– Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant die Auslagerung von Ministeriums-Kernbereichen an externe Berater.
– Die Organisation LobbyControl kritisiert diesen Vorstoß als inakzeptabel und als Ausverkauf demokratischer Politik.
– Kritiker vermuten, dass der Vorstoß auf Widerstand gegen Reiches fossillobby-freundlichen Kurs zurückgeht.
Streit um externe Berater im Wirtschaftsministerium verschärft sich
Der geplante Einsatz externer Berater im Bundeswirtschaftsministerium sorgt in Berlin für wachsende Kritik. Auslöser ist eine Ausschreibung für eine „Rahmenvereinbarung strategische Top-Management-Beratung“, die nach Berichten ein erhebliches Beratungsvolumen über mehrere Jahre vorsieht.
Besonders deutlich positioniert sich die Organisation LobbyControl. Sie sieht in dem Vorhaben eine problematische Auslagerung zentraler ministerieller Aufgaben und warnt vor einem Verlust an demokratischer Kontrolle und staatlicher Eigenverantwortung.
Im Mittelpunkt der Kritik steht die Frage, ob Kernbereiche des Wirtschaftsministeriums an private Beratungsunternehmen vergeben werden sollen. Nach Einschätzung von LobbyControl berührt das nicht nur organisatorische Fragen, sondern den Umgang mit politischer Steuerung in einem zentralen Ressort.
In einer am 03.04.2026 in Berlin veröffentlichten Stellungnahme erklärte Lobbyismus-Experte Aurel Eschmann: „Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche möchte Kernbereiche des Wirtschaftsministeriums an externe Berater auslagern. Dieser Vorstoß ist absolut inakzeptabel. Externe Berater arbeiten für eine Vielzahl von Kunden und sind häufig selbst als Lobbyisten tätig. Außerdem sind sie nicht ebenso rechenschaftspflichtig und weisungsgebunden wie Ministerialbeamte und -beamtinnen. Das ist ein Ausverkauf demokratischer Politik an Unternehmen und kommt einer Arbeitsverweigerung von Frau Reiche gleich. Mit ihrem Handeln beschädigt sie das Amt der Wirtschaftsministerin. Wenn sie die interne Expertise in ihrem Ministerium nicht für ausreichend hält, muss sie diese Expertise durch gute Personalpolitik herstellen.
Allerdings stellt sich die Frage, ob es wirklich an Expertise im Ministerium mangelt oder es vielmehr um internen Widerstand gegen Reiches Kurs geht, der vor allem die Interessen der fossilen Lobby und der Konzerne RWE und Eon zu bedienen scheint.“
Ausschreibung mit großem Umfang
Hinter der Debatte steht ein formales Vergabeverfahren. Nach einem Bericht von FinanzNachrichten.de wurde am 31.03.2026 im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie eine Ausschreibung für eine strategische Top-Management-Beratung veröffentlicht. Die Bewerbungsfrist liegt demnach bei 14 Tagen.
Das Handelsblatt berichtete unter Verweis auf den Stand März 2026, der Beratungsbedarf sei auf 9.000 Stunden pro Jahr veranschlagt. Vorgesehen sei eine Laufzeit von zwei Jahren mit der Option auf eine Verlängerung um weitere zwei Jahre. Damit geht es aus Sicht der Kritiker nicht um punktuelle Unterstützung bei einzelnen Spezialfragen, sondern um ein auf Dauer angelegtes Beratungsmodell.
Auch die finanzielle Dimension ist bereits Thema der Berichterstattung. Laut Spiegel wurden die Kosten für 9.000 Stunden Beratung bei Stundensätzen von 200 bis 600 Euro auf mindestens 2 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.
LobbyControl warnt vor Interessenkonflikten
Für LobbyControl ist die geplante Vergabe politisch besonders sensibel, weil sie strategische Aufgaben eines Ministeriums betreffen könnte. Je näher externe Akteure an konzeptionelle und steuernde Prozesse heranrückten, desto drängender werde die Frage, wer Einfluss auf politische Entscheidungen erhalte.
Die Organisation verweist dabei vor allem auf mögliche Interessenkonflikte. Externe Beratungsunternehmen arbeiteten regelmäßig für unterschiedliche Auftraggeber und seien nicht in gleicher Weise in die staatliche Verwaltungsstruktur eingebunden wie Ministerialbeamtinnen und -beamte. Genau darin sieht LobbyControl ein zentrales Problem: Private Beratung unterliege nicht denselben Regeln der Rechenschaftspflicht und Weisungsgebundenheit wie die Ministerialverwaltung.
Aus Sicht der Organisation betrifft die Debatte deshalb den Kern staatlicher Handlungsfähigkeit. Entscheidend sei, wie viel fachliche und strategische Kompetenz ein Ministerium selbst vorhalte und an welchem Punkt eine problematische Abhängigkeit von privatwirtschaftlicher Beratung entstehe.
Parlamentarische Kontrolle rückt in den Fokus
Inzwischen wird der Vorgang auch parlamentarisch aufgegriffen. Nach einer Kurzmeldung des Bundestags befasst sich eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion mit Direktvergaben für Kommunikations- und Politikberatung im Wirtschaftsministerium seit dem Amtsantritt von Katherina Reiche im April 2026.
