichen für kindgerechte und lebenswerte Städte. Schulstraßen müssen zum Standard werden und gerade rund um Schulen und Kitas braucht es konsequent Tempo 30. Davon profitieren nicht nur Kinder, sondern alle Generationen. Die Instrumente liegen auf dem Tisch – jetzt sind die Kommunen am Zug, sie auch zu nutzen.“
Nach Angaben des Bündnisses ist auch der tägliche Bringverkehr vor Schulen und Kitas Teil des Problems. Viele Eltern brächten ihre Kinder nicht aus Bequemlichkeit mit dem Auto, sondern weil sichere Wege fehlten. Das erhöhe den Verkehr gerade dort zusätzlich, wo Kinder besonderen Schutz bräuchten.
Unfallzahlen unterstreichen den Handlungsdruck
Wie relevant das Thema ist, zeigen aus Sicht des Bündnisses auch verfügbare Unfallzahlen. In Baden-Württemberg wurden laut Landesregierung auf dem Schulweg 2022 insgesamt 357 Unfälle, 2023 dann 423 und 2024 schließlich 378 Unfälle erfasst. Die Zahlen schwanken, bleiben aber auf einem Niveau, das den politischen Handlungsdruck verdeutlicht.
Auch aus Berlin wird auf die Dringlichkeit verwiesen. Ragnhild Sørensen von Changing Cities sagt: „Allein in Berlin werden 700 Kinder jährlich im Verkehr verletzt. Zwei pro Tag, jeden Tag. Das ist absolut nicht hinnehmbar. Mit den einfachsten Mitteln wie Tempo 30 und Schulstraßen können wir das weitgehend verhindern. Mit den Kidical Mass-Aktionen fordern wir genau das ein. Nicht in ein paar Jahren, nicht bald, sondern jetzt!“
Verkehrspolitik als Frage von Kinderrechten und Teilhabe
Für die beteiligten Verbände reicht die Debatte deutlich über klassische Verkehrspolitik hinaus. Wer Kindern sichere Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad ermögliche, stärke nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihre Orientierung, ihr Selbstbewusstsein und ihre Teilhabe am öffentlichen Leben.
Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes, formuliert es so: „Es braucht endlich ein verkehrspolitisches Umdenken. Alle Kinder und Jugendlichen sollen sich sicher und selbstständig mit dem Fahrrad bewegen können. Kinder, die sich selbstständig im Straßenverkehr bewegen und beispielsweise mit dem Rad zur Schule kommen, tun etwas für ihre Gesundheit und entwickeln vor allem ein Gefühl für ihren Sozialraum und ihre Mitmenschen. Das stärkt ihre Eigenständigkeit und fördert ihr Selbstbewusstsein und soziale Kompetenzen in der Wahrnehmung unterschiedlicher Lebensverhältnisse. Daher fordern wir eine an den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen ausgerichtete Verkehrspolitik und eine echte Mobilitätswende.“
Damit verbindet das Bündnis einen klaren Perspektivwechsel: Nicht Kinder sollen sich an gefährliche Straßen anpassen, sondern Straßen an die Bedürfnisse von Kindern.
Aktionen im Mai sollen politischen Druck erhöhen
Die Kidical Mass versteht die Aktionen Anfang Mai deshalb als sichtbares Signal an Bund, Länder und Kommunen, bestehende Möglichkeiten endlich konsequent zu nutzen. Die Bewegung gibt es in Deutschland seit 2017, nach eigenen Angaben wird das Aktionsbündnis von mehr als 400 lokalen Organisationen und Initiativen getragen. Unterstützt wird es zudem von Partnern wie ADFC, Campact, Changing Cities, Clean Cities Campaign, Deutsches Kinderhilfswerk, VCD und Zukunft Fahrrad.
Für das Bündnis ist klar: Die rechtlichen Instrumente für mehr Schulwegsicherheit und kindgerechte Mobilität liegen inzwischen auf dem Tisch. Nun komme es darauf an, daraus flächendeckend sichere Wege für Kinder zu machen.
Dieser Beitrag stützt sich auf eine Pressemitteilung des Deutschen Kinderhilfswerk e.V., die aktuelle Forderungen und Initiativen für sichere Straßen und kindgerechte Verkehrspolitik zusammenfasst.
Weiterführende Quellen:
- „Im Jahr 2024 wurden auf dem Schulweg in Baden-Württemberg 378 Unfälle erfasst, 2023: 423, 2022: 357 (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/mehr-verkehrssicherheit-durch-schulstrassen-und-schulzonen
- „Seit August 2025 erleichtert ein Erlass in Baden-Württemberg die Einführung von Schulstraßen, bürokratische Hürden wurden gesenkt; Projekte in Freiburg, Tübingen und Ulm sind in Planung.“ – Quelle: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/mehr-verkehrssicherheit-durch-schulstrassen-und-schulzonen
- „Ein Rechtsgutachten und Leitfaden vom 24.06.2025 bestätigen die rechtssichere Umsetzbarkeit von Schulstraßen nach der StVO-Novelle 2024.“ – Quelle: https://kinderaufsrad.org/schulstrassen-rechtsgutachten-leitfaden-2025/
- „In Frankfurt-Eckenheim sank durch eine Pilot-Schulstraße die Zahl der Elterntaxis und Autoanschaffungen zur Schule (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/schulstrasse-statt-elterntaxi-100.html
- „Österreich startete am 12.08.2025 die Initiative ‚Mein Schulweg‘ mit der Plattform verkehrssicherheit.gv.at und verfolgt die Vision Zero bis 2050.“ – Quelle: https://www.bmimi.gv.at/service/presse/hanke/2025/20250812_verkehrssicherheit.html
Update: Warum das Thema wichtig bleibt
Sichere Wege für Kinder sind mehr als ein lokales Verkehrsdetail: Sie entscheiden darüber, ob Kinder selbstständig zur Schule, zu Kitas oder zu Fuß- und Fahrradstrecken unterwegs sein können. Das Bündnis stellt dabei klar, dass Straßen heute oft weiterhin vor allem für Autoverkehr ausgelegt sind – und Kinder sich dadurch an riskante Situationen anpassen müssen.
Für betroffene Familien, aber auch für Städte und Gemeinden, wird daraus eine konkrete Aufgabe: Schulwege müssen stärker geschützt werden – durch Tempo-30-Bereiche, Schulstraßen und ein dichtes, sicheres Netz für Fuß- und Radverkehr. Laut Beitrag soll der neue Handlungsspielraum aus der StVO-Novelle konsequent genutzt werden, statt im Alltag weiter zu zögern.
Was Leserinnen und Leser jetzt wissen sollten
Was fordert Kidical Mass für die kommenden Aktionen?
Im Zeitraum 1. bis 10. Mai geht es um Fahrraddemos und Aktionen für sichere Straßen für Kinder – besonders auf dem Schulweg und im Umfeld von Kitas.
Welche Rolle spielen Tempo 30 und Schulstraßen?
Das Bündnis fordert Tempo 30 rund um Schulen und Kitas sowie Schulstraßen, die stärker in die Verkehrsplanung aufgenommen und schneller umgesetzt werden.
Warum reicht es nicht, nur neue Regeln zu haben?
Obwohl Maßnahmen nach der StVO-Novelle leichter anzuordnen sind, zeigt der Beitrag, dass viele Orte Schutzmaßnahmen im Alltag noch zu langsam umsetzen.
Woran können Familien mitmachen oder sich orientieren?
Eine passende Anlaufstelle können Fachstellen, Beratungsstellen oder zuständige Behörden sein. Auf der politischen Ebene verweist der Beitrag vor allem auf Kommunen als Umsetzer vor Ort.
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