Damit steht nicht mehr nur die öffentliche Kritik im Raum. Zugleich rückt die politische Kontrolle der Vergabepraxis stärker in den Mittelpunkt. Im Zentrum stehen Fragen danach, welche Aufgaben konkret ausgelagert werden sollen, nach welchen Regeln die Beauftragung erfolgt und wie möglichen Interessenkonflikten begegnet werden soll.
Die Auseinandersetzung um externe Berater im Wirtschaftsministerium dürfte damit weiter an Bedeutung gewinnen. Für LobbyControl ist klar, dass strategische Regierungsarbeit in staatlicher Verantwortung bleiben muss und fehlende Expertise nicht durch Auslagerung zentraler Ministeriumsaufgaben ersetzt werden sollte.
Dieser Beitrag enthält Informationen und Zitate aus einer Pressemitteilung von LobbyControl.
Weiterführende Quellen:
- „Am 31.03.2026 wurde im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie eine Ausschreibung für eine ‚Rahmenvereinbarung strategische Top-Management-Beratung‘ veröffentlicht, mit einer Bewerbungsfrist von 14 Tagen.“ – Quelle: https://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2026-04/68118575-reiche-will-top-management-beratung-aus-ministerium-auslagern-003.htm
- „Der Beratungsbedarf im Wirtschaftsministerium ist auf 9.000 Stunden pro Jahr veranschlagt, der Vertrag läuft über zwei Jahre mit der Option auf Verlängerung um zwei Jahre (Stand: März 2026).“ – Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/beratung-berater-sollen-wirtschaftsministerium-9000-stunden-jaehrlich-helfen/100213866.html
- „Die geschätzten Kosten für 9.000 Stunden Beratung im Ministerium liegen bei mindestens 2 Millionen Euro pro Jahr, mit Stundensätzen von 200 bis 600 Euro (Stand: 31.03.2026).“ – Quelle: https://www.spiegel.de/politik/katherina-reiche-kernaufgaben-des-wirtschaftsministeriums-sollen-an-externe-berater-ausgelagert-werden-a-edc3d846-ce45-4d8e-bbf6-6efa9286bc00
- „Eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion stellt den Stand zu Direktvergaben für Kommunikations- und Politikberatung im Wirtschaftsministerium seit Amtsantritt von Katherina Reiche im April 2026 dar.“ – Quelle: https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1161078






9 Kommentare
Das mit 2 millionen euro pro jahr ist heftig, das geld fehlt anderswo im haushalt. Sind die stunden und die stundensätze gerechtfertigt? Ich frag mich ob die berater auch lobbyarbeit für rwe machen dürfen, das wäre problem. Mehr transparenz braucht es, link /finanzen/ausgaben
Man kann sagen das gute personalpolitik billiger kommt als externe agentur, längerfristig sinnvoll. Aber wer macht das, die ministerin oder der apparat? es fehlen planung und belege, kosten nutzen rechnung sollte offen sein, siehe /research/personalkosten
Ich versteh beide seiten, externe hilfe kann schnell probleme lösen, aber dauerhafte auslagerung ist gefährlich. Fragen: wie wird transparenz geregelt, was sind kontrolle mechansimen? Bitte dokumente offenlegen in /dokumente/vergaben und erklärungen zum vertrag und stundenumfang
Positiv find ich das es öffentlich diskutiert wird und LobbyControl alarmiert ist, gute frage ob ministerin Reiche interne expertise nicht stärkt. Aber bitte nicht alles an consultants gebn, das macht abhängigkeit. Gibt es alternatives plan? Schau /jobs/ministerium für mehr ideen
Parlamentarische kontrolle wird hier wichtig, die Kleine Anfrage zeigt das. Aber es bleibt unklar welche ‚Kernbereiche‘ ausgelagert werden, das ist vage. Wer bestimmt aufgaben und weisungen? Transparenz und gesetzliche regeln müssten klärn, siehe /politik/bundestag und /service/fragen
Die ausschreibung und das model mit Top-Management-Beratung riecht irgendwie nach ausverkauf, aber ich bin unsicher. RWE und Eon werden als beispiel genannt, und die fossile lobby wird oft erwähnt. Wie kann man unabhängigkeit garantier? Gibt es schon regeln? Mehr infos in /themen/lobbyismus
ich denke die frage nach rechenschaftspflicht ist zentral, wenn berater viele aufgaben übernehme. aber das ministerium sollt intern stärken, mehr personalpolitik mache. wer prüft die stundensätze 200 bis 600 euro? steht nix da wie deckung? link: /politik/wirtschaftsministerium/beratung
Interssant das die frist nur 14 tage war, das kann nicht genug zeit sein für transparent ausswahl. Wird das öffentl kontrolliert? Oder werden vertraute firma nehm? ich hab sorge wegen interessenkonflikt mit konzernen wie RWE und Eon. mehr unter /analysen/energiepolitik
Ich find das mit Reiche und den externen Berater komisch. LobbyControl warnt vor Interessenkonflikte und teilweise stimmt das auch, aber es gibt ja auch fachleute die helfen könn. 9000 stunden pro jahr klingt viel, wer kontrolliert? mehr transparenz wär nötig. siehe /politik/beratung und /intern/lobbycontrol